28.11.2025
Pathos und Palästina-Proteste
Von Jonas Dierkopf
Das westliche Bildungsbürgertum hat sich von einer zivilisatorischen Form des Pathos verabschiedet. Gefüllt wird dieser geistige Niedergang von einem antisemitistischen Opferkult.
Die Geiseln sind frei, ein Friedensabkommen wurde beschlossen, die Demonstrationen gegen Israel gehen jedoch weiter. Immer noch sind täglich überall in Europa dezidiert anti-israelische Kundgebungen angemeldet. Jeder, der in den sozialen Medien unterwegs ist, wird weiterhin mit pro-palästinensischen Inhalten konfrontiert, die sich durch eine extreme Zurschaustellung von teils vorgetäuschtem, teils realem Leid auszeichnen. Über zwei Jahre hinweg wurde die Welt mit einer penetranten Demonstrationswelle gegen Israel überzogen, und es scheint, als sei keine Aktivität im öffentlichen Raum verschont geblieben.
Exemplarisch verdichtet sich dieser Aktivismus in der so genannten Freedom Flotilla: ein von Beginn an zum Scheitern verurteilter Versuch, die so genannte Seeblockade Gazas zu durchbrechen – und zugleich ein perfektes Sinnbild für die Dramaturgie des pro-palästinensischen Pathos, wie er auch in jedem Post oder auf jeder Palästinademonstration zu finden ist, der der Sache der Palästinenser Substanz, Form und Legitimation geben soll. Das in See stechen als Symbol heroischen Widerstands entgegen allen naturgegebenen Widrigkeiten; das Zeigen des Leids in Gaza und die eigene Ergriffenheit, wenn man sich wahlweise in einer Videobotschaft, einem offenen Brief oder einem Appell an die Bevölkerung wendet, als moralische Währung; die Gefangennahme, als performativer Beweis der eigenen Unschuld. Sowohl an Land als auch auf hoher See ist es lautstark inszeniert, in Szene gesetzt für die Kameras. Und stets begleitet von einer Flut an Verzerrungen und Falschbehauptungen, wie jüngst bei Greta Thunberg und den Aktivisten der Freedom Flotilla, die nach kurzem Aufenthalt im Ketziot-Gefängnis von „Misshandlungen“ sprachen.
Substanz und Form bestimmten das Pathos, das die europäische Zivilisation prägte. In der französischen Klassik etwa bedeutete Pathos die Unterordnung des Gefühls unter eine höhere Ordnung – wie in Pierre Corneilles „Horace”, wo der Held familiäre Bindungen zugunsten Roms opfert und gerade durch diese Beherrschung des Persönlichen zur tragischen Größe gelangt. Das Leid in der klassischen Tragödie wurde nicht explizit, wurde kein Schrei, sondern beherrscht. Das Furchtbare ist präsent, steht aber durch die Ästhetik verdeckt im Schatten. Warburgs Pathosformel beschreibt eine Spannung zwischen Bildfigur und Accessoire – eine symbolische Anhäufung von Gefühl, in der sich jener Dualismus zeigt, der sich bis in die Formen des öffentlichen Lebens fortsetzt. Im Falle von Corneilles „Horace” verbindet sich die Ästhetik des Erhabenen mit dem konkreten politischen Machtanspruch des französischen Hofes auf emotionaler Ebene, und etwas Höheres als der bloße Familienzusammenhang tritt hervor. Auch im Städtebau oder in der Architektur ist dies bis heute sichtbar — zeugen doch Hampton Court, Versailles oder Schloss Schönbrunn von einer Polarität, die die Schönheit und Reichhaltigkeit des Gebäudes mit seiner gleichzeitigen Pompösität als Ausdruck von Macht verbindet. Dies ist es, was einer Kultur Substanz und Form verleiht.
„Dass die palästinensische Pathetik auf Resonanz in weiten Teilen der westlichen Gesellschaft stößt, hängt mit einem Zusammenbruch des zivilisatorischen Pathos im Westen zusammen.“
Nietzsche warnte im „Morgenröte“-Aphorismus 386 vor jener sentimentalen Form des Pathos, die im Leiden verharrt, statt es zu überwinden – vor einer Theatralik des Mitleids. Der heutige pro-palästinensische Pathos steht in genau dieser Tradition des ressentimentgeladenen Leidens. Er sucht nicht Erhebung, sondern Identität im Schmerz. Aufrufe und Songs gegen Israel von Musikern und Bands wie Macklemore oder Massive Attack sowie weiten Teilen der Kunst- und Kulturszene, Instagram-Bilder von Angehörigen der Global-Sumud-Flotilla auf hoher See — die genauso gut als Urlaubsbilder von der Côte d’Azur hätten durchgehen können —, die Rede von „Genozid“ oder „Apartheid“. Es ist ein Pathos, der einer Kultur, einer Nation oder einer Bewegung eben keine Substanz verleiht, da sie das Leid zum Schrei werden lassen.
In dieser Hinsicht erinnert er an jenes Pathos der späten 68er und ihrer postkolonialen Erben – eine ästhetische Melange aus romantisierter Unterdrückung, mystifizierter Solidarität und quasi-religiösem Erlösungsdrang. Auch hier: die Sehnsucht nach Größe im Opfer. Denn was soll die Stilisierung als Opfer sonst sein, wenn nicht im Kern ein antisemitisches und antiwestliches Ressentiment? Zivilisatorisches Pathos zeichnet sich gerade durch ein Selbstbewusstsein aus, das sich auf Förmlichkeit und auf einen bereits erwähnten Dualismus von Ästhetik und Autorität berufen kann. Hier driftet es jedoch in eine Richtung, in der Israel der Schuldige war und ist und dies die raison d‘être darstellt; in der die Ästhetik gewissermaßen mit der Formlosigkeit der Palästina-Bewegung Hand in Hand geht, besteht letztere doch im Westen aus einer skurrilen Querfront aus Bildungsbürgertum, Islamisten, Kommunisten, Sozialisten, Neonazis und Queers, im Nahen Osten aus einer dysfunktionalen palästinensischen politischen Entität.
Dass die palästinensische Pathetik auf Resonanz in weiten Teilen der westlichen Gesellschaft stößt, hängt gerade mit einem Zusammenbruch des zivilisatorischen Pathos im Westen zusammen, bei dem jenes Bildungsbürgertum als Abbruchunternehmen auftritt. Zu sehr befindet sich die Umgebung, in der sich ein Großteil des europäischen Pathos herausbilden konnte — der Nationalstaat — im Fall. Zu sehr sind Menschen aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in der Lage, mehr als einen Schrei zu registrieren und sich mit etwas, das darüber hinausgeht, länger auseinanderzusetzen; Pathos muss übrigens nicht immer national geprägt sein und verweist auch auf eine geistig freiheitliche Form. Es kann auch abseits der Nation auftreten, äußert sich jedoch in beiden Fällen niemals offensichtlich, mit der Brechstange, sondern eingebettet im Objekt selbst und erfordert ein Mindestmaß an Gespür beim Betrachter, um es zu erkennen oder zu vermuten.
„Wo das Pathos früher eine gewisse Haltung gegenüber dem Tragischen bezeichnete, dient es heute der bloßen Selbstdarstellung.“
Im Gegensatz dazu steht, beispielhaft, die Tendenz, in Museen oder an historischen Stätten belehrt zu werden, mit vorformulierten Interpretationen eines Renaissance-Kunstwerkes oder dem schlichten Wiedergeben harter Fakten wie Quadratmeterzahl, Baujahr und Lage der Akropolis in Athen, so, als ob es sich um eine Wohnungsbesichtigung handelte und der Guide der Makler ist, für den man bereits die Courtage bezahlt hat. Soll heißen: eine wirkliche Reflexion findet gar nicht mehr statt und die harten Fakten präsentieren sich so absolut und unübersehbar, dass man damit eigentlich nichts wirklich anfangen kann, außer sie sich zu merken und beim nächsten Mittagessen mit den Kollegen von der Arbeit wieder herunterzubeten. Der Schritt, vermeintliche „Fakten“ von anti-israelischer Seite einfach herunterzubeten, ist vor diesem Hintergrund kein weiter, denn was soll man mit den (falschen) Zahlen der Hamas anfangen oder mit den Bildern, die brutales Leid zeigen? Sie präsentieren sich als Fakten und sollen jegliche Reflexion ausschließen. Ein Verständnis davon, was den freiheitlichen Westen ausmacht und was nicht, lässt sich schwer in Zahlen fassen, aber die Bereitschaft dazu, sich überhaupt mit dieser Frage auseinanderzusetzen — und dazu gehört beispielsweise die Frage nach dem zivilisatorischen Pathos — scheint minimal zu sein.
Am Ende bleibt offen, ob der Westen noch über jene geistige Form verfügt, die einst sein kulturelles Fundament bildete — die Gebäude stehen ja noch. Wo das Pathos früher eine gewisse Haltung gegenüber dem Tragischen bezeichnete, dient es heute der bloßen Selbstdarstellung. Der pro-palästinensische Aktivismus ist Ausdruck dieses Verlustes, ein Symptom für die Abschaffung jener Distanz, die Kultur überhaupt erst möglich macht. Vielleicht beginnt ihre Wiedergewinnung dort, wo man sich wieder der Form verpflichtet fühlt, nicht dem Affekt.