28.10.2015

Wir sind nicht frei genug

Freiheit ist heute als Wert in Misskredit geraten. Wichtiger scheinen Sicherheit und Schutz. Dabei wird übersehen, wie wir immer mehr zu Unfreien gemacht werden

Wenn man bedenkt, dass Freiheit die geistige Grundlage unserer Gesellschaft ist, dass ohne Freiheit die westlichen Werte nicht zu denken sind, erstaunt doch, wie flach der derzeitige Diskurs darüber ist. In den Feuilletons wird darüber gestritten, ob es eine hinnehmbare Einschränkung der Freiheit ist, wenn in Kinderbüchern das Wort „Neger“ nicht mehr gedruckt werden darf. Die selbsternannten Verteidiger der Freiheit hingegen sind Rechtskonservative, die darauf pochen, dass man bestimmte Dinge „wohl doch noch sagen dürfen“ müsse. Dabei sind die Probleme, die es in unserer Gesellschaft mit der Freiheit gibt, viel tiefgreifender. Es geht nicht nur darum, ob „die da oben“ immer mehr Regularien und Gängelungen durchsetzen, die unser Wohlbefinden einschränken. Vielmehr ist das Bewusstsein verloren gegangen, was Freiheit für das Leben bedeutet. In der gegenwärtigen Debatte wird Freiheit als eine Art Lifestyle begriffen. Eine Lebensweise von Menschen, die gerne Sachen sagen, die andere vielleicht verletzen könnten oder vielleicht auch ungern auf die Interessen anderer achten. Freiheit wird dabei stets mit den „Kosten“ der Freiheit verrechnet. Mit den Konsequenzen, die es für andere hat, wenn jemand auf seine Freiheitsrechte pocht. Der Begriff wird mehr und mehr zum Synonym für „Rücksichtslosigkeit“. Freiheit ist aber keine Lebensweise, sie ist das Fundament der aufgeklärten Welt. Freiheit ist die Voraussetzung, um sich als Mensch ernst nehmen zu können. Nur wer frei ist, kann auf die Welt Einfluss nehmen und über die bestehenden Verhältnisse hinausdenken. Es wird Zeit, nicht mehr die angeblichen Kosten der Freiheit zu diskutieren, sondern die Kosten ihres Verlustes.