05.06.2010

McCarthyismus in der Wissenschaft

Kommentar von Michael Fitzpatrick

Zwei neue Bücher decken auf, wie die Epidemiologie als Waffe im Krieg gegen das Rauchen genutzt wurde. Wehe dem, der versucht, einige echte Fakten in die Debatte zu werfen.

„Wenn man heute zurückblickt, ist es schon auffällig, wie bereitwillig die amerikanische Öffentlichkeit sich die Vorstellung zu eigen machte, irgendeine Art von Umweltverschmutzung – seien es Chemikalien in Boden und Wasser, Strahlung aus Atomkraftwerken oder elektromagnetische Felder von Hochspannungsleitungen – müsse zur Entstehung von Brustkrebs beitragen“, schreibt der Epidemiologe Geoffrey Kabat in seinem Buch Hyping Health Risks. Doch zur Enttäuschung von Umweltaktivisten ergaben intensive Forschungen vor Ort (speziell in Long Island, New York) zur Belastung mit den hauptsächlich verdächtigten Chlorkohlenwasserstoffen (einschließlich DDT) und Verbrennungsprodukten keinen Hinweis auf eine Verbindung zu Brustkrebs. Während in Bezug auf Brustkrebs solche negativen Ergebnisse weitgehend akzeptiert wurden, hat sich bei anderen Themen, etwa dem Zusammenhang von elektromagnetischen Feldern und Krebs bei Kindern, die öffentliche Meinung als so robust erwiesen, dass wissenschaftliche Studien verzerrt und falsch wiedergegeben werden.

Was Kabat als „absichtliche Bereitschaft zu fahrlässigem Umgang mit Daten“ bezeichnet, ist in der Debatte um das Passivrauchen am offensichtlichsten. Hier identifiziert er eine „politische Strategie, unrealistische Risiken zu überhöhen, um Unterstützung für Maßnahmen zur Tabakkontrolle zu bekommen“. Gemeinsam mit James Enstrom hat er im British Medical Journal (BMJ) eine Arbeit mit dem provokanten Titel „Passive Smoking May Not Kill“ veröffentlicht. Darin werden die Ergebnisse einer sorgfältig durchgeführten Langzeitstudie zu den Effekten des Passivrauchens über einen Zeitraum von 40 Jahren vorgestellt. Es zeigte sich ein geringfügig erhöhtes Risiko für eine koronare Herzkrankheit (und ein noch geringerer Effekt in Hinblick auf Lungenkrebs). Die Zunahme des relativen Risikos war etwas geringer, aber in derselben Größenordnung wie in vielen anderen Studien. Sie muss angesichts der normalen Schwankungen als statistisch nicht signifikant betrachtet werden.

Doch, wie Kabat ausführt, manipulieren Verfechter von Rauchverboten regelmäßig solche Ergebnisse, um ihre immer restriktivere Politik zu legitimieren. Er zeigt, wie sie positive Studien auswählen und negative unberücksichtigt lassen, die Signifikanz der Resultate überbewerten und Schwächen und Inkonsistenzen ignorieren. Ihre Lieblingsrechnung ist das Multiplizieren von kleinen Erhöhungen des relativen Risikos mit großen Personenzahlen, um auf diese Weise so und so viele Tote pro Jahr den Effekten des Passivrauchens zuschreiben zu können. Dann wird gemeldet, Passivrauchen töte Jahr für Jahr Tausende von Menschen. Damit wird die Forderung nach Rauchverboten untermauert.

Kabat und Enstrom veröffentlichten ihre Arbeit zu einer Zeit, als die Kampagnen zum Rauchverbot an öffentlichen Orten in Europa eine kritische Phase erreicht hatten, und es brach ein Sturm der Entrüstung und Beschimpfung über sie herein. Ihre Kritiker schreckten nicht einmal vor haltlosen Korruptions- und Betrugsvorwürfen zurück. Auf der Basis von 144 Leserbriefen („rapid responses“) veröffentlichten in der Folge zwei Soziologen einen Kommentar mit dem Titel „Silencing Science“, in dem sie festhielten: „Die Wissenschaft wird durch Einschüchterung zum Schweigen gebracht, indem Aktivisten einen scharfen Ton voller Sarkasmus und moralischer Empörung anschlagen. Diese Praxis enthält Elemente eines autoritären Kults: Wehe dem, wer nicht die Wahrheit hochhält, dass Passivrauchen tötet!“ (1) Sie kommen zum Schluss, dass der „öffentliche Konsens über die negativen Folgen des Passivrauchens so stark ist, dass er zum Teil eines Wahrheitsregimes geworden ist, das nicht infrage gestellt werden darf“. Die Folge dessen, was Kabat als den „McCarthyismus in der Wissenschaft“ bezeichnet, ist die Reduzierung von Epidemiologie zu Propaganda.

In seiner faszinierenden Geschichte der Anti-Raucher-Bewegung, Velvet Glove, Iron Fist, beschreibt Christopher Snowdon die größeren Zusammenhänge der Hexenjagd auf Kabat und Enstrom. Er zeigt, wie die Kampagnen gegen das Passivrauchen in den 70er-Jahren begannen, lange bevor es erste Studien zum Thema gab. Die Aussage eines frühen Aktivisten: „Wir warten nur darauf, dass uns die Wissenschaft bestätigt, was wir bereits wissen“, verdeutlicht die untergeordnete Rolle der Wissenschaft in der Kampagne gegen das Rauchen. Snowdon zeigt auch, dass diese immer massiver und einflussreicher wurde, die wissenschaftliche Beweislage hingegen immer schwächer. Obwohl große Studien in den 90er-Jahren „jenen, die Augen haben zu sehen, zeigten, dass die Theorie des Passivrauchens entzaubert ist“, ging die Kampagne ungeachtet dieser Erkenntnisse munter weiter.

Snowdon liefert unterhaltsame Beispiele der grotesken Behauptungen von Gegnern des Rauchens – etwa, dass Passivrauchen auch Krankheiten, wie zum Beispiel Brustkrebs, verursache, die noch nicht einmal mit aktivem Rauchen in Verbindung gebracht wurden. Von Helena in Montana bis Glasgow in Schottland wird ein dramatischer Rückgang der Sterblichkeit in der Folge von Rauchverboten berichtet. Doch solche Behauptungen lösen sich bei näherer Prüfung (wie sie von den gläubigen Medien jedoch kaum angestellt wird) in nichts auf. Objektivere Berichte verweisen auf einen Anstieg des Rauchens seit der Einführung der Verbote – insbesondere bei jüngeren Menschen. Snowdon zitiert aus einem Leitartikel der Wissenschaftszeitschrift New Scientist, dass die Anti-Raucher-Kampagne an eine Grenze gestoßen sei. In Hinblick auf die neuerdings auch noch propagierte Idee des „third-hand smoke“ – der Vorstellung, dass giftige Rückstände in Form von Partikeln von Opfern des Passivrauchens noch an Dritte weiter übertragen werden (und deshalb auch zu Hause, am Arbeitsplatz oder im Auto das Rauchen verboten werden müsse) – wurden Aktivisten kritisiert, da sie „die Fakten verdrehen, um ihrer Sache zu dienen“. Der Artikel kam zu dem Schluss, dass schlechte Wissenschaft auch nicht für einen guten Zweck gerechtfertigt werden könne.

Doch wie Snowdon beobachtet, ist die wahre Botschaft dieser Studie, dass man sich nicht mehr darauf verlassen kann, dass die „Gesundheitsbehörden korrekte medizinische Informationen und Beratung geben und die Bevölkerung nicht absichtlich in die Irre führen, um zu versuchen, das Verhalten der Menschen zu dirigieren. Das ist der tatsächliche Schaden, der durch die Übernahme des zynischen Moralismus der Anti-Raucher-Aktivisten entsteht.