01.03.2010

Die Entmystifizierung einer Ideologie

Rezension von Philip Hammond

In seinem neuen Buch Hollow Hegemony: Rethinking Global Politics, Power and Resistance zeigt David Chandler unter Rückgriff auf Marx und Engels, dass die Konzentration der politischen Klasse auf Ethik und „globale Politik“ Ausdruck ihrer politischen Schwäche und Isolation ist.

Heute werden alle wichtigen Themen in Begriffen „globaler“ Politik diskutiert. Unabhängig davon, ob es um Umweltschutz, Terrorismus, die Wirtschaftskrise oder Pandemien geht, sagt man uns, globale Probleme bräuchten globale Lösungen. Scheinbar entwerfen die Politiker zwar eine ambitionierte Agenda – Ende der Armut, neue Weltordnung, Rettung des Planeten –, aber sie lehnen die Übernahme von Verantwortung ab. Man versteht „globale“ Probleme per definitionem als der Kontrolle nationaler Regierungen entzogen. Die Politiker übernehmen keineswegs die Verantwortung, sondern stellen sich lieber als entmachtet dar; anstatt sich als Führungspersönlichkeiten zu geben, gerieren sie sich eher wie Aktivisten, die für irgendeine Sache „Bewusstsein schaffen wollen“. Auf seiner letztjährigen Europareise durch die europäischen Außenministerien befleißigte sich etwa der britische Außenminister David Miliband einer „kraftvollen Klimawandel-Metaphorik zur Bündelung der Aufmerksamkeit der Zuständigen“, als wenn er selbst keineswegs einer dieser „Zuständigen“, sondern eher ein Greenpeace-Aktivist wäre.(1)

Bisher wurde kaum in Zweifel gezogen, dass Politik heute nur noch in „globalen“ Begriffen zu verstehen sei. In den 90er-Jahren begrüßten es liberale kosmopolitische Theoretiker, dass die westlichen Regierungen auf der internationalen Bühne eher unter ethischen Gesichtspunkten agieren wollten, denn sie sahen darin ein Anzeichen dafür, dass der Einfluss beschränkter nationaler Interessenpolitik zurückgehe. In den letzten Jahren aber hinterfragten radikalere Kritiker den wertbestimmten Ansatz zunehmend, insofern dieser die Machtverhältnisse eher zu stützen als zu untergraben schien. Aber sie blieben bei der Prämisse einer global gewordenen Politik, die in der Form des neoliberalen Imperiums auftrete. Die liberalen Verfechter des ethischen Interventionismus sahen sich als Herolde der „globalen Zivilgesellschaft“ von morgen, und die Radikaleren unter ihnen bildeten sich ein, die Avantgarde des aufkeimenden „globalen Widerstands“ zu sein, der den Willen der Masse artikuliere.

In Hollow Hegemony erschüttert David Chandler diesen Konsens und entmystifiziert die „Ideologie des Globalen”. Die übliche Meinung, unaufhaltbare globale Kräfte hätten die „territorial gebundene“ nationale Politik untergraben, ist seiner Ansicht nach eine Verdrehung der Tatsachen. In Wirklichkeit habe vielmehr das Ende des etablierten politischen Rahmens von links und rechts den innenpolitischen Prozess ausgehöhlt und entleert. Die Eliten verfügten nicht mehr über ein zukunftsweisendes Projekt, mit dem sie in der eigenen Gesellschaft für Kohärenz sorgen können, daher seien sie innenpolitisch auf technischen Managerismus und außenpolitisch auf die fantastische Projektion abstrakter „Werte“ reduziert. Die globalisierte Politik ist für Chandler keineswegs die großgeschriebene Variante der kollektiven politischen Auseinandersetzung auf nationaler Ebene, sondern vielmehr Ausdruck des derzeitigen Fehlens eines solchen Engagements.

Laut Chandler reflektiert das heutige Gerede von globaler Politik durchaus unsere praktische Erfahrung, denn ist die Politik erst einmal globalisiert, dann schrumpfen Raum und Zeit tatsächlich zusammen und werden scheinbar bedeutungslos. So gelten etwa die Wahl des Kaffees im Supermarkt oder das Tragen eines bestimmten Armbands als Solidaritätsbekundungen. Diesen Anschein politischen Engagements dürfen wir jedoch keineswegs unhinterfragt akzeptieren. Solche Selbstbezüglichkeiten sind alles andere als in die Außenwelt gerichtete kollektive Organisationsversuche und Handlungen. Stattdessen wird die Schaffung von Bewusstsein als Ziel des politischen Widerstands zunehmend zum Selbstzweck. Die vorherrschenden Ideen über globale Politik sind als Ideologie zu charakterisieren, denn sie verkehren das Verhältnis von Ursache und Wirkung; sie naturalisieren und objektivieren den ökonomischen und technologischen Wandel und stellen ihn damit als unaufhaltsame externe Kraft dar, die die politische Reaktion der Subjekte determiniert. Das Phänomen der Politik des Globalen erhält laut Chandler vielmehr dadurch Auftrieb, dass ein gemeinsames soziales und politisches Engagement fehlt.

Chandler entwickelt dieses Argument unter Rückgriff auf das in den Jahren 1845/46 entstandene Werk Die deutsche Ideologie von Karl Marx und Friedrich Engels, das die Krise der politischen Subjektivität des Bürgertums in Deutschland zu Anfang des 19. Jahrhunderts analysiert. „Im dem deutlich anderen Kontext der post-politischen Welt unserer Tage“, so Chandler, „stellen sich die gleichen Fragen bezüglich der Fähigkeit der regierenden Eliten, Kohärenz zu schaffen und durch klare Entwürfe politische Autorität zu verkörpern“. Heute wie damals ist die „Flucht zu Ethik und Werten ... Ausdruck der Schwäche und Unfähigkeit der politischen Klasse“. Aber Chandler geht über das Aufweisen interessanter historischer Parallelen hinaus. Er übernimmt die analytische Methode von Marx und demonstriert ihren erheblichen Vorteil im Vergleich zum zeitgenössischen Denken über „globale“ Politik.

Es „wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen ..., um von dort aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen“, schrieben Marx und Engels und kontrastierten ihren Ansatz so mit der philosophischen Tradition des deutschen Idealismus. Es „wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozess auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt“.(2) Mit ebendiesem Ansatz charakterisiert Hollow Hegemony den Aufstieg der Ideologie des Globalen in der Theorie internationaler Beziehungen, in der politischen Diskussion und im politischen Handeln; er zeigt ihre intellektuellen Schwächen auf und erläutert, welche realen Bedingungen es ermöglichten, dass sie plausibel und attraktiv erschien.

Laut Chandler entstand die Idee einer Politik des Globalen als Folge der Niederlage und Marginalisierung der Linken in den 80er-Jahren. Die Liberalen fanden in der Zelebrierung der „Anti-Politik“ und im Zivilgesellschaftsaktivismus der Ostblock-Dissidenten eine Möglichkeit, scheinbar kritisch zu sein, ohne sich massenpolitisch engagieren zu müssen; sie feierten das individuelle Bewusstsein und verzichteten darauf, Gefolgschaft für ein breiteres politisches Programm zu suchen. In den 90er-Jahren konnte ihre Idee deswegen zum Mainstream werden, weil ihr ethisch bestimmter Ansatz den Eliten die Möglichkeit bot, sich um die Behauptung einer kohärenten politischen Vision herumzudrücken. Für die postmarxistischen Radikalen stellte sich der Fokus auf die „Subalternen“ und die Zelebrierung der Differenz als Kritik aller Formen von Macht überhaupt dar; tatsächlich handelte es sich aber auch hier lediglich um einen Ausdruck der zugrunde liegenden Ernüchterung bezüglich der Massen.

Chandler geht des Weiteren davon aus, dass die Ideen der Radikalen „zum gleichen Zeitpunkt ‚globalisiert‘ [wurden], als ihr politischer Horizont zunehmend enger wurde und sie sich von einem instrumentellen oder strategischen Engagement in der Außenwelt verabschiedeten“. Der mit der Arbeit von Chandler vertraute Leser kennt ihn als langjährigen Kritiker kosmopolitischer Theorien der „globalen Zivilgesellschaft“. Der liberale Kosmopolitismus, der als kritische Perspektive auf die internationalen Beziehungen intendiert war, geriet in den Jahren zwischen dem Kosovokonflikt von 1999 und der Invasion im Irak von 2003 ins Wanken, denn es stellte sich zunehmend heraus, dass die ethischen Ansprüche instrumentalisiert wurden, um aggressive westliche Interventionen zu legitimieren. Aber Hollow Hegemony wirft auch einen Blick auf die radikalen Alternativen, die in den letzten zehn Jahren an Boden gewonnen haben. Der für das Buch zentrale Begriff der „hohlen Hegemonie“ richtet sich vor allem gegen diejenigen modischen Kritiken, die ein selbstbewusstes und kohärentes Imperium zu sehen meinen, obwohl die Verwirrung und Konfusion des Westens im Irak, in Afghanistan und sonstwo offensichtlich ist.

Chandler untersucht verschiedene Bereiche der internationalen Politik des Westens – Sicherheit, Entwicklung und State-building –, wobei er sich nicht auf die Rhetorik, sondern vielmehr auf die politischen Akteure selbst konzentriert. Das Fehlen einer kohärenten politischen Vision bedeutet für die westlichen Politiker und Politstrategen eine Transformation ihrer Beziehung zur Macht, derzufolge sie diese eher „als ein ‚Risiko‘ oder als Ursache potenzieller Peinlichkeiten, aber nicht als Gelegenheit erfahren“. Für Chandler ist die politische Rhetorik nur im Zusammenhang mit diesen Umständen zu verstehen, die es den Eliten erschweren, über politisches Handeln in Begriffen strategischer Handlungsversuche nachzudenken, mit denen die Welt im Sinne klarer Interessen und Überzeugungen umgestaltet werden soll.

So suggeriert der Begriff „menschliche Sicherheit“ etwa, der Politik des Westens müsse es um die Ermächtigung globaler anderer und keineswegs um die Interessen des Nationalstaats gehen. Was den oberflächlichen Diskurses über menschliche Sicherheit betrifft, so befürworten die Kosmopoliten diese als Teil eines ethischen, wertbasierten Ansatzes, während die Radikalen ihn als Disziplinarmechanismus globaler Kontrolle verurteilen. Laut Chandler muss die Agenda menschlicher Sicherheit aber als Reflex des ad hoc erfolgenden und reaktiven Verhaltens desorientierter westlicher Eliten verstanden werden. In Ermangelung klarer Feindbilder und Interessenkonflikte der Vergangenheit wird praktisch alles als potenzielle Bedrohung abgesichert; und das ist Ausdruck einer „Suche nach einer politischen Agenda, aber es ist keineswegs eine strategische Manipulation“. Tatsächlich macht der Diskurs der menschlichen Sicherheit es leichter, die Verantwortung zu umgehen, denn er rationalisiert die Schwierigkeit, zu einer klaren Strategie zu kommen, dahingehend, dass es in einer vernetzten Welt sinnlos sei, die eine Bedrohung gegenüber einer anderen zu priorisieren.

Hollow Hegemony ist ein wichtiges Buch, das einen hoch entwickelten und kraftvollen Rahmen für das Verständnis der zeitgenössischen internationalen Politik bietet. In einer Zeit, in der die Kommentatoren Chaos und Verwirrung der westlichen Politik fälschlicherweise als Maßnahmen zur Vertuschung des großen Plans zur Erlangung der weltweiten Vorherrschaft interpretieren wollen, enthüllt Chandler das Loch im Herzen der westlichen Hegemonie, und er zeigt die fehlende Zielsetzung der Eliten sowie deren Zurückweisung der Verantwortung. Die Herausforderung für uns besteht seiner Ansicht nach in der Möglichkeit, das wirkliche politische Handeln zurückzugewinnen, indem wir uns von der leeren Ideologie des Globalen befreien.