12.12.2011

Nach der Apokalypse ist vor der Apokalypse

Kommentar von Michael Fitzpatrick

Bevor Sie auf die Angstmache über antibiotikaresistente Erreger hereinfallen, erinnern Sie sich daran, wie komplett daneben die Behörden bei der Schweinegrippe lagen.

Gerade als man dachte, man könne die Schutzmasken abnehmen, bedrohte eine weitere Heimsuchung das Überleben der Menschheit. Anfang August, genau an dem Tag, an dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Schweinegrippe-Pandemie für beendet erklärte, lösten Mikrobiologen einen neuen Alarm aus – wegen Bakterien, die gegen vielfältige Medikamente resistent seien. Prof. Tim Walsh, Co-Autor eines im Lancet Infectious Deseases veröffentlichten Berichts, stimmte den inzwischen gut bekannten Totengesang an: „In vielerlei Hinsicht ist dies möglicherweise das Ende. Es sind keine Antibiotika in Sicht, die gegen NDM-1 produzierende Enterobakterien wirksam sind.“ [1]

Es ging also wieder los. Nur zwölf Monate nach dem großen Alarmsommer 2009, als Englands leitender Mediziner Liam Donaldson das Gespenst von 65.000 Schweinegrippe-Toten an die Wand malte (die Gesamtzahl blieb unter 500, wesentlich weniger als die saisonale Grippe fordert), sehen wir uns dem nächsten Alptraumszenario gegenüber. Wenn uns die Grippe nicht erwischt, dann schafft uns das Superbakterium NDM-1 (New-Delhi-Metallo), das sich unter „Medizin-Touristen“ ausbreitet, die für kosmetische Operationen nach Indien reisen, und dann daheim die Bevölkerung dahinraffen wird, weil es kein wirksames Antibiotikum gibt.

Oder eben nicht. Das Schreckgespenst „antibiotikaresistente Bakterien“ ist so alt wie Antibiotika selbst. In den letzten zehn Jahren haben wir schon den Methicillin-resistenten Staphylokokkus Aureus (MRSA), die multiresistente Tuberkulose und hochresistente HIV-Stämme überlebt. Die Lehre aus der Schweinegrippe ist, dass die Öffentlichkeit ein gewisses Maß an Skeptizismus gegenüber Weltuntergangswarnungen walten lassen sollte, die von Protagonisten der Mikrobiologie und öffentlichen Gesundheit herausgegeben werden.

Folgt man der Erklärung zum Ende der Schweinegrippe-Pandemie, die die WHO im August veröffentlichte, war es „pures Glück“, das die Schweinegrippe ihr apokalyptisches Potenzial, das ihm im Frühjahr und Sommer 2009 zugeschrieben wurde, nicht ausschöpfte. [2] Es war „pures Glück“, dass das H1N1-Virus nicht zu einem virulenteren Stamm mutierte; „pures Glück“, dass es keine Resistenz gegen die Medikamente entwickelte, die mit so viel Hingabe durch die offiziellen Pandemie-Kontaktstellen herausgegeben wurden; „pures Glück“, dass die Impfung gegen die Schweinegrippe sich als effektiv und sicher erwies. Wirkliches Glück war es hingegen, dass die WHO es schaffte, ihre führenden Köpfe zusammenzubringen, um die Pandemie abzusagen: Ein vorhergehendes Meeting war durch die Aschewolke des isländischen Vulkans verhindert worden. [3]

Es herrscht ein bemerkenswerter Widerspruch zwischen dem Wohlwollen des Schicksals und den düsteren Prognosen der Gesundheitsbehörden: Sowohl bei SARS als auch bei der Vogel- und Schweinegrippe wurden die Warnungen vor dem globalen Armageddon von den Ereignissen rasant widerlegt. Trotzdem klopfen sich dieselben Gesundheitsbehörden gegenseitig auf die Schulter und beglückwünschen sich zu ihrem großartigen Krisenmanagement. Die unabhängige Untersuchung des britischen Krisenreaktionsmanagements auf die Pandemie 2009, die durch die frühere walisische Gesundheitsministerin Dame Deirdre Hine durchgeführt wurde, kommt zu dem Schluss, dass „in der Gesamtbetrachtung das britische Krisenmanagement hoch zufriedenstellend“ war: „Die Vorbereitung auf die Pandemieplanung war gut, das beteiligte Personal bestens vorbereitet, die wissenschaftliche Beratung auf Expertenniveau, die Kommunikation exzellent, das öffentliche Gesundheitssystem in ganz Großbritannien und dessen Versorger reagierten hervorragend, und die Reaktion der Bevölkerung war ruhig und kooperativ.“ [4]

Na großartig! Nachdem allein Großbritannien geschätzte 1,4 Milliarden Euro ausgegeben hat, ist das Land auf 30 Millionen ungenutzter Impfdosen sitzen geblieben (weniger als ein Viertel der Impfberechtigten ließen sich impfen); 2,7 Millionen Menschen riefen bei der Pandemie-Hotline an (die meisten riefen auch die Notfallkliniken an); 1,2 Millionen erhielten antivirale Medikamente (obwohl die übergroße Mehrheit dieser Fälle mutmaßlich keine Schweinegrippe hatte). Mehrere Menschen, die von der Pandemie-Hotline eine falsche Diagnose bekamen, starben an anderen Krankheiten.

In einem rückblickenden Kommentar beschuldigt der frühere Wissenschaftsredakteur der Times, Nigel Hawkes, die Behörden, über das Ziel hinausgeschossen zu sein, da deren Prognosen zur Schwere der Pandemie durchweg die zu erwartenden Auswirkungen übertrieben. [5] Obwohl die Projektionen führender Gesundheitspolitiker bezüglich der zu erwartenden Krankheits- und Todesfälle durch die Pandemie in katastrophalen Maßstäben eine enorme öffentliche Verunsicherung verursachten und das öffentliche Gesundheitswesen deutlich schwächten, gibt es nur wenig Beweise dafür, dass sie irgendeinen Wert für den Schutz der Bevölkerung hatten. In Anbetracht der rasanten Ausbreitung des Virus scheint keine der ergriffenen Maßnahmen, die in der ersten Eindämmungsphase getroffen wurden – so wie gewissenhaftes Händewaschen, Gesichtsmasken, Maßnahmen zur sozialen Distanzierung (etwa durch das Schließen von Schulen) und die Abgabe von prophylaktischen antiviralen Medikamenten an Menschen, die Kontakt mit dem Virus hatten –, irgendeinen wahrnehmbaren Effekt auf die Verbreitung des Virus gehabt zu haben.

Ziemlich schnell wurde klar, dass die ersten Berichte aus Mexiko unzuverlässige Daten über Todesfälle durch die Schweinegrippe und unsichere Zahlen über Infektionsfälle geliefert hatten, die dann als Grundlage für die Berechnung der Mortalitätsrate des Virus herangezogen worden waren. In der Beurteilung des Hine-Berichts, der vom Kabinett verabschiedet und Anfang dieses Jahres veröffentlicht wurde, legten Minister und Beamte übergroße Hoffnung in mathematische Modelle. Sie betrachteten diese als „harte, quantitative Wissenschaft“, die „leicht verständliches Zahlenmaterial“ liefern konnte und die Aura von „hoher wissenschaftlicher Verlässlichkeit“ hatte. Obwohl die Mathematiker auf dem ersten Pandemie-Planungstreffen im April davor warnten, dass angesichts fehlender verlässlicher Daten ihre Modellierungsfähigkeiten begrenzt waren, standen sie unter politischem Druck, „Vorhersagen zu produzieren“. Der hohe Grad an Unsicherheit bezüglich dieser Projektionen scheint deren Modellierer nicht davon abgehalten zu haben, sie zu erstellen, oder die Politiker davon, sie zu publizieren.

Was man im Hine-Bericht am ehesten als Kritik am öffentlichen Vorgehen bezeichnen könnte, ist die Beobachtung, dass die Zitierung der Annahme des englischen Gesundheitsministers bezüglich der „vernünftigen Worst-Case-Annahme“ von 65.000 Toten am 16. Juli 2009 in den Schlagzeilen leicht alarmistische Züge hatte. Wie hätte eine solche Zahl denn anders zitiert werden können? Die britischen Behörden entschlossen sich zu einem Zeitpunkt zu dieser düsteren Prognose, als andere prominente Gesundheitsexperten solche Zahlen bereits für unwahrscheinlich erklärt hatten. Einen Monat, bevor sie den Ausbruch der Schweinegrippe zu einer globale Pandemie erklärte, hatte die Chefin der WHO, Margaret Chan, bereits zugegeben, dass die meisten Fälle leicht verliefen und dass sie keinen plötzlichen und dramatischen Anstieg von schweren oder tödlichen Infektionen erwarte.

Die alarmistische Reaktion auf den Ausbruch der Schweinegrippe spiegelt den deutlichen Trend des letzten Jahrzehnts wider, in dem sich der „falsche Alarm“ zur angemessenen offiziellen Antwort auf diverse echte und eingebildete Bedrohungen entwickelt hat, vom „Millennium-Virus“ über Bioterrorismus und Übergewicht bis hin zur globalen Erwärmung. [6] Für die Behörden ist das überragende Prinzip die Vermeidung von Schuldzuweisungen für unvorhergesehene Katastrophen, indem sie stets das Worst-Case-Szenario ankündigen und ihr Mantra wiederholen: „Auf das Schlimmste vorbereitet sein und das Beste hoffen.“ Aus dieser Perspektive weicht rationale Notfallplanung reiner Panikmache. Anstatt diskrete Vorbereitungen für wahrscheinliche, vorhersagbare Notfälle zu treffen, geben sich Behörden der Spekulation über die fürchterlichsten möglichen Eventualitäten hin, mit dem Ziel, verantwortungsvolleres Verhalten und gesündere Lebensweisen zu unterstützen. [7]

Anstatt in der Öffentlichkeit realistische Bewertungen von Risiken zu publizieren, verlegen sich die Behörden darauf, Befürchtungen zu verbreiten und Ängste zu schüren. Anstatt praktische, professionelle Interventionen bei realen gesundheitlichen und sozialen Problemen zu befürworten, üben sich Politiker und Gesundheitsbeamte darin, dramatische Posen einzunehmen und hohle Phrasen zu dreschen.

Viele Kommentatoren haben auf die weitergehenden Folgen und Kosten der Pandemie hingewiesen, etwa auf die Beschädigung des Vertrauens in das öffentliche Gesundheitssystem. Diese Erosion des Vertrauens befeuert ein Klima des Zynismus, das sich in zunehmendem Maße Anschuldigungen von Korruption und Verschwörung widmet, auch dann, wenn diese unhaltbar sind. Die geringe Inanspruchnahme der Schweinegrippeimpfung – sowohl unter professionellen Medizinern als auch unter betroffenen Patienten – enthüllt den zerstörerischen Effekt der Pandemie auf das Gesundheitswesen. Die Kultur der Angst, angefacht durch den Schrecken einer Pandemie, befördert eine Atmosphäre des Pessimismus und der Opferkultur, die das Vertrauen der Menschen in ihre eigenen Fähigkeiten untergräbt. [8] Nach den Worten des Philosophen Lars Svendsen beraubt Angst uns unserer Freiheit und unterminiert unsere ontologische Sicherheit.

Dame Deirdre Hine verteidigt die Mathematiker, die von Politikern dazu angestachelt wurden, Prognosen bezüglich der Schweinegrippe auf der Basis unzureichender Daten zu erstellen, damit, dass sie schließlich „keine Hofastrologen“ seien. Aus der Perspektive des US-amerikanischen Kritikers des öffentlichen Gesundheitswesens, Philip Alcabes, protestiert die Dame ein wenig zu laut. Er beschreibt die heutigen Offiziellen des Gesundheitswesens als „Hexenmeister“ und „Wahrsager“. Er argumentiert, dass diese „die Gesundheitspolitik in eine Zaubershow verwandelt haben, in der der Gesundheitsbeamte mit Taschenspielerfertigkeiten erfolgreich die Öffentlichkeit – das Publikum des Zauberkünstlers – glauben macht, er habe einen unerklärbaren Trick vollbracht“. Während die Behörden in der Vergangenheit Schutzmaßnahmen gegen den Ausbruch ansteckender Krankheiten empfahlen, identifizieren sie heutzutage imaginäre Gefahren (wie den
Bioterrorismus) und verschreiben vorbeugende Maßnahmen, die uns keinen Deut sicherer machen, die aber die Behörden legitimieren, selbst dann, wenn die Bedrohung sich weigert, real zu werden.

Politiker und Wissenschaftler identifizieren immer neue Epidemien (sozialer Natur, wie etwa Koma-Saufen und Internet-Stalking, ebenso wie Virusinfektionen). Ihre beständigen Ermahnungen, bewusst und wachsam zu sein und riskante Verhaltensweisen zu vermeiden, werden durch die Medien verstärkt, was die öffentliche Angst anfacht. Das Ergebnis ist ein Klima, das äußerst anfällig für die Förderung einer neuen Art von Frömmigkeit ist, in der von jedem erwartet wird, dass er vor dem „Altar der gesunden Lebensweisen“ Buße tut.

Die Panikmache bezüglich der Schweinegrippe und medikamentenresistenter Bakterien erinnert uns an eine Geschichte, die der sufische Schriftsteller Idries Shah erzählte und die vom Psychoanalytiker Adam Phillips wiederholt wurde: [9]
Eines Morgens steht der Mullah Nasrudin im Garten vor seinem Haus und wirft mit Maiskörnern um sich. Ein Mann geht vorbei, bleibt stehen und sieht ihn verwirrt an.
„Mullah Nasrudin“, fragt er, „warum wirfst du denn diese Maiskörner in die Gegend?“
„Weil es die Tiger fernhält“, antwortet der Mullah.
„Aber hier gibt es doch gar keine Tiger.“
„Daran kannst du sehen, wie gut es wirkt, nicht wahr?“