01.07.2006

Peter Handke gegen die Eindimensionalität

Essay von Thomas Deichmann

Peter Handke gegen die Eindimensionalität

Wieder einmal ist der österreichische Dichter Peter Handke massiv angegriffen worden. Anlass war seine Grabesrede bei der Beerdigung des vor dem Kriegsverbrechertribunal angeklagten früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic in Pozarevac am 18. März 2006. Die Rede führte zu großem Unverständnis in der westeuropäischen Öffentlichkeit – zusammen mit einer Reihe von Falschzitierungen und missglückten Interpretationsversuchen, die Handke auch durch mehrfache Einlassungsversuche auf seine Kritiker zunächst nur schwerlich gerade zu rücken vermochte.


In Frankreich gipfelte die Aufregung in der Absetzung des zuvor von der Fachwelt als literarisch wertvoll erachteten Handke-Stücks Das Spiel vom Fragen oder Die Reise ins sonore Land an der Comédie Française durch Direktor Marcel Bozonnet. Er begründete seinen Beschluss, der von Handke-Kritikern begrüßt, aber ebenso von Kulturschaffenden (darunter auch solche, die Handkes Ansichten zu den Balkankriegen nicht teilen) als Zensurversuch gegeißelt wurde, mit der Lektüre eines Artikels im Nouvel Observateur. Dabei drehte es sich um einen der unrühmlichsten Texte, die seit 1996 zu Peter Handke erschienen waren. Er war durchsetzt von Fehlern und verfasst wohl einzig mit dem Ehrgeiz, Handke durch den Schmutz zu ziehen. Claqueure dieses journalistischen Machwerks, die an anderer Stelle gegen den Schriftsteller und über Pozarevac als „Kleinstadt ohne Seele“ schwadronierten (ohne jemals dort gewesen zu sein), nahmen die Absetzung des Theaterstücks aus dem Spielplan 2007 mit Schadenfreude zur Kenntnis.


Persönliche Anfeindungen gegen Handke wurden schon mit der Herausgabe seines ersten öffentlich umstrittenen „Jugoslawientextes“ Gerechtigkeit für Serbien im Frühjahr 1996 zur Norm. Doch Handke stellte sich damals wie auch jetzt seinen Lesern und bat um sorgfältige Lektüre seiner Texte, Richtigstellungen der Fakten – und das Blatt begann sich zu wenden. Handke erhielt, zunächst in Frankreich, später auch in Deutschland und in anderen europäischen Ländern, Zuspruch von Journalisten und anderen Dichtern, die das moralisch aufgeblasene Getue von Bozonnet nicht unkritisiert stehen lassen wollten. Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek bezeichnete die Comédie Française unter Bozonnet als „Zensurbehörde“; der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, mahnte, Handke nicht zu verbieten. Auf Initiative der Schriftstellerin Anne Weber schlossen sich zahlreiche Autoren und Filmemacher dem Protest an, darunter Robert Menasse, Paul Nizon, Emir Kusturica und der Direktor des Wiener Burgtheaters, Klaus Bachler, der die Entscheidung seines Pariser Kollegen „absurd und aberwitzig“ nannte.


So schien auf einmal eine differenzierte Diskussion um Handkes Werke und seine Beweggründe, in den vergangenen Jahren für die Serben „Partei“ ergriffen zu haben, in greifbare Nähe zu rücken – zumindest in Frankreich. Dass es hierzulande im Frühjahr 2006 noch nicht so weit war, zeigte sich wenig später, als sich Peter Handke Ende April erneut auf den Weg nach Serbien machte – dieses Mal ins Kosovo, das er zuletzt 1996 (sein Grenzgebiet während des Nato-Krieges zuletzt 1999) besucht hatte. Er reiste in einem Reisebus von Belgrad aus an, in Begleitung serbischer Kosovoflüchtlinge, einiger Dichter, Künstler und Journalisten und seinen serbischen Freunden Zlatko Bocokic und Zarko Radakovic, die seit 1996 regelmäßig mit Handke den Balkan bereisen. Seine Bestürzung ob der Zustände vor Ort, die Handke gegenüber den mitgereisten Journalisten zurückhaltend äußerte, erreichte über Belgrad Redaktionen in Westeuropa. Dort fühlten sich sogleich wieder auf Eindimensionalität gepolte „Fernfuchtler“ bemüßigt, über den „wilden Mann“ aus Österreich zu spotten.
Handkes Betroffenheit wurde belächelt. Der Wahrheitsgehalt von Reiseerlebnissen, die nicht von Handke, sondern von Mitreisenden berichtet wurden – ein Autounfall, Pöbeleien, Bedrohungen, Steinwürfe auf den Bus (am Ende mit Militär-Eskorte) – wurde in Zweifel gezogen. Handke „sei angeblich“ dies oder jenes widerfahren, war gleich in doppelten Konjunktiven zu lesen. Selbst seine Haltung, formuliert gegenüber den Journalisten vor Ort, er wolle, er müsse schweigen, weil er kein „Recht habe“, über sein Entsetzen zu reden, fand höhnische Kommentare – vor allem wieder von jenen, die keinen blassen Schimmer von den Zuständen auf dem Balkan haben.


Mit dem am 23. Mai 2006 publik gemachten Entschluss, Peter Handke dieses Jahr mit dem Heinrich-Heine-Literaturpreis der Stadt Düsseldorf auszuzeichnen, endete die öffentliche Auseinandersetzung um des Dichters Werk und Denken schließlich auf einem derart niedrigen Niveau, das einem die Worte zur treffenden Beschreibung fehlen. Dass die Entscheidung der Jury in Düsseldorf, in der u. a. die Literaturkritikerin Sigrid Löffler saß, auf Kritik stoßen würde, war abzusehen. Aber was sich nun auf politischer und mitunter auch feuilletonistischer Ebene abspielte, sucht seinesgleichen in der jüngeren Geschichte Deutschlands.
Nachdem die ersten Kritiker der Düsseldorfer Entscheidung in Stellung gegangen waren, brach sogleich ein Mitglied der Jury das ungeschriebene Gesetz der Einstimmigkeit bei derlei Entscheidungen im Kulturbetrieb: Christoph Stölzl distanzierte sich wenige Stunden, nachdem er seinen Namen handschriftlich unter die Entscheidung für Handke gesetzt hatte, von seinem Votum. Dies allein wäre schon Skandal genug gewesen. Bodenlos wurde die Auseinandersetzung kurz darauf durch die populistische Einmischung der Politik. Handke, der wegen seiner Grabesrede in Pozarevac bereits harter Kritik ausgesetzt war, kam einer Reihe von visions- und ziellosen Politikern offenbar nur recht, um sich auf Kosten der Kulturfreiheit durch persönliche Denunziationen gegen Handke in Szene zu setzen. Moralisch aufgepumpt und sogleich so vorgespielt „gutmenschlerisch“ eindimensional wie, in anderem Kontext, die Beschriebenen in Herbert Marcuses Hauptwerk, wurde fortan an vielen Orten für das Erbe von Heinrich Heine, die Menschenrechte, den Weltfrieden, die Widersacher des „Schlächters vom Balkan“ oder sonstige „höhere Ziele“ gegen Handke die Stimme erhoben. Der Fraktionschef der Grünen, Fritz Kuhn, skandalisierte die Düsseldorfer Entscheidung als „Verhöhnung der Opfer“, sein Parteikollege Daniel Cohn-Bendit sprach von „hellem Wahnsinn“. Als Ultima Ratio, eine Person des öffentlichen Lebens in Deutschland zu desavouieren, wurde Handke schließlich als potenzieller Faschist präsentiert: Jürgen Rüttgers (CDU) sprach während der Trauerfeier für den verstorbenen Präsidenten des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, am 29. Mai 2006 in Düsseldorf mit explizitem Bezug auf die Heine-Preis-Verleihung die Warnung aus: „Wehret den Anfängen!“


Die Niveaulosigkeit wurde damit grenzenlos. Dass Handke von offizieller politischer Seite unter Faschismusverdacht gestellt wurde, ist symptomatisch für erschreckende geistige Zustände in Teilen unserer Meinungselite. Allein der Versuch, diesem Vorwurf zu widersprechen, wäre absurd – so unglaublich empörend und sprachlos machend ist er.


Bemerkenswert ist allerdings, dass für derlei Populistenstimmen auch dieses Mal wieder Stichwortgeber existierten. Die Faschismus-Unterstellungen gegen Handke waren erstmals 1999 im Zusammenhang mit einem Interview aufgetaucht, während dessen der Befragte versehentlich eine haltlose Analogie zwischen Serben und Juden formulierte. Nachdem aber Handke seine missratenen Äußerungen sofort berichtigt hatte, fand dieser sprachliche „Verhaspler“ zunächst keine weitere Beachtung – wohl auch deshalb, weil es selbst den härtesten Handke-Kritikern zu niveaulos erschien, den engagierten Dichter in die Nähe des deutschen Nationalsozialismus zu rücken.


Angesichts der jüngsten Ereignisse wurde diese längst mit Gras überwachsene Geschichte von Gegnern der Handke’schen Perspektiven aus der Schublade gezogen – ohne Hinweis auf Handkes Richtigstellung und offenbar von der Sehnsucht getrieben, nun endlich zum finalen Dolchstoß gegen ihn ausholen zu können. Der französische Philosoph Bernard-Henry Lévy äußerte sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 21. Mai 2006 zur Absetzung des Handke-Stückes an der Comédie Française mit Hinweisen auf die „ekelhafte Chronik“ des Dichters, dass für jenen das Leid der Serben größer sei „als jenes der Juden in der Nazizeit“, und nannte Handke einen „Beweihräucherer des serbischen Faschismus“. Sechs Tage später erschien ein Artikel von Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit denselben Verunglimpfungen, flankiert von einer Rechtfertigung der Absetzung des Handke-Stückes in Paris und einer indirekten Empfehlung aus dem Hause der einflussreichsten deutschen Feuilleton-Redaktion, die „verstörende“ Düsseldorfer Entscheidung zur Verleihung des diesjährigen Heine-Preises an Handke zu revidieren.
 

„Eine solche Beschneidung der Autonomie und Unabhängigkeit des Literaturbetriebs hat es in der jüngeren Geschichte Deutschlands zuvor nur in der ehemaligen DDR gegeben.“



So nahm die Geschichte ihren Lauf, und die Fraktionen im Düsseldorfer Stadtrat entschieden Stunden später (gegen das Votum von Oberbürgermeister Joachim Erwin), die Juryentscheidung und die Preisverleihung an Handke am 13. Dezember 2006 kippen zu wollen. Handke zog Konsequenzen und wies den Literaturpreis zurück.
Durch die politische Intervention, die ihn begleitenden Entgleisungen und Peinlichkeiten (wie etwa, dass einige politische Mandatsträger bei der Rechtfertigung ihrer Haltung stolz verkündeten, Handke nicht einmal gelesen zu haben), geschah das, was die aufgeblähten Kritiker, die sich zuvor als Anwälte Heinrich Heines ausgegeben hatten, nun der Düsseldorfer Jury in die Schuhe zu schieben versuchten: Der Heine-Preis und mit ihm sämtliche Literaturpreise (zumindest die mit Beteiligung der öffentlichen Hand) sind mit dieser skandalösen Einmischung bis auf Weiteres entwertet. Vorerst stehen derlei Auszeichnungen unter dem Generalverdacht, politischer Willkür ausgeliefert zu sein und (statt als Ehrerbietung für einen Künstler verliehen) für politische Zwecke instrumentalisiert und zur Demontage eines umstrittenen Kulturschaffenden missbraucht werden zu können.


Eine solche Beschneidung der Autonomie und Unabhängigkeit des Literaturbetriebes hat es in der jüngeren Geschichte Deutschlands zuvor nur in der ehemaligen DDR gegeben. So rief die Düsseldorfer Anmaßung wie auch die Ankündigung, in Paris ein Handke-Stück vom Spielplan zu streichen, zahlreiche Kritiker auf den Plan: Sigrid Löffler und der Pariser Literaturprofessor Jean-Pierre Lefèbre erklärten ihren sofortigen Austritt aus der Jury des Heine-Preises; Wilfried F. Schoeller, Generalsekretär des deutschen P.E.N., monierte bestürzt das „Niveau und den Verlauf der öffentlichen Diskussion“ um Handke, der „auf dem demokratischen Recht einer abweichenden Meinung“ bestehe. Schoeller forderte eine „genaue“ Diskussion „über die gesammelten Serbien-Texte Handkes und ihre Befremdlichkeiten“.


Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die in den letzten Jahren mit am konsequentesten die von Handke und anderen als einseitig kritisierte Haltung zu den Balkankriegen an den Tag gelegt und den Dichter daraufhin (wie zuletzt Hubert Spiegel) wiederholt ohne Niveau angegriffen hatte, wirkte erschrocken: Feuilleton-Chef Frank Schirrmacher verteidigte am 2. Juni 2006 die Unabhängigkeit der Juryentscheidung, auf die sein eigener Redakteur nur wenige Tage zuvor (mit der Suggestion, Handke sei „nazi-verdächtig“) verbal eingedroschen hatte.
Schirrmachers Anliegen war offenbar nicht allein die Verteidigung der künstlerischen Freiheit samt der der Literaturkritik. Es ging ihm wohl auch darum, den Imageschaden an seinem Feuilleton in Grenzen zu halten. Die Düsseldorfer „Demontage“ Handkes mache nämlich „den Literaturkritiker zum Büttel der Politik, weil sein Einwand gegen Handke nun durch Einmischung der Politik wirkt wie der denunziatorische Ruf nach der Polizei“, stellte er fest.


Gewiss (hoffentlich) hatten Handkes Hetz-Kritiker (oder die Kritiker von Journalisten, die, wie bei Novo, zum Teil eine abweichende Meinung zu den Balkankonflikten vertreten) niemals den „Ruf nach der Polizei“ oder anderen Ordnungsdiensten im Sinn. Angesichts der jüngsten Entgleisungen in Zusammenhang mit dem Heine-Preis und zahlreichen vorangegangenen eindimensionalen Meinungsartikeln zu den Themen Jugoslawien und/oder Peter Handke, kann man sich allerdings des Eindrucks schwerlich erwehren, dass es eine gewisse Verbindung der in Düsseldorf ans Tageslicht geförderten und von Schirrmacher benannten Ebenen gibt – ohne hier auch nur ansatzweise das „altlinke“ Stereotyp wiederholen zu wollen, dass die deutschen Leitmedien die tragischen Entwicklungen auf dem Balkan mit ihrer Schreibe aus der Ferne dirigiert haben sollen. Und klar ist hierbei auch, dass das zentrale Problem im Zusammenhang mit der Heine-Preis-Verleihung nicht bei den Medien liegt, die das demokratische Recht und geradezu die freiheitliche Pflicht haben, eigene und noch so kontroverse Ideen zur Diskussion zu stellen (bekanntlich ist auch Novo hierbei nicht gerade zurückhaltend) – problematisch ist aber die aggressiv verteidigte Eindimensionalität hierbei, und zusehends skandalös agiert die Politik, die sich unreflektiert aus den populären Versatzstücken aufgeheizter Meinungsstreits bedient, um populistische Pluspunkte einzuheimsen.


Auf jeden Fall hat die Polarisierung gegen Peter Handke jüngst ein Ausmaß erreicht, bei dem wertvolle Einrichtungen einer aufgeklärten Gesellschaft, wie die eines autonomen Kulturbetriebes, in unmittelbare Bedrängnis geraten sind. Und es ist anzuerkennen, dass dies in Frankreich und Deutschland einen Aufschrei provozierte. Hierdurch kann möglicherweise jetzt, zehn Jahre nach Handkes erstem Plädoyer für „Gerechtigkeit für Serbien“, ein Dialog entstehen. Elfriede Jelinek hat hierzu am 30. Mai 2006 auf ihrer Internetseite notiert:


„So kann ich mit Handke nur das Mindeste erwarten, was zu erwarten ist, nämlich möglichst alles zu lesen, was er in den letzten Jahren zum Balkankonflikt und seinen blutigen Kriegen, Nachbar gegen Nachbarn, geschrieben hat. Lesen und dann reden, aber nicht hetzen. Sonst wagt man sich zu weit vor, und dann haben sogar die Hunde, die treuen, einen verlassen (ihr klagendes Gebell hört man allerdings noch lang), und die guten Geister verlassen einen auch irgendwann, und dann wird es nur noch geistlos.“


Es bleibt abzuwarten (und zu hoffen), ob (dass) sich die von Jelinek beschriebene Geistlosigkeit abwenden lässt. Für das literarische Werk von Peter Handke wäre dies nur zu wünschenswert.


Doch es scheint, dass für einen an wirkliche Textlektüre gebundenen Kritikerdialog nicht allein die Verteidigung eines unabhängigen Literaturbetriebes genügt. Endet die Diskussion auf dieser zweifellos bedeutenden Ebene, kann beim gegenwärtigen Stand wohl bestenfalls das Bild entstehen, dass man einem „politisch fehlgeleiteten“ Dichter zugesteht, seine „absonderlichen“ Thesen literarisch zu artikulieren. Einige Handke-Kritiker scheinen es nun wieder einmal auf eine solche „Aussöhnung“ abgesehen zu haben (so wie auch in den vergangenen Jahren immer dann, wenn Handke einen Text vorlegte, der nicht auf dem Balkan spielte) – frei nach dem Motto: Der große Dichter liegt zwar daneben mit allem, was er zu Jugoslawien je gesagt hat, aber ein begnadeter Schreiber ist er, also soll er doch weiter fabulieren.
Angesichts der feuilletonistischen und politischen Handke-Verunglimpfungen der letzten Jahre könnte man geneigt sein, eine solche Haltung fast schon als Fortschritt zu bewerten. Aber dass Handke auf einer solchen Ebene die Hand zur Versöhnung ausstrecken könnte, ist zweifelhaft und wohl vor allem ein Wunsch jener, die gerne das ihnen selbst längst überdrüssig und übermächtig gewordene „Jugo-Thema“ klärungslos zu den Akten legen würden.
 

„Für Handke nur mit dem Hinweis auf die ‚Literaturfreiheit‘ einzutreten und ihm neue Eintrittskarten für die deutschen Kritikerklubs zu bieten, würde seinem Wirken bei Weitem nicht gerecht.“



Die jüngsten Verlautbarungen von Peter Handke, der das Gespräch und die Klärung sucht, um von seinen Lesern verstanden zu werden, deuten darauf hin, dass es ihm selbst nicht nur (oder ihm gar am wenigsten?) um die Wertschätzung seiner ihm eigenen Art geht, aus der Anordnung von Wörtern Sätze und Geschichten entstehen zu lassen. Vielmehr möchte Handke auch als politisch engagierter Literat verstanden werden, um seine Leserschaft endlich daran teilhaben lassen zu können, was er (mit Fug und Recht) als eine große Ungerechtigkeit der Zeitgeschichte empfindet: die Einseitigkeit des Handelns und der Sprache, mit der Politik und Medien in den vergangenen Jahrzehnten die Ereignisse auf dem Balkan begleitet und mitgestaltet haben.
In diesem Sinne ist das vom Dichter gerade jetzt wieder geforderte „Reden über Jugoslawien“ zu verstehen. Handke plädiert – wie in seinen früheren, von ihm als „Friedenstexte“ bezeichneten Reisenberichten – für die Öffnung der Diskussion, für die Einlassung auf eine differenziertere politische Sicht und Sprache, eine kritische Aufarbeitung der vergangenen Bomben- und Sprachengewitter.


Handke stellte seit Anfang der 90er-Jahre immer wieder die eintönige Eindimensionalität des hiesigen Balkanbildes infrage. Auch hierfür gebühren ihm Respekt und Anerkennung. Für Handke nur mit dem Hinweis auf die „Literaturfreiheit“ einzutreten und ihm neue Eintrittskarten für die deutschen Kritikerklubs zu bieten, würde seinem Wirken also bei Weitem nicht gerecht. Handkes rebellischer Habitus, sein subjektives Engagement für ein Aufeinanderzugehen, für die Mehrdimensionalität bei der Wahrnehrung kleinster wie großer Ereignisse (von serbischen Nudeln bis zu den Bomben auf Belgrad) in Verbindung mit dem Bereisen der vom Krieg betroffenen Regionen und seiner scheinbar endlosen Lektüre von Artikeln und Büchern zum Thema (daraus hervorgehend auch fundiertes faktisches, wirkliches Wissen über das, was ihn bewegt) – all das zeichnet Peter Handke als Schriftsteller aus.
 

„Dass es in den letzten Jahren immer wieder neue Versuche gab, Handke ‚mund-, schreibe- und reisetot‘ zu machen, ist darauf zurückzuführen, dass er mit seiner grundlegenden Kritik an der Eindimensionalität Recht hat.“



Dass es in den letzten Jahren immer wieder neue Versuche gab, Handke „mund-, schreibe- und reisetot“ zu machen, ihn zu denunzieren, wie auch jetzt wieder, ist darauf zurückzuführen, dass er mit seiner grundlegenden Kritik an der Eindimensionalität Recht hat, dass aber weder Politik noch große Teile des akademischen oder Medienbetriebes bereit sind, sich dieser Kritik in einem ruhigen Diskurs zu stellen. Deshalb wurden und werden Handkes Bemühungen (wie auch die anderer Kommentatoren), einen anderen Blick auf die Balkankriege zuzulassen, oft kurzerhand platt gemacht. Immer noch darf es anscheinend keinen Millimeter Abweichung geben, wenn es darum geht, über die vielleicht größte „Konspirationstheorie“ der letzten Jahrzehnte zu sprechen. Sie lautet in Kurzform: Die Serben waren für die Balkankriege allein verantwortlich, sie planten und agierten wie die deutschen Nazis – kaltblütig, zielstrebig und völkermörderisch –, und nur durch die glorreiche Intervention deutscher und anderer Truppen (die noch viel zu zögerlich vorgingen), wurden Europa und die Welt vor einem neuen Faschismus mit Milosevic in der hitlerschen Führerfigur gerettet.


Handke war der erste und einzige einflussreiche deutschsprachige Intellektuelle, der diese im Laufe der Zeit zur Konspiration mutierte Sicht infrage stellte und eigene, andere Perspektiven offerierte – literarisch, menschlich und fern der ausgetreten Pfade. Doch bis heute ist es nicht gelungen, die Protagonisten dieser einzigartig reduktionistischen Deutung der Balkankonflikte zu veranlassen, ihre Schützengräben aufzugeben. Offenbar gibt es Bedenken, dass das neue „Weltordnungsbild“, das nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung maßgeblich über den Balkankonflikt vermittelt wurde – eine Entwicklung, durch die sich westliche Länder, darunter Deutschland, neue moralische Autorität in der Innen- wie der Weltpolitik (gewiss nicht völlig zu Unrecht) zusprechen konnten –, einer kritischen Betrachtung nicht lange Stand halten könnte, dass stattdessen an einigen Ecken ein enormes Ausmaß an Büttelei, an Unausgewogenheit und Manipulation des öffentlichen Meinungsbildes zum Vorschein käme.
Die Pawlowschen Reflexe gegen Handke (auch gegen Novo, wenn immer es eine abweichende Perspektive einnahm) sind in diesem Sinne weniger Ausdruck von Selbstsicherheit, Begriffe wie Wahrheit oder Gerechtigkeit wirklich zu Recht gepachtet zu haben. Selbstsicherheit geht in der Regel nicht mit Wutschnauberei, sondern mit Souveränität einher – das fehlt seit jeher beim Umgang mit Handkes Reisen und seinen „Serbientexten“.


Bezeichnend hierfür ist die anhaltende Verweigerung einer meinungsbildenden Mehrheit, eine ausgewogene Sicht der Balkankriege zuzulassen, typisch dafür ebenso, dass über die wirklichen Lebenssituationen in den von den Kriegen betroffenen Regionen kaum mehr authentisch berichtet wird. Bosnien steht zehn Jahre nach dem Friedensvertrag von Dayton immer noch vor dem Zerfall – dies aufzuarbeiten wäre eine wichtige Aufgabe. Über das Kosovo, in dem die Nato 1999 einen Völkermord zu stoppen vorgab, erfahren wir derzeit nur, dass es „Statusverhandlungen“ gibt – was einem wie eine sonderbare Fiktion vorkommen muss, wenn man die Region bereist hat. Nur noch etwa einhunderttausend Serben leben heute im Kosovo – mehr als das Doppelte sind geflohen. Und man muss für sie keinerlei Sympathien hegen, um zumindest irritiert zu sein, wenn man ihren Alltag kennen lernt – wie Peter Handke vor wenigen Wochen.
Die verbliebenen Kosovo-Serben (seit jeher Zivilisten, wohlgemerkt, keine Freischärler, keine politisch Verantwortlichen früherer Ungerechtigkeiten) leben heute überwiegend im nördlichen Teil von Mitrovica und dem angrenzenden Landstreifen, der die Region mit dem Rest Serbiens verbindet. Außerhalb gibt es als Wohnorte für sie nur noch einen Teil der Kleinstadt Orahovac sowie kleinere Dörfer und Weiler, darunter Velika Hoca, und das Kloster Decani. Alle anderen serbischen Familien haben das Kosovo aus perspektivloser Furcht um ihre Zukunft verlassen – die letzte Ausreisewelle gab es nach Übergriffen, denen viele zum Opfer fielen, im Frühjahr 2004. Die trotzdem Verbliebenen sind heute in ein „System“ gepfercht, das entgegengesetzter zu den vor sieben Jahren verlautbarten Begründungen der Nato-Intervention nicht sein könnte (Menschenrechte, Demokratisierung usw.). Tausende Nato-Soldaten beschützen die serbischen Siedlungen mit großem logistischen Aufwand rund um die Uhr, sie ziehen nachts doppelte Stacheldrahtbarrieren um sie herum, begleiten die Bewohner mit Panzerfahrzeugen als Eskorte zweimal pro Woche auf Busfahrten, um im nördlichen Teil Mitrovicas das einkaufen zu können, was die Subsistenzwirtschaft nicht hergibt.


Ist es angesichts einer solchen Lage verwerflich, wenn ein Dichter (wieder) die Mühe auf sich nimmt, eine Region zu bereisen, um Lebenswelten wahrzunehmen, die in der hiesigen Berichterstattung nicht vorkommen? Statt seine eigene „Entrüstung“ zu politisieren, regte Peter Handke während seiner Kosovo-Reise im April an, dass in absehbarer Zeit auch internationale Kollegen ins Kosovo reisen mögen, um sich ein eigenes Bild zu machen – eine Bitte, auf die bislang nicht eingegangen, die von den einflussreichen Meinungsbildnern offenbar nicht einmal zur Kenntnis genommen. Ist es vermessen, hieraus und aus dem Gebelle anlässlich der Kosovo-Reise Handkes (wieder einmal) den Schluss zu ziehen, dass ein verengter Blickwinkel die Sicht auf den Balkan dominiert?


Oder wie ist es zu bewerten, dass inmitten des neu entfachten Handke-Streits in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 29. Mai 2006 an prominenter Stelle ein Artikel erschienen ist, der so wirkte, als sei er auf Vorrat geschrieben, um ihn, jedes Mal neu formuliert, wenn Vorwürfe der medialen Eindimensionalität erhoben werden, zur Selbstvergewisserung der eigenen Positionen (und der der Zeitungsleser) zum Besten zu geben. „Ein wohlfeiles Ammenmärchen. Deutschland trifft keine Schuld am Zerfall Jugoslawiens“, lautete die Überschrift, und im Text wurde angesichts der Abspaltung Montenegros im vorauseilenden Gehorsam klargestellt, es sei „durch sorgfältig recherchierte Bücher und wissenschaftliche Arbeiten längst widerlegt“, dass Deutschland durch die Anerkennung Kroatiens und Sloweniens im Dezember 1991 den Zerfall Jugoslawiens eingeleitet habe. Eine Widerlegung setzt jedoch zumindest eine fundierte Auseinandersetzung mit stichhaltigen Thesen voraus, die es aber, liest man den Artikel weiter, eigentlich nie gegeben haben kann. Als einzige Buchquelle wird eine (zweifelsohne lesenswerte) 51-seitige Broschüre, herausgegeben 1998 von einem Politikwissenschaftler der Universität Washington, genannt und damit implizit alle anderen Publikationen, die, früher oder später, zu durchaus kritischeren Schlussfolgerungen kamen, als schlampig recherchiert und unwissenschaftlich abgetan – und als Teil eines Komplotts, das im „großserbischen“ Belgrad ausgeheckt und von akademischen, publizistischen oder literarischen „Mittätern“ in die Welt getragen wurde.
Auch hier gilt: Man musste und muss nicht Kriegspartei für die „serbische Sache“ ergriffen haben (Novo hat dies nie getan), man braucht auch gar nicht „anti-deutsche“ Reflexe zu zelebrieren (auch das ist Novo fremd), und schon gar nicht muss man an „wohlfeile Ammenmärchen“ glauben, um sinnvolle Fragen und Thesen zu den Ursachen der blutigen Eskalation der Balkankriege zur Diskussion zu stellen (so wie es auch Novo getan hat).


Eine letzte Detailfrage: Wie ist es zu bewerten, dass in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 3. Mai 2005 ein Artikel des früheren Balkankorrespondenten Matthias Rüb erschien, dem es (längst als Amerikakorrespondent tätig) damit anscheinend auch darum ging, die Integrität der vor den Balkankriegen geschätzten deutschen Journalistin und Mediendozentin Mira Beham infrage zu stellen (man könnte auch sagen, sie wie eine Agentin einer serbischen Verschwörung aussehen zu lassen) – vor allem wegen eines Interviews, dass Beham im Zusammenhang mit einem umstrittenen Massaker im Dorf Racak im Kosovo geführt hatte. Diese von Serben verübte Bluttat an Albanern wurde im Frühjahr 1999 häufig zitiert, um den sich anbahnenden Nato-Krieg gegen Serbien und Montenegro zu legitimieren – obwohl von unabhängiger Stelle schon frühzeitig fundierte Zweifel am Wahrheitsgehalt der offiziellen Version geäußert wurden: dass möglicherweise nämlich nicht albanische Zivilisten kaltblütig hingerichtet, sondern albanische UCK-Kämpfer in Gefechten mit serbischen Milizen ums Leben gekommen und anschließend für die Medien aufgereiht worden waren. Selbst beim Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, bei der Beweisführung gegen Milosevic, blieben Zweifel zu Racak bestehen.
Doch warum dann im Mai 2005 dieser für den Zeitungsleser überraschende Artikel ohne erkennbaren aktuellen Kontext? Könnte es damit zu tun haben, dass Mira Beham, die, mit serbischen Wurzeln, vor einigen Jahren wieder nach Belgrad übergesiedelt war, sich um einen diplomatischen Posten in der Botschaft Serbiens und Montenegros in Berlin beworben hatte, um fortan den Kulturaustausch zwischen Deutschland und Restjugoslawien zu fördern, und dass dies vom Auswärtigen Amt in Berlin einer Bewilligung bedurfte, die für Anfang Mai 2005 auf der Tagesordnung stand? Fakt ist, dass am Tag nach der Publikation dieses Artikels das deutsche Auswärtige Amt dem serbischen Außenministerium mitteilte, dass Beham aus formellen Gründen, die zuvor in ähnlichen Fällen nicht durchgängig geltend gemacht worden waren (Beham ist deutsche Staatsbürgerin), kein diplomatisches Visum bekommen könne. Was war geschehen? War dies eine Form der „Büttelei“, die Schirrmacher nun im Zusammenhang mit dem Heine-Preis kritisierte, oder war dies alles ein Zufall? Jedenfalls gab es im Anschluss – vor der Öffentlichkeit verborgen – Streit um den monierten Artikel. Als Folge ist er heute nicht mehr verfügbar, weil es – laut Auskunft des Recherchedienstes des F.A.Z.-Archivs – ein juristisches Nachspiel gab, dass vom von Beham zu Racak Interviewten (einem deutschen Journalisten) angestrengt worden war.


Die genannten Beispiele – die Reaktionen auf die Kosovo-Reise Handkes, der „Ammenmärchen“-Beitrag über die Schuld am Zerfall Jugoslawiens und die Angriffe gegen Beham – mögen dem einen oder anderen Leser klein oder unbedeutend erscheinen. Doch es gibt viele weitere solcher kleinen Geschichten (und auch große Ungereimtheiten), weshalb es eigentlich schon eine Frage der puren Redlichkeit (und journalistischen Professionalität) sein sollte, sie endlich zuzulassen und sich den aufgeworfenen Fragen zu stellen.
Darum geht es wohl auch Peter Handke. Vielleicht ist sein literarischer Ansatz derzeit fürwahr noch der am besten geeignete Weg, um aus den Schützengräben herauszufinden.