05.03.2010

„Die Dopinghysterie verdirbt den Spaß am Sport.“

Interview mit Stefan Chatrath

Die beiden früheren Spitzenathleten Lars Riedel und Edwin Klein im Gespräch mit Stefan Chatrath.

Stefan Chatrath: Das Dopingkontrollsystem in Deutschland gilt gemeinhin als vorbildlich. Sie hingegen kritisieren es. Warum?
Lars Riedel: Ich bin für eine Kontrolle, aber die Art und Weise der Kontrolle verstößt gegen die Menschenwürde. Bei Frauen ähnelt sie mittlerweile einer gynäkologischen Untersuchung, mit Ausleuchten der Vagina etc. Die Urinabgabe geschieht vor wildfremden Menschen, die den Athleten auf die Körperaustrittsöffnung zu schauen haben. Für alle anderen Bereiche unserer Gesellschaft wäre so etwas unvorstellbar.
Edwin Klein: Nicht nur die Kontrolle an sich ist problematisch. Ein Athlet muss sich bei der Nationalen Anti-Doping Agentur NADA so an- und abmelden, dass er innerhalb einer Stunde für eine Kontrolle verfügbar ist – rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Ins Kino kann er nur mit eingeschaltetem Handy gehen, denn falls er einen Anruf vom Kontrolleur nicht beantwortet, gilt das als „missed test“. Entsprechend den seit 1. Januar 2009 geltenden Bestimmungen muss jeder Spitzenathlet des A-Pools drei Monate im Voraus für jeden Tag eine Stunde und den genauen Ort angeben, an dem er erreichbar sein muss. Ist er nicht anwesend, dann zählt dies gleichfalls als „missed test“ und führt im Wiederholungsfall zur Sperre.

Macht das das Alltagsleben nicht unnötig kompliziert?
Riedel: Ja. Jahrelang hing an meiner Eingangstür ein Zettel: „Abmelden bei den Dopingagenturen nicht vergessen!“ Wollte ich für ein paar Tage verreisen, musste ich mich rechtzeitig bei der NADA abmelden. Dort liegen folglich meine vollständigen Bewegungsprofile für die letzten acht Jahre vor. Und all die Adressen von vollkommen Unbeteiligten, bei denen ich mich aufhielt, die mit dem Sport nichts zu tun haben, bleiben gleichfalls acht Jahre gespeichert.

Warum haben Sie sich nicht früher über diese Praxis beklagt, Herr Riedel?
Riedel: Weil es dann sofort geheißen hätte, der Riedel ist für Doping. Wer kritisiert, wird automatisch in diese Ecke gedrängt. Der Diskussion wollte ich als Aktiver aus dem Wege gehen. Ich habe deshalb die Regeln so akzeptiert, wie sie sind, wenn auch mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch. Einer der Kontrolleure sagte beispielsweise zu mir: „Wissen Sie was, Herr Riedel, wenn das mit Ihnen nicht hinhaut, dann schicke ich Ihnen keine Kontrolleure mehr, Ihnen fehlen dann die international notwendigen Kontrollen, und Sie können nicht mehr starten.“ Da überlegt man sich zweimal, ob man protestieren soll.

Bis heute ist es nicht gelungen, eine sinnvolle Grenze zu ziehen zwischen erlaubten Mitteln und Methoden der Medikamentenunterstützung und solchen, die als Doping gelten.
Klein: Das stimmt, die Grenze ist willkürlich. Sie wandelt sich zudem ständig. Vor ein paar Jahren stand Koffein, eine im Sport äußerst wirkungsvolle Stimulans, auf der Dopingliste und wurde mit dem Argument entfernt, es handele sich um ein Nahrungsmittel, was ja richtig ist. Die Dopingkontrollinstanzen weisen ausdrücklich darauf hin, dass bei den verbotenen Mitteln eine Leistungssteigerung überhaupt nicht nachgewiesen sein muss, was auf mehr als 95 Prozent aller Mittel zutrifft.
Riedel: Mittlerweile umfasst die Dopingliste mehrere Tausend Substanzen, darunter auch fast alle Hustensäfte und Grippemedikamente. Hier den Überblick zu behalten, ist unmöglich. Als ich mir vor ein paar Jahren zu Silvester eine starke Erkältung zuzog, war kein Arzt vom Verband erreichbar. Ich habe dann erst einmal nichts eingenommen, weil ich Angst hatte, etwas Falsches zu nehmen. Die Erkältung hat sich dann aber dermaßen verschlechtert, dass der Arzt, zu dem ich ging, zu mir sagte: „Ich verschreibe Ihnen jetzt XY, und es ist mir egal, ob es einen Wirkstoff enthält, der auf der Dopingliste steht. Wenn Sie weiter so husten, brechen Sie sich sehr wahrscheinlich eine Rippe. Das möchte ich vermeiden. Ihre Gesundheit geht vor.“

Die bestehende Verbotsliste schadet somit mitunter sogar der Gesundheit der Sportler, weil sie deren Therapiefreiheit so einschränkt?
Riedel: So ist es. Bei jeder Krankheit, die ein Sportler noch nicht hatte, müsste er einen Arzt vom Verband anrufen und fragen, welches Medikament er nehmen darf, denn der niedergelassene Arzt kennt sich nicht mit der Dopingliste aus. Mir ist es im Verlauf meiner Karriere nicht nur einmal passiert, dass ich in einem akuten Krankheitsfall auf mich allein gestellt war und ein mulmiges Gefühl hatte, vielleicht doch einen verbotenen Wirkstoff übersehen zu haben.

Die Dopingbekämpfung hat ja auch ein Klima des Misstrauens geschaffen. Bei Weltrekorden besteht heute eigentlich immer ein Dopingverdacht, selbst bei negativer Dopingprobe.
Riedel: Dieser Generalverdacht macht den Sport kaputt. Wer als Leichtathlet etwas Außergewöhnliches leistet, wird gleich verdächtigt, gedopt zu haben. Usain Bolt, der 100-Meter-Olympiasieger von Peking, gilt ja allein deshalb manchen als gedopt, weil er so leicht und in Weltrekordzeit gewonnen hat. Dass es bis jetzt keinen Beweis dafür gibt, dass er gedopt hat, ist anscheinend egal.
Klein: Die Dopinghysterie in Deutschland kann einem den Spaß am Sport verderben. Dabei verstößt ein Doper lediglich gegen eine Regel im Sport. Das ist so, wie wenn im Weitsprung beim Anlauf übergetreten wird. Der Sprung ist ungültig. Ein Sportler, der dopt, wird hingegen als Krimineller behandelt.

Würde eine Freigabe von Doping nicht alle Probleme lösen?
Klein: Wir haben in Deutschland doch eine Dopingfreigabe! Jeder Bundesbürger darf dopen: Politiker, Wissenschaftler, Opernsänger, das gesamte Showbusiness, jedes Mitglied des deutschen Sportbundes. Statistisch gesehen sind wir alle etwa 40-mal im Jahr gedopt. Einzige Ausnahme: die etwa 3000 Spitzensportler, die in einem Kader stehen und eine Verpflichtungserklärung unterschrieben haben. Daher bin ich, weil der Spitzensport Teil der Gesellschaft ist, für eine Dopingfreigabe. Die Zeit des „wilden“ Dopens wäre vorbei, Ärzte könnten die Athleten beraten. Es würde nicht weniger gedopt werden, aber qualitativ besser, und vor allem auch gesünder.
Riedel: Ich bin gegen eine Freigabe. Meine Befürchtung ist, dass sie der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen schaden würde. Außerdem glaube ich, dass mit einer Freigabe nicht verantwortlich umgegangen würde. Gerade in ärmeren Ländern, in denen der Sport eine der wenigen Möglichkeit bedeutet, aus der Armut zu entkommen, würden Sportler für den kurzfristigen sportlichen Erfolg ein viel zu großes Risiko eingehen.

Also dann doch so weiter wie bisher?
Riedel: Nein, sicherlich nicht. Ich könnte mir eine andere Art der Kontrolle vorstellen. Mein Vorschlag wäre, den Athleten eine Haarprobe zu entnehmen, um Doping eventuell ein Jahr und länger zurückzuverfolgen. Eine solche Form der Kontrolle würde viele der angesprochenen Probleme auf einen Schlag lösen. Warum also nicht in eine solche Richtung forschen?

Vielen Dank für das Gespräch.