28.04.2015

Moraldebatte

Was soll ich tun?

Die Moral hat es in unserer Gesellschaft nicht leicht. Niemand möchte sich nachsagen lassen, er argumentiere moralisch oder gar „politisch korrekt“. Der erhobene Zeigefinger ist kaum mehr hinreichend, moralisch zu argumentieren, gilt als übergriffig. Gleichzeitig ist unser Leben voll von moralischen Handlungsanweisungen. Wie wir einander zu begegnen haben, welche Anrede angemessen ist, welche Annährung vertretbar ist, welches Auto wir fahren, wie wir mit unserem Hausmüll umzugehen haben: Für alles gibt es heute eine Regel und die wenigsten davon sind sachlich begründet, sondern moralisch. Dabei hat Moral wenig mit Anstandsregeln zu tun. Nur dank der Moral kann der Mensch sein eigenes Handeln begründen und sich selbst Regeln geben. Ohne eine Moral könnten wir weder uns selbst verstehen noch die Gesellschaft. Doch Moral entsteht durch offene Auseinandersetzung. Moral muss begründet sein und muss sich immer in Frage stellen lassen. Die moralischen Regeln, mit denen die Gesellschaft heute überzogen wird, sind dagegen ein Ersatz für Argumente. Sie sind Produkt eines fehlenden Diskurses. Eine Gesellschaft, die sich aber nicht in frage stellt, verliert alles, was eine freie Gesellschaft ausmacht: die Lebendigkeit, die Toleranz – und letztlich auch die Moral.