01.01.2011

NovoDebatte: The Triumph of the City?

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Sind Städte „dynamische Zentren der Kreativität, des Handels und der Kultur“, wie es die UN schreibt?  Machen sie uns reicher, klüger, gesünder, glücklicher und ökologischer, wie Harvard Professor Edward Glaeser behauptet? Fest steht, dass die Welt im Wandel ist. Zum ersten Mal in unserer Geschichte leben mehr Menschen in urbanen Zentren als auf dem Land. Diese Entwicklung vollzieht sich in rasendem Tempo: Megastädte wie Chongquing in China sind in den vergangenen zwanzig Jahren quasi aus dem Nichts entstanden und beherbergen heute über 20 Millionen Menschen.

Wird das 21. Jahrhundert als das Jahrhundert in Erinnerung bleiben, in dem die Stadt triumphierte?

Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Diskussionsveranstaltung, zu der NovoArgumente in Kooperation mit der Deutschen Bank der Zukunft, dem British Council und dem Institute of Ideas am 14. November in Berlin eingeladen hatte.


Das Podium bestand aus vier Rednern:

  • Alastair Donald, Städteplaner, Autor und Direktor des “Future Cities Project” in London
  • Jim Hudson, Journalist, Blogger und Betreiber eines englischen Cafés in Berlin-Kreuzberg
  • Anli Serfontain, Autorin und Literaturwissenschaftlerin aus Johannesburg
  • Professor Hermann Voesgen, Sozialwissenschaftler Fachhochschule Potsdam

Schon während der Eingangsstatements wurde deutlich, wie verworren, paradox und widersprüchlich die Entwicklung hin zu mehr Urbanität ist. Während es für Donald nicht einmal ein klare Definition dessen gibt, was als Stadt zu bezeichnen ist, sprach Serfontain von den oft als negativ empfunden Veränderungen in einer wachsenden Metropole wie Johannesburg. Dynamische, wachsende Städte befinden sich in einem ständigen Flux und sie sind anstrengend. Sie gehen einher mit Einsamkeit, Ausgrenzung, Kriminalität und der Entstehung von Slums.

Das ist aber nur die eine Seite der Wahrheit. Die andere ist, dass sie für Millionen von Menschen einen Weg hin zu einem besseren Leben eröffnen. Allein in China konnten Millionen von Menschen dem Elend des Landlebens entkommen, indem sie neue Arbeit in den großen Metropolen fanden. Geschätzte 300 Millionen Chinesen konnten in den vergangenen Jahren so aus der Armut in die Mittelklasse aufsteigen. Aus dem Publikum kam der Hinweis auf das Buch „Arrival City“ des Autors Doug Saunders, der genau diese Dynamik beschreibt: Slums sind ein Ort des Kommens und Gehens: Während die einen den Aufstieg schaffen, rücken andere „Immigranten“ vom Land nach.

Hinter der Kritik an der Stadt, so Donald, verberge sich häufig die Angst vor der Zukunft und eine tiefe Skepsis gegenüber dem Fortschritt. Aber können die wachsenden Städte Asiens und Afrikas wirklich mit unseren Städten hier im Westen verglichen werden? Hudson und Serfontain bezweifelten das - anders als im 19. und 20 Jahrhundert, gehe es bei uns schließlich nicht mehr ums schiere Überleben.

Dennoch scheint die Angst vor Veränderung und der Moderne vor allem „im Westen“ besonders groß. Schnell kam die Diskussion auf das Thema Gentrifizierung. Tatsächlich, so Hudson, sei die Gentrifizierung nichts Negatives, weil sie immer auch mit Fortschritt und Erneuerung einhergehe. Als sein Café in Kreuzberg mit Steinen beworfen wurde, bekam er ein Gefühl für die intolerante und auf Abschottung abzielende Grundhaltung manch eines Gentrifizierungsgegners. Verbirgt sich hinter der Angst vor Verdrängung nicht auch ein Denken in engen Grenzen? Aus dem Publikum kommt der Hinweis, dass es meist die Mittelklasse ist, die glaubt, sich in einem Kampf um begrenzte Ressourcen (wie Wohnraum) gegen Neuankömmlinge wehren zu müssen, statt ganz einfach für mehr Wohnungen für alle einzutreten.

Wie so oft, geht es auch beim Thema Stadt um die Frage, wie wir leben möchten und wie wir unsere Zukunft sehen. Den Soziologen Richard Sennett zitierend, warb Professor Voesgen für mehr politische Verantwortung für eine Stadt. Voraussetzung hierfür sei „public space“ (öffentliche Sphäre). Es gehe darum, das Gleichgewicht zwischen öffentlichem Leben und Privatleben wieder herzustellen. Nur dort, wo das öffentliche Leben nicht durch Passivität gekennzeichnet sei, könne Kreativität entstehen. Doch ist dies eine Frage der Bevölkerungsdichte oder geht es hier um die Frage einer weitergehenden politischen Kultur, die bei uns heute fehlt?

Fotos zur Debatte (Copyright Helge Fischer, Berlin):


































 

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