01.05.2000

Orientalischer Korruptionsberater

Eine Satire von Sinasi Dikmen.

Ich kann die Menschen nicht verstehen, die in Korruption und Bestechung den Weltuntergang sehen. Wieso auch? Wäre es so, d.h. wären Korruption und Bestechung tatsächlich schädlich für den Einzelnen, für die Gesellschaft, für das Vaterland und schließlich für die gesamte Menschheit, dann wären wir schon längst alle tot. Einige behaupten, dass an der Korruption das römische Reich zugrunde gegangen sei und das osmanische und das englische und und und ... Das stimmt nicht. Nicht einmal die katholische Kirche ist daran kaputtgegangen. Die CDU erst recht nicht.
Das Wichtigste ist, dass man die Korruption beherrschen kann. Man muss sie nicht verbieten, nicht verdammen. Korruption ist wie Sex: Je verruchter und verbotener, desto spannender ...
Der korrupte Mensch ist nicht schlechter als der nichtkorrupte. In der Weltgeschichte hat es wunderbare Menschen gegeben, die zwar korrupt waren, die sich sofort bestechen ließen, wenn es nicht möglich war, sich selber zu bestechen, mit einem Waffeleis, einem Schluck Wein – die aber ihrem Land, ihrer Gesellschaft gedient haben. Wer würde den CDU-Menschen für schlecht erklären, der für seine Partei Geld gesammelt hat? Hat er sich damit etwa bereichert? Und angenommen, er wurde tatsächlich reicher: Wo zahlt er seine Steuer? Wofür gibt er das Geld aus – und wo?
In einer pluralistischen Gesellschaft haben auch diejenigen Menschen ihre Rechte, die sich leicht bestechen lassen, die korrupt sind. Sie tun der Gesellschaft nichts Schlechtes. Am Beispiel CDU mag das verdeutlicht sein: Ist diese Partei etwa schlechter oder insuffizienter als die anderen Parteien?

Ich habe einige Vorschläge, wie man der Korruption Herr werden kann. Da wäre zunächst der Posten eines Bundesbeauftragten für Korruptionswesen. Selbstverständlich wäre ein Ministerium besser, aber für den Anfang reicht der Beauftragte aus. Der muss ein Mann sein. Nur ein Mann kann korrupt sein, Frauen sind in der Beziehung ungeschickt, stellen sich zu dumm an, sie würden zu auffällig sein. In der Geschichte hat es keine große Frau gegeben, die sich leichter ... – obwohl, vielleicht würden sie sich leichter verführen lassen, wie Kleopatra oder Joséphine oder Hürrem Sultan, oder sie würden versuchen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Mehr aber nicht.
Weil in Deutschland der Glaube herrscht, dass alle Orientaler korrupt sind, wäre ein Orientaler an der Spitze psychisch sehr geschickt. Das Amt und die Behörde müssen gerecht sein, damit jedes Amt und jede Behörde gleich bestochen wird, und der Bestechende muss wie der Bestochene eine Korruptionsnummer bekommen, über die er 10 oder 20% der Gesamtsumme an das Finanzamt abführt. Die bestbestechlichen Beamten, Behördenleiter, Abteilungsleiter, Ministerialbeamten, Staatssekretäre, Minister dürfen nicht bestechlich sein, sie müssen die Aufpasserrolle übernehmen, objektiv und gerecht. Der Bestkorrupte soll je nach Häufigkeit des Vorfalls und der Höhe der Summe mit dem Bundesbestechungspreis ausgezeichnet werden. Die Korruption muss genauso wie die Ausländerfeindlichkeit salonfähig gemacht werden. Man soll offen darüber sprechen dürfen.


“Mein Hans, also mein Hans hat innerhalb eines Jahres DM 500.000 in die Bestechungskasse des Finanzamtes bezahlt.”


“Das ist doch gar nichts. Ich persönlich habe diese mickrige Summe schon in dreieinhalb Monaten überschritten. Ich bin schließlich Bauamtsleiter ...”


“Ach, was wollt Ihr? Ich bin Generalsekretär einer christlichen Partei. Ihr macht es aus Gier, ich habe es aus Überzeugung getan. Für meine Partei habe ich nicht nur Bestechungsgeld abkassiert, ich habe einen arabischen Waffenhändler erpresst, einen kurdischen Heroindealer in meine Liste genommen, einen vietnamesischen Zigarettenschmuggler verpflichtet, monatlich für die christliche Partei zu zahlen. Der Idiot wollte zum Christentum konvertieren, es als Schutzgeld betrachten, da habe ich gesagt: Nichts da, Christen haben wir genug, aber kein Geld!”
Der Staat könnte auch öffentlich Schutzgeldeintreiber ausschreiben, natürlich nur für staatsloyale Parteien. Er könnte Zuhälter ausbilden, staatlich geprüfte und vereidigte Zuhälter.
Dann wird nicht mehr gemunkelt werden, wer von wem wann wie viel bekommen hat, dann wird das Ehrenwort kein Problem mehr sein. Alles offen, alles kontrollierbar, alles gesellschaftsfähig.
Als alter Orientaler würde ich die Bundesrepublik beraten, unentgeltlich, aber über Bestechungsgelder könnten wir uns unterhalten. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.