01.03.2007

„Pfuscht dem Herrgott nicht ins Handwerk!“

Kommentar

Heribert Offermanns über das Lorscher Arzneibuch und die Plankstetter Botschaft.

Auf der Grundlage des Gedichtes „Hortulus“ des Mönches und späteren Abtes des Klosters Reichenau am Bodensee, Walahfrid Strabo, wurde in der ehemaligen Benediktinerabtei Lorsch hinter der karolingischen „Königshalle“ (Weltkulturerbe!) der Kräutergarten nach den alten Plänen wieder angelegt. Dort findet der Besucher auch eine Bronzetafel mit einem Hinweis auf das Lorscher Arzneibuch. Dieses phytotherapeutische Kompendium ist das erste Heilkräuterbuch der abendländischen Geschichte. Es wurde zur Zeit Karls des Großen – um 795 – im Scriptorium der Lorscher Abtei, wahrscheinlich unter Abt Richbodo, verfasst.


Das Kompendium war lange Zeit als „Bamberger Codex“ nur Experten bekannt. 1989 wurde es in einem Symposium einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Das Arzneibuch bietet einen wertvollen Schatz an medizinischem Wissen, das vor 1200 Jahren von Mönchen zusammengetragen wurde. Das Würzburger Universitätsinstitut für die „Geschichte der Medizin“ wertet das Kompendium zurzeit aus. Die Abtei Lorsch war ein Zentrum der Heilkunde und die Wiege der Lebensmittelchemie, denn Kräuter waren auch eine wichtige Nahrungsergänzung, nicht nur zur Sättigung, sondern auch zur Haltbarmachung und Geschmacksverbesserung.


Das Lorscher Arzneibuch beginnt mit einer hochinteressanten Rechtfertigung, einer Verteidigung der Heilkunde gegen Angriffe konservativer Kreise der Kirche, die Krankheiten zu lindern oder gar zu heilen als gotteslästerlichen Eingriff in den göttlichen Heilsplan ansahen: „Pfuscht dem Herrgott nicht ins Handwerk!“ Es ist faszinierend, wie die Verfasser aus biblischen Texten – sozusagen mit den Waffen der Fundamentalisten – das Recht, ja die Pflicht herleiten, dem Kranken kraft menschlicher Erkenntnisse – überliefert oder neu gewonnen – zu helfen. Diese Botschaft kommt einer Revolution gleich, da Erkenntnisse der heidnischen Antike und neueste Erkenntnisse der Heilkunde zur Behandlung Kranker propagiert wurden. Das Lorscher Arzneibuch legitimiert die „moderne“ Heilkunde!


„Pfuscht dem Herrgott nicht ins Handwerk!“ ist aber heute noch die Botschaft eines bedeutenden Kirchenmannes, des Abtes Gregor Maria Hanke – inzwischen Bischof von Eichstätt – vom Benediktinerkloster Plankstetten. Der langjährige Vertraute von Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) ist ein strikter Gegner jeder Form von Gentechnik und verkündet seine Botschaft mit Überzeugung. So versammelte er im letzten Oktober eine große Schar von „Bio“-Fundamentalisten in seiner Abtei – in Anwesenheit von Seehofer. Beim Reizwort Gentechnik „begann das Publikum zu toben“, war in der der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen (31.10.06, S.1). Der Herr Minister war tief beeindruckt. Die Erfahrung an der Basis und der „weise“ Rat des zukünftigen Bischofs bestätigten den Kurs des CSU-Ministers: Er und sein Generalsekretär Söder erkannten das populistische Potenzial der Gemeinsamkeiten von Kirchenleuten, Ökobauern und durchaus gutwilligen Ökologisten, die immer schon „Chemie“ und „Gentechnik“ für böse und „Bio“ für gut hielten.


Seehofers Linie widerspricht, wie mir scheint, dem Kurs der Bundeskanzlerin, der Bundesministerin für Bildung und Forschung und der forschungspolitischen Sprecherin, der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Sie stimmt eher mit der Position der Grünen überein. Deshalb versucht Seehofer nun einen schizophrenen Spagat: Forschung auf dem Gebiet der „grünen“ Gentechnik ja, kommerzieller Anbau genmodifizierter Pflanzen nein. Seine Partei folgte ihm bei der Klausurtagung im Kloster Banz. Vielleicht sollten die Politiker nicht so oft hinter Klostermauern tagen (Seehofer: „Nirgendwo kann ich die Möbel in meinem Kopf besser ordnen“, Passauer Neue Presse, 3.11.06), sondern den Dialog mit Wissenschaftlern der Akademien, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Max Planck-Gesellschaft u. a. suchen.


Dem neuen Bischof und dem Minister sei die Lektüre des Lorscher Arzneibuches sehr empfohlen. Lesen sollten es aber auch die Verantwortlichen von „ACT“ (action by churches together), der internationalen Allianz protestantischer Kirchen und kirchlicher Hilfswerke, die erst kürzlich alle Mitglieder zu einem weitgehenden Verzicht auf „genmanipuliertes“ Getreide verpflichtet hat. Gentechnisch verändertes Getreide darf demnach nur der letzte Ausweg sein, um Hungerkatastrophen abzuwenden.
Ich habe nichts dagegen, dass überwiegend besser gestellte Bundesbürger sogenannte „Bio“- oder „Öko“-Produkte zum Beispiel beim Hofgut des Klosters Plankstetten einkaufen – obwohl Klostergüter nach den Ordensregeln („Man verkaufe immer etwas billiger, als es außerhalb des Klosters möglich ist!“) eher Grundnahrungsmittel für die Ärmeren bereitstellen sollten. Aber mich stört gewaltig, dass Kirchen und eine C-Partei nicht die naturwissenschaftliche Erkenntnisse („Pfuscht dem Herrgott nicht ins Handwerk!“, zitiert in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.10.06, S.41) nutzen wollen, um (gottgewollte?) Geißeln der Menschheit wie Krankheit und Hunger zu bekämpfen. Früher waren insbesondere Benediktinerklöster Stätten der Aufklärung und Bildung, es kann doch nicht wahr sein, dass sie heute dem Zeitgeist huldigen und Vorurteile schüren.