01.03.2010

Bekenntnisse eines Gaspedalfans

Kommentar von Alexander Hans Gusovius

Alexander Hans Gusovius über schnelle Autos und das deutsche Reihenhausprinzip.

Kann sein, es liegt mir in den Genen – mein Großvater, 1880 geboren, war der fünfte Mann in Ostpreußen, der ein Auto besaß. Wenn er einsam knatternd durch die masurischen Dörfer fuhr, scheuten die Pferde, Bäuerinnen bekreuzigten sich, und die Bauern warfen mit Kartoffeln und Mistgabeln nach ihm. Seiner Liebe zu dem neuen Fortbewegungsmittel tat das bis ins hohe Alter keinen Abbruch. Noch mit über 80 Jahren rollte er im eleganten schwarzen DKW 1000 S de Luxe durch West-Berlin.

Meine eigene Begeisterung fürs freie Fahren in einem freien Land ist ebenfalls ungebrochen: außer auf überfüllten Autobahnen. Bestimmen zu können, wann und wohin ich fahre, erscheint mir wichtig. Außerdem macht es mir Spaß, am Lenkrad zu sitzen, nach Lust und Laune schnell oder langsam zu fahren und mit allen Fasern wahrzunehmen, wie das Auto auf meine Befehle reagiert. Im Zug hätte ich, was eigentlich auch wichtig wäre, viel mehr Zeit, Bücher und Zeitschriften zu lesen. Nur erlebe ich im Zug kein nervöses Hochdrehen der Maschine, keine elektrisierenden Fliehkräfte in der Kurve, kein giftiges Zupacken der Bremsen.

Meine Freude am Fahren wird nie nachlassen. Leider gibt es immer mehr Leute, die etwas dagegen haben. Aus Vernunftgründen, aus Liebe zur Natur – oder aus schierer Langeweile am eigenen Leben. Und genau wie die Nichtraucherlobby es geschafft hat, sich gegen die Raucher durchzusetzen, sind die freudlosen Mahner dabei, den elementaren Spaß am Auto gesamtgesellschaftlich zu ächten. Dass die Freiheit dabei auf der Strecke bleibt, ist ihnen egal, wenn nicht willkommen; aus ökologischen Gründen sollen die Menschen alle nach demselben Prinzip funktionieren. Ich nenne es das Reihenhausprinzip: gleiche Fenster, gleiche Türen, gleiche Heizung. Dieselbe Dachneigung, dieselbe Gärtchengröße. Individuelle Vorlieben? Vielleicht bei der Körbchengröße. Noch. Irgendwann wird aber auch dieser erotische Reiz ins Visier der Gutmenschen geraten und jegliche körperliche Freizügigkeit als ungesund, unvernünftig oder gefährlich gebrandmarkt.

Den Fahrern von PS-starken Limousinen und SUVs weht schon jetzt ein eisiger Wind ins Gesicht. Bald werden sie Ähnliches erleben wie mein Großvater. In Zeiten von Krise und Klimaangst, die sich unangenehm ineinander verschränken, wächst der Druck auf Autofahrer enorm an, den apokalyptischen Zeichen am Horizont zu huldigen und sich nur noch über niedrigsten Benzinverbrauch und minimale Abgaswerte zu definieren. In Berlin werden bereits wöchentlich teure Autos, die nachts nicht in der Garage stehen, kurzerhand abgefackelt. Der Beitrag solcher lustarmen Freudenfeuer zum globalen CO2-Haushalt wäre allerdings zu untersuchen.

In Wahrheit bereitet es ganz besondere, kreuzgesunde Lust, schwere Limousinen zu fahren. Mit meinem alten BMW 528i habe ich früher Ortsausgangsschilder förmlich herbeigesehnt und kurz davor oder dahinter das Gaspedal bis zum Boden durchgetreten. Bei Kickdown schaltete das Automatikgetriebe maximal zurück, die eben noch sanft säuselnde Maschine brüllte heiser auf und drückte mich fest in den Sessel, während der Verkehr hinter mir wie von Zauberhand aus dem Rückspiegel verschwand. Die eine oder andere D-Mark, die dabei aus dem Auspuff klingelte, hat mich nie gereut, kein Umweltgedanke mir je Schuld eingeflüstert. Zu trist, zu einseitig wirkten die Eiferer immer auf mich. Ihre heutige Klima-Drohkulisse beeindruckt mich darum, wenn überhaupt, nur als Ausdruck aggressiven Machtwillens.

Sechs Zylinder aus dem Schlaf des Dahinrollens zu erwecken, ihre unglaubliche Dynamik am ganzen Körper zu spüren, ist einfach umwerfend. Es sind Momente, in denen man sich als Mensch einig fühlt mit sich selbst und mit der Zeit, in der wir wirklich und wahrhaftig leben. Seien wir ehrlich: Es ist alles andere als eine bäuerliche Periode, in die wir hineingeboren sind. Technische Höchstleistungen haben unserem Leben den Stempel aufgedrückt, haben uns zum modernen Menschen gemacht – und die Werte, die wir leben, Freiheit, Demokratie und Toleranz, haben viel mit der Findigkeit und Finesse von Ingenieuren, aber wenig mit der Engstirnigkeit und Behäbigkeit bäuerlicher Zeiten zu tun. Da mitansehen zu müssen, wie das Ansehen grandioser Ingenieursleistungen zunehmend verkommt, stimmt besorgt. Denn die globale Herausforderung, vor der wir stehen, verlangt nicht nach bäuerlicher Renaissance, sondern nach neuen Erfindungen, die zugleich auch die Freiheit erneuern. Toleranz und Demokratie leben davon, dass wir Herr unserer eigenen, selbst zu verantwortenden Entscheidungen sind.

Ich besaß mit 28 Jahren, nach einem kleineren Erbe durch meinen Großvater, noch ein anderes wundervolles Auto. Ganz im großväterlichen Geiste hatte ich das Erbgeld nicht aufs Sparbuch gelegt, sondern mir einen goldenen, aggressiv-sportlichen Lancia HPE Executive zugelegt. Um den sensiblen Motor gnädig zu stimmen, musste ich ihn am Morgen erst warmlaufen lassen: 30 bis 40 Sekunden lang rasselte die Maschine leise schüttelnd vor sich hin, dann ging das Schütteln in ein feines Brummen über, nach mehrmaligem, behutsamem Gasgeben lief der Motor endlich rund. Ließ ich die umweltverderbliche Morgengymnastik aus, zog der Wagen den ganzen Tag nicht richtig durch und soff Unmengen Sprit. Nahm ich mir die Zeit, wurde ich belohnt mit einem verbrauchsnormalen technischen Wunderwerk, dessen tiefgründige Autoseele mich über Jahre hinweg beglückte – ein ungemein eleganter Wagen mit einer so außergewöhnlichen Straßenlage, dass er regelrecht mit dem Hintern zu fahren war. In Grenzbereichen spürte man tief unten im Sitz exakt den Moment, bevor er ausbrechen würde, und konnte rechtzeitig eingreifen: eine Art Bio-ESP.

Im Grunde ist jedes Auto, das heute über die Straßen rollt, Ausdruck solch gesteigerter Ingenieurskunst. Sie ist umso bedeutender, wenn man an die grauenvolle Simplizität mancher Gegenwartskunst denkt. Wie kann eine Leinwand voll bunter Farbspritzer, die in weniger als einer Stunde entstand, mit der vergleichsweise filigranen Vielfalt selbst eines Hyundai mithalten? Was in x-beliebigen Autos an kreativer Arbeit und Erfindergeist steckt, schlägt jedes Kunstwerk von Joseph Beuys um Längen. Im 20. Jahrhundert hat die Menschheit ihre feinsten Geister offenbar nicht zu Künstlern, sondern zu Ingenieuren gemacht. Und was Kunst in früheren Epochen vermochte, nämlich dem Menschen Freiheit zu erkämpfen und seine Individualität in Wert zu setzen, das schafft das Auto mit links. Deshalb ist es für uns Menschen der Moderne ein so herber Verlust, wenn unter der Diktatur der machtgierigen Wohlmeinenden nun das graue Einerlei abgeregelter Öko-Autos droht. Die Welt wird davon nicht besser oder gesünder. Im Gegenteil: An der Langeweile, die sich dann breitmacht, werden die Menschen viel tiefer erkranken.

Ein Trost indessen bleibt. Man kann auch das Gaspedal des vernünftigsten Öko-Autos bis zum Anschlag durchtreten und damit über kurvige Landstraßen heizen. Letztlich ist es also egal, ob man an der Steckdose tankt. Immerhin hatten die Lenker von Kutschen und Einspännern einst auch ihren Spaß.