29.03.2010

Abfallvermeidung oder Zeitverschwendung?

Kommentar von Martin Earnshaw

Deutschland ist seit Jahren Recycling-Weltmeister: Wir leisten uns mit dem Dualen System das teuerste Entsorgungssystem der Welt, und Mülltrennung ist aus der deutschen Alltagskultur nicht mehr wegzudenken. Richtlinien zur richtigen Entsorgung gibt es mittlerweile selbst für Klobürsten und Bäckertüten. Während hierzulande immer mehr Stimmen mahnen, zur herkömmlichen, effizienteren und ökologischeren Verbrennung von Hausmüll zurückzufinden, folgt nun Großbritannien dem deutschen Irrweg.Bericht über den Aufbruch des Vereinten Königreichs in die Recycling-Welt.

Von abgelegten Kleidungsstücken bis zu Alteisen: Die Menschen haben in ihrer Geschichte immer nach Wegen gesucht, Dinge wieder zu verwenden. Sie taten dies in der Regel aufgrund ihrer bitteren Armut. Unser heutiger Wohlstand hingegen erlaubt es uns, Dinge zu kaufen und wegzuwerfen, ohne uns größere Sorgen machen zu müssen. Wir können es uns leisten, abgenutzte Kleidung zu ersetzen, anstatt sie zu reparieren. Dies ermöglicht es uns, unsere Zeit für andere Dinge zu verwenden. Es ist daher schon sehr sonderbar, dass von uns heute verlangt wird, immer mehr darüber nachzudenken, welche Folgen es hat, wenn wir Dinge wegwerfen.

„Reduzieren, wiederverwenden, recyceln“ – dieser Dreiklang ist zu einem Mantra unserer Zeit geworden. Durch Recycling, unterrichtet man uns, könnten wir unseren Planeten retten, den Verbrauch von Energie und natürlichen Ressourcen drosseln und durch das Recyceln oder Kompostieren von Nahrungsmittelabfällen die von den Mülldeponien ausgehenden Methangasemissionen verringern. Noch wichtiger für die britische Regierung ist aber das Erreichen der EU-Ziele zur Reduzierung der Müllendlagerung. Sollten diese Ziele bis zum Jahr 2013 nicht erreicht werden, drohen Großbritannien Bußgelder in Höhe von bis zu 200 Mio. Pfund, (1) Letztlich wird behauptet, dass durch Recycling viel Geld eingespart werden könnte, was wiederum der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft zugute käme.

Ökologische Umerziehung

Auch wenn Recycling sich zu einem wichtigen politischen Thema entwickelt hat, ist es durchaus zweifelhaft, ob das Mülltrennen in Privathaushalten tatsächlich den Aufwand wert ist. Im Zentrum der Kampagnen steht die Ermahnung der Bevölkerung, ihr Verhalten zu verändern. Diese Veränderung sei dringend notwendig, teilt das britische Ministerium für Umwelt, Ernährung und Landwirtschaft in seiner „Waste Strategy“ mit, denn wenn alle Menschen auf der Welt so viele natürliche Ressourcen verbrauchen würden wie die Briten, bräuchte die Menschheit drei Planeten, um langfristig überleben zu können. (2) Den Schwerpunkt legt das Ministerium darauf, die Menschen zu verantwortungsvollem Konsum zu motivieren. Zahlreiche Umweltkampagnen überfluten die Bevölkerung mit Tipps und wohlmeinenden Vorschlägen zum Thema Müllvermeidung. Es ist davon auszugehen, dass, wenn die Bevölkerung diese Anregungen nicht freiwillig aufgreift, die Regierung die ökologischen Daumenschrauben anziehen wird. Schon jetzt betont das für Abfallfragen zuständige Komitee des britischen Unterhauses die Nachteile des auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhenden Konzepts, denn „irgend jemand wird all dies bezahlen müssen“. (3) Anders formuliert: Die Menschen werden zur Kasse gebeten, ganz gleich, ob sich jeder an die Recycling-Vorschriften hält oder nicht. Zwar sind manche Maßnahmen, mit denen die Bevölkerung zum Mülltrennen „animiert“ werden soll, wie etwa die im Wochenrhythmus wechselnde Abfuhr verschiedener Müllsorten, relativ kostengünstig umzusetzen. Die Folge einer solchen Praxis ist jedoch, dass die Bürger sich zwei Wochen lang mit dem langsam in den Tonnen vor ihren Haustüren verrottenden Biomüll herumschlagen müssen. Zwar betonen die Unterhausexperten, es gäbe keinerlei Hinweise darauf, dass hierdurch Gesundheitsrisiken entstünden. Dennoch ist man sich der Schwierigkeiten bewusst, die entstehen, wenn Gerüchte über Fliegen- und Madenplagen in der Öffentlichkeit die Runde machen. (4)

Die Androhung von Bußgeldern wird dazu führen, dass illegale Müllentsorgung, das Verteilen von Hausmüll in Mülltonnen in der Nachbarschaft sowie das Umdeklarieren von Restmüll als Recycelmüll zunehmen werden. Die zur Lösung dieser Probleme vorgeschlagenen Maßnahmen – die Einrichtung einer „Mülltonnen-Polizei“, die Ausstattung von Mülltonnen mit Datenchips sowie die Einführung verschließbarer Tonnen – fördern ein Klima der Überwachung und des Misstrauens, das nicht unbedingt mit der Idee einer Kultur des verantwortlichen Umgangs mit natürlichen Ressourcen harmoniert. (5)

Das Zelebrieren von Ineffizienz

Die private Hausmülltrennung ist von Natur aus ineffizient, denn selbstverständlich wird der Abfall nicht fehlerfrei getrennt und zugeordnet. Dabei sind es nicht nur die „unsozialen“ Mülltrenn-Verweigerer, sondern auch durchaus Recycling-Befürworter, die – nicht zuletzt auch verunsichert durch die Informationsflut, die durch Wurfsendungen oder Verpackungsbeschriftungen auf sie einströmt – Fehler beim Müllmanagement machen. Hinzu kommen übereifrige Mülltrenner, die ihrer Einstellung, es müsse alles recycelt werden, nachgeben. In jedem Fall wird der in den Recycling-Fabriken ankommende Müll von Arbeitern vor Ort erneut sortiert werden müssen. (6)

Bei der Wiederverwendung von Nahrungsmittelabfällen treten ähnliche Probleme auf. Organische Abfälle, die auf Deponien gelagert werden, produzieren etwa 40 Prozent der im Vereinten Königreich anfallenden Emissionen von Methan – einem Treibhausgas, das etwa 20-mal so aggressiv ist wie das die Schlagzeilen dominierende CO2. (7) Diese Emissionen zu reduzieren, klingt vernünftig. Die Methoden, dies zu erreichen, sind jedoch sehr unausgereift: Kompostierung ist nur für Pflanzenabfälle möglich und setzt voraus, dass Verbraucher einen Garten besitzen. Die ministerielle Müll-Strategie empfiehlt daher, Nahrungsmittelabfälle durch die kommunale Müllabfuhr abholen zu lassen, um sie anschließend zu Biogas und festen Brennstoffen weiterzuverarbeiten. Ob dies allerdings wirklich zu einer Reduktion von Treibhausgas-Emissionen führt, darf bezweifelt werden, ganz abgesehen von der wenig überzeugenden Bilanz von Biogas als Energiequelle sowie der eher unappetitlichen Vorstellung, seinen langsam verrottenden Biomüll in offenen Tonnen im Vorgarten sommers wie winters lagern zu müssen. Selbst in Dänemark, wo sich Biogas großer Beliebtheit erfreut, werden lediglich 3,6 Prozent des gesamten Energiebedarfs auf diese Art und Weise gedeckt. (8)

Häufig wird argumentiert, dass der Aufwand, der das private Trennen von Hausmüll bereitet, vernachlässigbar sei. Andererseits ist davon auszugehen, dass der Zeitaufwand für effektives umweltgerechtes Konsum- und Entsorgungsverhalten in Zukunft weiter ansteigen dürfte. Dass die britische Regierung eine Kampagne gegen die Verwendung von Wegwerfwindeln aktiv unterstützt, liefert einen Vorgeschmack auf Belastungen, die auf die Bürger zukommen werden. (9) Insbesondere Menschen, die in kleinen Innenstadtwohnungen leben, werden das von ihnen verlangte Mülltrennen und die dafür notwendigen diversen Mülltonnen als Belastung empfinden. (10)

Angesichts dieses politischen Aktionismus sollte auf Folgendes hingewiesen werden: Der Hausmüll macht nur einen sehr geringen Anteil des insgesamt in Großbritannien anfallenden Abfalls aus. So stellte das zuständige Unterhaus-Komitee fest, dass bei aller Hitzigkeit der Debatte der städtische Müll lediglich neun Prozent ausmacht. Betrachtet man nur den privaten Hausmüll, sind es sogar nur sieben Prozent. (11) Es ist eigentlich unfassbar, dass so viel Aufwand betrieben wird, um einen so geringen Müllanteil weiter zu reduzieren. Denn obwohl sich die Menge recycelten städtischen Mülls in den letzten zehn Jahren vervierfacht hat, schlägt diese Erhöhung mit lediglich zwei Prozent am gesamten britischen Abfallaufkommen zu Buche. (12)

Müllreduktion auf null

Vielleicht geht es aber auch gar nicht in erster Linie um die Reduzierung des städtischen Mülls. Recycling ist Bestandteil einer politischen Anschauung, die unser Denken über Konsum insgesamt zu verändern trachtet. Es steht also nicht der Müll im Zentrum, sondern der Konsum. Das bringt auch das britische Umweltministerium zum Ausdruck, für das die Reduktion des Konsums insgesamt sehr wichtig ist. (13) Sehr deutlich kommt dieses Ansinnen in der Idee der „Müllreduktion auf null“ (zero waste) zum Tragen: Sie beschreibt ein Ideal, das zwar nicht realisierbar ist, aber dennoch Produzenten wie Konsumenten zu einer Reduzierung der von ihnen ausgehenden Umweltbelastung animieren soll. Hier wird der Fokus nicht mehr nur auf die Abfallentsorgung gelegt, sondern der vollständige Lebenszyklus von Produkten mit einbezogen. Ein Mobiltelefon etwa, so legt das Ministerium dar, schädige die Umwelt sowohl in der Produktion (Rohstoffe, Energie), als auch im Handel (Transport), in der Verwendung (Energie) und nicht zuletzt auch bei der Entsorgung (Transport, giftige Emissionen) oder beim Recycling (Energie). (14) Die Absicht hinter der Müllreduktionskampagne und der Sensibilisierung der Bevölkerung könnte auch darin bestehen, Druck auf die Wirtschaft aufzubauen, damit diese ressourcenschonender produziert. Die Kampagne gegen unnötige Verpackungsmaterialien ist ein Beispiel dafür, dass dieser Druck bereits aufgebaut wird. Richtig lästig wird der Verpackungsmüll aber erst durch die Recyclingsysteme: Durch die ihnen auferlegte Verpflichtung, Müll zu trennen, zu recyceln und über längere Zeit in ihren Häusern oder Vorgärten zu sammeln, werden die Menschen quasi dazu gebracht, sich für die Reduzierung von Verpackungsmaterial auszusprechen. (15)
Aufwendige Produktverpackungen mögen zuweilen unnötig sein, in einer Konsumgesellschaft sind sie aber von entscheidender Bedeutung. Sie stellen sicher, dass Produkte in großer Stückzahl unbeschädigt transportiert und verkauft werden können. Zudem garantieren sie, dass Lebensmittel frisch bleiben. Letztlich werden Hersteller aber allein schon aus Kostengründen ihren Verpackungsaufwand mit der Zeit reduzieren – wie bereits vor 20 Jahren, als die schwere Glasflasche dem leichteren Milchkarton weichen musste. (16) Es existiert also eine gewisse Konvergenz bezüglich ökonomischer und ökologischer Zielsetzungen. So hat die weltweite Handelskette Wal-Mart durch eine fünfprozentige Reduktion ihrer Verpackungsausgaben allein im letzten Jahr Einsparungen in Höhe von 3,4 Mrd. US-Dollar realisieren können. (17)
Auf den ersten Blick erscheint es plausibel, dass das Festlegen offizieller Müllreduktionsziele diese Entwicklung beschleunigen wird. Julian Morris befürchtet jedoch einen gegenteiligen Effekt: „In den meisten Fällen ist davon auszugehen, dass der einzelne Hersteller weitaus besser als die Regierung oder die breite Öffentlichkeit darüber informiert ist, wie Ressourcen am effizientesten einzusetzen sind und wo Einsparpotenziale schlummern.“ (18) In einem Bericht des britischen Wirtschafts- und Handelsministeriums aus dem Jahr 2003 wird ein Fall beschrieben, in dem sich ein Konsument darüber beschwerte, dass die Kartons von Geschirrspül-Tabs nicht effizient genutzt würden und halb leer blieben. Das Ministerium erwiderte auf die Beschwerde, dass das automatisierte Befüllen der Kartons weitaus kosteneffizienter sei als das platzsparende Einlegen der Tabs per Hand. (19)
Das Grundproblem mit dem Streben nach ökologischer Nachhaltigkeit ist, dass es mit dem Ideal ökonomischer Effizienz schlichtweg nicht vereinbar ist. Der ökologische Standpunkt richtet sich somit direkt gegen den Konsumenten, denn er stellt Umweltverträglichkeit und Klimaneutralität über alles und betrachtet daher die Nutzung von Energie und Ressourcen als per se verschwenderisch. Für Hersteller hingegen spielt die Kostenreduktion bei gleichbleibender Produktqualität eine weitaus wichtigere Rolle. Daher mag die Müllreduktion bis zu einem gewissen Grad ökonomisch sinnvoll sein – was von der Verabsolutierung des Umweltschutzes in einer Weltrettungsideologie nicht zu behaupten ist.
Auch in das Design hat das Denken in Produkt-Lebenszyklen Einzug gehalten. Die Entstehung von Abfall soll bereits bei der Designentwicklung vermieden werden: alle verwandten Materialien sollen möglichst unbegrenzt recycelbar sein. Die Idee eines geschlossenen Materialkreislaufs soll mit dem Ziel wirtschaftlichen Wachstums verknüpft werden. Das britische Umweltministerium fordert, die Verbindung von ökonomischem Wachstum und der Zunahme der Müllberge müsse gekappt werden. (20). Auch diese Vorstellung klingt auf den ersten Blick attraktiv. Allerdings basiert sie auf der Annahme, dass kontinuierlich dieselbe Menge an Produkten hergestellt wird, was der Zielsetzung einer dynamisch wachsenden Wirtschaft widerspricht. Weil aber Wachstum die Ausweitung ökonomischer Aktivität bedeutet, ist davon auszugehen, dass die Nutzung von Ressourcen zunehmen wird – allen Effizienzzielen zum Trotz.

Müllexporte: Nachhaltigkeit vs. Realität

Einen weiteren Beleg dafür, dass der Nachhaltigkeitsdiskurs mit den Realitäten einer modernen globalen Wirtschaft nicht in Einklang zu bringen ist, stellt der Aufruhr über den auf chinesischen Deponien endenden westlichen Recyclingmüll dar. Die Volksrepublik China ist der größte Importeur von recycelfähigem Abfall. Ungefähr die Hälfte des in Großbritannien zur Wiederverwertung gesammelten Mülls landet im Reich der Mitte. (21) Die gängige Kritik an diesem Verfahren lautet, Müll solle vor Ort getrennt und wiederverwertet werden, da Mülltransporte um den Globus zum Klimawandel beitrügen. Diese Kritik ist jedoch nicht nachvollziehbar, wenn man sich vor Augen führt, dass ein Großteil der im Abfall landenden Produkte ohnehin in China produziert wird.  Warum sollten sie dann dort nicht auch recycelt werden? Schon eher kritikwürdig sind die chinesischen Recycling-Methoden, die sowohl für die Arbeiter als auch für die Umwelt enorme Risiken bergen. Einwanderer zerlegen den ankommenden Müll – von Plastik bis zu Elektroschrott – mit abenteuerlichen Hilfsmitteln und ohne jede Schutzbekleidung. Offiziell ist dies in China zwar verboten, aber es wird dennoch geduldet. Auf lange Sicht wird aber in den sich entwickelnden Staaten eine regelrechte Recycling-Industrie entstehen, die sich den Marktgesetzen zu unterwerfen hat – ob dies den Aposteln der Nachhaltigkeit nun gefallen wird oder nicht.

Schlussfolgerung

Schon immer war die Abfallreduktion für Hersteller ein wichtiges Thema. Und trotz der aktuell noch sehr begrenzten Recycling-Technologien ist davon auszugehen, dass diese in Zukunft weiterentwickelt werden. Die Grundannahmen, auf denen die öffentliche Debatte über Recycling geführt wird, führen jedoch vollständig in die Irre. Trotz des politischen Brimboriums um die Mülltrennung in Privathaushalten fällt der dort entstehende Müll kaum ins Gewicht, zudem ist die Mülltrennung sowohl für die Privathaushalte als auch für die Kommunen eine Belastung. Die Realität der bestehenden Recycling-Industrie hat mit den ökologischen Träumereien einer abfallfreien Kreislaufwirtschaft nichts gemein. In Anbetracht der Tatsache, dass kaum jemand gerne seine Freizeit bis zu den Ellbogen im Dreck wühlend verbringen möchte, sollten wir uns ernsthaft die Frage stellen: Ist das Mülltrennen als Volksaufgabe nicht komplette Zeitverschwendung?