26.09.2012

Die Visionen brauchen einen Arzt

Warum es Utopien heute so schwer haben

Visionär ist wohl einer der schwammigsten Begriffe unserer Zeit geworden. Jeder möchte gerne ein Visionär sein, doch was damit gemeint ist, ist völlig unklar. Es mag als Vision gelten,
eine funktionierende Geschäftsidee zu haben oder auch nur zu finden, alle Menschen sollten freundlicher zueinander sein. Eine Vision kann heute auch sein, eine Vorstellung davon zu haben, wie man in den nächsten Jahren seinen Lebensunterhalt bestreiten möchte. Alles darf eine Vision sein. Nur eines nicht: eine Großtechnologie, die gesellschaftliche Probleme löst. So etwas nennt man heute „Machbarkeitswahn“. Dabei haben technische Utopien den Menschen durch die Geschichte begleitet; stets wurde die Zivilisation von Ideen angeführt, wie man Arbeitskraft effektiver einsetzen, Ressourcen besser nutzen und Möglichkeiten erweitern kann. Noch vor 200 Jahren hätte man die westliche Welt, in der wir heute leben, als große Utopie bezeichnet: Weite Teile der Arbeit werden von Maschinen erledigt, die Lebenserwartung hat sich mehr als verdoppelt und die Nahrungsmittelbeschaffung für die Bevölkerung ist gesichert. Was vielen heute als selbstverständlich erscheint, ist in Wirklichkeit das Ergebnis der Arbeit von Menschen, die die Welt, in der wir leben, einst erträumt haben.

Eben jene Träume fehlen uns heute. Von unserer Zukunft erwarten wir nichtmehr viel. Angesichts der Diskussion über Ressourcenverbrauch erscheinen Ideen, wie auf der Erde einmal ein Vielfaches der heutigen Bewohner ernährt werden könnte, als absurd. Neuen Technologien wird mit großer Skepsis begegnet. In den Augen vieler hat es eher zu viel Entwicklung gegeben als zu wenig. Die Probleme der Menschheit werden sich allerdings nicht durch weniger Technologie lösen lassen, sondern nur durch mehr. Und für neue Technologien bedarf es Vordenker, die eine bessere Welt im Kopf entwerfen, die erst noch werden muss. Das folgende Kapitel stellt einige Ansätze vor.