01.01.1999

Prediger-Journalismus

Von Thomas Deichmann

Thomas Deichmann über objektive Berichterstattung und schwarz-weiß Journalismus.

Nik Gowing zählt zu den renommiertesten britischen Journalisten. Während des Bosnienkrieges hatte er einen leitenden Posten in der Redaktion Channel Four News des Nachrichtensenders ITN. Mittlerweile ist er zu BBC’s World Service Television übergewechselt. Kürzlich sprach er auf einer Konferenz in Boston, die vom "Internationalen Zentrum für Humanitäre Berichterstattung" organisiert wurde. Gowing übte harsche Kritik an seinen Kollegen weltweit. Er nannte die mitunter "stark anti-serbische" Berichterstattung während des Bosnienkrieges eine "heimliche Schande" für die Medienwelt: "Ich denke, da gibt es ein Krebsgeschwür, das den Journalismus in Mitleidenschaft zieht... Ich glaube, hierbei geht es um das verschwiegene Thema der Parteilichkeit und Einseitigkeit bei der Auslandsberichterstattung." Gowing sprach weiter von einem "Tabu" und von "ketzerischen" Reaktionen gegen Kollegen, die es wagten, diese Problematik in Medienkreisen anzusprechen.

Wer sich für eine Kostprobe dieses Missstandes interessiert, dem seien die Artikel von Rolf Paasch in der Frankfurter Rundschau ("Wenn der Türöffner fragt...", 9.8.97) und von Paul Stoop im Berliner Tagesspiegel ("Doch keine Fälschung", 20.8.97) empfohlen: beides Reaktionen auf ein von mir geführtes und im Magazin der Süddeutschen Zeitung am 8. August veröffentlichtes Interview mit dem einstigen Präsidenten der bosnischen Serben, Radovan Karadzic; beide ein Plädoyer dafür, mir als "Serbentrommler" (und Interviewpartnern wie Karadzic sowieso) kein Forum zu geben. Beide Artikel beziehen sich auch auf meine für ITN unangenehmen Enthüllungen über ihre täuschenden Stacheldrahtbilder aus dem Lager Trnopolje. Obwohl ITN mir in der Substanz mittlerweile nicht einmal mehr widerspricht (man hat eingewandt, die eigenen Reporter hätten nie behauptet, um die gefilmten Muslime oder das Lager habe es einen Stacheldraht gegeben), versuchen die beiden Pressemänner, mich, ohne irgendwelche sachlichen Argumente zu liefern, als Gauner zu diskreditieren.

Von beiden Autoren wird tief in die Trickkiste der Lesermanipulation gegriffen. Um sich als Verfechter einer ehrenwerten Lebensart präsentieren zu können, geben sie sogar den Mumpitz (man könnte auch sagen: die Lüge) zum Besten, es gäbe, laut Paasch, ein "gentlemen’s agreement" unter den "in Bosnien tätigen Reportern", nicht mit Karadzic zu reden, bzw. dieser werde, laut Stoop, "von praktisch allen Journalisten in Bosnien gemieden." Das Gegenteil war und ist der Fall, eine ganze Heerschar von Reportern versucht seit Monaten (wie auch ich), an Karadzic heranzukommen. Aber einigen Zeitungsschreibern scheint jede Schurkerei recht, um Leser zur Einsicht zu bekehren, dass man gewisse Texte besser überhaupt nicht verfasst und schon gar nicht veröffentlicht – ein Beispiel für die von Gowing beschriebene Tabu-Haltung, der zufolge es auch verboten ist, Medienkritisches zum Bosnienkrieg zu thematisieren.

Gowing wies bei seinem Vortrag in Boston auf ein eklatantes Problem hin, das in angelsächsischen Ländern mittlerweile immerhin offen thematisiert wird – nicht nur von ihm. Auch der frühere CBS-Korrespondent Marvin Kalb, heute Direktor des angesehenen "Joan Shorenstein Zentrums" an der Harvard Universität, äußerte sich jüngst sehr kritisch gegenüber neuen Entwicklungen in der Auslandsberichterstattung. Er widersprach Kriegsreportern wie dem CNN-Star Christiane Amanpour, die letztes Jahr während einer Journalistentagung in Los Angeles verkündete, in Regionen wie Bosnien, wo es "klare Aggressoren" gäbe, sei es für Journalisten nicht akzeptabel, neutral zu bleiben – eine Haltung, die mit dem vom britischen BBC-Veteranen Martin Bell empfohlenen "Journalism of Attachment" korrespondiert. Bell wendet sich auch gegen distanziertes Berichten über Kriegsereignisse. Kalb hielt zurecht dagegen, die Öffentlichkeit würde letztlich "übers Ohr gehauen", wenn Journalisten sich mit einer Konfliktpartei gemein machten und sich anmaßten, zwischen Gut und Böse moralisch zu unterscheiden und auf dieser Basis politische Entscheidungen beeinflussen zu wollen.

In Deutschland wird eine Diskussion entlang dieser Problemlinien in dieser Offenheit noch nicht geführt. Dennoch ist auch hier der gleiche Trend im Journalismus zu beobachten. Offensichtlich hat sich an der gesellschaftlichen Rolle und am Selbstverständnis der Reporter einiges gewandelt.

Diese Veränderungen im Kriegsjournalismus werden häufig durch periphere Entwicklungen zu erklären versucht. So seien neue Technologien oder erhöhter Leistungs- und Konkurrenzdruck Ursache der abnehmenden Infoqualität, wird oft gesagt. Diese Faktoren haben sicher eine gewisse Bedeutung, sie werden der Tiefe der Problematik jedoch nicht gerecht. Sinnvoller erscheint es, das sich verändernde Verhältnis zwischen Journalisten, Medienkonsumenten und Gesellschaft näher zu beleuchten.

Die Diagnose der Problematik ist hierbei noch der einfachere Teil der Übung, und die Berichterstattung über den Bosnienkrieg kann als Anschauungsbeispiel dienen: Kalb bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, Journalisten würden zunehmend eine bewusste Unterscheidung zwischen Gut und Böse treffen und sich entlang dieser Trennlinien ausrichten – eine Unterscheidung, die in erster Linie auf Grundlage moralischer Wertungen geschieht.

Vordergründig wird von Verfechtern einer bestimmten Interpretation des Konfliktes so getan, als decke sich die eigene Sicht mit den realen Gegebenheiten vor Ort. Doch das ist ein Trugschluss: Wirkliche Sachkenntnis und das ehrliche Bemühen um eine möglichst fundierte und sachliche Analyse spielen bei der heutigen Auslandsberichterstattung und den Erwiderungen auf Medienkritiker häufig nur eine untergeordnete Rolle.

So werden seit Jahr und Tag zum Bosnienkrieg die immer gleichen Stereotype über serbische "Aggressivität" wiedergegeben. Die konkreten lokalen und internationalen Faktoren hinter neuen Entwicklungen des Konflikts werden dem untergeordnet. Egal, was auf dem Balkan geschieht und wer oder was eine bestimmte neue Entwicklung hervorbringt, die Botschaft der meisten Reportagen ist immer die gleiche. In Kurzform lautet sie etwa: Serben sind korrupt und schlecht, Muslime arm und gut, westliche Journalisten "njema problema", UN-Soldaten viel zu lasch, NATO-Bomben besser.

Dieses Problem zeigt sich auch daran, wie man über die in meinen früheren Artikeln beschriebenen Umstände der Einrichtung von Lagern in Bosnien und der Dynamik des Krieges arrogant hinwegfegt und sie einfach ignoriert oder verzerrt wiedergibt. Das gleiche ignorante Verhalten charakterisiert die Reaktion auf meine Kritik an den britischen Reportern. Nur in Ausnahmefällen wurde diese Kritik zutreffend beschrieben, in vielen Artikeln wurde sie sogar völlig verschwiegen. Auf beiden Ebenen ist offenbar eine Denkblockade vorhanden, die verhindert, sich auf gewisse Argumente einzulassen.

Dass hier eine Problematik vorliegt, die mit dem Balkan an sich nur oberflächlich zu tun hat, wird offenkundig, wenn das Blickfeld erweitert wird. So fällt es auf, dass heute Konflikte, egal auf welchem Flecken der Erde, allesamt einem einzigen Strickmuster zu folgen scheinen: Überall werden Auseinandersetzungen vornehmlich auf irrationale Kräfte der Finsternis zurückgeführt (die Serben auf dem Balkan, die Hutu in Afrika), die es dann mit allen Mitteln zu bändigen gilt.

Diese Herangehensweise bringt mit sich, dass jeder Anspruch, einen Konflikt in seiner Komplexität zu begreifen, verschwindet und stattdessen plakative Schwarz-Weiß-Malerei dominiert. Dass dies, wie es Gowing beschreibt, mit Parteilichkeit und Einseitigkeit endet, ist leicht nachvollziehbar. Denn wenn im Kopfe des Journalisten erst einmal die moralische Unterscheidung zwischen Gut und Böse vollzogen ist, dann wird vornehmlich auch nur noch das berichtet, was mit der richtigen moralischen Botschaft für den Leser zu Hause behaftet zu sein scheint. Die früher angestrebte Haltung, sich "nicht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache" gemein zu machen und über alle Seiten eines Konflikts sachlich zu berichten, wird über Bord geworfen.

Was im Kopf solcher Journalisten vorgeht, lässt sich anhand ihrer Reaktionen auf geäußerte Kritik erahnen. Paasch, Stoop und auch Ed Vulliamy oder Roy Gutman (um einige bekanntere und einflussreichere Namen zu nennen), die in ähnlich vehementer, unsachlicher Manier auf meine Medienkritik reagierten, fühlen sich offensichtlich persönlich empfindlich auf den Schlips getreten, weil das von ihnen mit errichtete Bosnienbild, auf das sie anscheinend viel Wert legen, mit meinen faktischen Erkenntnissen nicht in Einklang zu bringen ist. Doch bei ihren aufbrausenden Texten geht es nicht nur einfach um ihren Ruf oder die Sorge um das hart verdiente Geld, das ich ihnen gönne. Es geht vielmehr um ihr Ehr- und Wertgefühl, das sie angegriffen sehen. Ihre häufig sehr defensiv wirkenden Reaktionen weisen darauf hin, dass bei dieser neuen Art des Journalismus auch persönliche Sicherheiten beziehungsweise Unsicherheiten eine große Rolle spielen.

Kriegsberichterstatter tun heute so, als wüssten sie stellvertretend für die ganze Welt am besten, wie bestimmte Ereignisse zu werten sind, welchen Geschichten man Glauben schenken darf, was heimische Leser erfahren dürfen, wie man im Kriegsgebiet Frieden schafft, welche Politik NATO und UNO einschlagen sollen usw. Sie geben sich dadurch ein Gefühl von zentraler Bedeutung. Im Grunde ist ihre Haltung mit der von Soziologen und Pädagogen vergleichbar: Auch denen geht es heute darum, in einer Zeit, in der die Gesellschaft auf eine ungewisse Zukunft zuzudriften scheint und in der traditionelle Institutionen, alte Wertvorstellungen und Leitbilder immer weniger gelten, ein gewisses Vakuum in der Gesellschaft auszufüllen.

Konflikte im Ausland sind hierfür sehr geeignet, denn ohne viel Mühe lässt sich hierbei auch eine Minderheit von wirklichen Experten einfach übergehen oder mit moralischen Vorhaltungen mundtot machen. Fernab von der unmittelbaren Überprüfbarkeit durch den Zeitungsleser lassen sich Schwarz-Weiß-Bilder schnell etablieren. Bei der Berichterstattung über den Bosnienkrieg oder die Misere in Ruanda geht es demnach auch darum, die Wertekrise innerhalb der westlichen Gesellschaften zu kompensieren.

Wie das funktioniert, demonstrieren Journalisten und auch Politiker fast täglich. Der Balkan ist zu einem permanenten Nachhilfeunterrichtsobjekt in Sachen Demokratie, Friedenserziehung usw. geworden. Dort lässt sich all das demonstrieren, was hierzulande so schwer fällt: wie man die Spreu vom Weizen trennt, wie man eine instabile Gesellschaft mit harten Bandagen kontrolliert und steuert, wie Grautöne ausgemerzt werden. Diese scheinbar unumstößliche Sicherheit, mit der internationale Institutionen und Reporter vor Ort agieren und Entwicklungen bewerten, lässt sich an keinem innenpolitischen Thema beobachten. Und je desolater und bedrohlicher sich der politische Ausblick in den eigenen vier Wänden gestaltet, desto mehr scheint die Sehnsucht um sich zu greifen, Schein-Gewissheiten aus dem Ausland zu importieren.

Doch dieser journalistische Trend ist nicht auf die Auslandsberichterstattung beschränkt. Er zeigt sich dort lediglich am ausgeprägtesten. Auch bei Themen wie Ökologie, Gesundheit oder Kindesmissbrauch lässt sich eine ähnliche Herangehensweise feststellen. Bei ihrer Behandlung scheint die richtige moralische Botschaft einer Reportage das ausschlaggebende Qualitätskriterium und oft sogar die alleinige Intention der Berichterstattung.

So gilt es als im heutigen Sinne moralisch korrekt, Medienkonsumenten durch übertriebene, wenn nicht gar an den Haaren herbeigezogenen Umwelt- , Gesundheits- und sonstige Risiken zu ständigem Maßhalten und Vorsicht zu ermahnen – sprich, ihnen die neuen Werte der "post-materiellen" Gesellschaft näher zu bringen. Es gilt auch als opportun, mit Hilfe der Thematisierung von Kindesmissbrauch oder Vergewaltigung in der Ehe, dem spürbaren Zerfall alter Moralvorstellungen und Familienbindungen durch neue Polarisierungen zu begegnen. Und es gilt zudem als legitim, einen Bestseller-Autoren wie Daniel J. Goldhagen, der die für die heutige Zeit passende moralische Botschaft ob der Schlechtigkeit der Menschheit in seinem oberflächlichen Geschichtsbuch präsentierte, über Nacht zum Starhistoriker zu machen und eine ganze Generation früherer Forscher aufs Abstellgleis der Geschichte zu schieben. Ähnliches wiederholte sich bei der Diskussion über die "Wehrmachtsausstellung" des Hamburger Instituts für Sozialforschung, bei der das Bekenntnis "Wir sind doch alle gleich verdorben, ob damals, heute, hier oder auf dem Balkan" und entsprechende therapeutische Vorschläge zur Besserung einer sachlichen Auseinandersetzung über die Verantwortung der Wehrmacht an den Gräueln des Zweiten Weltkriegs im Wege stand.

Die neueste Abwandlung dieser Form von Journalismus brachte die Reaktion auf das Karadzic-Interview im SZ-Magazin zum Vorschein. Da die SZ in München es zuvor gewagt hatte, am von der "Nordpresse" in Frankfurt und Hamburg liebevoll designten Bild des SPD-Kanzlerkandidatsaspiranten Gerhard Schröder ein bisschen Schminke abzukratzen, bekamen die Redakteure Hiebe. Schröder wird seit Monaten von SPD-nahen Blättern als moralische Instanz aufgebaut. Ihm wird die Befähigung bescheinigt, einmal im Kanzleramt angelangt, die Gesellschaft aus der Sinn- und Wirtschaftsmalaise herauszuführen.

Die Vorwürfe richteten sich daher nicht nur gegen meine Person als Interviewer des "Serbenführers", sondern auch gegen die SZ, mit mir gearbeitet zu haben. Das Karadzic-Interview wurde zum Anlass genommen, der "Südpresse" wegen ihrer Schröder-unfreundlichen Haltung noch einmal eins überzubraten.

Bei dieser Präsentation neuer Leitbilder und Werte rücken (wie bei der Diskussion über die "Wehrmachtsausstellung" die Person Jan Phillip Reemtsma) bei der Kriegsberichterstattung die Journalisten zunehmend selbst ins Rampenlicht. Ihre eigene persönliche Erfahrung und Empfindung, ihr anscheinend moralisch vorbildlicher Charakter wird mehr und mehr zum eigentlichen Nachrichteninhalt und immer häufiger auch in Form philosophischer Schreibversuche in Buchform gegossen. Wie Prediger auf der Kanzel, werden Reporter als Boten einer Moral-Durchsage zu neuen gesellschaftlichen Autoritäten.

Bei der Auslandsberichterstattung wird deshalb heute gerne über diejenigen berichtet, die die Nachrichten übermitteln: Peter Arnett allein auf weiter Flur mit seiner Satellitenschüssel umringt von Irakis, die Journalisten im Hotel Interconti in Sarajevo, belagert von den Serben, der Kameramann inmitten von Leichenbergen irgendwo in Afrika usw.. Erschütternde Augenzeugenberichte über das Elend in Ruanda, die keinen Deut über die Hintergründe der Ereignisse verraten, gehören zu diesem Trend wie das voluminöse Buchsortiment zum Bosnienkrieg, in dem Reporter und andere "Betroffene" ihr persönliches Schicksal schildern – deren analytischer Gehalt bis auf wenige Ausnahmen jedoch gleich Null ist.

Zweifelsohne haben sich einige Journalisten bewusst oder unbewusst eine neue gesellschaftliche Rolle und Bedeutung zugedacht. Angesichts der Suche nach Halt wird ihnen diese sogar von vielen Seiten angedient. Sie fühlen sich wohl und wichtig dabei, sich und anderen Orientierung geben zu können. Sie fühlen sich mitunter als Retter der Welt: dort, im Ausland, vor den Kräften des Bösen, und hier, zu Hause, vor Wertezerfall und Sinnkrise.

Dass ein solcher Trend zwangsläufig auf Kosten journalistischer Sorgfaltspflichten geht, liegt auf der Hand; denn wenn Moral zum Qualitätskriterium wird, verliert die Sorgfalt bei der Recherche und Analyse an Bedeutung. Novo hat auf diesen Trend immer wieder hingewiesen und ihm mit informativen Artikeln zu internationalen Krisenherden entgegenzuwirken versucht. Auch in dieser Ausgabe liefern wir diesbezüglichen "Sprengstoff": Die Artikel über das UN-Ruanda-Tribunal in Arusha sind erschütternde Dokumente zur juristischen Willkür, mit der diese Institution agiert. Das gleiche gilt für die Reportage über die Arbeitsweise des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag in Sachen ihres einstigen Kronzeugen Dragan Opacic. Den Tribunalen wird indessen in Redaktionsstuben fast ausnahmslos wärmste Begeisterung entgegengebracht.

Die heutzutage in Journalistenkreisen so populären Appelle an westliche Institutionen, energischer gegen "Kriegsverbrecher" vorzugehen, tragen dazu bei, dass die weltweite Dominanz mächtiger Nationen von Regierungen als fortschrittlich präsentiert werden kann. Oft werden diese Appelle mit der Behauptung legitimiert, Völker auf dem Balkan oder in Afrika profitierten von solchen Schritten. Doch das ist ein gefährlicher Trugschluss, denn Ungerechtigkeit, Willkür und Abhängigkeit werden hier im Namen von Menschenrechten, Demokratie und Frieden zum neuen internationalen Standard.

Auch hierzulande zeigen sich die Auswirkungen dieses Prediger-Journalismus. Mit ähnlicher Aggressivität und Verbohrtheit, wie im Ausland Schwarz-Weiß-Bilder entworfen werden, werden zu Hause Kritiker der "richtigen Moral" unseriösen Angriffen ausgesetzt. Wer dem Bosnienbild der zu Volkspädagogen mutierten Journalisten widerspricht, wird wahlweise als rechtslastiger Geschichtsrevisionist, linker Exzentriker oder Anhänger der "großserbischen" Sache verteufelt. Diese mit auf den ersten Blick ehrenwerten Motiven antretende moderne Form des Journalismus ist in Wirklichkeit konfliktschürend und zutiefst undemokratisch.

 

aus: Novo, Nr.30, September/Oktober 1997, S.4f