13.02.2026

Politik als Hygieneregime

Von Radu Golban

Titelbild

Foto: Simon Law via Flickr (CC BY-SA 2.0 / bearbeitet)

Mit den Begriffen communitas und immunitas, wie sie der Philosoph Roberto Esposito versteht, lässt sich auch das Thema linke Gewalt beleuchten.

Der Vorwurf „linke Gewalt“ steht regelmässig im Raum. Er taucht in Leitartikeln auf, wandert durch Kommentarspalten, lädt Talkrunden mit Schwerkraft auf. Man kann ihn empirisch prüfen, man kann ihn polemisch wenden. Hilfreicher ist, die Grammatik zu untersuchen, in der wir überhaupt darüber sprechen. Denn häufig entscheidet nicht der einzelne Vorfall, sondern das Bild, in das wir ihn stellen. Und dieses Bild ist erstaunlich einheitlich: Wir erzählen Politik wie Hygiene. Ansteckung, Reinigung, Eindämmung – das Vokabular der Immunologie kolonisiert unsere Öffentlichkeit. Wer so über „linke Gewalt“ redet, reagiert oft auf eine Weise, die den Konflikt nicht klärt, sondern konserviert.

Der italienische Philosoph Roberto Esposito hat dieser Logik vor über anderthalb Jahrzehnten eine präzise Form gegeben. Seine Schlüsselworte heißen communitas und immunitas. Ihre Kraft liegt nicht nur im Gedanken, sondern auch im Wortsinn. Communitas entspringt dem lateinischen munus: das ist nicht bloß „Geschenk“, sondern zugleich „Last“, „Dienst“, „Verpflichtung“ – etwas, das zirkuliert, ein Band stiftet, eine Gegenseitigkeit erzwingt. Communis ist man dort, wo man sich ein munus teilt, wo Gabe und Verpflichtung nicht mehr trennbar sind. Immunis dagegen ist derjenige, der vom munus befreit ist, eximiert, ausgenommen. Immunitas ist die Ausnahme von der Verpflichtung, der Schutz vor der Zumutung des Gemeinsamen. Schon die Etymologie erzählt also, was Esposito politisch entfaltet: Gemeinschaft ist die riskante, offene Zirkulation; Immunität ist die Legitimation, diese Zirkulation zu unterbrechen.

Der Weg von der Wortgeschichte zur politischen Gegenwart ist kürzer, als man denkt. Wir leben nicht erst seit gestern in einem immunitären Dispositiv: In Medizin und Recht ist Immunität ein Segen – wer wollte ohne Immunsystem leben, wer ohne rechtliche Ausnahmen im Notstand. Aber was als Technik beginnt, wird zur Kultur, wenn es zum Deutungsmuster für alles wird. Dann erscheint die Welt als Raum der potenziellen Kontamination, Politik als Kunst der Absonderung, und das Gegenüber als Keimträger.

Esposito hat diese Verschiebung früh beschrieben. Das Kapitel „Immunization and Violence“ – zuerst 2008 in italienischer Fassung publiziert, 2011 in einem englischsprachigen Vortrag vorgestellt, 2012 in Buchform erschienen – ist kein Essay über „die Linke“ oder „die Rechte“, sondern über einen Modus. Er beobachtet eine Zeit, in der Kontakt reflexhaft als Gefahr gelesen wird und in dem Schutz zur Obsession gerät. Medizinisch schützt eine Impfung – so der italienische Philosoph –, indem sie eine kleine Dosis des Gefährlichen ins System einführt; politisch kippt diese Logik, sobald man sie verabsolutiert. Dann wird das Heilmittel zur Krankheit: Das System bekämpft sich selbst. Autoimmunität heisst dieses Paradox in der Medizin. Politisch zeigt es sich, wenn eine Gesellschaft ausgerechnet jene Zonen abschneidet, in denen sie Konflikt bearbeiten könnte, und dabei den Nährboden für das hervorbringt, was sie bannen will.

„Gemeinwohl kann in die Reinheit einer Idee umschlagen, die nur noch die ‚Richtigen' einschließt.“

Wer den Vorwurf „linke Gewalt“ aufnimmt, kann ihn auf zweierlei Weise erzählen. Als kriminalistische Erzählung: Taten, Täterinnen, Tatorte – Belege, Beweise, Verfahren. Oder als hygienische Erzählung: Milieus, die vergiften, Räume, die verseucht sind, Rhetoren, die anstecken. In der ersten Variante sucht man Schutz in Regeln, in der zweiten in Reinigung. Die erste stärkt Institutionen, die zweite Affekte. Keine Kultur ist frei von dieser Versuchung. Sie hat ihre Suggestion: Reinheit beruhigt. Doch sie kennt auch ihre Nebenwirkung: Reinheit braucht Ausschluss. Was als Schutz des Gemeinsamen beginnt, endet als Ausnahme von der Gemeinsamkeit. Immunitas frisst communitas und führt zur Verrohung der Gesellschaft und zur Gewalt.

Gerade dort, wo sich linke Politik auf Gemeinschaft, Gemeinwohl, politische Korrektheit, Solidarität beruft, lohnt es, den Kipppunkt zu beobachten. Die Worte sind edel und notwendig. Aber sie tragen die Gefahr in sich, vom Band zur Barriere zu werden. Gemeinwohl kann in die Reinheit einer Idee umschlagen, die nur noch die „Richtigen“ einschließt. Solidarität kann von der frei gegebenen Gabe zur Loyalitätsprüfung werden, die Abweichung als Verrat markiert. Der Schutz der Verletzlichen kann unmerklich in den Anspruch auf schadensfreie Öffentlichkeit abgleiten, der jede Reibung moralisch skandalisiert und jede Zumutung zum Notfall erklärt. Dass solche Verschiebungen überwiegend in linken Reinigungsphantasien vorkommen, macht sie gefährlich. Es zeigt nur, dass die Lagerbezeichnung am Mechanismus wenig ändert. Ein immunitärer Modus ist keine Ideologie, er ist eine Betriebsart.

Man sieht die Utopie der Reinheit, wenn aus der berechtigten Kritik am „schädlichen“ Wort ein Sprachhygieneregime wird, das nicht mehr um Bedeutungen ringt, sondern Vokabular sterilisiert: erst Warnhinweise, dann Verbotslisten, am Ende der Ausschluss derjenigen, die eine Nuance falsch setzen. Ähnlich verfährt die Cancel-Logik dort, wo zentrale Stimmen durch De-Plattformierung aus dem öffentlichen Austausch entfernt werden. Der Konflikt wird dann nicht mehr argumentativ bearbeitet, sondern durch Kontaktvermeidung gelöst – kein Gespräch, kein Podium, kein Zitat. In Hochschulräumen verwandelt sich der Safe Space dann in einen Sanitary Space: Schutz vor realer Verletzung mutiert zur Erwartung risikofreier Öffentlichkeit, in der Konfrontation selbst als „toxisch“ gilt.

Auch im Woke-Jargon und der Umbenennung von Straßen und Gebäuden zeigt sich die Tendenz zur Säuberung: „Dekolonisierung“ wird nicht als Ergänzung, sondern als Purge verstanden – Texte, Namen, Statuen verschwinden weniger aus Gründen der Kontextualisierung als im Namen der symbolischen Hygiene. In Bewegungen, die sich auf Solidarität berufen, entsteht eine Loyalitätsmoral, die interne Kritik als Verunreinigung liest; Zugehörigkeit wird reinheitsfähig, nicht argumentativ. Und wenn Aktivismus Gesundheitspolitik als Bildvorrat übernimmt – „die Rhetorik X ist schädlich“, „Y verbreitet Gift“ –, rutscht Fürsorge unmerklich in Pathologisierung: Gegner werden zu Erregern, die es präventiv zu sperren gilt.

„Es heißt, Sprache zu wählen, die nicht desinfiziert, sondern rahmt.“

Man merkt diesen Modus vor allem daran, dass Statistik dem Gefühl weicht: Schutz wird an Erregung kalibriert. So entstehen Überreaktionen, die jene Verhärtungen provozieren, die man dann als Beweis zitiert. Eine Feedback-Schleife entsteht: Die Abwehr produziert die Evidenzen ihrer eigenen Notwendigkeit.

Wenn man den Vorwurf „linke Gewalt“ ernst nimmt – und das sollte man –, führt an einer nüchternen Kriminalistik kein Weg vorbei. Doch jenseits der Akten liegt die kulturelle Aufgabe: die Rückkehr zum Kontakt. Esposito nennt die Alternative nicht Naivität. Immunität bleibt notwendig, aber als Dosis, nicht als Dauerinfusion. Communitas ist kein ewiges Sommerfest, sondern die Zumutung, Gabe und Last zu teilen. Was heißt das praktisch, ohne in die Aufzählungsdidaktik zu kippen? Es heißt, Sprache zu wählen, die nicht desinfiziert, sondern rahmt. Wer Konflikt als Format denkt – mit Regeln, mit Redezeiten, mit Ritualen des Widerspruchs –, entzieht der Reinigungslogik den Resonanzraum. Es heißt, Schutz an Tatsachen zu binden, nicht an Affekte. Nicht jedes Unbehagen ist ein Notfall. Und es heißt, Institutionen porös zu machen: Orte, an denen Gegensätze einander berühren können, ohne Gesichtsverlust. Diese Porosität ist das Gegenteil von Beliebigkeit. Sie ist eine gestaltete Durchlässigkeit, die das Risiko nicht verklärt, sondern trägt.

Der Vorwurf „linke Gewalt“ gewinnt in diesem Licht eine andere Kontur. Die öffentliche Sprachregelung darf nicht zur Hygieneerzählung gerinnen. Die kennt im übertragenen Sinne drei Akte: Quarantäne, Impfung, Säuberung. In allen dreien verliert die Demokratie ihr Handwerk – Verfahren weichen Ritualen.

Man hört bisweilen den Einwand, die Lage sei zu ernst für diese semantischen Empfindlichkeiten. Das Gegenteil ist wahr. Gerade weil Gewalt ernst ist, darf die Sprache, die darüber spricht, nicht gedankenlos sein. Die Metaphern sind keine Dekoration; sie sind Steuerungsinstrumente. Wer die Öffentlichkeit mit Infektionsbildern sättigt, senkt die Schwelle zum Ausschluss. Wer hingegen den Gegner – und sei es nur rhetorisch – wieder als Adressaten fasst, zwingt sich zur Form. Form ist nicht weich. Form ist die einzige Härte, die in einer Demokratie erlaubt ist.

„Hygiene vertraut auf Schliessung, Politik auf Form.“

Esposito hat den Verdacht formuliert, dass unsere Moderne die immunitas überdehnt hat, weil sie die communitas für gefährlich hält. Das ist nachvollziehbar: Das Gemeinsame macht verletzlich, es exponiert, es bindet, es öffnet. Immunität beruhigt. Aber eine Gesellschaft, die nur noch beruhigen will, amputiert sich. Sie verliert die Fähigkeit, abweichende Energien in Bahnen zu lenken. Der Autoimmunmodus ist die politische Krankheit, die damit einhergeht. Das gilt – und das ist die Pointe, die über Lagergrenzen hinausweist – für Bewegungen, die sich auf das Gemeinwohl berufen, ebenso wie für solche, die sich auf Ordnung und Reinheit beziehen. In einem Fall wird Gemeinschaft zum Instrument der Exklusion, in dem anderen zur Waffe der Säuberung. In beiden Fällen stirbt das Politische an der Überdosis Schutz.

Es ist deshalb mehr als eine philologische Petitesse, dass communitas und immunitas auf dasselbe munus zurückgehen. Die beiden Figuren sind keine Gegensätze, sie sind eine Spannung. Man kann Gemeinschaft nicht ohne Immunität denken – niemand kann jedem munus immer ausgesetzt sein –, und Immunität nicht ohne Gemeinschaft – niemand kann auf Dauer eximiert sein, ohne das Gemeinsame zu zerstören. Politische Klugheit beginnt dort, wo diese Spannung gestaltet wird: genug Immunität, um nicht krank zu werden; genug Gemeinschaft, um überhaupt zu leben.

Man darf den Streit um „linke Gewalt“ nicht hygienisch erzählen – auch dann nicht, wenn es dafür Belege gibt. Man muss ihn politisch bearbeiten. Der Unterschied ist nicht klein: Hygiene verwaltet Reinheit, Politik formt Konflikt. Hygiene zählt Pathogene, Politik zählt Stimmen. Hygiene vertraut auf Schliessung, Politik auf Form.

Vielleicht ist das der nüchterne Schluss, den man einem erhitzten Thema zumuten darf. Man verliere die Geduld mit der Desinfektionssprache, ohne die reale Gewalt zu verharmlosen. Man verzichte auf das Beruhigungsmittel der Reinheit, ohne die Schutzpflicht zu vergessen. Man übe wieder die Künste des Kontakts, die in der Etymologie schon angelegt sind: das munus als Gabe, als Last, als Kreis, der nur dadurch besteht, dass er weitergegeben wird. Alles andere – die Bannlisten, die prophylaktischen Empörungen, die hygienischen Erzählungen – ist im besten Fall Theaterdonner, im schlechteren der Stoff, aus dem Autoimmunreaktionen gemacht sind.

Vielleicht erklärt sich das Rätsel so: Die großen Diktatoren der Moderne schmückten ihren Diskurs mit Krankheitsbildern und setzten zugleich Gesundheitsprogramme auf, weil beides demselben Kalkül folgt – der Idee, Gesellschaft sei ein Körper, den man durch Reinigung und Kur in Einheit zwingt, wie es auch Brutalität mit angeblicher Fürsorge vereint. Nicht „links“ oder „rechts“ ist dann die Signatur dieser Politik, sondern die Gewaltlogik der Immunisierung: Was nicht passt, wird als Erreger markiert; was gehorcht, gilt als geheilt.

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