01.03.2008

Die Gefahren des „Do-it-yourself-Humanitarismus“

Kommentar von Christopher J. Bickerton

Die versuchte Kindesentführung durch die französische Hilfsorganisation L’Arche de Zoé im Tschad ist die logische Folge des westlichen Interventionismus der letzten Jahre.

Acht Jahre Arbeitslager wegen versuchter Kindesentführung in 103 Fällen lautete Ende Dezember der Urteilsspruch im Tschad für sechs Mitarbeiter einer französischen Hilfsorganisation. Kurz darauf wurden die Verurteilten nach Frankreich ausgeflogen. Sie sind Mitglieder von L’Arche de Zoé, einer von Eric Breteau gegründeten Nichtregierungsorganisation. Ziel der Operation war es, vermeintliche Waisenkinder aus Darfur nach Frankreich zu bringen, wo Gastfamilien bereits auf sie warteten. Die Website der Hilfsorganisation betont vor allem die moralische Notlage in Darfur und die Dringlichkeit westlichen Handelns: „Alle fünf Minuten stirbt in Darfur ein Kind. In einem Jahr werden es 800.000 sein. Handeln Sie jetzt.“

Im Unterschied zu anderen Hilfsorganisationen ist L’Arche de Zoé dem zivilen Ungehorsam verpflichtet. Nur wenige der Beteiligten schienen jedoch zu wissen, wie weit die Hilfsorganisation sich über das Gesetz hinwegzusetzen plante. Breteau hat seinen Radikalismus zur Tugend erhoben. Er argumentiert, die oberste Priorität sei die Rettung der Kinder und nicht die Einhaltung rechtlicher Standards. Sobald die Kinder sicher in Frankreich seien, könne der Dialog mit den entsprechenden Autoritäten eröffnet werden. „Unser erster Schritt ist es, die Kinder herauszuholen“, erklärte er. „Selbst wenn die Diskussionen sich über vier Jahre hinziehen sollten, die Kinder werden in Sicherheit sein.“ Dies löste in Frankreich eine gewisse Unruhe aus, und die Pariser Kinderschutzkommission fragte noch im August 2007 bei Breteau und seinem Schatzmeister nach.
Nach Ausbruch der Krise war die Lage zunächst unübersichtlich. Der Präsident des Tschad, Deby Itno, beschuldigte die Mitarbeiter von L’Arche de Zoé, einer pädophilen Organisation anzugehören oder die Organe der Kinder verkaufen zu wollen. Seither zeichnet sich eine simplere Geschichte ab, eine Geschichte von einigen humanitären Aktivisten, die ihren moralischen Eifer weiter treiben als andere. Ein französischer Journalist, der über die Aktion berichtete und zusammen mit den Verantwortlichen festgenommen worden war, sagte, ihn hätte vor allem die Haltung der Aktivisten erstaunt: „Sie waren sich sicher, Gutes zu tun und eine Mission zu erfüllen.“

Die französischen Behörden und viele im Tschad und in Darfur aktiven NGOs distanzierten sich von den Geschehnissen. Nunmehr wird versucht, L’Arche de Zoé als Außenseiter-Organisation darzustellen. Viele Hilfsorganisationen beklagen die Auswirkungen der Ereignisse auf die Hilfsbemühungen in der Region. Ein Mitarbeiter des UN-Flüchtlingskommissariats beschrieb die angespannte Stimmung in Adeche wie folgt: „Man bewirft uns auf der Straße mit Steinen. Das ist ein echter Rückschlag.“

Eine solche Distanzierung war zu erwarten. Interessanterweise betrachten viele L’Arche de Zoé als trauriges Beispiel dafür, was aus humanitären Interventionen geworden ist. Rony Brauman, Mitbegründer von Ärzte ohne Grenzen, griff aber nicht Breteaus Fanatismus an. Stattdessen richtet er seinen Zorn auf das politische Establishment. Der französische Außenminister Bernard Kouchner sei mitschuldig, weil er die Ereignisse in Darfur auf unverantwortliche Weise als Genozid bezeichnet und eine humanitäre Intervention empfohlen habe. Schuldig habe sich auch der französische Intellektuelle Bernard Henri-Lévy gemacht, der sehr aktiv die Trommel für eine Intervention gerührt hatte. Brauman zufolge haben Kouchner und Henri-Lévy den moralischen Eifer angefacht, ohne selbst handeln zu wollen.

Was sich hinter dieser Aussage verbirgt, ist die Annahme, die humanitäre Intervention sei durch ihre opportunistische Allianz mit dem westlichen Militarismus korrumpiert worden. Die Anklage lautet, dass Einzelfiguren wie Kouchner und Henri-Lévy zu häufig und mit Absicht Tatsachen verzerrten, um westliche Regierungen zum Handeln zu bewegen. Deswegen sei Darfur fälschlich als Genozid bezeichnet und die Zahl der Opfer von Gruppen wie der Save Darfur Coalition in den USA und Urgence Darfur in Frankreich enorm aufgeblasen worden. Daraufhin hätten sich Gruppen gebildet, die solche Kampagnen beim Wort genommen hätten: Kinder werden massakriert, der UN-Sicherheitsrat wird von den Chinesen und den Russen blockiert. Ergo müssen wir da selbst reingehen, um zu tun, was wir können – das ist die Philosophie des „DIY-Humanitarismus“ von L’Arche de Zoé.

Die Geschichte entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Kouchner selbst hatte seine politische Karriere damit begonnen, westliche Regierungen und Hilfsorganisationen an den Pranger zu stellen, weil sie im nigerianischen Bürgerkrieg der späten 60er-Jahre keine Position bezogen hätten. Heute ist es Kouchners eigene Passivität als Außenminister, die Gruppen wie L’Arche de Zoé motiviert haben soll, sich einzumischen. Mainstream-NGOs wie Ärzte ohne Grenzen sind sehr vorsichtig geworden, weil sie nach einem Jahrzehnt humanitärer Kriege nunmehr eine Spaltung der humanitären Bewegung befürchten.

Die Rolle, die Kouchner und andere humanitäre Krieger in der jüngsten Krise spielten, ist jedoch eine andere. In den Aktionen von L’Arche de Zoé werden letztlich nur einige der Grundprinzipien im Detail durchgespielt, auf denen die humanitären Interventionen des Westens in den letzten Jahren basierten. Die Annahme, moralische Notlagen könnten jeden politischen oder rechtlichen Rahmen durchbrechen, ist keineswegs das Hirngespinst eines radikalen Weltenretters, sondern der Kern moderner interventionistischer Politik – und nicht zuletzt auch von Kouchners „Recht auf Intervention“.

Eine Version dieser Theorie wurde von einer L’Arche-de-Zoé-Mitarbeiterin bei einem Interview mit einem französischen Journalisten geäußert. Auf die Frage nach ihrer Legitimierung für die „Entwurzelung“ der Kinder antwortete sie: „Welche Legitimierung haben die, ein Volk zu ermorden?“ Darin steckt die Grundannahme: Mein Recht als empörtes Individuum ist gleichrangig mit dem einer legal konstituierten Regierung, die gerade in einen Bürgerkrieg verwickelt ist.
Aus solchen und ähnlichen Annahmen speist sich die Selbstgerechtigkeit westlicher Hilfsorganisationen. Im Tschad sind diese Anmaßungen auf eine andere Realität getroffen: Das Land weigert sich, die Kulisse für die moralische Entrüstung Frankreichs abzugeben. In einem Interview hat ein Anwalt der tschadischen Regierung genau dies thematisiert: „Der Tschad ist eine Republik“, erklärte er. „Dort gibt es Institutionen, diese müssen respektiert werden… Glauben Sie, es gäbe keine Gerechtigkeit im Tschad?“

Die Vorstellung, legale Rechte sollten hinter der moralischen Empörung des Westens zurückstehen, wurde angefochten und als arrogante Annahme entlarvt. Das sollte nicht nur den naiven und selbstgerechten Mitarbeitern von L’Arche de Zoé eine Warnung sein, sondern allen, die sich den Grundprinzipien humanitärer Intervention verbunden sehen.