01.03.1999

Olympiade des Leidens

Essay von Ian Buruma

Primo Levi hatte noch befürchtet, dass die Erinnerung an die Schoa allmählich dem Vergessen weichen werde. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Das Erinnern an historisches Leid und Unrecht gewinnt, nicht nur in Hinblick auf die Judenvernichtung, immer mehr an Bedeutung. Ian Buruma kommentiert in diesem Essay die Gründe und Folgen dieser Form der Suche nach Anerkennung.

In seinem Buch “Die siebte Million” schildert der israelische Journalist Tom Segev den Besuch einer Gruppe israelischer Schüler in Auschwitz und anderen ehemaligen Todeslagern in Polen. Die Schüler sind vom israelischen Erziehungsministerium ausführlich auf ihre Reise vorbereitet worden. Sie haben Bücher gelesen, Filme gesehen, mit Überlebenden gesprochen. Trotzdem macht sich nach der Ankunft in Polen eine gewisse Ängstlichkeit unter ihnen breit. Werden sie das Erlebnis verkraften können? Werden sie als “andere Menschen” daraus hervorgehen? Solche Befürchtungen sind nicht irrational. Bei den Vorbereitungen hat man ihnen den Eindruck vermittelt, die Reise werde tiefe Auswirkungen auf ihre “Identität” als Juden und Israelis haben.

Schulfahrten zu den Todeslagern gehören in Israel zur staatsbürgerlichen Erziehung. Die politische Botschaft ist klar: Israel wurde auf der Asche des Holocaust gegründet; hätte es den Staat jedoch schon 1933 gegeben, wäre der Holocaust nie geschehen. Nur in Israel können Juden sicher und frei leben. Der Holocaust hat das bewiesen. Die Opfer Hitlers starben also als Märtyrer für die neue jüdische Heimat, sozusagen als israelische Staatsbürger in spe, und der Staat Israel ist zugleich Symbol und Garant für das Überleben der Juden und des Judentums. Segev fiel auf, daß die Besuche in den Todeslagern einen eigentümlich religiösen oder pseudoreligiösen Charakter haben. In seinen Augen verhielten sich die israelischen Schüler in Polen ganz ähnlich wie die christlichen Pilger in Jerusalem - sie waren blind für alles, ausgenommen die heiligen Stätten, und schritten die Eisenbahngleise in Auschwitz-Birkenau ab wie Christen die Via dolorosa. Im Krematorium eines der Lager zündeten sie eine Kerze an, knieten nieder und beteten.

Manche bezeichnen so etwas als eine Form säkularer Religion. Der Historiker Saul Friedländer war weniger gnädig, er sprach von einer Verbindung aus Kitsch und Tod. Das mag man sehen, wie man will. Auf jeden Fall ist die gegenwärtige Erinnerungskultur von der allgemeinen Vergeßlichkeit, die Primo Levi einst befürchtete, weit entfernt. Eine der schrecklichsten Verwünschungen, die ein SS-Offizier in Auschwitz den jüdischen Opfern entgegenschleuderte, war die Verheißung, selbst wenn ein Jude das Lager überleben sollte, werde ihm nachher niemand glauben, was ihm hier widerfahren sei. Der SS-Mann irrte. Das jüngste und schrecklichste Kapitel in der langen Geschichte jüdischen Leidens ist vom Vergessen nicht bedroht - die Erinnerung daran gewinnt sogar an Resonanz, je weiter die Ereignisse in die Vergangenheit zurücktreten.

MANGELNDE HISTORISCHE PERSPEKTIVE

Auf merkwürdige Weise scheint der Holocaust auch andere inspiriert zu haben. Fast jede soziale Gemeinschaft, ob eine Nation oder eine religiöse, ethnische oder sexuelle Minderheit, hat ja Gründe, mit der Geschichte zu hadern. Allen ist Unrecht widerfahren, und in wachsendem, meiner Ansicht nach bedenklichem Maße sind alle darauf aus, daß dieses Unrecht anerkannt werde - öffentlich, rituell, mitunter auch finanziell. Bedenklich scheint mir nicht die Aufmerksamkeit für die Vergangenheit, die uns abverlangt wird: Mangelndes historisches Bewußtsein bedeutet immer auch Mangel an historischer Perspektive; ohne eine solche Perspektive tappen wir im dunkeln und sind geneigt, alles zu glauben, so fragwürdig es auch sein mag. Bedenklich ist vielmehr, wie sehr Nationen und Minderheiten dazu übergegangen sind, sich vor allem als Opfer der Geschichte zu definieren. Gerade darin aber, so scheint mir, zeigt sich der Mangel an historischer Perspektive.

Manchmal hat man den Eindruck, als wollte alle Welt an der Olympiade des Leidens teilnehmen, wie ein israelischer Freund diese sonderbare Konkurrenz mal genannt hat. Täusche ich mich, oder ist wirklich eine Spur von Neid im Spiel, wenn sich Iris Chang, die chinesisch-amerikanische Verfasserin eines Bestsellers über das Massaker von Nanking im Jahr 1937, wünscht, die Amerikaner chinesischer Herkunft möchten endlich ihren Steven Spielberg finden? (Ihr Buch trägt den Untertitel: “Der vergessene Holocaust des Zweiten Weltkriegs”.) Anscheinend genügt es den chinesischen Amerikanern nicht, wenn man in ihnen die Erben einer großen Zivilisation sieht; sie wollen als die Erben ihres eigenen Holocaust anerkannt werden.

Ähnliche Vorstellungen von “victimhood”, von “Opfertum” oder “Opfer-Sein”, sind auch bei Hindu-Nationalisten und Armeniern im Schwange, ebenso bei Afroamerikanern, Serben, Indianern, Amerikanern japanischer Herkunft und bei den Homosexuellen, die Aids zum Abzeichen ihrer Identität erhoben haben. Larry Kramers Buch über Aids trägt den Titel “Reports from the Holocaust”. Kramer stellt darin die Aids-Epidemie auf eine Stufe mit dem Versuch der Nazis, die Juden auszurotten. Selbst die sanftmütigen, wohlsituierten Holländer, vor allem jene zwischen fünfzehn und dreißig, die Kriegsgreuel unmöglich erlebt haben können, schränken ihre historische Perspektive nun oft auf die Nöte ein, die die deutsche Besetzung im Zweiten Weltkrieg ihrem Land beschert hat. Zu wundern braucht man sich darüber nicht, denn die Historie der Zeit vor dem zwanzigsten Jahrhundert wurde wegen angeblicher Irrelevanz aus dem niederländischen Lehrplan praktisch gestrichen.

SENTIMENTALE SOLIDARITÄT

Mir geht es nicht darum, die Leiden anderer zu schmälern. Das Massaker von Nanking, bei dem Zigtausende Chinesen von japanischen Soldaten niedergemetzelt wurden, war ein schreckliches Ereignis. Die brutale, oft todbringende Gewalt, die zahllosen Männern und Frauen widerfahren ist, die aus Afrika und China als Sklaven verschleppt wurden, darf nie vergessen, der Massenmord an den Armeniern unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches nicht geleugnet werden. Viele Hindutempel wurden von muslimischen Eindringlingen zerstört und viele Hindus getötet. Tatsächlich haben die Serben einst eine blutige Niederlage gegen die Türken erlitten, und kroatische Nazis haben im Zweiten Weltkrieg barbarisch unter ihnen gewütet.

Auch Frauen und Homosexuelle sind unbestreitbar diskriminiert worden. Und ob die Indianer nun recht haben oder nicht, wenn sie Kolumbus an seinem Geburtstag einen Massenmörder nennen - es besteht jedenfalls kein Zweifel daran, daß ihre Vorfahren Opfer eines Genozids waren. Das alles ist wahr. Problematisch wird es jedoch, wenn eine kulturelle, ethnische, religiöse oder nationale Gemeinschaft die sentimentale Solidarität, die aus der Erinnerung an das eigene “Opfersein” erwächst, zur wichtigsten Grundlage ihrer gemeinschaftlichen Identität macht. Leicht führt dieser Weg in historische Kurzsichtigkeit und im Extremfall bis zur Blutrache - oder ins Kosovo, wo unter Berufung auf eine serbische Niederlage, die fast tausend Jahre zurückliegt, immer noch unschuldige Menschen ermordet werden.

SELBSTVERGEWISSERUNG

Wie kommt es, daß sich heute so viele Menschen als Opfer verstehen wollen? Zum Teil hat es wohl mit dem Schweigen der wirklichen Opfer zu tun, mit dem Schweigen der Toten, aber auch dem der Überlebenden. Als die Überlebenden der Vernichtungslager auf rostigen, überladenen Schiffen in Israel ankamen, hinderten Scham und Trauma die meisten von ihnen daran, über die eigenen Leiden zu sprechen. Opfer nahmen in dem neuen jüdischen Staat mit seinen neuen Helden eine problematische Position ein. Ihr Opfersein erschien fast wie ein Makel, der getilgt oder ignoriert werden mußte. So kam es, daß sich die Überlebenden meist still verhielten.

Etwas Ähnliches geschah in Westeuropa, vor allem in Frankreich. Dort errichtete de Gaulle ein gemeinsames Dach, unter dem alle Platz finden sollten, die durch den Krieg gekommen waren: Mitglieder der Résistance, Anhänger der Vichy-Regierung, Kollaborateure, Freie Franzosen und jüdische Überlebende. Offiziell waren sie alle Bürger des ewigen Frankreich und hatten sich allesamt dem deutschen Feind widersetzt. Weil die französischen Juden, die überlebt hatten, um nichts auf der Welt noch einmal als etwas Besonderes behandelt werden wollten, fanden sie sich mit dieser Fiktion ab. Die Leiden der japanischen Amerikaner, die während des Krieges von ihrer eigenen Regierung als “Japs” interniert wurden, kann man mit dem, was den europäischen Juden widerfahren ist, zwar nicht gleichsetzen - ihre Reaktionen in der Zeit nach dem Krieg waren jedoch auffällig ähnlich. Wie die französischen Juden waren sie froh, als sie wieder in die Gesellschaft integriert wurden, und schwiegen über die erlittenen Demütigungen.

In China wiederum wurde der Umgang mit der Erinnerung stark durch politische Faktoren geprägt. In der Volksrepublik machte man zunächst wenig Aufhebens um das Nanking-Massaker, weil sich 1937 in der Hauptstadt der Nationalisten keine kommunistischen Helden hervorgetan hatten. Es waren überhaupt keine Kommunisten dort gewesen. Viele von denen, die damals zu Tode kamen, waren Soldaten in der Armee Tschiang Kai-scheks gewesen. Und später war es für die Überlebenden mit der falschen Klassenzugehörigkeit oder dem falschen politischen Hintergrund so schwierig, Maos Säuberungen zu überstehen, daß ihnen für eine Besinnung auf das, was ihnen unter der japanischen Besetzung zugestoßen war, die Kraft fehlte.

Den Söhnen und Töchtern der Opfer blieb es überlassen, das Schweigen zu brechen. Im Falle Chinas bedurfte es auch eines politischen Wandels: Teng Hsiao-pings Politik der offenen Tür und die neue Abhängigkeit von japanischem Kapital mußten mit Stichen gegen das japanische Gewissen kompensiert werden. So schenkte die kommunistische Regierung dem Massaker von Nanking erst nach 1982 zum erstenmal Beachtung. Aber wie kam es, daß sich in anderen Ländern die Söhne und Töchter von Überlebenden in den sechziger und siebziger Jahren entschlossen, den Mund aufzumachen? Wie erklärt sich die Verbissenheit eines Serge Klarsfeld, dessen Vater in Auschwitz umgebracht wurde und der so viel dafür getan hat, öffentliche Aufmerksamkeit auf das Geschick der französischen Juden zu lenken?

Wenn wir uns an die eigenen Eltern erinnern, so ist das stets ein Akt der Pietät. Auf diese Weise ehren wir sie. Sich der eigenen Eltern zu erinnern, ist aber zugleich ein Akt der Selbstvergewisserung. Es ist verständlich, daß französische Juden und japanische Amerikaner ihre Narben verdeckten, daß sie unauffällig in den Hauptstrom der Gesellschaft zurückgleiten wollten. Aber ihren Kindern und Enkeln genügt das nicht. Für sie war es, als hätte das Schweigen ihrer Eltern ihnen einen Teil ihrer selbst amputiert. Eine neue Generation kann sich mit dem Leiden früherer Generationen nur identifizieren, indem sie dafür sorgt, daß dieses Leiden wieder und wieder öffentlich anerkannt wird. Dieser Weg erscheint vor allem dann verlockend, wenn nur mehr wenige Merkmale gemeinschaftlicher Identität vorhanden sind - und dies oft gerade deshalb, weil die Überlebenden sich unbedingt assimilieren wollten. Wenn sich Jüdischsein auf eine Vorliebe für Woody-Allen-Filme und Bagels und Chinesischsein auf die Romane von Amy Tan und Frühlingsrollen aus der Tiefkühltruhe reduziert, erscheint die Quasi-Authentizität kollektiven Leidens plötzlich sehr attraktiv. K. Anthony Appiah, Gelehrter an der Harvard University, hat das in einer Studie der Identitätspolitik in den Vereinigten Staaten sehr treffend formuliert. Die Sprachen, religiösen Überzeugungen, Mythen und geschichtlichen Erfahrungen der Herkunftsländer verblassen, wenn die Nachkommen der Einwanderer Amerikaner werden. Daraus entsteht oft eine defensive Behauptung des Anders-Seins, vor allem wenn nur noch wenig Anderes übrig geblieben ist. Appiah schrieb über die Bindestrich-Amerikaner, auch die Afro-Amerikaner: “Ihre in die Mittelschicht aufgestiegenen Nachkommen, deren häusliches Leben sich in englischer Sprache vollzieht und eklektisch, von der jüdischen bis zur chinesischen Küche, alle kulinarischen Angebote umfaßt, haben das beunruhigende Gefühl, ihre Identität sei im Vergleich zu der ihrer Großeltern flach; manche befürchten, wenn der Rest von uns die Bedeutung ihres Anders-Seins nicht anerkenne, werde bald nichts mehr übrig bleiben, das der Anerkennung wert sei.” Appiah folgert: “Die Beschäftigung mit ‘Identität’ verspricht Formen der Anerkennung und Solidarität, die den Verlust der vertrauten Gewißheiten der Ethnizität aufwiegen können”. Leider gleichen diese Formen jedoch oft dem von Saul Friedländer beschriebenen Gemisch von Kitsch und Tod. Identität beruht heute immer häufiger auf der Pseudoreligion des Opfertums. Was Appiah über ethnische Minoritäten ausführt, ließe sich auch auf Frauen ausweiten: Je emanzipierter die Frauen wurden, desto mehr neigten extreme Feministinnen dazu, sich als hilflose Opfer der Männer zu definieren.

ZERFALL DER IDEOLOGIEN

Nun sind aber Nationen und Völker nicht das gleiche wie ethnische Minderheiten oder gar “die” Frauen. Unterschiedliche Nationen sprechen im allgemeinen noch immer unterschiedliche Sprachen, sie hegen unterschiedliche kulinarische Vorlieben und verfügen über unterschiedliche Geschichten und Mythen. Diese Differenzen verschwimmen jedoch immer mehr. Vor allem die Bewohner der reicheren Länder verwandeln sich zusehends in Minderheiten innerhalb einer rundum amerikanisierten Welt. Nur wenige Nationen definieren sich noch über die Religion, wie Japan es tut. Und an die Stelle einer Geschichtsschreibung, die nationale Helden feiert, treten soziale Studien, die nationale Propaganda verdrängen und den Multikulturalismus feiern. Auch die Verbindlichkeit literarischer Kanons zerfällt. In Verbindung mit dem starken Zustrom von Immigranten in Ländern wie Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Holland tragen diese Entwicklungen zum Verfall dessen bei, was sich in den europäischen Nationalstaaten von den Tröstungen heimeliger Volkstümlichkeit erhalten hat.

Das stärkste Band, das nationale Gemeinschaften in Freiheit oder Despotie zusammengehalten hat, war wohl das Regierungssystem, für das sich diese Gemeinschaften entschieden haben oder das ihnen aufgezwungen wurde. Manche Nationen sind vor allem durch ihr politisches System definiert worden, zum Beispiel die Vereinigten Staaten, aber auch das Vereinigte Königreich und in geringerem Maße Frankreich. Daß sich politische Utopien auf reiner Vernunft gründen lassen, war eine der überschwenglichen Ideen, die aus der Aufklärung und der Französischen Revolution hervorgegangen sind. Der Nationalismus, der den Nationalstaat als Ausdruck des Volkswillens verherrlicht, war Teil dieser Idee. Politik sollte an die Stelle religiöser, regionaler oder ethnischer Bindungen treten. Die doppelte Katastrophe des Kommunismus und des Faschismus hat jedoch gezeigt, wie gefährlich es ist, im Nationalstaat nichts anderes als den reinen Ausdruck des Volkswillens zu sehen. Jedenfalls ist die politische Ideologie, die in der Teilung zwischen Rechts und Links in der französischen Nationalversammlung ihren Ausgang nahm und im Kalten Krieg kulminierte, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion effektiv verschwunden. Heutzutage zehren die Auswirkungen des globalen Kapitalismus an der Vorstellung, Nationen würden vor allem durch ihr Regierungssystem definiert.

TRÖSTUNGEN IN KITSCH UND TOD

Wohin also führt uns der Weg in dieser entzauberten Welt der zerfallenen Ideologien und Religionen, der verschwimmenden nationalen und kulturellen Grenzen? Aus einem säkularen, internationalistischen, kosmopolitischen Blickwinkel sieht es in dieser Welt gar nicht schlecht aus. Natürlich nur, wenn man im wohlhabenden, freiheitlich verfaßten Westen lebt. Ein halbes Jahrhundert demokratischen, progressiven Wandels hat sich als beträchtlicher Erfolg erwiesen. Wir haben uns endgültig von den Tröstungen irrationaler Volkstümelei freigemacht. Dennoch will nach alledem eine wachsende Zahl von Menschen zu eben diesen Tröstungen zurückkehren - und oft nimmt dieses Streben die Form einer Pseudoreligion aus Kitsch und Tod an.

Tom Segev glaubt, die in Israel erkennbare Tendenz, aus dem Holocaust eine staatsbürgerliche Religion zu machen, sei eine Reaktion auf den säkularen Zionismus. Der “neue Mensch”, der sozialistische, heldenhafte Pionier, habe sich als untaugliches Modell erwiesen. Immer mehr Menschen wollen sich auf ihre historischen Wurzeln besinnen. Ernsthaftigkeit in religiösen Dingen ist jedoch ein anspruchsvolles Unterfangen. Segev schreibt: “Ein emotionales Geschichtswissen um den Holocaust bietet einen sehr viel leichteren Weg, der nicht einmal mit einer realen persönlichen Verpflichtung verbunden sein muß.” Ähnliches gilt auch für andere Gemeinschaften. Unter den Hindus der indischen Mittelschicht ist das Aufleben des Nationalismus besonders spürbar - eine Reaktion auf Nehrus Vision von einem sozialistischen, säkularen Indien. Da viele städtisch geprägte Hindus der Mittelschicht nur über eine oberflächliche Kenntnis des Hinduismus verfügen, eröffnet das aggressive Ressentiment gegen die Muslime einen leichteren Weg. So ist in Indien die eigentümliche Situation entstanden, daß sich eine mächtige Mehrheit von einer schlecht bemittelten Minderheit attackiert fühlt.

Wie auf den säkularen Rationalismus der französischen Aufklärer der romantische Idealismus folgt, so kündigt sich in der Faszination, die Kitsch und Tod für uns besitzen, ein neues romantisches Zeitalter an, das antirational, sentimental und kommunitarisch sein wird. Man erkennt das auch an der Politik eines Bill Clinton oder eines Tony Blair: Die sozialistische Ideologie wird durch die Berufung auf ein gemeinsames Empfinden ersetzt, wobei jeder Anteil am Leiden der anderen nehmen soll. Diese Art von Anteilnahme ist inzwischen bis in unser Verständnis von Geschichte vorgedrungen. In der Geschichtsschreibung geht es heute immer weniger darum, herauszufinden, wie etwas wirklich gewesen ist. Immer mehr Menschen meinen, daß es historische Wahrheit gar nicht gebe. Statt dessen studieren wir die Erinnerung, also empfundene, gefühlte - vor allem von ihren Opfern gefühlte - Geschichte.

Anschaulich wurde das in den außergewöhnlichen Szenen, die wir nach dem Tod von Prinzessin Diana erlebten, als sich die ganze Welt - so jedenfalls behaupteten die Fernsehreporter - in Trauer über den Tod der Prinzessin vereinte. Sie war die perfekte Verkörperung unseres Opferseins. Sie identifizierte sich nicht nur in oft löblicher Weise mit Opfern, indem sie Aids-Kranke und Obdachlose umarmte, sondern galt auch selbst als Opfer: des männlichen Chauvinismus, monarchischer Arroganz, der Medien, der britischen Gesellschaft usw. Jeder, der sich selbst als Opfer fühlte, identifizierte sich mit Diana, insbesondere Frauen und Angehörige der ethnischen Minderheiten. Und es sagt auch etwas über den Zustand des durch Immigration, Amerikanisierung und Europäisierung gewandelten, aber seiner Rolle in Europa noch immer ungewissen Vereinigten Königreichs, daß so viele Menschen sich erst im Tod der Prinzessin der Wehmut als Nation vereint fühlten.

LEIDENSEINTOPF

Dieser geteilte Schmerz prägt heute unsere Wahrnehmung der Geschichte. Geschichtsschreibung dreht sich immer weniger darum, herauszufinden, was wirklich geschah oder warum es so geschah. Historische Wahrheit ist nicht nur irrelevant geworden; viele Menschen glauben, daß es so etwas gar nicht gibt. Alles ist subjektiv oder ein sozio-politisches Konstrukt. Und in der Schule lernen wir, die Wahrheiten der “Anderen” zu respektieren. Wir studieren heute die Erinnerung, also Geschichte, wie sie empfunden wird, besonders von ihren Opfern. Indem wir den Schmerz anderer teilen, lernen wir ihre Gefühle zu verstehen. Vera Schwarcz, Professorin für Ostasienstudien an der Wesleyean University, verknüpft in ihrem vor kurzem erschienenen Buch “Bridge Across Broken Time” eigene Erinnerungen als Kind jüdischer Holocaust-Überlebender mit den Erinnerungen chinesischer Opfer des Massakers von Nanking und der Niederschlagung der Kundgebung auf dem Tiananmen-Platz im Jahr 1989. Die Bilder von 1989 noch deutlich vor Augen, besucht sie die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem bei Jerusalem und erkennt dort “die Unermeßlichkeit des Leidens, dessen nach 1989 in China nicht gedacht werden konnte, und des Leidens beim Massaker in Nanking 1937 mit seinen zahllosen Toten, das in Japan und den Vereinigten Staaten der gemeinsamen Erinnerung erst noch eingeschrieben werden mußte. Zugleich spürte ich das Ausmaß meiner eigenen Hilflosigkeit, die sich durch das Licht einer Kerze nicht verringern ließ, selbst wenn sie millionenfach gespiegelt worden wäre”.

Ich zweifle nicht am Ernst der Gefühle von Vera Schwarcz, aber ich frage mich, ob solche Auslassungen historisch aufklärend wirken können. Sie sind ganz und gar ahistorisch, denn sie verrühren die Erfahrungen tatsächlicher historischer Opfer zu einer Art Leidenseintopf, in dem alle Schmerzen gleich sind. Auch wenn es zweifellos wahr ist, daß Chinesen, Juden, Homosexuelle und andere gelitten haben, so haben doch nicht alle auf die gleiche Weise gelitten. Die Unterschiede, auf die es doch ankommt, drohen verlorenzugehen. Es ist typisch für unser neoromantisches Zeitalter, daß ein bekannter holländischer Ballettänzer und Schriftsteller, Rudi van Dantzig, in einer vom Amsterdamer Widerstands-Museum herausgegebenen Flugschrift fordert, Homosexuelle und andere Minderheiten in den Niederlanden sollten sich die Widerstandskämpfer der Nazizeit als Vorbild für ihren Kampf gegen gesellschaftliche Diskriminierung nehmen.

Abgesehen von der Sentimentalität, die das öffentliche Leben im Gefolge dieser Opfer-Kultur prägt, birgt diese neue Religion des Kitsches und Todes auch andere beunruhigende Tendenzen. Zwar spricht Vera Schwarcz davon, daß gemeinsames Trauern Brücken zwischen verschiedenen Gemeinschaften baue. Ich denke, daß die Neigung, Authentizität in gemeinschaftlichem Leiden zu suchen, in Wirklichkeit das Verständnis zwischen Menschen eher behindert. Gefühle lassen sich nur ausdrücken, aber nicht diskutieren. Sie führen daher nicht zu gegenseitigem Verstehen, sondern nur zu stummer Hinnahme dessen, was Leute über sich selbst sagen, oder gewaltsamer Konfrontation. Das gilt auch für den politischen Diskurs. Ideologie hat zweifellos, vor allem dort, wo sie mit Zwang durchgesetzt wurde, großes Leid hervorgebracht. Aber Politik ohne jede Ideologie wird gestaltlos und bedeutet, daß Politiker nicht mehr Ideen ansprechen, sondern Gefühle. Das führt schnell zu Autoritarismus, denn mit Gefühlen ist Auseinandersetzung unmöglich. Wer es trotzdem versucht, wird nicht argumentativ widerlegt, sondern als gefühllos und kalt denunziert - als ein schlechter Mensch, mit dem zu reden überflüssig ist.

UNTERSCHEIDUNGEN TREFFEN

Ich bin nicht prinzipiell gegen Religion, obgleich ich es nicht als meine Aufgabe betrachte, sie zu fördern. Genausowenig habe ich etwas dagegen, daß Gedenkstätten für die Opfer von Krieg und Verfolgung errichtet werden. Literatur über individuell oder gemeinschaftlich erfahrenes Leiden ist mit Sicherheit wertvoll. Geschichte ist wichtig; es sollte sogar mehr davon geben. Und zweifellos wäre es pervers, dem Bestreben, Toleranz für andere Kulturen zu fördern, widersprechen zu wollen. Die Substitution politischer Argumente im öffentlichen Leben durch die trostspendende Rhetorik des Heilens ist beunruhigend, aber es ist derzeit wenig Ideologie in Sicht, die der Politik wieder ein wenig Klarheit geben könnte.
  Man kann jedoch damit beginnen, Unterscheidungen zu treffen, wo derzeit keine mehr getroffen werden. Politik ist nicht das gleiche wie Religion oder Psychiatrie, auch wenn sie von ihnen beeinflußt werden mag. Erinnerung ist nicht dasselbe wie Geschichte, sich erinnern nicht dasselbe wie Geschichte schreiben. Ein gemeinsames kulturelles Erbe tragen ist auch nicht das gleiche wie “Identitätsfindung”. Vielleicht ist es für diejenigen unter uns, die religiöse, sprachliche oder kulturelle Bindungen an ihre Vorfahren verloren haben, an der Zeit, das anzuerkennen und loszulassen. Schließlich, und das halte ich für den Kern der Sache, sollten wir erkennen, daß Wahrheit mehr ist als ein Standpunkt. Es gibt reale Tatsachen. Sich einzureden, es bestehe kein Unterschied zwischen Tatsachen und Erfindungen, oder daß alles Schreiben Erfindung ist, untergräbt unsere Fähigkeit, Wahres von Unwahrem zu unterscheiden. Das wäre der schlimmste Verrat an Primo Levi und allen anderen, die in der Vergangenheit leiden mußten. Denn was Levi fürchtete, war nicht, daß künftige Generationen seinen Schmerz nicht teilen, sondern daß sie die Wahrheit nicht erkennen würden.