10.12.2011

Weder groß noch clever

Essay von Philip Hammond

Faisal Devji erklärt in seinem neuen Buch The Terrorist in Search of Humanity: Militant Islam and Global Politics, was Selbstmordattentäter und Umweltaktivisten gemeinsam haben.

Es hat sich mittlerweile durchgesetzt, al-Qaida mehr als eine Idee denn als eine Organisation zu betrachten. Im Gegensatz zu dem ausgeklügelten globalen Netzwerk, das nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in der Vorstellung des Westens herumgeisterte, wird „al-Qaida“ nun realistischer als „Marke“ mit vereinzelten Franchisenehmern und laienhaften, freischaffenden Nachahmern diskutiert. Schon der Versuch, die „Idee“ hinter dem Phänomen al-Qaida zu verstehen, führte zu seiner eigenen Täuschung.

Faisal Devjis Analyse des modernen Terrorismus erschüttert selbstgefällige westliche Interpretationen, denen zufolge dessen Ursachen irgendwo außerhalb der westlichen Gesellschaft liegen. Er belegt, dass die Männer, die die Terroranschläge vom 7. Juli 2005 in London verübten, keine regelmäßigen Moscheebesucher waren, selten zu Hause das Internet nutzten und keine wirkliche Verbindung zu radikalen Personen unterhielten, geschweige denn zu einem al-Qaida-Schläfer, der irgendwo auf seinen Einsatz wartet. Einer der verblüffendsten Aspekte von Devjis hochgelobtem, 2005 erschienenem Buch Landscapes of the Jihad war, dass es al-Qaida im Kontext der westlichen politischen Kultur verankerte. Statt militanten Islamismus als eine Bedrohung von außen zu betrachten, zog er überraschende Parallelen zwischen den Dschihadisten und den Anhängern anderer zeitgenössischer Bewegungen wie den Globalisierungsgegnern oder den Antikriegs-Aktivisten. Devji entwickelt das Argument in seinem neuesten Buch The Terrorist in Search of Humanity weiter. Er argumentiert, dass es neben den Umweltaktivisten oder Pazifisten vor allem die von al-Qaida inspirierten Männer und Frauen seien, die zur Bekämpfung des von ihnen identifizierten Hauptproblems nach globalen Lösungen suchten.

Die Motivation der islamistischen Selbstmordattentäter habe hingegen kaum etwas mit einer direkten Erfahrung von Unterdrückung oder Ungerechtigkeit zu tun. Ihre Handlungen würden eher aus Mitleid ausgeführt, argumentiert Devji, mithin aus derselben abstrakten Stellvertreter-Emotion, die die Aktionen von Pazifisten oder Menschenrechtaktivisten auszeichne. Bei der Analyse von Reden führender Dschihadisten wie Osama bin Laden oder Ayman al-Zawahiri stellt Devji fest, dass sie, anstatt alternative politische oder utopische Visionen anzubieten, sich der Sprache des westlichen Humanitarismus bedienen. In der Tat klagen sie den Westen häufig dafür an, seinen eigenen Menschenrechtsstandards nicht gerecht zu werden. Dabei nimmt ihre Rhetorik mehr den Charakter einer internen Kritik als den einer exotischen, fremden Ideologie an.

In seinem Streben, die Bedeutung der zeitgenössischen Selbstmordattentate zu verstehen, läuft Devji jedoch Gefahr, Sinn und Zweck dort zu sehen, wo gar keiner existiert. Zumeist scheint sich das Risiko dieses Ansatzes zu lohnen, da er zu einigen nützlichen Einsichten gelangt. Von besonderer Relevanz ist Devjis Analyse, wie der Krieg gegen den Terror mehr und mehr den Charakter einer quasi-kriminellen und immer weniger den einer militärischen Operation angenommen habe.

Doch anstatt sich auf die westlichen Gesellschaften und den Aufstieg des humanitaristischen und ökologischen Denkens zu konzentrieren, der sich in der Rhetorik von al-Qaida wiederfindet, unternimmt Devji einen Abstecher nach Südasien, seinem akademischen Spezialgebiet: Beachtenswert ist sein ausführlicher Vergleich zwischen zeitgenössischen Märtyrerhandlungen und Mahatma Gandhis Idee der Opferbereitschaft. So ist es Devji zwar möglich, einen unverbrauchten Blick auf al-Qaida zu werfen, frei von der üblichen Bindung an den Nahen Osten, dennoch ist es fraglich, wie viel dies zum wirklichen Verständnis der Zusammenhänge beiträgt. Schlimmer noch, es scheint die Tendenz Devjis zu verstärken, al-Qaida eine intellektuelle Stimmigkeit und Bedeutung beizumessen, die nicht der Wirklichkeit entspricht.

Die Hauptthese des Buches besagt, dass der heutige militante Islamismus, wie andere Formen globaler Politik, eine Suche nach der Menschheit als einem aktiven Subjekt und nicht einfach nur als einem passiven Opfer der Geschichte verkörpert. Devji zufolge sind die Möchtegern-Gotteskrieger in ihrer Suche deutlich erfolgreicher als die Humanitaristen und Umweltaktivisten, mit denen er sie vergleicht. Aber geht es bei Selbstmordattentaten wirklich darum, die Menschheit von einem Opfer in einen aktiven Mittler zu verwandeln? Diese doch eher unwahrscheinliche Behauptung basiert auf einem labilen Gerüst aus Argumenten und Beobachtungen, die die zeitgenössische Krise politischer Subjektivität zwar beschreiben, aber nicht wirklich erklären. Wo seine Analyse implizit die Verwirrung und die Unordnung des Westens andeutet, schreibt Devji al-Qaida eine gewisse Zweckdienlichkeit und Vermittlung zu.

Devji argumentiert, dass unser heutiges Denken von der Menschheit und der Welt während der Ära des Kalten Krieges durch Technologien der atomaren Zerstörung und durch die Raumfahrt geprägt worden sei. Diese Technologien hätten unseren Blick auf die Menschheit entscheidend beeinflusst, behauptet er. Als wir beispielsweise in der Lage gewesen seien, die Welt aus dem All zu beobachten, hätten wir begonnen, in einem nicht-menschlichen Umfang tätig zu sein; sobald wir die Möglichkeit der atomaren Zerstörung besessen hätten, hätten traditionelle Werte wie Mut und Opferbereitschaft ihre Bedeutung verloren. Humanitäre Ideen hätten den Platz eingenommen, der einst vom Humanismus besetzt gewesen sei.

Diese Ansicht stellt einen Versuch dar, sich eine globale Menschheit vorzustellen, aber sie bietet nur eine begrenzte Vision der Menschheit als Opfer, das lediglich ums Überleben kämpft. Devji argumentiert, dass der Islamismus das noch überbieten könne, indem er versuche, die Menschheit in einen potenziellen Akteur zu verwandeln. Wie der Humanitarismus, so gehe auch der Islamismus von der Unmöglichkeit menschlicher Subjektivität aus. Wenn überhaupt, so würden im islamistischen Denken menschliche Werte wie Mut und Opferbereitschaft durch die Selbstverbrennung des Selbstmordattentäters realisiert und in seiner Fähigkeit ausgedrückt, über das schiere Überleben hinaus einen Horizont zu erkennen.

Devji begeht den Fehler, den Rückgang menschlicher Subjektivität für bare Münze zu nehmen, auf technische Gründe zurückzuführen und mithin als unvermeidbar darzustellen. Diese Unmöglichkeit des humanistischen Subjekts ist hier das eigentliche unausgesprochene Thema. In ähnlicher Weise erklärt er die Globalisierung als eigentliche Ursache für die inhaltliche Entleerung nationaler Politik, obwohl es viel plausibler erscheint, von einem entgegengesetzten Kausalzusammenhang auszugehen. Tatsächlich ist es der Kollaps der Politik, der das Abheben in globale Sphären attraktiv erscheinen lässt, ob in der Form eines weltoffenen Humanitarismus, eines planetaren Ökologismus oder eines entwurzelten Heiligen Krieges. Ebenso macht es sicherlich mehr Sinn, al-Qaida eher als Symptom der Krise politischer Subjektivität zu sehen denn als eine kreative Antwort darauf.