01.04.2010

Ist die Natur fortschrittlich?

Essay von Josef H. Reichholf

Wer sich auf die Natur beruft, muss akzeptieren, dass sie so ist, wie sie ist, und nicht, wie man sie sich wünscht. Von Josef H. Reichholf

Fortschritt – Notwendigkeit oder Illusion? Kaum ein Konzept unserer Zeit ist so umstritten wie dieses. Die Gegner halten einander für kurzsichtig, dogmatisch oder naiv. Blinder Fortschrittsglaube wird genauso angeprangert wie die Ewiggestrigen, die mit keiner noch so kleinen Veränderung zurechtkommen. Die einen wollen weiterkommen, für die anderen soll alles so bleiben, wie es ist, oder besser noch, es soll wieder werden, wie es einstmals war. Lebenseinstellungen und Weltanschauungen prallen unversöhnlich aufeinander. Gebt der einen Seite ihren Fortschritt und lasst die andere in Ruhe, möchte man salomonisch sagen. Wenn das nur ginge. Ein weise urteilender Vermittler wäre wünschenswert, auch wenn Vermittler, ihrer Aufgabe gemäß, nicht alle Wünsche erfüllen können.

Wo sich Widerstände gegen Neuerungen aufbauen, wird häufig „die Natur“ zur Begründung herangezogen. An ihrem Schutz, an der Erhaltung ihrer Funktionsfähigkeit ist ja allen gelegen, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß. Aber immerhin. Die Natur, insbesondere ihr „Haushalt“, liefert Argumente, die in Auseinandersetzungen um den Fortschritt Gewicht haben. Sie wiegen zunehmend schwerer in unserer ökologisierten Gesellschaft. Richten wir daher die Frage nach dem Fortschritt an sie. Die Natur ist das erfolgreichste und fortschrittlichste „Unternehmen“ überhaupt. Seit Jahrmilliarden hat es sich bewährt. Alle Krisen hat die Natur gemeistert. Zudem verhält sie sich sie absolut neutral. Denn nicht einmal an unserer Anfrage ist sie interessiert, weil es „sie“ als Person nicht gibt. Wir haben daher keine hintersinnigen Orakelsprüche der Erdmutter „Gaia“ zu erwarten, wenn wir folgende Fragen stellen:

„Gibt es den Fortschritt in der Natur? Wohin führt er? Wer oder was treibt den Fortschritt an? Entspringt er einem sparsamen Umgang mit den Ressourcen? Sind es Zwänge? Oder Freiheiten für Neues? Geht der Fortschritt von kleinen Gruppen oder von großen Massen aus? Welche Rolle spielen Mangel und Überfluss für die Entwicklung? Richtet sich der Fortschritt an den Erfordernissen der Zukunft aus?“

Antworten auf diese Fragen können zwei Wissenschaften geben, die miteinander verzahnt, aber dennoch nicht deckungsgleich sind: die wissenschaftliche (nicht die esoterisch-pseudoreligiös zu einer Weltanschauung umfunktionierte) Ökologie und die Evolutionsforschung. Die Ökologie arbeitet auf der Bühne der Gegenwart. Die Evolutionsforschung bezieht die Zeit mit ein, lange Zeiten, besser gesagt. Damit relativiert sie die Gegenwart als das, was sie tatsächlich ist, nämlich ein kurzes Durchgangsstadium im großen Fluss der Zeit. Und sie ist alles andere als stabil. Denn alles fließt, und nichts bleibt so, wie es (gerade) ist. Das wussten schon die alten Griechen und auch die Weisen des alten China, wenn nicht schon viele Menschen vor ihnen, von denen kein schriftliches Zeugnis vorhanden ist. Dass wir gegenwärtig wieder so tun, als ob Beständigkeit herrschen müsse und wir uns gegen die Zeit stemmen könnten, mag mit dem geschichtslos gewordenen Denken und dem kindlich-naiven Wunsch zusammenhängen, dem Augenblick Dauer zu verleihen. Nur weil wir ihn so und nicht anders kennen. Sogar manche Ökologen tun sich offenbar schwer, ihr Betätigungsfeld als Bühne der Zeit zu verstehen, auf der letztlich doch nichts so bleiben wird, wie es gerade ist. Der Durchbruch zum Denken in Veränderungen kam mit Charles Darwin in unserem westlichen Kulturkreis. Vor 150 Jahren löste er die starre Sicht einer vorgegebenen, unveränderlichen Schöpfung und der somit von Gott so gewollten Ordnung mit seiner dynamischen, zeitbedingten Sicht auf das Leben ab. Wir nennen den Vorgang nun Evolution und meinen damit nicht nur die kurzzeitige Entwicklung, sondern eine langzeitliche Entwicklungsgeschichte.

Die Geschichte des Lebens führt uns die Evolution als eine unablässige Folge von Fortschritten vor Augen. Aus Altem ist Neues und aus diesem noch Neueres hervorgegangen. Alles hat tiefere Geschichte. Sie reicht zurück bis zu den Wurzeln des Lebens, bis zu seinem Anfang. Diesen Anfang bildeten einfachste, mitunter kaum als solche zu erkennende Lebensformen. Wie sie aus nicht lebendiger Materie entstanden sind, stellt gegenwärtig eines der spannendsten Forschungsgebiete dar. Gearbeitet wird daran in vielen Labors. Noch lässt sich nicht absehen, wie die Anfänge wirklich zustande gekommen sind. Noch ist künstliches Leben nicht machbar. Aber das war zu Darwins Zeit auch so. Vom Vorgang der Vererbung hatte niemand eine konkrete Vorstellung. Auch Darwin nicht. Man wusste nur, dass es sie gibt, kannte aber weder die Gene noch ihre Träger, die Chromosomen. Klar war nur, dass es so etwas geben musste. Sonst hätte das Züchten von Haustieren und Pflanzen nicht funktioniert. Erst seit wenigen Jahren liegt nun eine vollständige Erfassung des Erbgutes von Menschen und einigen anderen Lebewesen vor. Noch vor 20 Jahren war die Kartierung des Genoms ein zwar realistischer, aber noch nicht realisierbarer Wunsch gewesen. Vor 50 Jahren hätte man sich nicht einmal vorstellen können, dass es nur ein halbes Menschenleben später eine Gentechnik geben würde, die in unterschiedlichsten Lebewesen Eigenschaften ein- und umsetzt. Fast nach Belieben ginge das, wenn es die Einschränkungen seitens der Gesellschaft nicht geben würde.

Rasend schnell kommen neue Kenntnisse auf uns zu. Die Forschungen zeigen, dass es große Veränderungen im Verlauf der Evolution gegeben hat. Wir verstehen auch, wie diese Fortschritte zustande kamen. Es waren offenbar nicht allein Zwänge der Umwelt, auf die mit Anpassungen seitens der Lebewesen reagiert wurde. Neue Freiheiten, die sich eröffneten, trieben den Prozess der Evolution viel stärker voran. Das Leben machte sich selbstständig. Immer stärker löste es sich von der nicht lebendigen Umwelt. Pflanzen kamen aus dem Meer aufs Land. Es entwickelten sich Bäume, die Wälder bildeten und so sehr wucherten, dass aus ihren Überresten die gewaltigen Lager von Kohle und Erdöl entstanden. Weit entfernt, ein geschlossener Kreislauf zu sein, häuften sich die Überschüsse als Abfall über viele Millionen Jahre lang an. Auch im Meer entstand nicht weiter genutzter organischer Abfall in so großem Ausmaß, dass sich nicht nur neue Erdöllager bildeten, sondern dass durch Bewegungen der Kontinentalplatten riesige Gebirge aus den Überresten der Lebewesen aufgetürmt wurden. Mit dem Zusammenschluss zu Wäldern schufen sich die Bäume ein eigenes Klima. Dank der Entwicklung von Beinen lernten die Tiere laufen und später mithilfe von Flügeln das Fliegen.
Immer größer, immer schneller, immer effizienter, so lassen sich die großen Trends in der Evolution zusammenfassen. Hinzu kam ein immer cleverer Umgang mit der Umwelt durch die Entwicklung leistungsfähiger Sinnesorgane und Gehirne. Beständig wurde Neues zum Alten, weil Neueres, Besseres, daraus hervorging. Wer nicht mitmachte, fiel zurück und starb aus.

Mehr als 98 Prozent aller bisher entstandenen Lebensformen traf das Schicksal des Aussterbens. Sie taten zwar im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Beste, aber das war nicht gut genug. In der Evolution geht es zu wie im „Wunderland“ von Lewis Carroll. Dort erklärt die Rote Königin der keuchenden Alice: „In unserem Land musst du laufen, um auf der Stelle zu bleiben, und noch schneller laufen, um voranzukommen.“ Evolution könnte kaum treffender ausgedrückt werden. Wer auf dem Erreichten verharrt, fällt unweigerlich zurück und stirbt aus. Überleben erfordert mehr als nur „leben“. Ein viel höherer Einsatz ist nötig. Der Fortschritt ist überlebensnotwendig. Wer den Einsatz dafür nicht zu leisten bereit ist, wird zu den Verlierern gehören. Das ist die erste Lektion der Evolution.

Doch dem Fortschritt in der Evolution ist kein Ziel vorgegeben. Nur rückblickend können wir ihre oftmals höchst verschlungenen Wege rekonstruieren. Wie in der Menschheitsgeschichte auch. Die Historie kommt aus den verschiedensten Ursachen, Hintergründen und Anlässen zustande. Sie hat „Zusammenhang“, Kontingenz. Aber kein vorgegebenes Ziel, so sehr sich die Mächtigen immer wieder um ein solches bemüht haben. Viele, sehr viele Zweige des Lebens sind abgestorben. Zu keinem Zeitpunkt hätte sich vorhersagen lassen, welcher den Erfolg bringen würde. Die Zukunft war und blieb offen. Der Preis für diese Freiheit steckt im Aussterben. Es sind die auf der Strecke des Lebens zurückgebliebenen Toten, die der Evolution Richtung gegeben haben. Die ungenutzten Alternativen bedeuteten nichts, weil sie nicht wahrgenommen worden sind. Darin steckt die zweite Lektion der Evolution. Die Lebewesen versuchten einfach alles ihnen Mögliche. Wohin das führen würde, blieb ihnen – wie auch uns, die wir in die Zukunft schauen möchten – verborgen. Über all die vielen Sackgassen und gescheiterten Entwicklungslinien hebt sich aus dem allgemeinen Verlauf der Evolution nur ein einziges Erfolgsprinzip hervor: Die Organismen überlebten desto besser, je autonomer, je weniger abhängig von ihrer Umwelt sie geworden waren. Emanzipation des Lebens von der Umwelt kann man dieses Erfolgsprinzip nennen.

Zugrunde liegt dieser Verselbstständigung des Lebens eine zunehmende Steigerung des Ein- und Umsatzes von Energie. Denn es ist die Energie, welche die Abhängigkeit von der Umwelt vermindert, und nichts anderes. Die beste innere Organisation nützt wenig, wenn die Maschinerie des Lebens nicht richtig auf Touren läuft. Deshalb stimmt es nicht, dass die Natur „sparsam“ sei oder sein müsse. Zur Sparsamkeit zwingen die Umstände, nicht das Prinzip. Im Gegenteil: Wo immer es möglich ist, zeigt sich das Leben geradezu verschwenderisch; im Einsatz von Energie, in der Fortpflanzung oder im Wachsen und Wuchern, wo Raum, Wasser und Nährstoffe das zulassen.

Bei diesem Wuchern tritt die Konkurrenz als zentrale Triebkraft der Evolution zutage. Am stärksten wirkt sie innerhalb ein und derselben Art, weil die Artgenossen einander am ähnlichsten sind. Neue Individuen können, wenn alle Lebensmöglichkeiten für die betreffende Art schon ausgeschöpft sind, nur hinzukommen, wenn vorhandene weichen. Zwei Möglichkeiten gibt es hierfür. Die eine, die direkte, bedeutet, dass der Schwächere unterliegt und dem Stärkeren Platz machen muss. Darwin bediente sich der griffigen Formulierung von Herbert Spencer und nannte das Ergebnis dieser direkten Konkurrenz „survival of the fittest“. Worin die Stärken oder Schwächen liegen, ist damit zwar nicht gesagt, im Endeffekt aber auch gleichgültig. Die andere Möglichkeit sah Darwin auch, betonte sie aber nicht so sehr. Sie besteht im Ausweichen durch Spezialisierung auf eine andere Form der Umweltnutzung. Zustande kommt dadurch die Vielfalt des Lebens.

Gäbe es nur das „survival of the fittest“, wäre das Leben recht einfach geblieben und bei Weitem nicht so vielfältig geworden. Nur einige Siegertypen hätten überlebt; ein paar Fische im Wasser, einige wenige Baumarten im Wald und vielleicht nicht einmal der Mensch, weil vor ihm schon die Ratten als die Besseren den Sieg davongetragen hätten. So aber ist das Bessere zwar der Feind des Guten, aber nicht notwendigerweise dessen Ende. Vielmehr können aus einer guten Mittelmäßigkeit durch Evolution zahlreiche richtig gute Neue hervorgehen, die, weil ausreichend voneinander getrennt, miteinander auskommen. Die Vielfalt der Menschen ist der lebende Beweis dafür, dass dieses Prinzip auch in unserer Art wirkt. Wir werden in Zukunft keine klonartige Vereinheitlichung auf „den besten Menschen“ befürchten müssen. Die Vielfalt schützt vor zu großer Einheitlichkeit.

Ausweichen durch Spezialisierung schafft zwar Vielfalt, aber nicht unbedingt auch richtig Neues. Die fernen Vorfahren der Vögel hätten das energetisch so aufwendige, verglichen mit dem Laufen fast zehnmal so „teure“ Fliegen nicht erfinden müssen. Sie waren an ihre Umwelt gut angepasst und lebten als Arten Jahrmillionen lang. Hätten sich ihre Vorfahren, kleine Dinosaurier, nur weiter spezialisiert, wären lediglich andersartige Dinosaurier entstanden, aber keine Vögel. Am Anfang der großen Fortschritte in der Evolution, die zu neuen Ordnungen oder Klassen von Lebewesen führten, stand stets die Nutzung ganz neuer Lebensmöglichkeiten. Das war so beim Weg des Lebens aus dem Wasser hinaus aufs Land, bei der Entwicklung der Beine aus Fischflossen oder beim Umbau der Vordergliedmaßen von Echsen zu Flügeln. Die Ausrichtung der Nutzung auf Neues brachte die Fortschritte, nicht das Verharren auf dem Alten unter Minderung des Konkurrenzdrucks durch Spezialisierung. Auslöser war in aller Regel der Überfluss, der nutzbar geworden war, nicht der Mangel, der zu Änderungen zwang.

Wo die wesentlichen Lebensgrundlagen knapp waren, hätte ein freies Experimentieren mit Neuem weit wahrscheinlicher ins Aussterben geführt als in den guten Zeiten des Überflusses. Solange es einen solchen gibt, lässt sich nötigenfalls immer noch auf das Altbewährte zurückgreifen. Unsere Vorfahren machten das nicht anders. Kohle gab es noch genug, als das Öl zur attraktiveren, ergiebigeren Energiequelle aufstieg. Und dieses fließt nach wie vor so reichlich, dass wir es immer noch großenteils verheizen. Zu den bedeutendsten Fortschritten kam es in der Evolution in den guten, nicht in den harten Zeiten. Solche gab es immer wieder. Massensterben von Arten dokumentieren diese Katastrophenzeiten. Es dauerte danach lange, sehr lange, bis neue Entwicklungen in Schwung kamen. So geht es, wenn Fortschrittliches zu lange nicht gewagt wird. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor.

Biologismus ist das, wird man einwenden. Wenn es auch in der Evolution so gewesen sein mag, muss das doch für uns Menschen nicht gelten! Eine solche Kritik trifft in der Tat den Kern: Dass es so ist, heißt nicht, dass es so bleiben muss! Das bisher Erreichte kann gut sein (unserer Einschätzung nach), aber das schließt bessere Lösungen nicht aus. „Evolutionär langsam“ werden sie schon kommen. Die Änderung fällt dann niemandem auf. Doch so lieblich glatt und unmerklich verlief die Evolution nicht. Zu viele Verluste hat sie auf ihrem Weg hinterlassen. Das Neue kommt, ist es erst einmal entstanden, mit Macht und ohne Rücksicht auf die Vorstellungen des Alten. Deshalb sollen die hier kurz skizzierten Antworten auf die Fragen zum evolutionären Fortschritt auch keinen Biologismus rechtfertigen. Vielmehr beziehen sie sich auf die Argumentation jener Fortschrittsgegner, die sich allzu bereitwillig auf die Natur berufen. Doch diese Natur ist nicht so, wie sie meinen oder es sich wünschen. Sie ist nicht statisch, sondern höchst dynamisch. Sie ist kein Paradies, sondern unablässige Auseinandersetzung des Lebens mit sich selbst. Dieses lebt nicht in jenem wohlgeordneten Haus, das eine romantisch gewordene Ökologie nun „Ökosystem“ nennt, das nicht belastet werden soll und keineswegs zerstört werden darf. Die lebendige Natur ist vielmehr ein turbulenter Prozess mit enormem Verschleiß und gewaltigen Verlusten.

Wer Stabilität sucht, braucht bessere Lösungen, als sie das „Haus der Natur“ bietet. Darin zählt der Wandel, nicht der Stillstand. Ergebnis ist die Evolution. Wer sich auf „die Natur“ beruft, muss akzeptieren, dass sie so ist, wie sie ist, und nicht, wie man sie sich wünscht. Sie sollte besser nicht in den Zeugenstand gerufen werden, denn sie gibt keine Gefälligkeitsgutachten ab. Ehrlicher wäre es zuzugeben, worum es den Fortschrittsgegnern meistens geht, nämlich um die persönlich-emotionale Ablehnung von Veränderungen.

Der Fortschritt macht all jenen Angst, die sich seinen Veränderungen nicht mehr gewachsen fühlen. Damit ist nun nicht gemeint, dass alles, was sich als Fortschritt preist, auch vernünftig und gut sein muss. Kritische Distanz ist stets geboten. Von törichter Ablehnung alles Neuen ist sie jedoch genauso weit entfernt wie von blinder Fortschrittsgläubigkeit. Ein letzter Blick auf die Natur weist uns eine Richtung. Aufgeschlossen für Neues und erfolgreich in seiner Erschließung waren und sind in aller Regel die Jungen, nicht die Alten. Es liegt wahrscheinlich an der Überalterung unserer Bevölkerung, dass sie immer zäher am Erreichten hängt und sich mittlerweile fast gegen jede Veränderung sperrt. Als Gesellschaft reagiert sie wie ein Organismus, der sich mit fortschreitendem Alter gegen den unausweichlichen Leistungsabfall zu stemmen versucht und dadurch die Zeit festhalten möchte, die nun allzu schnell verrinnt. Die kindlich-jugendliche Neugier, die Gier nach Neuem, ist dem Altersfremdeln gewichen, das, wie in der frühen Kindheit, alles Unbekannte zunächst zurückweist. Jeder Fortschritt muss dieses Fremdeln überwinden, wenn er gelingen soll. Das Neue wird vorwiegend dort erprobt, wo die Gesellschaft noch jung genug dafür ist – und sich nicht bloß für jugendlich geblieben hält.