01.03.2010

Wir haben sie ja schließlich hergeholt …

Von Gert Hahne

Eine Glosse

Hunderttausende, wahrscheinlich Millionen von Exemplaren des gefräßigen Harmonia axyridis aus der farbenfrohen Familie der Marienkäfer werden auch in diesem Sommer wieder über Deutschland und andere europäische Länder ausschwärmen. Der Hunger wird sie treiben; 100 bis 200 Blattläuse putzt so einer weg, am Tag, wohlgemerkt. Wenn keine Läuse mehr da sind, dann macht sich der aus Asien importierte „Nützling“ über seine deutschen Schwestern und Brüder her. „Einige heimische Marienkäfer-Arten, von denen es rund 80 in Deutschland gibt, könnten durch ihn langfristig verdrängt werden. Anders als der einheimische Siebenpunkt-Marienkäfer frisst H. axyridis nicht nur Blattläuse, sondern auch blattlausfressende Gallmücken-Larven, Larven konkurrierender Marienkäferarten und viele andere Insekten. Feinde hat er ebenso wenig wie andere Marienkäfer, da er ziemlich ungenießbar ist“, vermerkte lakonisch die Biologische Bundesanstalt für Land und Forstwirtschaft schon 2003 in einer Meldung. [1] Was war passiert?

Der einst als blattlausfressender Nützling auch in Deutschland im Versandhandel vertriebene Ökokäfer hatte sich nicht an die Auflagen gehalten und war aus seinen vorgeschriebenen Einsatzgebieten – Obst- und Gemüsegewächshäusern – entfleucht. Auch die zu seinem Einsatz benötigte naturschutzrechtliche Einzelgenehmigung nach dem Bundesnaturschutzgesetz hinderte den auch Harlekin genannten giftigen Gesellen nicht an seiner munteren Ausbreitung in Gottes freier Natur. [2] Nun haben wir den blattlausfreien Salat. Wenn selbiger gewaschen ist, dann schmeckt er wie immer. Ganz anders als zum Beispiel der beliebte Wein bei unseren französischen Nachbarn. Wird unser kleiner Regenbogenkrieger, pardon, Regenbogenkäfer versehentlich mitgekeltert, vermittelt sich der Bordeaux bitter im Abgang. [3] Sein ekeliger Geschmack schützt den Käfer vor natürlichen europäischen Fressfeinden, seien es nun Gartenvögel oder Weinliebhaber. In unseren nördlichen Innenstädten nervt er zudem als Wärme liebender Gast an sonnenbeschienenen Hausfassaden mit anschließender Wohnungsübernahme.

Wie sich das Ganze nun weiterentwickelt, bleibt abzuwarten. Vielleicht fügt er sich ein in die heimische Krabbelkultur und wird ein honoriges Mitglied der hiesigen Insektengemeinde. Vielleicht rottet er aber auch erst einmal unser heimisches siebengepunktetes Glückssymbol und/oder andere Schwächere völlig aus. Wir halten also mal fest: Ein stinkender, giftiger, gefräßiger, in grellen Farben gemusterter, zur Plage werdender, weil in Massen auftretender, in der Agrarwirtschaft eingesetzter, unseren gemütlichen deutschen Marienkäfer vernichtender Horrorkäfer hat in unserer Umwelt nicht mehr rückholbar, durch den Menschen vorsätzlich ausgesetzt, Einzug gehalten. Ja und? So what? Gibt’s ein Problem? Was guggst du, eh?

Naja, so ein bisschen fehlt einem jetzt doch der Aufschrei der Umweltverbände, Naturschützer, Tierfreunde, der zahlreichen Agrarexperten nach Mondphase und Erdgöttin. Oder nur ein klitzekleines Wörtchen der Selbstkritik. Dass man doch über den Einsatz solcher Tierchen (und davon gibt’s noch mehr!) zumindest mal neu nachdenken könnte. Sich über die Australier mit ihrer selbst gemachten Kaninchen- oder Ochsenfroschplage amüsieren und vor der eigenen Haustür den gleichen Unsinn treiben. Oder sogar, wie z.B. Greenpeace, weiterhin den Einsatz von Käfern fordern. [4] Weil es ja, anders als bei den bösen Pflanzenschutzmitteln, völlig ungefährlich ist und öko und bio und so.

Wäre das bunte Biest wenigstens einem dieser skrupellosen Chemiemultis entkommen oder gar aus einem Genlabor entschlüpft, dann hätten die Propagandisten diverser Spendensammelvereine was zu tun gehabt. Aber so? Ach nee. Fragen wir lieber nicht – wie sonst – nach Haftungsreglungen, Verantwortlichkeiten, genehmigenden Behörden, Anwenderinnen und Anwendern, unkritischen Wissenschaftlern und finanziellen Nutznießern des verbockten Umweltexperiments. War halt ein Versehen. Sorry. Wird die Natur schon schaffen – wir schützen sie ja schließlich.

PS: Jetzt werden die Biester gentechnisch verändert ohne Flügel angeboten, also an der Flucht gehindert. Das geht nun aber wirklich zu weit, ab jetzt wird es böse.