25.02.2010

Es war eine Revolution, und wir waren mittendrin

Kommentar von Joachim Schiemann

Eine Erinnerung an den Herbst 1989 im ostdeutschen Halberstadt und daran, was aus der Revolution hätte werden können.

Eine Rundfunkredakteurin vergleicht die Stimmung bei der Amtseinführung von Präsident Obama mit der Aufbruchstimmung in Ostdeutschland im Herbst 1989. Ja, die Bilder im Fernsehen vermitteln den gleichen Eindruck – aus der Verzweiflung heraus erwachsen Hoffnung, Hochstimmung und Zusammengehörigkeitsgefühl, die eine ganze Nation ergreifen. Hätte doch damals im Herbst ’89 unsere Aufbruchstimmung unsere ganze Nation ergriffen und wäre nicht durch Arroganz, Besserwisserei und politisches Kalkül erstickt worden! Wie hätten die gewaltigen Potenziale, die damals aus den Ostdeutschen hervorbrachen, für das Wohl ganz Deutschlands genutzt werden können? Ich spüre noch die Enttäuschung und Wut aus der Zeit des Abschwungs, das generöse Schulterklopfen: „Habt ihr fein gemacht, aber jetzt zeigen wir euch mal, wo’s langgeht.“

Aber viel intensiver spüre ich die Mischung aus Angst und Mut, Verzweiflung und Aufbegehren, Frustration und Hoffnung der Wendezeit, die Glücksgefühle beim ersten Gebet für unser Land in der Martinikirche, bei der ersten nicht staatlich verordneten Demonstration durch Halberstadt. Erinnere mich an die Zeit, wo man so vielen Menschen tief ins Herz sehen konnte und wo bei so vielen Menschen ein Ruck durchs Kreuz ging und sie wieder aufrecht gehen konnten. Ja, es war eine Revolution, und wir waren mittendrin! Ich habe keine Zeit in meinem Leben so intensiv erlebt wie den Herbst ’89. Aber in der Erinnerung hat er auch seine Vor- und Nachgeschichte. Wann habe ich meine Angst überwunden und weitere Anpassungsrituale abgelehnt? Wann die Wende emotional aufgearbeitet? Ich möchte den Bogen spannen von meinem Eintritt in den Gemeindekirchenrat der Stadt- und Domgemeinde bis zum Film „Das Leben der Anderen“ und einige Episoden herausgreifen, die dazwischen liegen.

Ein paar Jahre vor der Wende traten Freunde mit der Bitte an mich heran, für den Gemeindekirchenrat zu kandidieren. Ich war Wissenschaftler in einem Institut der Akademie der Wissenschaften, ohne Partei-, Kampfgruppen- und sonstige Zugehörigkeiten. Immer lebte ich in der Hoffnung, eines Tages doch reisen zu dürfen und damit wissenschaftlich produktiv sein zu können, weshalb ich mich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnte. Nach drei schlaflosen Nächten dann die Entscheidung – ja, ich kandidiere. Und das Gefühl, damit zu demonstrieren: Ihr könnt mich mal, Bonzenpack. Ich empfand eine unendliche Befreiung.

1989. Wir sitzen in der Sakristei der Martinikirche und hören das aufgezeichnete Radiointerview mit Jens Reich, diskutieren die Gründung des Neuen Forums in Halberstadt. Ich fühle mich wie Mio und Jum Jum in Astrid Lindgrens Mio, mein Mio, in der schützenden Erdhöhle sitzend, und die Häscher Ritter Katos schleichen draußen herum. Peter Hinz strahlt eine Ruhe und Entschlossenheit aus, die uns alle ansteckt. Yes, we can. Wie viel Großartiges steckt doch in einem Menschen. Menschen finden ihre Sprache wieder, sie suchen stockend nach Worten, es bricht aus ihnen heraus – die Angst, die Verzweiflung, die Wut der letzten Jahre. Wie viele Menschen passen auf einen Quadratmeter? Trotzdem kein Geschiebe oder Gedrängel, kein Unmut – Freundlichkeit, gegenseitige Achtung, die Spannung entlädt sich immer wieder im gemeinsamen Gesang in der Martinikirche. „Herr, gib uns Deinen Frieden.“ Auch die Zwischenrufe der Stasi-Provokateure gehen unter.

Unsere Töchter Birgit und Anke sind immer mit eingebunden und genießen die Aktionen, die Aufregung, die Treffen mit Freunden und deren gleichaltrigen Kindern. Bei der ersten Demonstration in Halberstadt nicht, diesmal müssen sie zu Hause bleiben. Instruktionen werden erteilt: „Ihr geht zu den Großeltern, wenn wir bis abends nicht zurück sind.“ Die Großeltern sollen am nächsten Tag ins Krankenhaus und zur Polizei gehen und nach uns fragen. Nicht ganz unberechtigt, wie wir später erfahren. Wenn heute einige sagen, dass sie von Anfang an dabei waren, haben sie schon recht – sie saßen als Kämpfer der Kampfgruppen der Arbeiterklasse (wo eigentlich?) und warteten auf ihren Einsatzbefehl. Und in der Volksstimme wurde am nächsten Tag lautstark angeprangert, dass die Demonstranten mit ihren Kerzen die Straßenbahnschienen beschmutzt hätten.

Großartig, die gesetzlose Zeit, in der wir Direktor, Parteisekretär und Kaderleiter im Gaterslebener Institut vor die Tür setzen können. Und wir nehmen das Schicksal des Instituts – mit der Gründung von Personalrat und Rat der Wissenschaftler – in die eigenen Hände. Ich wurde Delegierter im Rat der Akademie und erkannte bald, dass sich diese versteinerte Institution nicht reformieren lässt. Und Vertrauensmann für Stasi-Angelegenheiten – diejenigen, die sich uns offenbaren, sind ganz arme kleine Luder, zur Stasi-Mitarbeit gezwungen nach kleinen Verfehlungen während der Armeezeit, kleinen Diebstählen. Die großen Schnüffler und Hinterträger haben sich längst abgesetzt oder hoffen darauf, dass ihre Unterlagen vernichtet wurden.

Der Tag hat mehr als 24 Stunden, und man kann am gleichen Tag arbeiten, beraten, beten, demonstrieren, Flugblätter schreiben … Eines Tages nehme ich wie immer meine Post aus dem Brieffach. Plötzlich kommen mir die Tränen – ich halte einen Brief aus dem Westen in der Hand, und er ist nicht geöffnet. Ein nicht geöffneter Brief aus dem westlichen Ausland, mit einer Einladung zu einem Kongress in Bayern.

Meine Frau Silke und ich haben Einsicht in unsere Stasi-Unterlagen beantragt. Nach langer Wartezeit ist es endlich so weit: An unserem 24. Hochzeitstag fahren wir nach Magdeburg. Am Nebentisch bricht eine Frau zusammen – ihr Schwager hat sie bespitzelt. Wir brechen nicht zusammen, sind sogar über einige Aussagen in den Akten belustigt. Die Primitivität der Sprache, die Beschränktheit des Denkens; Silke ist sichtlich erbost über die Aussage, dass der Schiemann alle wichtigen Entscheidungen in der Familie trifft. Dann kommt die Überraschung: Die absurde „Erkenntnis“ des Stasi-Führungsoffiziers für das Gaterslebener Institut im Sommer ’89: Der Schiemann ist ein Spion. Einleitung einer operativen Personenkontrolle (OPK „Zelle“) mit neun Spitzeln. Andererseits nehmen wir die beglückende Information mit, dass es keine Spitzel im Familien- und Freundeskreis gab, auch keine Berichte aus den vielen kirchlichen Arbeitsgruppen, dafür intensive Spitzeltätigkeiten im beruflichen Umfeld. Und eine ganz andere Erkenntnis: Wie verführbar und verbiegbar können Menschen sein, wie bei aller Dummdreistigkeit und Primitivität die Stasi teuflisch psychologisch geschickt agiert hat. Und das widerliche Gefühl, nun die soziale Existenz eines Menschen und seiner Familie in der Hand zu haben, das Schwanken zwischen der Verpflichtung zur Aufklärung, zum Ausmisten und der Verpflichtung zum Vergeben, zur christlichen Nächstenliebe. Kann einen ganz schön krank machen.

Ich sehe den Film „Das Leben der Anderen“. Ich habe die Stasi-Akten ohne große Emotionen, ohne ein Gefühl der Bedrohung gelesen und für mich aufgearbeitet. Im Kino bricht es über mich herein. Ich bin schweißnass. Zu Hause angekommen, setze ich mich mit einer großen Flasche Whisky aufs Sofa, höre stundenlang Musik. Welch ein ungeheures Glück für mich und die vielen anderen, dass sich dieses Unrechtsregime DDR in nichts aufgelöst hat, dass wir frei reden und uns frei bewegen können. Und dass wir gelernt haben, aufrecht zu gehen, und dass wir uns durch neue Zwänge nicht beeindrucken oder beeinträchtigen lassen.