01.03.2010

Der pädagogische Machbarkeitswahn

Essay von Josef Kraus

Kinder sind in der Regel neugierig genug, um sich das zu holen, was sie brauchen. Ein Widerspruch gegen die Deterministen in der aktuellen Bildungsdiskussion.

Der Mensch als programmierbare Maschine, vom Menschen selbst konstruiert, das ist ein jahrtausendealter Traum, schließlich spielt der Mensch seit Urzeiten gern den Schöpfer seiner selbst. Seit der vorletzten Jahrhundertwende scheint dieser Traum mit einer „objektiven“ Psychologie mehr und mehr Gestalt anzunehmen. Damals nämlich entwickelte Iwan Petrowitsch Pawlow (1849–1936) seine Reflexologie, für die er 1904 den Nobelpreis für Physiologie erhielt. Im Kern besagt seine Theorie, die auf der Basis von Experimenten mit Hunden entwickelt wurde, dass nicht nur Reflexe, sondern auch bewusste Reaktionen „konditioniert“ werden können. Der Mensch kann also bestimmte Voraussetzungen (Konditionen) schaffen, aus denen sich zwangsläufig ein bestimmtes menschliches Verhalten ergibt.

Die amerikanischen Behavioristen folgen Pawlow auf dem Fuße. Allen voran sind dies John Watson (1878–1958) und Burrhus F. Skinner (1904–1994); Letzterer hat mit Walden Two sogar einen Science-Fiction-Roman geschrieben, in dem er seine Vision einer zu Glück und Friedfertigkeit konditionierten Gesellschaft ausbreitet. Anhand von Experimenten mit Ratten, Tauben und Katzen meinten Watson und Skinner darlegen zu können, dass alles Verhalten und Erleben abhängige Variable der unabhängigen Variable „Umwelt“ sei. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wurde vor allem folgender Leitspruch Watsons euphorisch aufgenommen: „Gebt mir zehn Babys, ich mache daraus einen Verbrecher, einen Politiker, einen Musiker ...“ Will sagen: Aus jedem könne durch Konditionierung alles werden, nichts sei angeboren und vererbt.

Dass solche Ideen das Science-Fiction-Genre beflügeln, ist klar. Und es ist gut so, wenn Aldous Huxley in seinem Roman Schöne neue Welt von 1932 die Horrorvision eines „betriebssicheren Systems der Eugenik, darauf berechnet, das Menschenmaterial zu normen“, entwirft (Huxley im Vorwort). In seiner „schönen neuen Welt“ geschieht dies mittels künstlicher Fortpflanzung, mechanischer und chemischer Konditionierung, Suggestionstechniken und Hypnopädie, Indoktrinierung, Befriedigung durch Konsum, Sex und die aphrodisierende Droge Soma.
Solches Gedankengut hat in der Pädagogik trotz der Warnungen Huxleys den naiven Optimismus gezeugt, dass der Mensch von außen her grenzenlos determinierbar sei. Man glaubte, den Nativismus, die Annahme von der genetischen Determiniertheit psychischer und geistiger Dispositionen, niedergerungen zu haben. Mit Pawlows Nachweis der Manipulierbarkeit eines Versuchstiers sind Psychologie und Pädagogik aber im wahrsten Sinn des Wortes „auf den Hund“ gekommen. Die Vorstellung von einem Lernen als „materieller“ Tatsache kommt freilich dem Marxismus-Leninismus mit seinen Machbarkeits-Utopien entgegen.

Schließlich sind die „68er“ von solcher Planungseuphorie maßlos beeindruckt. Friedrich H. Tenbruck dagegen konnte mit seinem Bändchen Zur Kritik der planenden Vernunft (1972) nichts ausrichten. Tenbruck warnte vor dem Glauben, immer mehr über unser Dasein verfügen und mittels Planwirtschaft Glück herstellen zu können. Vor allem sah er mit Sorge, dass das Bildungssystem in einen Zustand der Dauerplanung gestürzt werde, der Planungswahn vor nichts mehr halt mache, der Mensch quasi ein zweites Mal erschaffen und die soziale Wirklichkeit einem „social engineering“ als neuer Heilsreligion unterworfen werden solle. Da verwundert es nicht, dass gerade die Pädagogik anfällig ist für die Vision, das Kind sei als Produkt möglich. Alles könne – die Yellow Press und die Lifestyle-Blätter verkünden es – schließlich perfekt sein: der „perfekte Urlaub“, die „perfekte Figur“, der „perfekte Mitarbeiter“, die „perfekte Ehe“ – und eben das „perfekte Kind“. Dafür tut man in narzisstischer Projektion alles – möglichst schon vor der Geburt des Kindes. Peter Sloterdijk hat hierfür den Begriff „Fötagogik“ erfunden. In seinen Regeln für den Menschenpark (1999) schließt er nicht einmal mehr eine „Anthropotechnologie bis zu einer expliziten Merkmalsplanung“ aus. Der Nachwuchs wird damit verdinglicht und zum „Humankapital“ (Unwort des Jahres 2004), zur „Humanressource“, zu einer verwert- und verfügbaren Ware, zu einem Mittel zum Zweck, zum „Nützling“.

Und so prasseln auf verunsicherte und überehrgeizige Eltern Ratschläge in einer Art und Weise hernieder, wie dies bei Arzneimittelempfehlungen nie und nimmer zulässig wäre: Little-giants-Kindergärten mit integrierten Science-Labs, „Babytuning“, „FasTracKids“, Early Learning Centers für 1000 Euro pro Monat, Luxuskitas, Portfolios und Potenzialanalysen bereits bei Dreijährigen; Checklisten, was ein Kind bis zur Einschulung alles abgehakt haben muss, usw. – auf dass das Kind doch so früh wie möglich fit für den globalen Wettbewerb gemacht werde. Das simple Grundschulenglisch ist einem solchen Beschleunigungswahn entsprungen. Weil man sich in der Schulpädagogik nie irren kann und noch alle Modellversuche zum Erfolg verurteilt waren, will man von diesem frühen Englisch-Immersions-Bad nicht lassen, da mögen noch so seriöse Wissenschaftler belegen, dass „der Effekt des Grundschulenglisch gleich null ist“ (so Wolfgang Klein, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen).

Der Münchner Erziehungswissenschaftler Helmut Zöpfl bringt diesen Wahn auf den Punkt: „Wir wissen nicht mehr, wohin wir wollen, dafür versuchen wir, immer früher anzukommen.“ Politik ist die Kunst des Möglichen, Pädagogik scheint zur Kunst geworden zu sein, Unmögliches zu erwirken. Längst vergessen scheint Karl Poppers Warnung von 1971. Damals hatte er in einem ARD-Streitgespräch mit Herbert Marcuse gewarnt: „Von allen politischen Ideen ist der Wunsch, die Menschen vollkommen und glücklich zu machen, vielleicht am gefährlichsten. Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produzierte stets die Hölle.“

Alles „neuro“ oder was?

Rund 100 Jahre nach Pawlow tritt eine Neurobiologie in Pawlows Fußstapfen. Manche meinen jetzt, die Hirnforschung sei zur „neuen Leitwissenschaft“ jeglicher Bildungsforschung geworden. Mithilfe der Neurobiologie will man rezeptologisch Lernprobleme beseitigen und das Lernen bei allen Zöglingen hocheffizient machen. Weil bald angeblich die letzten Rätsel des menschlichen Gehirns gelüftet seien, sind eine wahre Neuro-Folklore und eine Synapsenpflege-Hysterie ausgebrochen. Früher löste das Präfix „öko“ Begeisterung und Kauflaune aus, heute ist es die Vorsilbe „neuro“. Worterfinder haben daraus bereits eine „Neuropädagogik“ und eine „Neurodidaktik“ gezimmert. Vieles von dem, was „Hirnforscher“ in Vorträgen vor dürstendem Publikum und in hoher Buchauflage unter die Leute bringen, ist jedoch trivial. Oder es sind Allerweltsweisheiten wie etwa, dass Frühförderung sinnvoll ist; dass Lernen umso effektiver ist, je mehr der Lernende über mehrere Lernwege aktiviert ist; dass intelligente Schüler beim Denken weniger Energie verbrauchen als „dumme“.

Besonders häufiger Zitation erfreut sich die These, dass durch das bestehende deutsche Schulsystem die linke, rationale Hirnhälfte permanent überfordert und die rechte Hirnhälfte mit ihren kreativen Potenzialen unterfordert werde. Dieser Hemisphären-Hokuspokus ist allerdings in nichts bewiesen, ebenso wenig wie der in gewissen Sektenkreisen beliebte Mythos, dass der normale Mensch nur einen Bruchteil seiner Hirnkapazitäten nutze. All dies ist bodenloser Quatsch, denn elektrophysiologische und biochemische Messverfahren zeigen, dass es inaktive Bereiche im Gehirn nicht gibt. Die Hirnforschung selbst nährt ihre eigene Überschätzung. So meinen manche ihrer Exponenten, eines Tages erklären zu können, was das Bewusstsein ausmache. Hier sind allerdings Zweifel angebracht. Vergessen wir nicht: Individualität und individuelle Lernbiografie sind schon rein rechnerisch nicht mess- und machbar. Denn ein einzelnes konkretes Individuum hat rund 120 Milliarden Nervenzellen, jede von diesen Nervenzellen interagiert mit bis zu 15.000 anderen Nervenzellen. Die Gesamtzahl der Verbindungen liegt bei rund einer Billiarde (eine 1 mit 15 Nullen). Insgesamt übertrifft diese Zahl die Anzahl der Atome im gesamten Universum. Dazu kommt: Das Gehirn lernt täglich und stündlich hinzu und verändert sich damit wiederum sehr individuell.

Weil der Mensch aber über Billionen an Nervenverbindungen verfügt, ist er nicht unfrei, sondern frei. Hüten wir uns also vor dem Reduktionismus, der Gehirnfunktionen auf Physik und Chemie reduzieren will. So wird es hirnorganisch nie zu erklären sein, was die Neunte von Beethoven oder ein Gemälde von Caspar David Friedrich zu besonderen Erlebnissen macht. Der Glaube aber gerade der Bildungspolitik, mithilfe der Hirnforschung ein Bildungssystem zu ungeahnten Höhen führen zu können, ist Aber- und Wunderglaube zugleich. Die Lernforscherin Elsbeth Stern hat diesen Versuch mit dem Plan verglichen, mittels einer neurophysiologischen Beschreibung von Hunger die Unterernährung in der Welt zu bekämpfen. Einen neuropädagogisch konstruierten Nürnberger Trichter nach dem Vorbild des poetischen Nürnberger Trichters der Barockliteratur wird es – gottlob – nicht geben. In den allermeisten Fällen ist das, was die Neurobiologie liefert, nicht mehr und nicht weniger als die Bestätigung von Erfahrungen von Millionen Pädagogen, die diese ohne Elektroencephalografie (EEG), funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT), Magnetic Resonance Imaging (MRI) oder Positronen-Emissions-Tomografie (PET) gewonnen hatten.

Wir sollten trotzdem nicht übersehen, dass Lernen primär immer schon mit dem Hirn und sekundär mit „Sitzfleisch“ zu tun hatte. Und es hat mit altersgemäßer Anregung zu tun. Je vielfältiger diese Anregungen sind, desto komplexere neuronale Strukturen bilden sich. Mit anderen Worten: Zu Beginn des Lebens werden im Überschuss synaptische Kontakte hergestellt, doch nur solche, die gebraucht werden, bleiben, indem sie sich strukturieren. Jede Wahrnehmung veranlasst das Gehirn zugleich, das Gedächtnis nach Informationen zu durchsuchen, die zur aktuellen Wahrnehmung passen. Laufen Signale immer wieder mit demselben Muster ein, dann senkt die empfangende Zelle ihre Empfindlichkeit und damit Empfänglichkeit. Es gilt also, was schon die Römer wussten: „repetitio est mater studiorum“ (frei übersetzt: Das Wiederholen ist die Mutter des Lernerfolgs).

Wichtig: adäquate Anreize

Es ist allerdings nutzlos und womöglich sogar schädlich, Kindern Lernreize anzubieten, die sie nicht adäquat verarbeiten können, weil etwa die entsprechenden neuronalen „Zeitfenster“ (noch) nicht (oder nicht mehr) offen sind. Es sollte demnach ausreichen, wenn Eltern und Erzieher darauf achten, wofür sich das Kind jeweils interessiert. Kinder sind in der Regel neugierig genug, um sich das zu holen, was sie brauchen. Entscheidend ist aber nicht, was Eltern wollen, sondern was das Kind will und braucht. Dabei ist alles ganz einfach, wenn auch vielleicht nicht so einfach, wie es der US-amerikanische Neurobiologe Steve Petersen darstellte: „Ziehen Sie Ihr Kind nicht in einem Schrank auf, lassen Sie es nicht verhungern, und schlagen Sie ihm nicht mit der Bratpfanne auf den Kopf.“

Natürlich will das Gehirn gefordert sein – das gelingt aber am besten, wenn man an das anknüpft, was es schon weiß. Das bereits vorhandene Wissen stellt quasi ein Netzwerk für Neues dar. Wenn man also eine solide Erfahrungs- und Wissensbasis hat, dann ist das die Grundlage für deren Erweiterung und Aktualisierung. Je mehr man weiß, desto leichter eignet man sich Neues an. Und vor allem: Das Lernen wird immer klug geplant sein müssen und nur unter Zufuhr von Energie (sprich: Zeit und Anstrengung) erfolgen können. Wer dem Menschen solches ersparen möchte, der müsste in ihn hineinmanipulieren. So ganz weit weg sind wir nicht mehr davon. Erst Ende 2008 haben Autoren des Fachblatts Nature die Freigabe von „cognitive-enhancing drugs“ gefordert. Das sind Mittel, die das Erinnerungsvermögen und die Vigilanz fördern. Als „cognitive enhancers“ sind jetzt schon bei Gesunden (!) – auch im Kindesalter – in Gebrauch: Ritalin, eigentlich ein Medikament gegen das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS); Donepezil, eigentlich ein Medikament gegen den Morbus Alzheimer; Provogil, eigentlich ein Medikament gegen Narkolepsie. Die Umsätze der Hersteller sind weitaus größer, als es aufgrund gezielter Medikation gerechtfertigt wäre.

Damit verbreitet sich hier etwas wie bei den massenhaften sogenannten Schönheitsoperationen: Man greift in einen gesunden Körper ein, weil man einen Turbo-Menschen schaffen möchte. Auf dem Reißbrett war er immer schon da, jetzt gibt es dafür mehr und mehr die technischen Möglichkeiten der Umsetzung. Bertolt Brechts Dreigroschenoper wäre also zumindest in einer Passage neu zu fassen, wo er nämlich deklamiert: „Ja mach nur einen Plan / Sei nur ein großes Licht / Und mach dann noch nen zweiten Plan / Gehen tun sie beide nicht.“ Da war Brecht ziemlich ahnungslos. Auf dem Reißbrett ist der neue Mensch wieder einmal da, denn Pläne scheinen immer zu „gehen“.