01.09.2010

Das sonnige Imperium des Hermann Scheer

Kommentar von Günter Ederer

Wer immer noch daran glaubt, dass sich im Klimaschutz vorrangig von selbstloser Natur- und Menschenliebe getriebene und völlig machtlose Weltverbesserer tummeln, sollte dringend die grüne Brille absetzen.

Ein Gespenst geht um in Deutschland: das Gespenst von der „vierten Revolution“. Ihr Schlachtruf lautet: „100 Prozent erneuerbare Energie ist machbar!“ Diese Losung sei alternativlos, sonst drohe der Weltuntergang. So ähnlich lautet die Botschaft, die seit März 2010 mit aller Macht in die Öffentlichkeit drängt. In 50 Kinos wurde dem eingeschüchterten Publikum mit herzerweichenden Bildern aus allen Kontinenten die Alternativlosigkeit der Forderung nach einer radikalen Energiewende eingeimpft.

Damit aber nicht nur Cineasten in diesen Genuss kommen, können Unternehmen und andere Organisationen die Aufführung des Filmes sponsern. Den Anfang machte die juwi Holding AG, erfolgreich beim Bau von Energieanlagen. Kurzerhand mietete sie das Stadion des Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05 und heuerte die Kultband „2raumwohnung“ an, um die Rettung der Welt voranzutreiben. (1) Ein Teil der Einnahmen ging an ein Waisenhaus und an eine Krankenstation in Haiti, die mit Solaranlagen versorgt werden sollen. (2)

Kosten den Hütten, Solarzellen den Palästen

Erinnern Sie sich noch an die hessische Fast-Ministerpräsidentin Andrea Ypsilanti (SPD)? Ihr Parteikollege Hermann Scheer hatte ihr die Vision „100% erneuerbare Energien im Strommarkt in Hessen bis 2025“ (3) mit in den Wahlkampf gegeben. Entschieden warb Ypsilanti für die erneuerbaren Energien in ihrem Regierungsprogramm. (4) Kein Wunder, dass sich Scheer Hoffnungen auf ein Ministeramt in Wiesbaden machten durfte. Doch daraus wurde nichts, und die energiepolitischen Vorstellungen des Ypsilanti-Scheer-Duos landeten im Papierkorb – vorerst. Für den Film „Die 4. Revolution“ wurden sie neu aufgegossen. Der Streifen ist Hermann Scheer in Reinform und eine Neuauflage seiner fixen Idee vom totalen Energieumstieg.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Scheer aus Württemberg zählt sich zum linken Flügel der Partei. Seine Pläne zur Finanzierung der Energiewende basieren auf einer massiven Umverteilung sowie auf gigantischen staatlichen Subventionen. Dass die Verbraucher schon heute die Solarenergiebesitzer mit gut und gern 80 Milliarden Euro finanzieren, scheint ihn dabei genauso wenig zu stören wie die geschätzten 150.000 Euro, mit denen ein Arbeitsplatz in der Solarwirtschaft subventioniert wird.

Bei seiner Lobbyarbeit für die Solarindustrie vergisst Scheer jedoch anscheinend, dass er eigentlich ein „Linker“ ist, denn das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gleicht einer massiven Umverteilungsaktion von „unten“ nach „oben“: Während vor allem Immobilien- und Kapitalbesitzer in Solar- und Windkraftanlagen investieren und sich dadurch garantierten Absatz und ebensolche Gewinne verschaffen, zahlen alle – auch Rentner, Arbeitslose und Geringverdiener – die Zeche in Form drastisch erhöhter Stromrechnungen.

Verbraucherschutzorganisationen zufolge beläuft sich die zusätzliche Belastung für einen Vier-Personen-Haushalt in diesem Jahr bereits auf rund 100 Euro, in 2011 dürfte sie auf etwa 160 Euro ansteigen. Diese Zahlen sind nicht dergestalt, dass man sie in Solarlobbykreisen gerne an die große Glocke hängen würde.

Selbstreferenzielle Systeme

Scheer ist ein begnadeter Selbstdarsteller und begabter Netzwerker. Das Zentrum seiner Aktivitäten ist der 1988 von ihm mitbegründete Verein Eurosolar e.V. Bis heute ist Scheer dessen Präsident, und seine Ehefrau führt die Geschäfte. (5) Der Verein gründete den „Weltrat für Erneuerbare Energie“ (WCRE), in dem Scheer seit 2001 als Vorstand agiert. (6) Der WCRE wiederum ist eine treibende Kraft hinter den „Weltversammlungen für Erneuerbare Energie“ (WREA) (7) und dem „Weltnetzwerk der Parlamentarier für erneuerbare Energie“ (WREPN). (8)

In Asien vertrat Rakesh Bakshi – einer der großen Windenergieanlagenhersteller und -betreiber sowie Solaranlagenproduzenten – von 2001 bis 2006 die Interessen des WCRE. (9) Bakshi hat die WCRE mitgegründet. (10) Er folgte Rajendra Pachauri in hohe Ämter des Solarlobbyvereins Solar Energy Society of India (SESI). Zudem fungierte er als Berater der indischen TERI-Universität. Die wiederum ist die akademische Heimat von Pachauri, der das Präsidentenamt des Weltklimarates der Vereinten Nationen (IPCC) innehat. (11) Pachauri kam zuletzt ins Gerede, weil er besagte Universität mit Millionen ausstatten ließ, um die Auswirkungen des Schmelzens der Himalaya-Gletscher zu untersuchen – just in dem Moment, als Zweifel an ebendiesem Schmelzen bekannt wurden. (12)

Das Zusammenspiel zwischen Weltuntergangsaposteln wie Pachauri und Weltrettern wie Scheer manifestiert sich in den internationalen Netzwerken der Solar-Lobby: Vizepräsident von Scheers Eurosolar ist der Däne Preben Maegaard. Dieser hat die „World Wind Energy Association“ (WWEA) mitbegründet. (13) Besucher des Kinofilms „Die 4. Revolution“ lernen Maegaard als einen der Protagonisten der These kennen, dass der Umstieg zu einer 100-prozentigen Versorgung durch erneuerbare Energie locker machbar sei. Die WWEA zeichnete Hermann Scheer 2004 mit dem „Weltpreis für Windenergie“ aus. Zu den Preisträgern zählte auch der einstige grüne Bundesumweltminister Jürgen Trittin. (14) Die Münchener Firma „WIP – Renewable Energies“ war in die Organisation der ersten Weltwindkonferenz 2002 involviert und managte darüber hinaus auch Weltkongresse für Bioenergie und Solarenergie. (15) Wer wurde dort mit dem Weltpreis für Bioenergie und dem Weltpreis für Solarenergie ausgezeichnet? Hermann Scheer. (16) Zu erwähnen bleibt, dass der WIP-Direktor, Dr. Peter Helm, im Beirat von Scheers „Weltrat für Erneuerbare Energie“ (WCRE) sitzt. (17)

Dem WCRE arbeitet dabei die „World Wind Energy Association“ (WWEA) zu, die u.a. die Weltwindkonferenz ausrichtet. Einer der Programmvorsitzenden dieser Weltwindkonferenz war einst Prof. Dr. Jürgen Schmid (18), seines Zeichens Leiter des Kasseler Fraunhofer Institutes für Windenergie und Energiesystemtechnik IWES – auch bekannt unter dem Namen Institut für Solare Energieversorgungstechnik (ISET). Das ISET e.V. Kassel ist vor einigen Monaten im Fraunhofer IWES aufgegangen. (19) In dieser Funktion haben die Kasseler – finanziell unterstützt von der Lobby der erneuerbaren Energien – vor einiger Zeit eine Studie über das „Regenerative Kombikraftwerk“ verfasst. (20) Dieses wurde als Grundlage für die Machbarkeit einer raschen Energiewende gefeiert. Einige Details erwiesen sich jedoch als angreifbar, weshalb die Studie alsbald wieder in der Versenkung verschwand. Jürgen Schmid sitzt übrigens ebenfalls im Beirat von Scheers „Weltrat für Erneuerbare Energie“ (WCRE) (21), und er ist außerdem Mitglied des „Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderung“ (WBGU) (22) – eine Institution, die emsig Werbung für das Bild einer menschengemachten Klimakatastrophe macht. (23) Der Glaube an diese Katastrophe ist die Grundlage für die Subventionsflut für Wind- und Solarenergie und diesbezügliche Forschung und Technikentwicklung.

Geben und nehmen

Wie im Märchen vom gestiefelten Kater alles dem Grafen Carabas gehört, so lugt aus fast jedem Winkel der Welt der erneuerbaren Energien Hermann Scheer hervor. Sein Verein Eurosolar verleiht Preise an Personen, Initiativen und Unternehmen, die sich um die Solarwelt verdient gemacht haben. 2002 wurde dem Solarworld-Unternehmer Frank Asbeck der Europäische Solarpreis zugesprochen. (24) Asbeck wiederum zeichnete Scheer 2005 mit dem „SolarWorld Einstein-Award“ aus, der mit satten 25.000 Euro dotiert ist. (25) Die bereits als Hauptsponsor des großen Filmspektakels „Die 4. Revolution“ genannte juwi Holding AG wurde 2007 und 2008 von Eurosolar mit deutschen Solarpreisen ausgezeichnet. (26) Ein fürwahr geschlossenes und „selbstreferenzielles“ Ökolobby-System: Alles dreht sich im Kreis, und es bleibt zusammen, was zusammengehört, wenn es darum geht, die Subventionsorgien für die Solarindustrie auszukosten.

Mit der juwi Holding schließt sich auch der Kreis zu Scheers gescheiterten politischen Ambitionen in Hessen: Für die von ihm in den Ypsilanti-Wahlkampf eingebrachte Position, nach der das Land auf 100-prozentige Stromversorgung aus erneuerbaren Quellen umstellen könne, fungierten juwi-Mitarbeiter als Koautoren. (27) Da die Vision der Energiewende ursprünglich für Rheinland-Pfalz gedacht war,28 findet sich unter den Sponsoren des Films „Die 4. Revolution“ dann auch die Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz. (29)
So bescheiden wie seine Netzwerke gestaltet sich die Selbstwahrnehmung von Hermann Scheer. In einem Interview vor den letzten Bundestagswahlen sagte er: „Ich bin weltweit anerkannt als ein Vorreiter für die Wirtschaftsorientierung der Zukunft. Und wenn das einige scheinbar besonders kluge Köpfe noch nicht verstanden haben, ist das nicht mein Problem.“ (30) Chapeau, Herr Scheer!