01.05.2000

Pamphlet zur Rettung von Gewaltpornos

Analyse von Arne Hoffmann

Provozierende Verteidigung eines verfemten Genres.

“Verkauf, Verleih und Besitz von sexuell erniedrigenden Darstellungen von Frauen und Kindern muss verfolgt und bestraft werden können”, verriet Frauenministerin Christine Bergmann unlängst dem Spiegel und kündigte entsprechende Gesetze an. Im Frühjahr 1999 bekräftigte Justizministerin Däubler-Gmelin, dass sie das Vorhaben ihrer Kollegin mit Nachdruck unterstützen werde: “Pornographie ist ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Auch über Sanktionen für den Handel mit und den Konsum von Pornographie müssen wir nachdenken… Auch die Entschädigung für die Opfer von Pornographie ist ein Thema.”
In Wirklichkeit gibt es keine legitime Form der politischen Zensur – weder von Gewalt- noch von normaler Pornographie. Folgende fünf Argumente belegen dies:


1. Gewaltpornographie ist kein isoliertes Phänomen, sondern gehört zum Kulturgut einer gesellschaftlichen Minderheit: den Sadomasochisten. Während diese Gruppe noch vor kurzem als “Perverse” ausgegrenzt wurde, hat die Sexualwissenschaft dieses Etikett längst fallenlassen und spricht stattdessen von einer neuen Konsensethik und Verhandlungsmoral, was die Intimsphäre eines Paares angeht: Zwei erwachsene Menschen haben das Recht, selbst miteinander auszumachen, was sie miteinander anstellen. Es gibt keinen politisch korrekten Orgasmus.


2. “Pornographie ist die Theorie, Vergewaltigung ist die Praxis”, heißt es hier zu Lande. Wissenschaftlich gesehen ist das Unfug. “Keine reputable Untersuchung in den USA, Europa oder Asien hat je einen klaren Zusammenhang zwischen Pornographie und Gewalt entdeckt”, konstatieren zu Recht die amerikanischen Feminists for Free Expression. Zwar ist immer wieder von Studien zu hören, die die Gefährlichkeit von Pornographie zu belegen scheinen. Diese halten allerdings sämtlich einer kritischen Überprüfung nicht stand.
Es ist kein Zufall, dass in Japan, einem Land mit einer selbst für sadomasochistische Europäer schwer erträglichen Ästhetik erotisch kodierter Schmerzen und Fesselungen, die Vergewaltigungsrate ein Zehntel der Rate in den puritanischen USA beträgt. Im Jahr 1991 legte Professor Kutchinsky an der Kopenhagener Universität eine Studie vor, der zufolge in Dänemark, Schweden und Deutschland zwischen 1964 und 1984 die nichtsexuellen Gewaltverbrechen zwar um 300 Prozent gestiegen waren, nach einer leichteren Verfügbarkeit sexueller Materialien die Zahl der Sexualverbrechen aber zurückging. Dieser Effekt ließ sich nicht auf andere Faktoren wie geringere Berichterstattung oder weniger Sorgfalt bei der Polizei zurückführen.
Auch die sadomasochistische oder “entwürdigende” Pornographie erzeugt keine Gewalt. Zu diesem Ergebnis kommt u.a. die umfassendste Auswertung neuester sozialwissenschaftlicher Daten in Marcia Pallys 1994 erschienenem Buch Sex and Sensibility: Reflections in Forbidden Mirrors and the Will to Censor. Das FBI hat keinerlei Hinweise darauf entdeckt, dass der Konsum von Pornographie, ob gewalttätig oder nicht, zu Verbrechen führt. Die Datensammlung des Staates Michigan zu sexuellen Gewalttaten, die bis in die fünfziger Jahre zurückgeht und 70.000 Fälle aufgezeichnet hat, konnte keinerlei Verbindung zwischen Pornographie und sexuellen Übergriffen feststellen. Und das Kinsey-Institut, das 1.356 verurteilte Sexualstraftäter befragte, fand heraus, dass diese Männer sogar weniger an pornographischen Schriften interessiert waren als der Rest der Bevölkerung. So überrascht es nicht, dass Pornographie sogar bei der Therapie von Sexualverbrechern eingesetzt wird. Marcia Pally ist von der kathartischen Wirkung solcher Texte überzeugt. Pornographie, so folgert sie, ist für Erwachsene das, was Märchen für Kinder sind: eine Möglichkeit, ihre grundlegendsten Emotionen, Wünsche und Ängste auszuagieren.

“Keine reputable Untersuchung in den USA, Europa oder Asien hat je einen klaren Zusammenhang zwischen Pornographie und Gewalt entdeckt”

3. Natürlich ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Gewaltpornographie unseren Verdacht erregt. Wir haben es hier mit dem Erbe der Klassik zu tun, die als literarisches Thema immer nur das Wahre, das Schöne und das Gute anerkannt hat. Die dunklen Seiten, die zerstörerischen Leidenschaften der menschlichen Seele und insbesondere der Sexualität haben da keinen Platz. Natürlich gab es dazu immer Gegenströmungen in der Literaturgeschichte. Zu den berühmten Autoren, in deren Werken Stellen enthalten sind, die man ohne größeren intellektuellen Aufwand als “gewaltpornographisch” einordnen kann, gehören unter anderen Marlowe, Webster, Blake, Baudelaire, Mirabeau, de Sade, Swinburne, Wedekind, Apollinaire, Bataille, Genet, Joyce, Kafka, Pynchon, Robbe-Grillet, Ellis, Acker, Gaitskill, Selby und Jelinek. Das ist alles andere als der kulturelle Bodensatz des vergangenen Jahrtausends.
Zugegebenermaßen ist das, was man heutzutage an sadomasochistischen Erotika findet, schwerlich mit dem Niveau der angeführten Autoren in Einklang zu bringen. Nun sind aber zum einen ästhetische Kriterien schon allein wegen ihrer Subjektivität keine Grundlage für ein Verbot. Denn sogar die Texte verschiedenster großer Autoren einschließlich Poe und Shakespeare wurden von deren Zeitgenossen als “ausgesprochen primitive Machwerke” verunglimpft. Zum anderen macht eine gesellschaftliche Ächtung von Gewaltpornos die Sache nicht besser. Vielmehr ist es wohl so, dass dieses Genre wegen seiner gesellschaftlichen Ächtung fast nur von minderwertigen Autoren bedient wird. Man kann sich kaum vorstellen, dass ein junger Schriftsteller, der einmal in den Spuren von Günter Grass wandeln möchte, sich als Karriereschritt überlegt, einen Gewaltporno zu schreiben; es fände sich wegen der Gesetzeslage auch kein seriöser Verlag. Wer gewaltpornographische Schriften veröffentlichen möchte, kann nur über den Erotik-Handel vertreiben und muss sein Niveau fast zwangsläufig senken. So bestätigt sich das Vorurteil selbst.


4. Die Debatte um Gewaltpornographie trägt auch sexistische Untertöne, die gegen die Männer gerichtet sind, letztlich aber auch Frauen schaden. Als 1990 Sina-Aline Geissler per Stern-Titelbild der Nation verkündete: “Ich bin Masochistin!” und ihr Recht auf ihre eigene Form der Sexualität einforderte, äußerten sich Teilnehmerinnen der Hamburger Frauenwoche sofort in einem offenen Brief: “Auf, auf, ihr Herren! Es ist wieder Jagdzeit. Ein bißchen Juden quälen, pardon, die Zeiten sind ja vorbei, Frauen quälen… Stern sei Dank, der schafft die nötige Pogromstimmung. Vergewaltiger und Frauenquäler aller Welt vereinigt Euch.” Interessant ist hier nicht nur, auf welch erschreckende Weise selbstbestimmte Sexualität, Vergewaltigung und Holocaust zusammengerührt werden. Bezeichnend ist auch, dass Sadomasochismus offenbar nur verachtenswert ist, wenn der dominante Partner männlich ist. Lesbischer SM, wie er etwa von Pat Califia vertreten wird, ist für die Alice-Schwarzer-Front Ausdruck befreiter weiblicher Sexualität: “Spannend, weil Califia es wagt, so mit Weiblichkeitsrollen zu brechen”, heißt es in einem Emma-Sonderheft zu diesem Thema.
Wenn sich Ministerin Bergmann explizit für den Schutz von “Frauen und Kindern” ausspricht, wird in dieser grotesken Formulierung Sexismus in zweierlei Richtung deutlich: zum einen gegen die Frauen, die mit schützenswerten Unmündigen gleichgesetzt werden, zum anderen gegen Männer, die offensichtlich nur in der Täterrolle gedacht werden. Nun gibt es in ganz Deutschland kein einziges SM-Magazin, in dem es ausschließlich um gefolterte Frauen geht. Sehr wohl aber gibt es mehrere Magazine, die allein Männer in der “Opferrolle” abbilden. Das ist das Resultat der einseitigen Gesetzeslage, nicht der Nachfrage: Bei einer repräsentativen Umfrage des Instituts für rationelle Psychologie in München gaben 69 Prozent der befragten Frauen Phantasien vom Verlust sexueller Kontrolle an, 42 Prozent hatten Lust auf explizite SM-Praktiken und 25 Prozent auf Fesselspiele. Solche Phantasien gesteht ihnen die Frauenbewegung aber nicht zu.


5. Es gibt erkennbare Hinweise darauf, dass Ministerin Bergmann nicht beim Verbot von Gewaltpornos aufhören möchte, sondern dass ausgetestet werden soll, was noch so alles möglich ist. So fand sich bereits 1998 Frau Bergmanns Unterschrift unter einer Petition der Zeitschrift Emma, die den Besitz von jeglicher Pornographie unter Strafe stellen möchte. Alice Schwarzer verkündete jüngst triumphierend, dass die von ihr zusammengetrommelten Politikerinnen aller Parteien – mit Ausnahme der PDS – die Bekämpfung der Pornographie für ein dringlicheres Problem der Frauen hielten als alle anderen, Arbeitslosigkeit und fehlende Kindertagesstätten eingeschlossen.
Einmal gerufen sind die Geister der Zensur schwer wieder zu bändigen. Exakt das, was Emma heute fordert, ist 1992 in Kanada Gesetz geworden. Seitdem wurde dieses Regelwerk ausschließlich dazu benutzt, lesbisches, schwules und feministisches Material zu beschlagnahmen und mehr als die Hälfte aller feministischen Buchläden zu stürmen. Immer mehr Bürger Kanadas haben den Eindruck, in einer sexualfeindlichen Diktatur zu leben. Tom Wappel, ein Mitglied des kanadischen Parlaments, machte unmissverständlich klar: “Es ist falsch, diese Phantasien zu haben, und es ist falsch, sie aufzuschreiben. Basta!” Willkommen in der Welt der Gedankenverbrechen.

Fazit: Quer durch die Menschheitsgeschichte hindurch wurden “lasterhafte Publikationen” aus politischen Motiven unterdrückt. Vor 200 Jahren zählten dazu in England die “Menschenrechte” von Thomas Paine. In China führte der Protest auf dem “Platz des Himmlischen Friedens” unter anderem zu dem schon erwähnten scharfen Durchgreifen gegen Pornographie. Sexualmoral hatte mit den Forderungen der Studenten zwar nichts zu tun, wurde aber als so generelles Thema gesehen, dass man damit am besten die Kontrolle über ein ganzes Land wiederzugewinnen glaubte. Andererseits erlaubten die kommunistischen Staaten des Ostblocks im Verlauf von Glasnost und Perestroika sofort die freizügigere Handhabung von Sexshops. Dass Kunst unkompliziert, nicht anstößig und ideologisch korrekt sein müsse, ist nach Ansicht der Stanford-Professoren Katchadourian und Lunde ein Markenzeichen faschistischer und kommunistischer Diktaturen, für die Obszönität nur Zeichen einer grundlegenden Dekadenz ist. In einer demokratisch-liberalen Gesellschaft sollte eine derartige ideologische Zensur allerdings undenkbar sein.