05.03.2010

Die Zukunft, Mann!

Analyse von Alexander Hans Gusovius

Über Jahrtausende machten Männer Land urbar, bauten Brücken oder erforschten ferne Kontinente. Und heute? Kann die Welt ohne ihren spezifischen Zugriff auf das Leben auskommen?

Würde die Titanic erst jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Schiffbruch erleiden und gäbe es immer noch zu wenige Rettungsboote an Bord, würde unverändert der Ruf über Deck schallen: „Frauen und Kinder zuerst!“ Und wie vor knapp 100 Jahren würden wir Männer zurückbleiben und zusammen mit dem Ozeanliner untergehen. Welch schöne, selbstlose Haltung und romantische Verklärung, wenn man bedenkt, auf welcher gesellschaftlichen Grundlage die noble Selbstlosigkeit einst beruhte: Männer galten als starkes Geschlecht, geboren zu tätigem, heldenhaftem Leben, und der Schutz und das Leben ihrer Frauen und Kinder hatte oberste Priorität.

Es scheint, als sei der Welt nicht länger an der einst kraftorientierten, männlichen Rolle gelegen, überall trifft man auf geteilte Lebensentwürfe. In Banken, Behörden und in der Politik nehmen Frauen den Platz ein, den früher allein Männer innehatten. Nicht mal im Fußballstadion oder als Astronauten sind sie noch unter sich: Entscheider, Ernährer und Helden haben heute ein doppeltes Antlitz, eines davon ist weiblich. Und träumten Männer gemäß ihren Anlagen früher davon, Forscher, Entdecker und Eroberer zu sein, werden sie jetzt früh daran gehindert, überhaupt zu träumen. Denn erfolgreiche Mütter dämpfen empfindlich die Lust, auf männliche, zupackende Art egal was zu erobern. Sie sind das lebende Beispiel dafür, dass es auch stiller geht, scheinbar defensiver, irgendwie trickreicher, mindestens wendiger. Kaum ein Mann entdeckt jedoch dafür in sich eine substanzielle Entsprechung, und die gewisse Ratlosigkeit, die fürs Leben daraus folgt, ist mit Händen zu greifen: Männer neigen inzwischen viel mehr zu Selbstzweifeln, lernen nachhaltig zu misstrauen und schmieden Intrigen, statt in direkter Auseinandersetzung den möglichst geraden Weg zum Erfolg zu suchen.

Aber es ist nicht, wie man meinen könnte, das ideologische Schreckenswort Emanzipation, das hinter all dem wirkt und arbeitet, sondern die viel gehaltvollere Tatsache des Ausgleichs der Geschlechter. In einer Welt, die auf der Basis männlicher Erfindungen und globaler Technik den körperlichen Stärkevorteil von Männern entscheidend nivelliert, sind eben nicht nur die Länder und Kulturen einander näher gerückt, sondern auch die Geschlechter. Konnte früher keine Frau als Försterin arbeiten, weil sie körperlich außerstande gewesen wäre, etwa einen umgestürzten Baum aus dem Weg zu räumen, greift sie heute zur Seilwinde an ihrem SUV oder zu einer leichten, leistungsstarken Motorsäge. Dagegen ist im Licht technischen Fortschritts wie im Gegenlicht weiblicher Waldpflege nichts einzuwenden. Das Problem liegt denn auch nicht im Zugewinn von Möglichkeiten, sondern im Verlust von Eigenheit.

Wie groß der Bedarf an spezifisch männlichen Fähigkeiten jedoch immer noch ist, beweist, indem sie alles dafür tut, ihn zu verschleiern, gerade die Emanzipation der Frauen: zum einen, weil das Eingeständnis ihrem Herrschaftswillen zuwiderliefe, zum anderen, weil sonst deutlich würde, dass Frauen inzwischen zwar alles zu leisten vermögen, was Männer immer schon vermochten, doch eines nie können: selber Mann sein. Genau dahin geht aber die Hauptschlagrichtung der Emanzipation: Es wird versucht, Frauen zu Männern umzudefinieren und Männer so möglichst unsichtbar zu machen – die erst, wenn sie Teil des weiblichen Diskurses werden und sich in vagen Themen bewähren, wie Aussehen, Gesundheit und Selbstverwirklichung, Gnade erfahren und zu wertvollen Menschen, zu sensiblen Männern erklärt werden. Es ist ein regelrechter sexueller Kahlschlag, der da stattfindet.

Wie alle bedrängten Arten suchen Männer zunehmend Nischen auf, in denen sie ihre angestammte Lebensweise fragmentarisch fortsetzen können, etwa in Gestalt männlicher Scheinherausforderungen im Urlaub: bei Wildwasserfahrten, auf extremen Bergtouren. Denn im konkreten Leben gibt es keinen Platz mehr für echte Abenteuer; alles, was entfernt danach aussieht, ist in den Bannfluch des Gefährlichen geraten. Männer dürfen nicht mehr Atomingenieur sein, sondern sollen, allerdings gern mit verwegenem Dreitagebart, Windräder und Solaranlagen installieren. Pflegeleicht muss es überall zugehen, brav hat man zu sein, die Schlagwörter von sanfter Technik und Konsensgesellschaft belegen es, und kein Kompromiss ist dafür zu faul, kein Medienauftritt zu scheinheilig. Ob die Zukunft, insbesondere inmitten der Wirtschaftskrise, auf solch lauwarme Weise gemeistert werden kann, ist fraglich. Andere Gesellschaften mit weniger ausgeprägten Bedenken stehen im Übrigen vor der Tür: China, Indien und Russland klopfen aber nicht höflich an, sondern treten über die Schwelle und nehmen jede Position ein, die bereitwillig geräumt wird.

Die eigentliche Perfidie der Emanzipation liegt darin, dass sie den natürlichen Ausgleich der Geschlechter ins Gegenteil verkehrt. Sie betreibt gerade in dem Moment, in dem Frauen neu in die Geschicke der Welt eingreifen, das alte Konzept extremer Privilegierung und denunzierenden Ausschließens. Damit verfällt, während die Geschlechter sich annähern, die dynamische Chance und Notwendigkeit, mit den jeweils spezifischen Fähigkeiten die Herausforderungen einer höchst ungewissen Zukunft zu meistern. So kommt es, wie es immer kommt, wenn Einseitigkeiten überhand nehmen und privilegierte Schichten nur noch den eigenen Vorteil im Auge haben: Mutige Menschen sind gefragt, die fest gemauerten, unflexiblen Verhältnisse aufzubrechen. Wer wäre dazu im Augenblick besser geeignet als Männer in ihrer ureigenen, besonderen Art, deren Natur grundsätzlich alles Nötige bereithält?

Es ist klar, dass die alten männlichen Träume dazu nicht taugen. Sicher sind hier und da noch ein paar waghalsige Brücken zu bauen und manche wilden Berge zu durchtunneln, aber es gibt auf unserer globalisierten Welt kein Land mehr zu erobern und keinen Kontinent mehr zu erforschen – wenigstens solange der Weltraum bloß in Trippelschritten betreten wird. Worauf es ankommt, ist wacher, analytischer Verstand, der nicht aus kuscheliger Gewohnheit das Bestehende absichert, sondern unkonventionell in die Zukunft denkt. Und überall braucht es Menschen, die sich den verwaschenen, ineffizienten Halb- und Viertellösungen verweigern, mit denen wir uns seit Jahrzehnten abfüttern lassen. In der Folge wird es weniger Sicherheit und Geborgenheit geben, aber viel mehr langfristige Chancen.

Männer sind wie gemacht dazu, Risiken mit klarem Intellekt und in unerlässlicher Besonnenheit kalkuliert einzugehen. Dazu dürfen sie an ihrem Leben und ihrem Handeln nicht länger zweifeln und aus falsch verstandener Kompromissbereitschaft zunehmend einfache, defensive Strategien wählen. Männer müssen sich wieder viel zumuten und die Angst loswerden, damit den Planeten, die Natur oder ihr Ich zu zerstören. Über Jahrtausende hat mutiges Handeln die Welt nach vorn gebracht, und Gefahren wurden nicht vermieden, indem man sie umging, sondern indem man sich ihnen stellte. Nicht anders steht es um die so plötzlich gewachsenen Herausforderungen der Gegenwart.

Wenn Männer sich von den herrschenden Bildern der letzten 40 Jahre frei machen, wird das Abenteuer des Lebens schnell zu ihnen zurückkehren. Aber der Weg in die Zukunft führt über umstürzende Neuerungen. Statt über Boni, Energiepreise und Umweltfragen zu lamentieren, müssen wir völlig neue Energiequellen erforschen und erschließen, uns zum hochtechnologischen Leben bekennen, Kapital noch freier fließen lassen und Demokratie verbreiten, müssen wir die Frauen aus der emanzipatorischen Falle befreien und mit ihnen zusammen eine unbekannte Welt aufbauen, die Welt des 21. Jahrhunderts, in der eine neue, noch ehrgeiziger zu entwickelnde Technik als die der Titanic nicht mehr untergeht und, falls doch, mit dem nötigen Rettungspotenzial und viel männlichem Wagemut ausgerüstet ist.