01.03.2010

Die Wahrheit – hinnehmen oder erkämpfen?

Essay von Sarah Boyes

Wahrheit ist mehr als bloße wissenschaftliche Erkenntnis. Sie ist ein gesellschaftliches Erzeugnis, das immer wieder neu errungen werden muss – sie ist menschgemacht.

Heutzutage ist die Wahrheit kein intellektuell angefochtenes Konzept, und die Idee, für sie zu arbeiten und zu kämpfen, liegt weit außerhalb der öffentlichen Vorstellungskraft. Noch weiter verbreitet ist jedoch die Meinung, dass jegliche autoritäre Wahrheit darüber, wie die Welt ist oder sein sollte – so, wie es früher von Religion oder Politik verkündet wurde –, scheinbar banal oder nutzlos ist, und religiöse Inbrunst gefürchtet wird, weil man ja weiß, wohin das führen kann.

Mit den von der britischen Innenministerin Jacqui Smith Ende Oktober 2008 vorgeschlagenen neuen Maßnahmen zur Verbannung von Leuten aus Großbritannien, die „verdächtig sind, Spannungen zu schüren“, einschließlich Abtreibungsgegnern, extremen Tierrechtlern, Neonazis und extremistischen Klerikern, wurde das, was gewöhnlich heutzutage für einen starken Glauben steht, zum Zeugnis eines Mangels an politischer Vorstellungskraft. In der Tat, während uns der Kampf für die Wahrheit befreit hat, indem er uns die wirkliche Welt und den Weg zu noch größerer Freiheit gezeigt hat, wird im gegenwärtigen Klima das Fehlen jeglicher lebendigen absoluten Wahrheit gefeiert und sogar als progressive Entwicklung verkündet. Die Ausgestaltung der Wahrheit ist nun das Thema spezialisierter akademischer Untersuchungen, und die theoretische Diskussion entfernt sich in wachsendem Maße vom öffentlichen Leben und von der Gegenwart.

Ein zynischer Konsens prägt die Gesellschaft und gibt vor, dass die Wahrheit die Welt nicht mehr länger verändern könne. Die misstrauische Haltung gegenüber radikaler Politik scheint uns bedeuten zu wollen, dass es an der Zeit sei, erwachsen zu werden. Aber die Resonanz und die Bedeutung der Idee der Wahrheit sind nicht ganz verloren gegangen; das Konzept spielt auf einer mehr subjektiven Ebene noch eine Rolle: Die Menschen reden über „meine Wahrheit“, oder Dinge „fühlen“ sich für sie richtig an. Momente der Erkenntnis charakterisieren menschliche Tätigkeit und Beziehungen, während neue Religionen und Therapien den Anspruch erheben, „innere Wahrheiten“ hervorzuholen. Verschiedene feministische und viele postkoloniale und schwule Identitätsgruppen glauben an den Gedanken, dass „wir“ eine „besondere Art haben, die Welt kennenzulernen“, die „unsere Wahrheit“ anders und deswegen wichtig macht.

Zwar erkennt diese Relativierung der Wahrheit zur Abgrenzung von Identitätsgruppen an, dass Wahrheit bei dem von seinem Glauben, seinen Werten und seiner Wahrnehmung der Welt abhängigen Individuum beginnt, aber der Aufschwung von Identitätsströmungen wurde nur zur Institutionalisierung und Neutralisierung solcher Ideen benutzt. Trotz des Fehlens jeglicher progressiven und autoritären Wahrheit über die Gesellschaft oder darüber, wie sie sein sollte, gibt es eine neue Autorität, die mit unserer unpolitischen Zeit konform geht: die Wissenschaft. Vom Umgang mit der Gesundheit bis zur Art und Weise, wie wir die Bildung betrachten, vom Nachdenken über den Klimawandel bis zur persönlichen Weiterentwicklung – „evidenz-basierte“ Politik und Denken sind im Aufwind.

Es sieht so aus, als ob durch das Fehlen eines anerkannten und robusten Regelwerks zum Verständnis des modernen Lebens die kalte Neutralität und Objektivität der Wissenschaft eine gemeinsame Grundlage des Handelns liefern würde. Der Konsens hinsichtlich des Klimawandels und unseres Umgangs damit zeigt eine alarmierende Neuetikettierung wissenschaftlicher Objektivität als unbestreitbare Wahrheit. Die wissenschaftliche Methode, von Vertretern der Aufklärung wegen ihres emanzipatorischen Potenzials verfochten, ging als erkenntnistheoretisches Modell immer davon aus, dass der Mensch seinen eigenen Verstand benutzen könne, um die Welt als vernünftiges und erkennendes Subjekt zu begreifen. Kants Aufruf zum Aufbruch aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit und zum Wagnis des Erkennens umfasste nicht nur die Vermutung, dass der Einzelne die Welt von sich aus verstehen und neu gestalten könne, sondern auch, dass eine aus solchen Individuen bestehende Gesellschaft anderen weit überlegen sei. So gesehen kann zwar die Wissenschaft eine Rolle beim Erschließen der Wirklichkeit zum größeren Nutzen der Gesellschaft spielen, aber die rationale Methode ist von jedem Einzelnen nutzbar.

Diese radikalen Ideen lieferten die intellektuelle Grundlage für die Französische Revolution von 1789, die die Monarchie und das politische Establishment der Zeit überwinden wollte. Allerdings wird heutzutage diese Seite der wissenschaftlichen Methode ins Gegenteil verkehrt, wenn mit ihr Debatten durch Erzwingung eines Konsenses abgebrochen werden. Heutzutage gilt „die Wissenschaft“ als Lieferant einer wasserdichten Legitimation für Entscheidungen, die alle Bereiche der Gesellschaft und des Lebens betreffen; Hinweise aus wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen abzuleiten wird als Zukunftsdenken dargestellt, statt die Interessen und Ansichten verschiedener Gruppen zu betrachten. Die Meinung, dass der Wissenschaft mehr als allen Ideen und Strategien einfacher Sterblicher vertraut werden kann, wird in wirksamer Weise von Politikern und Werbestrategen genutzt.

Dennoch bedeutet die Kritik an evidenz-basiertem Denken nicht zwangsläufig, jede Nützlichkeit oder Bedeutsamkeit von Untersuchungsergebnissen zu verneinen, wenn es darum geht zu verstehen, wie die Welt sich bewegt. Eher geht es darum aufzuzeigen, was denn nun zählt, wenn das Untersuchungsergebnis eine Entscheidung darstellt, die davon abhängt, was man ursprünglich beweisen wollte. Wenn es etwa um Bildung geht, gelten Testergebnisse nur dann als standardmäßig ermittelt, wenn die verwendeten Standards von Lehrern festgelegt wurden. Weit entfernt vom Ausschluss des menschlichen Urteils überdecken evidenz-basierte Bildungsstudien die Tatsache, dass schon vorher festgelegt wurde, was berücksichtigt werden soll. Wenn es aber darum geht, die Wahrheit im Verhältnis zur Wissenschaft herauszufinden, ist es wichtig, den Menschen in den Mittelpunkt der für ihn passenden Gestaltung der Welt zu stellen.

Statt der „natürlichen Ordnung“ der Gesellschaft und einer Betrachtung der Geschichte als gottgegeben verlagert sich die Kontrolle über beide auf das Gebiet der rationalen menschlichen Tätigkeit. Den politischen Diskurs von heute engt die Vorstellung von einem Leben ein, das von Kräften jenseits unserer Kontrolle bestimmt wird. Nicht nur, dass die mystischen Kräfte des Marktes uns an der Nase herumführen – am deutlichsten sichtbar beim Erstaunen sowohl der politischen als auch der wirtschaftlichen Elite über die Finanzkrise –, auch die Natur übt in Form des Klimawandels wieder ihre erschreckende Macht über die menschliche Gesellschaft aus. Als Antwort darauf macht ein wissenschaftliches Untersuchen und Verstehen dieser Phänomene durchaus Sinn, aber die dominierende Vorgehensweise dabei scheint die Analyse der natürlichen Systeme in Ausschnitten zu sein – sei es das Ökosystem oder die inneren Kräfte des Marktes –, anstatt wesentlich Erfolg versprechender die gesamte Gesellschaft zu studieren und den Platz des Menschen darin.

Die Aversion gegen tiefgründige Gespräche über die Gesellschaft und positive Zukunftsgedanken ist tatsächlich schon so weit gediehen, dass infolge der Finanzkrise die Eliten zwischen der Lösung der Wirtschaftsprobleme und der Rettung des Planeten hin- und hergerissen sind. Genau deswegen hat die Wahrheit immer mehr als nur wissenschaftliche Binsenweisheiten umfasst: Figuren jeglicher Couleur erheben den Anspruch auf die Wahrheit über die Lage der Menschheit und ihrer Gesellschaft, von Romanautoren über Journalisten bis zu Aktivisten und Politikern. In Wirklichkeit ist es eine der wichtigsten Besonderheiten beim Entwickeln neuer Ideen und dem Überzeugen anderer, dass man dafür keinen Berechtigungsnachweis braucht. Solange Wahrheiten zu verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte bei den Betreffenden auf Resonanz stoßen können, sind Ideen, die den Status von Wahrheiten erreicht haben, immer offen für Anfechtungen und neue Interpretationen. Nicht die Geschichte legt fest, was wahr ist; Menschen machen Geschichte.

Diese Erörterungen verleihen bei der Betrachtung der Wahrheit einem besonderen Gesichtspunkt ein starkes Gewicht: ihrem normativen Einfluss. Wenn Menschen überzeugt sind, dass eine bestimmte Idee oder Ansicht der Wahrheit entspricht oder ihr nahe kommt, werden sie danach trachten, sie zu verwirklichen oder sie durch eine bessere zu ersetzen. Der Romanautor und Journalist George Orwell (1903–50) liefert dafür ein gutes Beispiel: Während seine Arbeit den Anspruch erhob, unangenehme Wahrheiten seiner Zeit aufzudecken, die noch heute eine Rolle spielen könnten, inspiriert seine besondere Art von Sozialismus das Lesepublikum der Gegenwart. Ein weniger bekanntes Buch von Jewgeni Samjatin (1884–1937), Wir, 1924 in Russland geschrieben, enthält in seiner neuesten Wiederauflage eine Bekräftigung von Orwell und weist eine verblüffende Ähnlichkeit zu 1984 auf: So langweilig, aufgewärmt, aufbauend und reinterpretierend – oft über Kontinente hinweg und durch die Geschichte hindurch – ist oft intellektuelle Kultur. In ähnlicher Weise erwies sich Jane Austens universell anerkannte Wahrheit, dass ein Mann im Besitz eines ordentlichen Vermögens den Wunsch nach einer Ehefrau verspüren müsse, seit dem Erscheinen von Stolz und Vorurteil im Jahre 1813 als überzeugend und inspirierend für die Menschen. Neue Interpretationen des Werkes sind sogar darauf gerichtet, die speziell historische Wahrheit bezüglich der im Roman angedeuteten Gesellschaftskritik zu erweitern, um ihn für die heutige Zeit zu entstauben und der Geschichte mehr Resonanz zu verleihen.

Der radikale Aufklärungspoet William Blake, der zu seiner Zeit die revolutionäre Begeisterung inspiriert hatte, wird heutzutage als Umweltkrieger von jenen neu interpretiert, die fordern, die Welt auf neue Art und Weise zu verändern. Dieses Herangehen stellt interessante Fragen über den authentischen Kontext und das geistige Eigentum des Autors, wenn es um die Formulierung einer neuen Wahrheit für die heutige Zeit geht. Hier scheint man oft mehr aus der Distanz der Gegenwart über die Vergangenheit zu sprechen und aus dem Mangel an neuen, autoritären Ideen zur Zukunft, die den Leuten genügend Vertrauen einflößen könnten, um sich dafür zu engagieren. Die enge Beziehung zwischen Ideen und Aktionen scheint viel über das gegenwärtige antiintellektuelle Klima auszusagen. Vieles in der aktuellen Gesetzgebung betrifft das Verbieten von Büchern und die Einengung der Grenzen freier Rede genau, weil sie die Menschen zum Handeln anregen könnten. Das stellt nicht nur eine vorbeugende Maßnahme dar, die dazu dient, Debatten abzubrechen, sondern spricht Bände über die zurzeit verbreitet Angst vor radikaler Politik. Radikalisierung wird als passiver Prozess verstanden, der willenlose und entscheidungsunfähige Opfer vereinnahmt, wohingegen ironischerweise der Radikalismus von 1968 als Nostalgieobjekt gefeiert wird. Es sieht ganz so aus, als ob die Verbreitung von Ideen so lange als richtig gilt, wie sie niemanden beeinflusst oder nicht versucht, etwas zu verändern.

Die beiden Hauptrichtungen des Denkens, die man heute mit Radikalismus verbindet, sind der politische Islam und die revolutionäre grüne Bewegung. Beide behaupten, unbequeme Wahrheiten über die Gegenwartsgesellschaft zu diagnostizieren, sprechen von westlicher Dekadenz und passivem Konsumismus. Und beide schlagen abwechselnd verschiedene Arten der Organisation der Gesellschaft vor – sei es die Errichtung eines Scharia-Staates oder die Kohlenstoffneutralität –, keine der beiden Gesellschaftskritiken scheint aber viel Überzeugungskraft zu besitzen. Während der politische Islam seit dem 11. September 2001 weitestgehend mit „Extremismus“ gleichgesetzt wird und zum „Krieg gegen den Terror“ führte, wurde die grüne Bewegung mitsamt ihrer Ideen in die Eliten integriert. Zwar ist das Leben in einem Scharia-Staat keineswegs wünschenswert; sehen aber das misanthropische, wachstumsfeindliche Lebensgefühl, das oft der grünen Bewegung innewohnt, und die zwangsweise Durchsetzung vieler dieser Ideen gegenüber dem Rest der Gesellschaft wirklich wesentlich besser aus?

Wenn wir uns ansehen, woher beide Ideensammlungen ihre Legitimation beziehen, dann stoßen wir bei der ersten auf größtenteils religiöse Schriften und bei der zweiten auf die aktuelle Wissenschaft. Aber jede ernst zu nehmende lebendige Wahrheit – im Sinne der vorherrschenden Auffassung während der Zeit der Aufklärung oder im Paris des Jahres 1968 – muss letztendlich ihre Legitimation von einer überzeugten Öffentlichkeit beziehen, die hinter ihr steht. Weit entfernt davon, ein abstraktes philosophisches Anliegen zu repräsentieren, lässt sich die schwierige Frage, wie eine neue Wahrheit im 21. Jahrhundert aussehen könnte, darauf herunterbrechen, wie wir die gegenwärtige Gesellschaft erfolgreich kritisieren und die Menschen von neuen Vorschlägen zu Veränderungen überzeugen.