01.03.2010

Ab ins Endlager

Analyse von Ludwig Lindner und Lutz Niemann

Analyse über die altbackenen deutschen Kapriolen um die Lagerung radioaktiver Abfälle.

Bisher gibt es weltweit noch kein Endlager für hoch radioaktive Rückstände aus Kernkraftwerken. In Deutschland sind die Arbeiten am Endlager Gorleben sehr weit fortgeschritten. Die endgültige Aussage wird jedoch seit dem Jahr 2000 durch ein Moratorium blockiert. Dabei ist die Aussage der Fachleute, die auch von der damaligen rot-grünen Bundesregierung unterschrieben worden ist, eindeutig: Die bisherigen Erkenntnisse über ein dichtes Gebirge und damit die Barrierefunktion des Salzes wurden positiv bestätigt. „Somit stehen die bisher gewonnenen geologischen Erkenntnisse der Nutzung des Salzstockes Gorleben als Endlager für radioaktive Stoffe nicht entgegen“, heißt es in der Vereinbarung der Bundesregierung mit den Energieversorgungsunternehmen vom 14. Juni 2000.

Die Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) und Sigmar Gabriel (SPD) haben indes kein Interesse daran gezeigt, die klärenden Untersuchungen weiterzuführen. Warum? Offenbar lässt sich mit der Behauptung, das Endlagerproblem sei nicht gelöst, Angst oder zumindest Unbehagen in der Bevölkerung schüren. Gabriel scheint fest entschlossen, dieses Spielchen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag fortzusetzen. Statt sich den Herausforderungen zu stellen, hat er sich für eine Kombination aus Aussitzen und Beschimpfen der sogenannten „Atomlobby“ entschieden. Mit einem verbindlichen Endlagerkonzept wäre die inzwischen angestiegene Zustimmung von 53 Prozent zum „Ausstieg aus dem Atomausstieg“ in der Bevölkerung noch höher. Allen, die sich damit beschäftigen, sind die Fakten bekannt. Sie zeigen klar, dass es keinen Grund gibt, die Errichtung eines betriebsbereiten Endlagers weiter hinauszuzögern.

Salz, Granit, Ton oder Tuff

Als Endlager für den Wärme entwickelnden radioaktiven Abfall wird international nur die tiefe geologische Einlagerung vorgesehen. Die zeitweilig diskutierte Versenkung im Meer wird nicht weiter verfolgt. Als Wirtsgesteine werden weltweit Salz, Granit, Ton und Tuff vorgesehen: Salz in Deutschland, Granit in Finnland und Schweden, Tuff (bis jüngst) in den USA und Ton in der Schweiz und in Frankreich. Bisher ist noch in keinem Land ein Endlager für hoch radioaktive Rückstände in Betrieb.

Eines der Hauptprobleme bei der Endlagerung radioaktiver Abfälle ist neben der Strahlung die Wärmeproduktion. Darum müssen sowohl die Behälter als auch die Umgebung der Wärme über einen langen Zeitraum standhalten. Um die Wärmeproduktion in überschaubaren Maßen zu halten, werden meist relativ kleine Mengen des radioaktiven Abfalls in große Behälter gepackt und bei der unterirdischen Endlagerung in sehr großem Volumen an Gesteinsmaterial untergebracht. Hierbei werden oftmals immer noch Temperaturen über 150 °C frei. Weil einige der sehr aktiven Wärmeproduzenten wie Cäsium-137 oder Strontium-90 nur eine relativ kurze Halbwertszeit von rund 30 Jahren haben, kann die Erwärmung der Behältnisse durch eine Zwischenlagerung für einige Jahre verringert werden. Allerdings entwickeln auch einige Nuklide mit sehr langen Halbwertszeiten Hitze. Das bedeutet, dass die Abfälle für eine sehr lange Zeit sicher von der Biosphäre ferngehalten werden müssen.

Je nach Wirtsgestein und Abfallart lassen sich für geeignete Standorte jeweils angepasste Mehrbarrierensysteme entwickeln, d.h., für ein Endlager im Salz sieht das Barrierensystem anders aus als bei einem Standort in Granit. Salz als Wirtsgestein hat z.B. den Vorteil, dass durch die geologischen Voraussetzungen (insbesondere durch die Trockenheit) eine viel größere Barrierenwirkung erzielt wird als bei einem Endlager im Granit, der grundsätzlich von Wasser durchflossen wird. Im Granit spielen somit die künstlichen Barrieren eine viel bedeutendere Rolle als beim Salz. Bei einem Endlager in tiefen geologischen Formationen verlässt man sich aber nicht auf einzelne Barrieren, um die Langzeitsicherheit zu garantieren. Man entwickelt vielmehr ein standortspezifisches Barrierensystem, d.h., ein jeweils dem ausgewählten Standort und dem Wirtsgestein angepasstes Multibarrierensystem.

Regionenspezifische Geologie

Dass sich Finnland und Schweden für eine Endlagerung in Granit entschieden haben, liegt schlicht und einfach an der dortigen Geologie. Dort gibt es keine Salz- und nur mindere Tonvorkommen. In den USA ist mit der Waste Isolation Pilot Plant (WIPP) seit 1999 ein Lager für Abfälle aus der Atomwaffenproduktion im Steinsalz in Betrieb. Ein Endlager in Tuff war in Yucca Mountain geplant. Im März 2009 entschied jedoch die Regierung, das Projekt nicht fortzuführen. Ausgedehnte Tongesteinsformationen werden in der Schweiz und Frankreich für die Endlagerung diskutiert. Es ist also mithin auch ein Ergebnis der regionalen Geologie, in welchen Formationen verschiedene Staaten ihre Abfälle unterbringen müssen. Deutschland hat als einziges europäisches Land eine große Variation von Salzstöcken, die man in Betracht ziehen kann. Nach akribischen Auswahlverfahren sind bis heute große Anstrengungen unternommen worden, den Salzstock in Gorleben zu untersuchen. Für Granit und Ton ist in Deutschland vergleichsweise wenig passiert, weil bisher nichts gegen Gorleben als Endlager spricht und deshalb unnötige Kosten vermieden werden sollten.

Endlageroptionen in Deutschland

Für die Endlagerung der radioaktiven Abfälle gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: die chemische Aufarbeitung der bestrahlten Brennelemente (wie es in Wackersdorf vorgesehen war und jetzt z.B. in La Hague in der Normandie durchgeführt wird) und die direkte Endlagerung der abgebrannten Brennelemente. Die erste Variante hätte viele Vorteile: Der Brennstoff würde besser genutzt, und die Müllmenge wäre weit kleiner. Sie wurde aber in Deutschland von Rot-Grün seit 2005 verboten. Erlaubt ist nur die direkte Endlagerung der Brennelemente, so, wie sie aus dem Reaktor kommen. Auf diese Weise wird rund 800 Meter tief unter der Erdoberfläche ein einzigartiges Lager von Wertstoffen mit höchstem Energiegehalt geschaffen. Da aber bis zur Einlagerung nur etwa sechs Prozent des Energieinventars genutzt werden und ein weiterer Einsatz im Schnellen Brüter deshalb sinnvoll erscheint, sollten die Abfälle rückholbar sein, wie es in der Vereinbarung vom 14. Juni 2000 unter den Fragestellungen (Anlage 4) auch benannt wird.

Bis ein Endlager zur Verfügung steht, werden die abgebrannten Brennelemente in neu erbauten Zwischenlagern oberirdisch neben den Kernkraftwerken in Castorbehältern aufbewahrt. Diese Maßnahme ist das Ergebnis einer verfehlten Öffentlichkeitsarbeit von Rot-Grün, mit der die Transporte abgebrannter Brennelemente von den Kernkraftwerken zu Zwischenlagern vermieden werden sollen. Diese Zwischenlager können alle Brennelemente aus den Kernkraftwerken bis zum heute gesetzlich festgelegten Ende der Kernkraft in Deutschland aufnehmen. Sie wurden für 40 Jahre genehmigt und ermöglichen bei geänderten politischen Rahmenbedingungen, die dort eingelagerten Brennelemente in eine Wiederaufarbeitungsanlage zu bringen und energetisch zu nutzen.

Zur Vorbereitung für die Endlagerung wurde die Pilotkonditionierungsanlage (PKA) in Gorleben gebaut. Hier sollen die abgebrannten Brennstäbe in sogenannten heißen Zellen (fernbetätigt mit Manipulatoren wegen der hohen Strahlungsintensität) aus den Castorbehältern entnommen und in spezielle Endlagerbehälter (Polluxbehälter) gebracht werden. Das Genehmigungsverfahren für die PKA wurde im Dezember 2000 mit der dritten Teilerrichtungsgenehmigung abgeschlossen. Die 65 Tonnen schweren Polluxbehälter wurden bereits 1992 für geeignet befunden. Eine Alternative zum Pollux-Behälter ist das neuere Konzept der Brennstabkokille.

Erkundung von Gorleben

Mit Gorleben hat Deutschland einen sehr gut geeigneten Endlagerstandort. Das sagen alle namhaften Experten. Die Salzstöcke in Deutschland wurden im Erdzeitalter des Perm vor rund 250 Millionen Jahren gebildet und sind seitdem unversehrt. Fest verschlossener radioaktiver Abfall würde dort Millionen Jahre liegen können – „wie ein toter Hund“, ergänzen renommierte Geologen. Schon seit Mitte der 50er-Jahre gab es Überlegungen zu den Rahmenbedingungen von Endlagern für radioaktive Abfälle. 1963 empfahl die Bundesanstalt für Bodenforschung die Endlagerung in Steinsalzformationen. Ab 1972 wurde systematisch nach einem Standort gesucht. Dem Standortauswahlverfahren lagen Sicherheits- und Umweltkriterien, das Bemühen um einen politischen Konsens, die Zustimmung vor Ort und in der Region sowie wirtschaftliche Überlegungen zugrunde. 1976 wurde eine Projektgruppe eingesetzt, die 140 Salzstöcke in Deutschland benannte. In der ersten Phase kamen 23 Standorte in die engere Wahl. In der zweiten Phase wurden die Rahmenbedingungen festgelegt, u.a. sollte das Lager etwa 800 Meter unter der Erdoberfläche liegen. Danach kamen 14 Standorte in die engere Wahl. In der dritten Phase kamen weitere Auswahlkriterien hinzu. In der vierten Phase blieben vier Standorte zur weiteren Begutachtung: Gorleben, Lichtenhorst und Mariaglück in Niedersachsen sowie Wahn im Emsland. Am 22. Februar 1977 wurde von der niedersächsischen Landesregierung unter Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) Gorleben als möglicher Endlagerstandort benannt. Am 5. Juli 1977 fasste daraufhin die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) den Beschluss zur Erkundung von Gorleben als potenziellem Endlagerstandort.

Ende 1977 wurde vom Landkreis eine „Gorleben-Kommission“ einberufen, die bis zur Auflösung im Jahr 1991 in mehr als 70 Sitzungen als Forum für Lokalpolitiker, Vertreter der Bürgerinitiativen und Medien fungierte. Eine große Beteiligung der Öffentlichkeit war damit gegeben. Im März und April 1979 fand schließlich das „Gorleben-Hearing“ der Niedersächsischen Landesregierung statt. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg und die betroffenen Gemeinden standen dem Vorhaben positiv gegenüber. Im Juni 1979 verabschiedete der Kreistag mit großer Mehrheit eine zustimmende Stellungnahme zu den geplanten Erkundungsarbeiten in Gorleben. Am 28. September 1979 fassten die Regierungschefs von Bund und Ländern den Beschluss, die Erkundung von Gorleben zügig voranzubringen, um in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre Entscheidungsgrundlagen vorliegen zu haben. Daraufhin begann die Erkundung des Standortes Gorleben unter Einbeziehung internationaler Erkenntnisse nach dem Stand von Wissenschaft und Technik. Im Jahr 1983 stellte die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig (PTB) fest, dass die Eignungshöffigkeit von Gorleben erfüllt sei. Die Bundesregierung stimmte zu. Anschließend wurde das Erkundungsbergwerk Gorleben angefahren. Im April 1990 legt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) eine aktuelle Bewertung der übertägigen Erkundungsergebnisse aufgrund einer erweiterten Datenbasis vor: Die Ergebnisse von 1983 und die Eignungshöffigkeit wurden bestätigt.

Politischer Atomausstieg

Doch dann beschloss die rot-grüne Bundesregierung am 14. Juni 2000 den Atomausstieg. In dieser Vereinbarung mit den Energieversorgungsunternehmen wurde ausdrücklich bestätigt, dass die bisher gewonnenen Erkenntnisse der Nutzung des Salzstockes Gorleben als Endlager für radioaktive Stoffe nicht entgegenstehen. Gleichzeitig wurde aber ein Verbot für die weitere Erkundung verhängt. Sie sollte in Gorleben für mindestens drei und höchstens zehn Jahre unterbrochen werden. Dieses Moratorium wurde seither vom ehemaligen Umweltminister Trittin wie auch heute von Gabriel populistisch ausgeschlachtet, indem behauptet wird, die Endlagerfrage sei nicht gelöst.

Vorreiterschacht Konrad?

Auch um den Einsatz des Lagers Konrad in der Nähe von Braunschweig als Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung wurde jahrelang politisch und juristisch gestritten. Mit der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig vom 26. März 2007 ging der Verwaltungsrechtsstreit zu Ende. Alle Einwände gegen den Planfeststellungsbeschluss des niedersächsischen Umweltministeriums vom 22. Mai 2002 wurden endgültig abgewiesen, das Urteil ist rechtskräftig. Am 30. Mai 2007 hat das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) als Projektverantwortlicher mit der Umrüstung der Schachtanlage Konrad zu einem Endlager begonnen. Die Abfälle, die dort eingelagert werden, umfassen mehr als 90 Prozent des gesamten Volumens radioaktiver Abfälle in Deutschland, allerdings beinhalten sie weniger als 0,1 Prozent der bereits angefallenen und noch anfallenden Radioaktivität im atomaren Abfall der Bundesrepublik. Bis Ende 2009 werden nun im Wesentlichen Planungsarbeiten durchgeführt. Ab dem Jahr 2010 soll die technische Umrüstung zu einem Endlager erfolgen. Im Jahr 2013 kann voraussichtlich mit der Einlagerung radioaktiver Abfälle begonnen werden. Das wäre schon mal ein Anfang.