01.01.2000

Peter Sloterdijk als Zarathustra

Von Sabine Reul

Ein Beitrag der Rubrik "Stichwort" von Sabine Reul.

Die so genannte “Elmauer Rede” des Philosophen Peter Sloterdijk löste im vergangenen Herbst einen jener Eklats aus, die inzwischen Zwangsritual der deutschen Intelligenz geworden sind.[1] Der Autor beschrieb “Selektion” und “Züchtung” als Konstanten des Zivilisationsprozesses und sprach die Erwartung aus, die neuen Möglichkeiten der Humangenetik würden diese lange schamhaft verschwiegene Wahrheit wieder brisant werden lassen. Ein origineller, diskussionswürdiger Gedanke? Gott bewahre! Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurde der Text kommentiert, als handele es sich um eine Anleitung zur Wiedererrichtung der Auschwitzrampen.

Der Spiegel wertete Sloterdijks Vortrag als “totalitär-faschistisches Bekenntnis” und Ausdruck eines Bündnisses zwischen geistiger Elite und Biotechnologie für die “Wiedergeburt der Menschheit aus dem Geiste des Reagenzglases”. Ganz ähnlich Peter Assheuer in der Zeit, der Philosophie und Wissenschaft schon an der Schwelle zur Umsetzung einer “Zarathustra-Phantasie vom Übermenschen” sah und flugs auch Sloterdijks jüngstes Werk Sphären retrospektiv “an der Grenze zum Totalitären” verortete. Dass Jürgen Habermas, wie Sloterdijk meint, diesen Umgang mit seinem Text heimlich in Gang gesetzt habe, ist zwar wenig wahrscheinlich. Aber er versah die überspannten Lesarten der Elmauer Rede mit der Weihe seiner nicht zu unterschätzenden Autorität und bekundete, nach der “niederschmetternden” Lektüre eine Intervention bei seinem und Sloterdijks Verlag Suhrkamp als geboten erachtet zu haben.

Es war die bislang seltsamste der uns regelmäßig heimsuchenden Skandalproduktionen. Die Schlussfolgerung drängt sich auf, dass Diskurs hierzulande nur noch in Form hysterischer Eklats erfolgt. Sloterdijk äußerte in einem recht unbedeutenden Vortrag einige freundliche, aber nicht sehr kenntnisreiche Sätze über die Gentechnik. Darauf explodierten vermischte Affekte, von denen der in Deutschland besonders ausgeprägte mystische Horror vor der Gentechnik wohl der ausschlaggebende war. Hinzu kam der defensive Reflex zusehends ins Abseits gedrängter linksliberaler Intellektueller gegen einen philosophischen Schriftsteller, der zwar irgendwie zu ihnen gehört, aber immer ein Querdenker war – noch dazu ein latent brillanter Essayist und überaus populär.

Sloterdijks Rede selbst bot ausreichend Angriffsflächen. Regeln für den Menschenpark war ein nicht zur Veröffentlichung vorgesehener Konferenzbeitrag zum Ideentest in trauter Runde. Es ist keine gelungene Erörterung. Selbst interessante Gedanken werden hier in diffuser Unfertigkeit vorgetragen, so dass man ihnen nur schwer folgen mag. Aber gerade zum Thema Gentechnik gibt der Text ironischerweise wenig Kontroverses her.

Zu Thema gelangt Sloterdijk eher zufällig gegen Ende einer komplex strukturierten philosophiegeschichtlichen Erörterung. Sie gilt der Frage, wie sich nach dem Ende des Humanismus künftig noch die Humanisierung des Menschen gewährleisten lasse. Die Antwort sucht Sloterdijk auf dem Weg einer Rekapitulation der Gedanken jener Philosophen, die sich in unterschiedlicher Weise mit der Frage der “Domestikation” des Menschen befasst haben. Plato als Philosoph des königlichen “Menschenhirten”, Nietzsche als Ankläger gegen die “Kleinzüchtung” des Menschen und Heidegger als geläuterter Befürworter eines Rückzugs aus großen Menschheitsprojekten ins stille Dasein des Menschen als “Hüter des Seins”.

Sloterdijks Überlegungen heben an mit einem forciert ahistorischen Begriff des Humanismus. Er beschreibt ihn als Kultur der geschriebenen Verständigung “zwischen Freunden” und führt seinen Untergang weit unter üblichem Niveau platt auf den Aufstieg der Massenkultur des 20. Jahrhunderts zurück. Dann moduliert er den Begriff des Humanismus weiter, indem er ihn als nunmehr überholte Spielart der “Züchtung” des Menschen charakterisiert, der jetzt andere zu folgen haben, um der “Verwilderungstendenzen” des Menschen Herr zu werden.
All das ist ein Verschwimmen teils zutreffender Einsichten. Es gibt eine Krise der Verständigung, ein Überhandnehmen reaktiver Erregungen und ein tiefes Empfinden menschlicher Unzulänglichkeit, das den Humanismus als Relikt einer illusionsreicheren Epoche erscheinen lässt.
So, wie diese – übrigens nicht neuen – Tatsachen in dieser Skizze zusammenfügt werden, hängen sie aber nicht zusammen. Weder wird ersichtlich, warum Sloterdijk beschließt, mit dem Humanismus des 18. und 19. Jahrhunderts gleich 3000 Jahre europäischer Zivilisationsgeschichte verabschieden zu müssen. Noch, wieso eigentlich “Verwilderung” das beherrschende Motiv seines Plädoyers für neue Humanisierungsmedien ist, wo doch Verwilderung heute kaum größer sein dürfte als in früheren Zeiten.

Für zusätzliche Irritation sorgt Sloterdijks aufreizend sinnentleerendes Spiel mit den Begriffen Selektion, Züchtung und Anthropotechnik. Unter Bezugnahme auf Nietzsche führt Sloterdijk den Begriff der Selektion ein. Er konstatiert, Teil des Prozesses der Bändigung des Menschen sei schon immer auch die Selektion gewesen. Dem mag man ja grundsätzlich folgen. Nur spricht er als Beispiel das Lesen an, das er eingangs als Kernmedium der bisherigen humanistischen “Befreundung” und Erziehung des Menschen beschreibt, und meint in Anlehnung an Foucault, die Schriftkultur selbst habe bis zur allgemeinen Alphabetisierung selektive Wirkungen gezeitigt. Das als Selektion beschreiben, was lange Zeit unausweichliche Begleiterscheinung gesellschaftlicher Rückständigkeit war, heißt den Begriff weitgehend jedes definierbaren Inhalts entleeren.

Wenn Sloterdijk dann schreibt, die Menschen seien durch die Mittel, die ihnen die technische Entwicklung der Moderne einräumt, “mehr und mehr auf die aktive oder subjektive Seite der Selektion” geraten, “auch ohne dass sie sich willentlich in die Rolle des Selektors gedrängt haben müssten”, kann man ihm wieder erheblich besser folgen. War die wie auch immer verstandene Gattungsentwicklung zunächst stark naturgeprägt, dann sozial, aber unbewusst, finden wir uns nun an einem Punkt, an dem unabweisbar wird, dass wir Entscheidungsmacht erlangt haben.

Sloterdijk gelangt zur Gentechnik und folgert: “Aber sobald in einem Feld Wissensmächte positiv entwickelt sind, machen Menschen eine schlechte Figur, wenn sie – wie in den Zeiten eines früheren Unvermögens – eine höhere Gewalt, sei es Gott oder den Zufall oder die Anderen, an ihrer Stelle handeln lassen wollen. Da bloße Weigerungen oder Demissionen an ihrer Sterilität zu scheitern pflegen, wird es in Zukunft wohl darauf ankommen, das Spiel aktiv aufzugreifen und einen Codex der Anthropotechniken zu formulieren.” Da wir diese Macht nun haben, sollten wir, mit anderen Worten, nicht so tun, als würden wir sie nicht auch nutzen, sondern entscheiden, wie wir sie nutzen werden.

Die Beunruhigung über Sloterdijks Text gründet sich primär auf diese Passage. Dabei handelt es sich um die mehr oder weniger einzige Aussage seiner Rede, die rückhaltlose Zustimmung verdient. Nur ein hoffnungsloser Zyniker kann sie als Anleitung zum biopolitischen Totalitarismus verstehen. Sloterdijks Appell, die Herausforderungen und Chancen der Humangenetik positiv aufzugreifen, ist eine überfällige Anerkennung der Realität, der sich seine Kritiker verweigern möchten. Aber sein Hang zum Eklektizismus, zu forcierten Begriffsumdeutungen, zu Emphase statt analytischer Stringenz mindert die Überzeugungskraft seines Textes beträchtlich.

Das betrifft auch den schillernden Begriff Anthropotechnik. Er leistet tatsächlich dem Eindruck Vorschub, Sloterdijk sei der biologistischen Auffassung, wonach Erziehung das gleiche sei wie Züchtung, so dass Eingriffe in die menschliche Keimbahn nun das leisten können, was früher Bildung tat. Das ist falsch, denn die Beeinflussung genetisch definierter Eigenschaften des Menschen wie Augenfarbe oder Krebsanfälligkeit hat nichts mit der Ausbildung seiner geistigen und sozialen Fähigkeiten zu tun.
Die “genetische Reform der Gattungseigenschaften”, die Sloterdijk an einer Stelle als mögliches Ergebnis der Humangenetik ins Auge fasst, ist Phantasie. Eingriffe ins Genom verwandeln die physische Ausstattung des Menschen und sonst nichts. Leider aber gibt es leider keine “physische” Lösung für das von Sloterdijk konstatierte Humanisierungsproblem.