01.09.1999

Plätschernde Kinder

Kommentar von Petra Mascha

Nachhaltigkeit heißt eine Lösung in der Kindererziehung. Doch geht dabei der Forschungsdrang der Kleinen verloren. Petra Mascha über ihre Erfahrung mit ”kopflastigen” Kindern.

Welche Eltern oder Pädagogen kennen das nicht? Alle Wasserhähne sind volle Pulle aufgedreht, das Bad steht knöcheltief unter Wasser, ein Jauchzen dringt durch die Tür: Pitschnasse Zwei- bis Fünfjährige beim fröhlichen Spiel mit der ”knappen Ressource” Wasser. Oder die dreijährige Nachwuchsmami in der Küche, die aus einem Eimer frisch gepflückter Blätter und Blütenblätter ein mit toten Ameisen garniertes Süppchen kocht…
Geschieht so etwas öfter, sehen sich Erziehungsberechtigte heute mit der Frage konfrontiert: Wurde hier nicht genügend erklärt und ökologisches Verantwortungsbewußtsein beigebracht?

Die Diskussion über Nachhaltigkeit hat längst auch in der Pädagogik Einzug gehalten. Die Grundgedanken der Nachhaltigkeit werden auf kindliche Verhaltensweisen und Erziehungstheorien übertragen. Das Anliegen des Menschen, sich und seine Umwelt weiterzuentwickeln und sein Leben aktiv zu gestalten, wird ersetzt durch ein früh anerzogenes vorsichtiges ”Umgehen” mit der zerbrechlichen Welt: Sparen, Gürtel enger schnallen, Konsumverzicht und Risikobewußtsein statt Spiel, Spaß und Abenteuer für die Kleinen heißt die Devise.

Das Nachhaltigkeitsprinzip wird Kindern auf unterschiedliche Art nahegebracht: Das Wassersparen ist nur ein Beispiel von vielen. Auch beim Essen wird heute auf Nachhaltigkeit geachtet, indem Kinder schon früh vor vermeintlich negativen Begleiterscheinungen gewarnt werden. So wird unterschieden zwischen gutem (gesundem) und schlechtem (ungesundem) Essen. Allerdings sind die Vorlieben da sehr verschieden. Der Vegetarier wird Fleisch für ungesund erklären, ein Allergiker wird andere Präferenzen haben.
Auf die Eßgewohnheiten von Kindern zu achten und hier und da auch einmal einzugreifen, gehört zum normalen Alltag von Eltern und Erziehern. Schwierigkeiten und Konflikte sind jedoch fast unausweichlich, wenn das Eßverhalten bereits im Kindergarten zu einer Frage der Lebenseinstellung hochstilisiert und gleichzeitig versucht wird, Kindern das ”richtige” Eßbewußtsein einzutrichtern.
Der Konflikt für Kinder ist vorprogrammiert, denn natürlich sind sich alle Kinder beispielsweise darüber einig, daß Süßigkeiten gut schmecken. Gleichzeitig hören sie aber, daß derlei Naschwerk sehr schlecht für ihre Gesundheit sein soll, während sie ständig registrieren, daß es im Supermarkt Süßigkeiten en masse zu kaufen gibt und sehr häufig gegessen werden.

Süßigkeiten sind nicht per se schlecht. Problematisch ist vielmehr die Art, wie Kinder heute lernen, mit deren Konsum umzugehen. Ein Beispiel aus meiner Praxis verdeutlicht den Konflikt: Ein Junge bekommt Süßigkeiten nur sehr selten, weil seine Mutter unter einer Allergie leidet. Sie erzählt ihm häufig über die Nachteile des Verzehrs von Süßigkeiten, obwohl der Junge kerngesund ist. Als er dann jedoch in die Kita kommt, muß er täglich mit ansehen, daß Süßigkeiten dort nicht verboten sind und andere Kinder problemlos Süßigkeiten naschen. Er kommt offensichtlich immer wieder in Konflikte, weil die anderen Kinder doch etwas Verbotenes tun, ohne dafür gescholten, geschweige denn krank zu werden.

Die Folgen solcher Art von ”nachhaltiger Erziehung” kann man heute immer häufiger beobachten: Es entsteht eine Art ”Kopflastigkeit”, durch die Kinder vor lauter Nachdenken und Grübeln darüber, was sie noch spielen, essen oder tun dürfen, wenig Gelegenheit haben, wirklich einfach nur Kind zu sein, zu toben, zu tollen und ständig die eigenen Grenzen auszutesten. Immer mehr Kinder stehen in ständigem Konflikt zwischen den jegliche spontane Initiative bändigenden Werten der Erwachsenen und dem kindlichen und wertvollen Drang, immer Neues auszuprobieren. Dabei lernt ein Sprößling, der sich einmal mit Süßigkeiten übergessen hat und dem anschließend speiübel ist, aus dieser Erfahrung zweifelsohne mehr als durch abstrakte Belehrungen, die er nicht nachvollziehen kann.

“Lösungen werden nicht durch Bescheidenheit oder Konsumverzicht gefunden, sondern durch Taten- und Forscherdrang.”

Im Konzept der ”nachhaltigen Erziehung” sind auch der ”spielzeugfreie Kindergarten” und der ”Waldkindergarten” sehr beliebt. Es ist nichts dagegen einzuwenden, Kinder auch einmal ohne Spielzeug und im Wald spielen zu lassen – ganz im Gegenteil. Das fördert die Kreativität, macht Spaß, ist im Prinzip auch nichts Neues. Neu und bedenklich ist allerdings die Ideologie, mit der solche Konzepte heute verpackt und Kindern präsentiert werden: Man versucht damit, den Kindern Enthaltsamkeit, Konsumverzicht und Bescheidenheit als wichtige Prinzipien mit auf den Lebensweg zu geben – quasi als vermeintliche Lösungsstrategie für die Probleme unserer heutigen Gesellschaft. Lösungen und Innovationen, von denen die gesellschaftliche Entwicklung abhängt, werden jedoch durch Taten- und Forscherdrang und einer hohen Erwartungshaltung gefunden. Diese Eigenschaften sollen von klein an ausgetrieben werden.

Ein weiterer Eckpfeiler der ”nachhaltigen Erziehung” ist die sogenannte ”Partizipation von Kindern” – beispielsweise durch sogenannte ”Kinderparlamente”. Es ist zweifelsohne richtig und wichtig, Kinder an bestimmten Entscheidungsprozessen in der Kita teilnehmen zu lassen. Das macht aber nur Sinn, wenn sie diese auch begreifen und überschauen können. In vielen Fällen, wo Kinder heute eine ”bewußte” Entscheidung treffen sollen – ob zum Thema Umweltschutz, Plastikspielzeug, Süßigkeiten oder laufende Wasserhähne –, sind sie oft überfordert. ”Kinderparlamente” und ähnliche Gremien dienen daher meist auch nichts anderem als dem Abfragen, ob sich das ”richtige Bewußtsein” bereits festgesetzt hat – eine Art Gesinnungsprüfung.
Denn würde bei einer Abstimmung in einem Kinderparlament beispielsweise der einstimmige Beschluß gefaßt, das Mittagessen ausfallen zu lassen und statt dessen zehn Mohrenköpfe zu verspeisen, würde diese Entscheidung sicher so lange durch das Warnen und Zu-Bedenken-Geben der Pädagogen torpediert, bis das Votum anders ausfällt. Auch solche Konzepte sind einer ”gesunden” Entwicklung des Nachwuchs wenig zuträglich.