01.03.2008

Editorial

Von Thomas Deichmann

Wissenschaft – Viagra für die Politik. Willkommen beim neuen Novo! Wir präsentieren uns 2008 im neuen Gewand, stehen erstmals im Bahnhofsbuchhandel und wollen zügig wachsen. Als Autoren- und Debattenmagazin setzen wir weiter auf klare Inhalte und guten Journalismus. Das Rückgrat unseres Heftes bilden herausfordernde und sich nicht selten gegen den Zeitgeist sträubende „Argumente für den Fortschritt“.

Um dafür eine adäquate Form zu finden, hat unser Grafikerteam ein neues Layoutkonzept entworfen. Näheres dazu erfahren Sie auf der nächsten Seite. Kritik ist willkommen. Melden Sie sich aber bitte auch, wenn Sie selbst Ideen haben, wie wir Novo mit seinem speziellen Profil weiter voranbringen können. Und vor allem, wenn Sie sich selbst einbringen wollen. Denn eines bleibt unverändert: Wir sind auf Ihre Unterstützung und Empfehlungen angewiesen, um weiter Fahrt aufnehmen zu können. Neuleser sollten nicht lange warten: Bestellen Sie Novo im Abonnement.

Mit diesem Heft wollen wir ein neues Thema auf die Agenda setzen: das Phänomen, dass die Wissenschaften zunehmend als Steigbügelhalter für visionslose Politik in Beschlag genommen werden. Schwache Eliten buhlen um neues Ansehen für sich und die Parteien. Man trachtet danach, sich mit wissenschaftlicher Autorität zu schmücken. Doch dabei geht einiges zu Bruch: Popularisierbare wissenschaftliche Positionen werden zu Dogmen erhoben und von der Politik als unangreifbar deklariert. Andere werden bis zur Unkenntlichkeit trivialisiert. So bringt die Politik, indem sie sich ostentativ präsentiert, die Wissenschaften und letztlich auch die ihnen zugrunde liegenden aufklärerischen Werte unserer Gesellschaft arg in Bedrängnis. Besonders unglücklich ist jene Spielart, bei der die eigene Politik heftig mit ausgewählten Studien untermauert, gleichzeitig aber der Wert wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns und damit ein Eckpfeiler unserer Zivilisation durch relativistischen Weltanschauungspluralismus torpediert wird.
Dieser Widerspruch prägt die Auseinandersetzungen um Gentechnik, Atomkraft oder Klimawandel. Verbraucherschutzminister Horst Seehofer macht es vor: Er legitimiert seine politische Ablehnung moderner Agrobiotechnologie mit spekulativen Risikostudien. Gleichzeitig untergräbt er die Autorität der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) – eines unabhängigen, hochrangig besetzten Wissenschaftlergremiums, das die Unbedenklichkeit gentechnisch verbesserter Pflanzen vor ihrer Marktzulassung überprüft.
Doch auch die Geistes- und Sozialwissenschaften sind gegen politischen Missbrauch nicht gefeit. Wenn es um die richtigen Ansätze für Bildung und Erziehung geht, gelten Erfahrung, politische Zielsetzungen oder der gesunde Menschenverstand immer seltener als akzeptable Leitlinien. Stattdessen soll die Wissenschaft den Weg zu einer besseren Gesellschaft weisen, was regelmäßig in Kampagnen zur Intervention in die Privatsphäre und zur Reglementierung unseres Gemeinwesens endet.

Wir wünschen uns, mit unserem Magazin zur Klarheit des Denkens beizutragen. Und wir fordern politische Köpfe, für ihre Überzeugungen einzustehen, statt sich hinter Dogmen zu verschanzen, die mit dem Satz „Die Wissenschaft hat festgestellt …“ beginnen.

Anregende Lektüre wünscht Ihr

Thomas Deichmann
Chefredakteur