01.05.2003

Party mit dem Tod

Essay von Peter Treue

Wie Impfgegner und Paramediziner die Gesundheitspolitik sabotieren und der Staat ihnen dabei hilft.

Es war zeitiges Frühjahr und noch sehr kalt, als die fünfjährige Simone an Masern erkrankte. Innerhalb weniger Stunden verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Hohes Fieber belastete den kleinen Körper, Simone wurde lethargisch und musste stationär behandelt werden. 48 Stunden später kämpften die Ärzte in der ostdeutschen Provinz mit zusätzlichen Komplikationen: Eine beginnende Hirnentzündung ließ sich nicht mehr beherrschen, der ganze Körper des Kindes war von Flecken übersät. Drei Tage nach dem Ausbruch der Krankheit starb Simone. Die Immunabwehr des bis dahin völlig gesunden Mädchens war nicht mehr in der Lage, die Infektion des Gehirns und der Lunge unter Kontrolle zu bringen. Das war 1968. Zwei Jahre später wurde die Masernimpfung in der DDR flächendeckend eingeführt – seit 1973 wird sie auch in der Bundesrepublik empfohlen. Dennoch sterben auch heute noch Menschen an dieser meldepflichtigen Infektionskrankheit. Fanatische Impfgegner kämpfen gleichzeitig gegen jede Form der Impfung und behaupten, dass Masern und Keuchhusten harmlose und „nützliche“ Kinderkrankheiten seien und Impfungen großen Schaden anrichten würden.

Strafgerichte Gottes

Der Mensch ist vergesslich, und das ist wahrscheinlich auch gut so. Traumatische Erlebnisse verdrängt er im Laufe der Zeit. Der Mensch muss vergessen, um überleben zu können, um handlungsfähig zu bleiben. Doch das kollektive Gedächtnis scheint inzwischen auch in Angelegenheiten zu versagen, bei denen es besser wäre, sich gut zu erinnern. Vielleicht liegt es daran, dass die Zahl der Menschen, die Hunger, Krieg und Seuchen noch selbst erlebt und überlebt haben, unaufhaltsam kleiner wird und wir kaum noch Erfahrungen aus erster Hand vermittelt bekommen. Vielleicht sollten wir noch einmal genau zuhören, wenn die Großeltern uns berichten von den Ängsten, die sie selbst als junge Eltern hatten, von den zwei Kindern, die es in der sechsköpfigen Familie nicht schafften und von der Normalität des Sterbens und Verkrüppelns – nicht nur im hohen Alter. Es ist noch keine hundert Jahre her, da löschte die so genannte „Spanische Grippe“, die ihren Ursprung allerdings vermutlich in den USA hatte, weltweit innerhalb von wenigen Wochen das Leben von rund 20 Millionen Menschen aus – allein in Deutschland erkrankten 1918 rund 10 Millionen, von denen fast 250.000 starben. Die Mediziner konnten nur mehr oder weniger tatenlos zusehen, bis die Epidemie 1919 wie von Geisterhand wieder verschwand. Heute noch sterben jährlich einige Tausend nicht geimpfte, meist ältere Menschen an den Folgen der Virusgrippe (Influenza), obwohl in jedem Herbst wirksame Impfstoffe für die aktuellen Varianten des Grippe-Virus zur Verfügung stehen.

Seuchen galten in vergangenen Jahrhunderten als göttliche Strafgerichte. Die Kenntnis von den Erregern und den Infektionswegen verdanken wir hauptsächlich der Forscherleistung der letzten reichlich hundert Jahre. Seit Robert Koch Ende des 19. Jahrhunderts mit der Entdeckung der Milzbrand-, Cholera- und Tuberkelbazillen den Anfang machte, war der Weg für wirksame Behandlungen und vor allem Vorbeugung bereitet. Der damals aufkeimende Optimismus erlebte seinen Höhepunkt nach dem Zweiten Weltkrieg, als Massenimpfungen in den Industriestaaten rasante Erfolge verzeichneten. Ende der dreißiger Jahre starben in Deutschland noch pro Jahr rund 2500 Kinder bis zehn Jahren an Keuchhusten. An Diphtherie starben zu dieser Zeit jährlich fast 5500 Menschen. 1950 erkrankten in der Bundesrepublik noch rund einhundert von 100.000 Menschen an dieser gefährlichen Atemwegskrankheit. Nach den Impfaktionen bis zum Jahr 1962 gingen die Erkrankungen auf unter zwei pro 100.000 Einwohner zurück. Seit 1995 traten keine dokumentierten Fälle von Diphtherie mehr in Deutschland auf.
Es liegt wohl auch in der Natur des Menschen, dass ihn seine Erfolge überheblich machen, und so stellten sich Visionen vom baldigen Ende aller Infektionskrankheiten schnell als gefährlich naive Utopie heraus. Die Medizin musste harte Rückschläge einstecken. Das Auftauchen neuer, bisher unbekannter Virusarten, wie dem HIV, das binnen weniger Jahre eine weltweite Epidemie auslösen konnte, zeigt den Forschern bis heute ihre Grenzen auf.

Menschenfreundliche Heilpraktiker

Ungeachtet dieser Entwicklungen leben wir heute unter Bedingungen, die den Menschen noch vor hundert Jahren geradezu paradiesisch erschienen wären. Der seit Jahrzehnten wachsende Wohlstand und ein trotz aller Missstände hochmodernes und effektives Gesundheitswesen lässt uns bei steigender Lebensqualität immer älter werden. Unsere Lebensmittel sind, auch wenn sie noch so industriell hergestellt sein mögen und trotz aller ökologisch-ideologischer Unkenrufe, in ihrer Qualität und Sauberkeit der durchschnittlichen Vor- und Nachkriegskost weit überlegen. Niemals in der Menschheitsgeschichte konnten wir uns so gesund und ausgewogen ernähren wie heute – auch ohne das staatlich verordnete Biosiegel. Unsere Kinder wachsen schneller, und die Menschen sind im Durchschnitt größer und gesünder als noch vor wenigen Jahrzehnten. Nicht zu vergessen ist, dass unzählige Mitmenschen heute nicht mehr unter uns weilen würden, wenn es die gern als „Apparatemedizin“ geschmähte Intensivmedizin nicht gäbe. Zahllose Eltern müssten ohne die enormen Fortschritte in der Medizin auf das Glück ihres heranwachsenden Nachwuchses verzichten, denn noch vor wenigen Generationen wurden jährlich zigtausend Kinder von heute gut behandelbaren oder inzwischen fast ausgerotteten Krankheiten dahingerafft.
Unter Umständen notwendige Kritik am Gesundheitswesen verkommt zum medial inszenierten Spektakel, das immer eine hohe Einschaltquote oder Auflage verspricht. Einzelne Kassenbetrügereien werden als symptomatisch für die Abgehobenheit der „Götter in Weiß“ gegeißelt, und wenn das Klischee vom pharmakonzerngesponserten Abzocker nicht greift, ist es eben das Schreckgespenst der so genannten „Schulmedizin“ an sich. Der Arzt, der skrupellos und ohne Hemmungen bei jedem Schnupfen Antibiotika verschreibt, ohne dem Patienten zuzuhören, ist im täglichen Leben ein häufig kolportiertes Argument für den Wechsel zum „menschenfreundlichen“ Heilpraktiker geworden. Jeder Reiki-Lehrer darf sich in diesem Land „Heiler“ nennen und ahnungslose Patienten unter Umständen von einer dringend notwendigen ärztlichen Behandlung abhalten, bis es mitunter zu spät ist. Gerade eine nicht fachgerecht durchgeführte Anamnese im Anfangsstadium einer lebensbedrohlichen Krankheit kann tödliche Folgen haben. Die Zahl der Opfer solcher Praktiken, besonders unter Krebspatienten, wird wohl dauerhaft im Dunkeln bleiben.

„Weltweit einmalige Sonderregelungen im deutschen Arzneimittelgesetz erlauben es den Herstellern einschlägiger Alternativpräparate, vollkommen unwirksame Tinkturen, Wässerchen oder anthroposophische Schwermetallpräparate über Apotheken zu vertreiben oder in einschlägigen Krankenhäusern zu verabreichen.“

Denn kaum haben Gesundheit und Wohlergehen als alltägliche Selbstverständlichkeiten in den Köpfen und Herzen der Menschen ihren Platz eingenommen, steht auch schon die Clique der aus natürlichen Ängsten der Menschen schmarotzenden Unheilsboten aller Couleur parat, um den eigentlich gebildeten Bürger eines Schlechteren zu belehren. Praxen von Heilpraktikern ohne solide medizinische Ausbildung schießen wie Pilze aus dem Boden, und als ginge es den gesetzlichen Kassen nicht schon schlecht genug, zielt das neue Heilpraktikergesetz der Bundesregierung darauf ab, diese in Honorierung und Status den ausgebildeten Medizinern gleichzustellen. Weltweit wohl einmalige Sonderregelungen im Arzneimittelgesetz der Bundesrepublik erlauben es den Herstellern einschlägiger Alternativpräparate, vollkommen unwirksame oder niemals in einer einzigen wissenschaftlichen Studie für wirksam befundene Tinkturen, Wässerchen oder anthroposophische Schwermetallpräparate über Apotheken zu vertreiben oder in einschlägigen Krankenhäusern zu verabreichen. Das europäische Recht hebelt diese Praxis zwar langsam aus – im Jahr 2001 wurden allein 3000 Präparate mit nicht geprüften Wirkstoffen aus dem Verkehr gezogen –, aber noch immer stehen reihenweise Pseudoarzneimittel in den Regalen der Apotheken, für die nie eine eigentlich erforderliche Wirksamkeitsstudie vorlag.

Botschafterinnen der Hausgeburt

In Deutschland ist so etwas möglich. Eine Nebenwelt aus Esoterikern, ideologischen Fanatikern und Profiteuren hat sich da aufgetan, die nicht nur wissenschaftliche und ethische Grundprinzipien außer Kraft setzt, sondern über eine massive Medienpräsenz die verunsicherten und leichtgläubigen Menschen zu erreichen trachtet. Mit den Schlagwörtern „natürlich“, „sanft“ und „alternativ“ versucht man, den frustrierten Wohlstandsbürger zuerst zu verunsichern und anschließend zur Kasse zu bitten. Gerade das Fernsehen trägt zu dieser Entwicklung massiv bei. Nachdem Fernsehpfarrer Fliege am Nachmittag die Vorzüge der „Anthroposophischen Medizin“ widerspruchslos präsentieren darf, wofür er noch das Lob der Anthroposophischen Gesellschaft erntet, schildern öffentlich-rechtliche oder private Magazine am Abend den neuesten Skandal in einem Vorort-Krankenhaus, kolportieren ungeprüft die aufgebrachten Berichte der Betroffenen und verurteilen die Ärzteschaft schneller, als jeder Staatsanwalt einen Aktenordner öffnen könnte. Am Morgen dann palavert ein „Gesundheitsexperte“ und Nichtmediziner im Morgenmagazin über die vorzüglichen Wirkungen naturheilkundlicher Scharlatanerie.
Verunsichert sind naturgemäß vor allem junge Menschen, die zum ersten Mal Eltern werden. Wie wird man mit den neuen Lebensumständen fertig, was ist gut und richtig für unser Kind? Diese Fragen sind normal und wichtig. Die unüberschaubare Fülle an Ratschlagewerken, Sendungen und Internetpräsenzen macht es den werdenden Müttern und Vätern nicht gerade einfach. Ganz schnell gerät man besonders im Internet in Foren, die sich ausschließlich mit diesen Fragen beschäftigen, wie zum Beispiel das Familienportal „urbia.de“. Unter zahlreichen Themenkomplexen kann man jede erdenkliche Frage zu allen Problemen der Schwangerschaft, der Geburt und des Elterndaseins stellen. Und meistens erhält man schon nach wenigen Stunden zahlreiche Tipps und Informationen von Müttern, Hebammen und selbst ernannten BotschafterInnen der Hausgeburt. Aber kaum ein Thema schwappt mit derart stoischer Regelmäßigkeit und der vollen Wucht des ideologischen Kampfes durch Foren dieser Art wie das Thema Impfen.

„Impfen verursacht Krebs und Aids“

Eine Riege überzeugter und offensichtlich verblendeter Mütter und Väter, die auch noch glaubt, besonders gut aufgeklärt zu sein, kämpft dort eine Schlacht im Namen einiger weniger, aber zunehmend lautstark agierender Drahtzieher. Die so genannten Impfgegner sind nicht unbedingt besorgte Menschen, die kritisch die eine oder andere Impfung hinterfragen oder sich sachlich mit der Thematik auseinander setzen. In unglaublicher Sorglosigkeit werden in diesen Kreisen Impfungen als die Geißel der Menschheit schlechthin bezeichnet. Kaum ein gesundheitlicher Missstand, der nicht auf das Impfen zurückgeführt wird: Hirnschäden, Krebs, Aids, Anfälligkeit für Infektionskrankheiten, Schwächung des Immunsystems und alle möglichen Allergien sind nur ein Auszug des Schreckensregisters der Impfgegner. Eingebettet ist diese Verbohrtheit in eine fundamentale Feindschaft gegenüber der Medizin und der naturwissenschaftlichen Forschung. Sogar der angebliche gesellschaftliche Verfall wird hin und wieder als direkte Folge der Massenimpfungen erklärt.

Vermehrt stehen Eltern, aber auch einige Ärzte auf dem Standpunkt, dass das Risiko einer Erkrankung wesentlich geringer sei als das Risiko des Erleidens eines Impfschadens. Dass die Geschichte des Impfens immer auch mit Misserfolgen und Fehleinschätzungen verbunden war, ist keine Erfindung von Impfgegnern. Ohne Zweifel: Impfstoffe haben Nebenwirkungen, so wie alle „wirksamen“ Medikamente. Die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung führte früher bei rund einem von einer halben Million Impflingen zu Lähmungserscheinungen. Ursache war eine Rückmutation des Impfvirus zum Wildvirus. Die Impfung war dennoch sinnvoll, weil noch 1952 in der Bundesrepublik rund 21.000 Menschen an Kinderlähmung erkrankten. 1960, im Jahr vor Beginn des Impfprogramms, waren es noch mehrere tausend Erkrankungen, bis dann ab 1961 nahezu keine Neuerkrankungen mehr auftraten. Inzwischen wird ein Spritzimpfstoff eingesetzt, der keinerlei Gefahr einer Schädigung des Impflings mehr darstellt.
Auch der „alte“ Impfstoff gegen Keuchhusten war tatsächlich ausgesprochen unverträglich – insbesondere hohes Fieber wurde häufig beobachtet. Hirnschäden, wie Mitte der 70er-Jahre und von einigen bis heute behauptet, hat er dennoch nicht verursacht. Der neue Keuchhusten-Impfstoff ist deutlich besser verträglich und diesbezüglich mit dem „alten Produkt“ überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Keuchhusten dagegen war und ist eine oftmals dramatisch verlaufende und mitunter tödliche Kinderkrankheit, die wegen impfmüder Eltern heute wieder verstärkt zu beobachten ist. Der Nutzen von Massenimpfungen war insgesamt immer wesentlich größer als das Risiko, einen ernsthaften Impfschaden zu erleiden. Dazu kommt, dass die heutigen Impfstoffe in ihrer Qualität und Zusammensetzung nicht mehr mit den Produkten von vor 50 Jahren zu vergleichen sind.
Diese Tatsachen zu kennen ist sehr wichtig, wenn man sich mit den Argumenten der Impfgegnerszene auseinander setzen will. Wichtig ist auch zu wissen, dass Masern eine sehr schwere Erkrankung im Kindesalter darstellen, die unbehandelt zu Lungen- und Hirnentzündung führen kann und bis heute in rund einem von 1500 Fällen tödlich endet. Zwischen 1938 und 1939 starben in Deutschland noch rund 1500 Kinder an Masern – die meisten in den ersten fünf Lebensjahren. Bis heute sind Tod oder schwere bleibende Hirnschäden durchaus realistische mögliche Folgen dieser hochansteckenden Erkrankung. Nicht zu vergessen ist auch das schmerzhafte und lang andauernde Leiden bei dieser Erkrankung, das Eltern ihrem Kind ersparen sollten.

„Auffallend ist die Doppelmoral, nach der die „Schulmedizin“ einerseits wegen ihrer „Härte“ abgelehnt und „sanfte Medizin“ propagiert wird, andererseits aber der potenzielle Tod oder die Schädigung von Kindern in Kauf genommen wird.“

Russisches Roulette

Glaubt man aber den zahlreichen Ammenmärchen, dann sind Kinderkrankheiten wie die Masern harmlos und sollten sogar durchaus auftreten, um das Kind stark und immun zu machen. Legendär sind inzwischen die so genannten „Masern-Parties“, bei denen ein an Masern infiziertes Kind mit einem Schlag alle anderen anwesenden Kinder der wohlmeinenden Eltern anstecken soll – mit voller Absicht! Ob dieses „Russische Roulette“ nicht vorsätzliche Körperverletzung ist, müssten Juristen entscheiden. Auffallend aber ist die Doppelmoral, nach der die „Schulmedizin“ einerseits wegen ihrer „Härte“ abgelehnt und „sanfte Medizin“ propagiert wird, andererseits aber der potenzielle Tod oder die Schädigung eines Kindes in Kauf genommen wird. Es bleibt dem nicht-juristischen Fachmann jedenfalls ein Geheimnis, weswegen Todesfälle an einer impfpräventablen Krankheit in Deutschland nicht strafrechtlich verfolgt werden. Das Verfahren gegen einen naturheilkundlich arbeitenden Kinderarzt aus Schleswig-Holstein, der Impfungen offensiv ablehnt und damit seine Aufklärungspflicht eklatant missachtet, wurde ohne Nennung von Gründen eingestellt. Ausgelöst wurden die Ermittlungen und die eingeholten Gutachten durch zwei Erkrankungsfälle und einen Todesfall durch das Haemophilus Influenza Typ B Virus (HiB) unter seinen jungen Patienten. Seit 1991 existiert ein wirksamer Impfschutz vor dieser Krankheit, die in zehn Prozent der Fälle tödlich endet und an der vor 1991 noch rund 1600 Menschen pro Jahr erkrankten.

„In Deutschland macht sich eine gefährliche Impfmüdigkeit bemerkbar.“

Impfen scheint nicht „in“ zu sein. Die Durchimpfungsrate für MMR (Masern, Mumps, Röteln) im Kindesalter beträgt in Deutschland nur rund siebzig Prozent. Dagegen stehen rund fünfundachtzig Prozent Durchimpfung gegen DTP (Diphtherie, Tetanus, Pertussis/Keuchhusten), was auf die große Angst vor Tetanus zurückzuführen ist, obwohl der Wundstarrkrampf auch ohne Impfung eine vergleichsweise sehr seltene Krankheit ist, die nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.
Die Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch ist entscheidend für die große Mehrzahl der impfpräventablen Krankheiten. Das Maß hierfür ist die Basisreproduktionsrate R0. Dieser Wert liegt bei infektiösen Krankheiten wie Masern und Keuchhusten zwischen 15 und 17, was bedeutet, dass bei Null Prozent Durchimpfung ein Erkrankter durchschnittlich bis zu 17 Personen infiziert. Tritt dieser ungünstigste Fall ein, spricht man von einer Epidemie. Erst bei 92 bis 95 Prozent Durchimpfung wird ein R0-Wert kleiner Eins erreicht, was heißt, dass die Zahl der Neuinfektionen stetig abnimmt und die Krankheit nach und nach eliminiert wird. Die Rate von 70 Prozent bei Masernimpfungen ist demzufolge nicht annähernd ausreichend, um Epidemien wie vor einigen Monaten in Coburg zu verhindern. Kennt man diese einfachen Zusammenhänge, braucht man auch keine hellseherischen Fähigkeiten, um festzustellen, dass es in Westdeutschland immer Masern-Epidemien gegeben hat und dass es sie auch künftig geben wird. Neu ist, dass diese Epidemien jetzt durch die Bestimmungen des neuen Infektionsschutzgesetzes erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt werden.

Esoterischer Sumpf

Nach und nach hat sich in unserer Gesellschaft das Zerrbild einer angeblichen wissenschaftlichen Gleichberechtigung von Medizin und so genannten alternativen Heilverfahren breit gemacht. Dass es sich bei den meisten alternativen Verfahren um Paramedizin handelt, um Verfahren, die durch keine Studie als signifikant wirksam befunden wurden, wird selten erwähnt. Besonderen Stellenwert erlangten in den letzten Jahren wieder die Homöopathie nach Samuel Hahnemann (1755-1843) und die anthroposophische „Medizin“, die auf den Erkenntnissen von Rudolf Steiners Partnerin Anna Eunike beruht.
Besonders aus diesem esoterischen Sumpf rekrutieren sich paramedizinisch agierende Impfgegner, aber auch Ärzte, die wiederum ihre ideologisch dispositionierten Patienten in diese Richtung beeinflussen. Glaubt man einer wichtigen Umfrage von 1998 zur Impfkritik unter 219 ärztlichen und klassischen Homöopathen und 281 schulmedizinisch arbeitenden Ärzten, so finden sich unter den Ärzten, die eine Impfung stark ablehnen, mit 47,3 Prozent gehäuft die so genannten „orthodoxen klassischen Homöopathen“. Ärztliche Homöopathen lehnten nur in 24,5 Prozent die Impfungen strikt ab, während Schulmediziner nur in 6 Prozent eine starke Impfabneigung hatten. Pikant an dieser Umfrage ist jedoch das eigene Impfverhalten der Homöopathen. 94,5 Prozent der Schulmediziner und 55,8 Prozent der Homöopathen waren selbst in den letzten zehn Jahren einmal geimpft worden. Hatten die Mediziner selbst minderjährige Kinder, so war der Anteil geimpfter Kinder mit 85,5 Prozent (Homöopathen) bzw. 98,1 Prozent (Schulmediziner) sehr hoch. Diese Umfrage zeigt aber auch deutlich, dass nicht alle deutschen ärztlichen Homöopathen automatisch Impfgegner sind, wie schon 1996 Sieglinde Schulz, die Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), betonte.

Gesellschaftliche Verpflichtung

Dass mit den Impfungen das große Geld zu machen ist und die Pharmafirmen aus reiner Profitgier die Impfung propagieren, wie die Impfgegner als ein Standardargument ins Feld führen, muss angesichts immens hoher Entwicklungskosten bezweifelt werden. Natürlich muss ein Pharmaunternehmen Geld verdienen, doch die Entwicklung eines Impfstoffes zählt mittlerweile zu den Hochrisiko-Investitionen. Die Firma Wyeth Lederle musste erst kürzlich einen neuen Impfstoff gegen Durchfall durch Rotaviren wieder vom Markt nehmen. Mehrere 100 Millionen US-Dollar an Entwicklungskosten waren damit verloren.

„Impfen ist nicht nur eine private, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung.“

Was wäre, wenn einer der großen Impfstoffhersteller Konkurs anmelden müsste und mit ihm die entsprechende Produktionskapazität ausfiele? Angesichts aktueller Bedrohungsszenarien gewinnt dieses Problem zusätzlich an Brisanz. Doch auch ohne diese Gefahr wären enorme Zusatzkosten für unser Gesundheitssystem die Folge: Alleine die neuen Keuchhusten-Impfstoffe sparen dem Beitragszahler in Deutschland mehr als 200 Millionen Euro an Krankheitskosten jedes Jahr. Dagegen steht ein Arzthonorar von teilweise nur sechs Euro für die Impfung gegen sechs Krankheiten, inklusive Aufklärungsgespräch über die Wirksamkeit der Impfstoffe, Nebenwirkungen und mögliche Komplikationen.
Impfen ist nicht nur eine private, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Nur eine hohe Durchimpfungsrate garantiert eine hinreichende Sicherheit aller Bürger vor Epidemien gefährlicher Krankheiten, besonders im Kindesalter. Dazu ist es notwendig, dass die Bundesländer ihre Pflicht zur Aufklärung der Bevölkerung, wie im Infektionsschutzgesetz gefordert, ernst nehmen. Mit mehr oder weniger beiläufigen Faltblattkampagnen erreicht man die Menschen offensichtlich nicht genügend. Offensiv muss über die Pseudoargumente der ideologisch vermauerten Impfgegner diskutiert werden. Ärzte sind stärker in die Pflicht zu nehmen. Dazu gehört aber auch, dass sich vor allem Kinderärzte genügend Zeit nehmen können, um die Eltern ihrer Patienten aufzuklären und zum Impfen zu ermutigen. Es ist fraglich, ob die Krankenkassen in Zukunft in der Lage sein werden, die Kosten dafür zu übernehmen, wenn sie gleichzeitig die alten und neu auf den Markt drängenden Pseudomediziner mitfinanzieren sollen. Die Bundesregierung sollte sich klar darüber sein, dass sie mit dem geplanten Gesetz diejenigen Kräfte massiv unterstützt, die nachweislich offensiv gegen das Impfen argumentieren, und somit einer Gesundheitspolitik, die diesen Namen auch verdient, einen Bärendienst erweist.
Eltern wie die von Simone fühlen sich durch die Argumente der Impfgegner verhöhnt. Ihr einziges Kind starb, weil es damals keinen wirksamen Schutz vor der für ihre Tochter tödlichen Krankheit gab. Genauso geht es wahrscheinlich den vielen Eltern in unserem Land, deren Kinder heute an den schweren Folgen solcher Erkrankungen leiden. Wir sollten genauer zuhören, wenn Menschen von Zeiten berichten, in denen der Tod im Kindesalter noch zum Alltag gehörte. Vielleicht werden wir uns dann wieder bewusst, in welcher Sicherheit unsere Kinder heute heranwachsen können – eine Sicherheit, die aber nicht umsonst zu haben ist.