01.03.2010

Zur Entstehung eines Jahrhunderts

Kommentar von Alexander Hans Gusovius

Die Finanzkrise vernichtet nicht nur, sondern gebiert auch Werte. Von Alexander Hans Gusovius

Schaut man zurück aufs 20. Jahrhundert, wird rasch deutlich, dass der Erste Weltkrieg so etwas wie der Geburtsmoment dieses nicht nur waffenstarrenden Saeculums war. Sondern nahezu alles, was an Geist und Ungeist in Technik und Kultur, Natur und Wirtschaft das 20. Jahrhundert prägte, hat in den vier Kriegsjahren zwischen 1914 und 1918 Form und Gestalt angenommen: die Nazibewegung wie auch die Öko-Bewegtheit der späten 68er, die im Wandervogel ihren Vorläufer fand und bis auf unsere Tage reicht; eine starke Fixiertheit auf die Belange des menschlichen Körpers; Demokratie und Massenkultur; Internationalismus und Nationalismus; motorisierter Verkehr und Telekommunikation; standeslose Individualität im Rückgriff auf triviale Werte; vor allem aber ideologische Überhöhung.

Vorangegangen war im Jahr 1913 in später viel beschworener Symbolik der Untergang der Titanic. Doch statt eines Jahrhundertmenetekels („Natur besiegt Technik“) kann man darin auch den bloß verpatzten Beginn einer beispiellosen technischen Siegesserie sehen – schließlich befahren inzwischen weitaus größere Touristen-Pötte unfallfrei die Weltmeere, und selbst die Weltraum-Shuttles der NASA haben eine vergleichsweise hohe Erfolgsquote. Alles in allem hat sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts, in Krieg und Krise, also das Rad der Geschichte nur entschieden weitergedreht. Nicht Weltuntergang, sondern neues Blühen ist aus den Stahlgewittern gefolgt. Vieles wurde zerdrückt, zerschossen, zermalmt, etliches aus den zerfallenen alten Werten aber auch förmlich herausgepresst und neu begonnen. Solch elementare, neurotisch eingefärbte Zwangslagen hat es über die Jahrhunderte immer wieder gegeben, meist gingen sie einher mit dem Untergang einer abgelebten und der Geburt einer neuen Welt.

Der Gedanke liegt nahe, den Blick darum auf die Gegenwart zu richten und zu schauen, ob Ähnliches auch heute geschieht oder ansteht. Was zuallererst auffällt, ist, dass das 20. Jahrhundert im Grunde noch fortdauert. Das alte Vehikel klappert zwar an allen Ecken und Kanten, aber es fährt: leider, möchte man sagen. Bräuchte es dazu noch eines sichtbaren Beweises, würde die ideenlose, aktuelle Wiederkehr der scheußlichen 60er-Jahre-Mode des letzten Jahrhunderts allein hinreichen. Es ist aber auch sonst weit und breit nichts bedeutend Neues zu entdecken, nichts, das ins 21. Jahrhundert weist, nicht in Werten, nicht in Worten.

Stellt man den Fernseher an, transportieren Talkshows denselben Wortschmalz wie seit 40 Jahren. Was dort als neu gepriesen wird, ist alles andere als unbekannt und führt meist nur eine Nischenexistenz mitten im Mainstream. In Wahrheit huldigt man bei Kerner, di Lorenzo und Will der totalen Dominanz dialektischer Rituale und Inhalte, ein zynisches Verfahren, das erlaubt, noch den lächerlichsten Jasager umzudeklarieren in einen mutigen Protestler. Damit macht man die wenigen echten Neinsager in der Masse vermeintlicher Neinsager unsichtbar und bewahrt das Publikum zugleich vor dem, was sie an Neuem möglicherweise beizutragen hätten. Und erschafft zum Ausgleich einen Popanz an oppositionellem, ultrarechtem Gedankengut, dessen Schreckensantlitz die trübe eigene Bilanz noch einmal aufpoliert und unhinterfragbar machen soll. Dieser Trick ist aus Diktaturen wohlbekannt und hat nur den einen Nachteil, dass man den Popanz damit ungewollt füttert und hegt. So kommt es in Deutschland, in bezeichnender Wiederkehr der Konstellation des frühen 20. Jahrhunderts, zu einem petrifizierten rechts-links-schematischen Denken, dem die Ultrarechte in seinsimmanenter Blödheit auch noch den Gefallen tut, immer faktischer in Erscheinung zu treten und damit die nahezu völlige Deckungsgleichheit von rechts und links, etwa in Sachen USA und Israel, zu verwischen.

Mitten hinein in diese schöne neue Welt altbekannter, gefährlich geeinter Überzeugungen von aufständischer Demokratie à la Greenpeace, von ausgehöhltem Bürgerrecht à la Verbraucherschutz, von eindimensionaler Zukunftsvision à la Klimapolitik, platzt nun die Finanzkrise. Wen wundert’s, dass rechts und links jedermann umgehend den gleichen Teufel am Werk sieht, dem nun ein für alle Male das Handwerk zu legen sei: dem Finanzhai, dem Großkapitalisten, dem Globalismus. Die Dämonisierung bedient eine viel größere Furcht als die Sorge, die eine oder andere Wohlstandsfixation zu verlieren; mit einem Schlag vermag so eine Krise, wenn sie nicht augenblicklich rhetorisch überladen wird, den gesellschaftlichen Konsens zu zerstören, in dem man sich wohlfühlt wie in Omas Häuschen. Pfeift dort nach jahrelanger Untätigkeit der Wind durch die brüchigen Fensterrahmen, ist daran der windige Schreiner schuld. Wenn er sich auch noch erfrecht, die nötigen neuen Fensterrahmen nicht herzuschenken, macht man ihn zum Spekulanten und zum Träger eines Systems, das man mit ihm zusammen abschaffen muss.

Die einstweilige, halbe Erholung der Finanzwelt lässt hoffen. Nicht darauf, dass der Krisenspuk schon vorüber wäre. Sondern darauf, dass er weitergeht. Denn die Zwischenverbesserung ist ja zu guten Teilen nur eine Folge von Interventionen zum Festzurren der alten Verhältnisse. Die gegenwärtige Krise hat ihren historischen Zweck aber erst dann erfüllt, wenn sie das Alte so weit zermürbt hat, dass neue Ideen, neue Strategien, neue Lebenslagen und -entwürfe zu greifen beginnen. Denn zweifelsfrei ist genau das ihr Sinn: dem im Geburtskanal feststeckenden 21. Jahrhundert zur Geburt zu verhelfen und wehenfördernde neue Impulse zu setzen. Die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht. Und in manchen frühen Momenten dieser Krise zeigt sich tatsächlich bereits das Wesen des zukünftigen Jahrhundert-Erdenbürgers: hellwach, unprätentiös, lösungsorientiert, gelassen.

Das kommende, eigentlich schon angefangene Jahrhundert wird man das Jahrhundert des Pragmatismus nennen können. Es wird eine späte Blüte des angloamerikanischen Denkens und Handelns sein, gepaart mit asiatischem Pragmatismus. Wer darin eine ideenlose, herzenskalte, visionsarme Zukunft sieht, irrt gründlich: Pragmatismus ist eine zutiefst geistige, seelenvolle, sogar leidenschaftliche, notwendig auch altruistische Haltung, die den ganzen Menschen fordert. Anders gesagt hat die Welt die noch andauernde ideologische Überhitzung sämtlicher Lebensbereiche gründlich satt – weshalb sogar der Islamismus als letzter ideologischer Auswuchs keine Chance hat, das 21. Jahrhundert zu dominieren. Was wir hingegen erleben werden und in Ansätzen schon erkennen, ist der zaghafte Einzug eigentlicher Vernunft in die Weltgeschichte. Bis es jedoch ganz und gar so weit ist, müssen erst alle Prinzipienreiter, Übertreiber und Umstürzler rechts und links in Rente gegangen oder als religiöse Irre gestorben sein: also etwa um das Jahr 2040 herum.
In den jüngeren Generationen ist Pragmatismus bereits weit verbreitet. Die ideologisierte, emotionalisierte Überspanntheit ihrer Eltern und Großeltern befremdet dort genau in der Weise, wie einst der Hurra-Patriotismus von Erste-Weltkriegs-Veteranen weltfremd auf die Nachgeborenen wirkte. Interessant ist, in welcher Weise die Krise die neue Haltung schon befördert, während ihre unübersehbaren Folgen für Wohlstand und Abgesichertsein noch mit dem üblichen Wortgedrechsel vernebelt werden. Stillhalten, aussitzen, ignorieren sind die konkreten Mittel, mit denen der Wohlstandskleinbürger versucht, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Genau diese so wortreiche wie faktische Untätigkeit – und nur sie – macht, dass die Ungeheuerlichkeit der Krise einerseits wuchert und andererseits mit sehr viel vernünftigeren Mitteln eingedämmt werden kann, als angesichts der Dämonisierung zu erwarten wäre. In der Summe bedeutet das nichts anderes, als dass nicht die Krise, sondern die Erstarrung den höchsten ideologischen Moment zugleich ausruft und überwindet. Die Krise selber befördert indes alles, was der ideologisierte Mensch des 20. Jahrhunderts verneinte: globalisiertes Denken und Handeln, wertfreie Problemlösung, Entzauberung der Wortführer von Verderben und Untergang.