24.03.2015

Nigeria: „Der Terrorismus kann uns nicht einschüchtern“

Von Adeolu Onamade

Am 28. März wird in Nigeria gewählt. Der Jurist Adeolu Onamade spricht im Interview über das Leben in der Hauptstadt des Landes und den Terror von Boko Haram. Dabei geht es um die Beteiligung der Bevölkerung am Wohlstand, um Pressefreiheit und islamistischen Terrorismus

Novo: Sie leben in Lagos, Nigeria. Das ist eine Stadt mit ca. zehn Millionen Einwohnern. Wie ist das Leben in dieser Metropole?


Adeolu Onamade: Jede Stadt hat ihre guten und schlechten Seiten. An Lagos mag ich die Lebensfreude und die Aufgewecktheit der Einwohner. Manchmal frage ich mich, woher die Menschen die Kraft nehmen, den Mühen zu trotzen, die das Leben hier mit sich bringt. Die Hektik der Großstadt und die ewigen Staus sind die weniger erfreulichen Seiten.


Hat sich das Leben in Nigeria verändert, nachdem die Wirtschaft in den letzten Jahren deutlich gewachsen ist?


Nigeria ist, je nach Berechnung und Indexbasiswert, die größte Wirtschaft Afrikas. Ich würde aber nicht sagen, dass sich das Leben des durchschnittlichen Bürgers stark verändert hat. Vor 16 Jahren übergab das Militär die Verantwortung an eine konstitutionelle Regierung. Seither hat das Land viel Geld mit Erdöl verdient. Der Ölpreis stieg von 30 US-Dollar pro Tonne (Barrel) auf 100 US-Dollar pro Tonne. Das hätte für die individuellen Lebensbedingungen normaler Bürger einen Quantensprung bedeuten müssen. Trotzdem sind der allgemeine Wohlstand und der Zustand der Infrastruktur im weltweiten Vergleich unter Niveau. Das gilt auch für die Qualität unserer Regierung. Unsere Währung verliert in Relation zum US-Dollar immer wieder an Wert. Es sollte noch viel besser laufen und wir benötigen mehr Wachstum.

„Viele Menschen sind von den Wachstumsquellen weitgehend ausgeschlossen“


Nigeria hat aber doch eine bedeutende Filmindustrie aufgebaut, die sogar mit der Indiens zu vergleichen ist? Gibt es keine Lichtblicke?


Doch, die gibt es. Lichtblicke sind z.B. die privaten Investitionen, die es im Telekommunikationssektor sowie der Öl- und Gasindustrie gegeben hat. Das hat zu mehr Beschäftigung und neuen Arbeitsplätzen geführt.  Auch der Hinweis auf die Filmindustrie, „Nollywood“, ist richtig. Die Filmindustrie ist in den letzten 20 Jahren stark gewachsen und wird sogar als die drittgrößte der Welt gehandelt (was die Gesamtproduktion an Filmen betrifft). Für viele Menschen aber bleibt das Problem, dass sie von diesen Wachstumsquellen weitgehend ausgeschlossen sind.


Die Mordanschläge vom Januar dieses Jahres in Paris, bei denen 17 Menschen starben, schockierten Europa. Wie reagierten die Menschen in Lagos auf diese Vorfälle? Gab es dazu Berichte?


Das Internet und die sozialen Medien haben uns die Welt ins Wohnzimmer gebracht. Überall sind Menschen schockiert, wenn es zu derartigen Ereignissen kommt. Nigeria ist da keine Ausnahme. Hier in Lagos waren die Menschen auch darüber erschüttert, dass so etwas im Westen passieren konnte, obwohl dort so hohe technische Standards vorherrschen. Viele waren aber auch beeindruckt darüber, wie schnell und entschlossen die Reaktion der französischen Regierung und der Öffentlichkeit war.

Wir sollten aber nicht vergessen, dass nur einen Tag vor den Charlie-Hebdo-Attacken ein kleines Mädchen einen Anschlag auf einen gut besuchten Markt in Maiduguri im Nordosten Nigerias verübt hat. Sie zündete Sprengstoff, der an ihrem Körper befestigt war und tötete sich selbst sowie 19 weitere Menschen. Auch darüber waren wir alle schockiert und es entging uns auch nicht, dass die Weltpresse hauptsächlich auf das eine Unglück in Frankreich fokussiert war. Der Terror in Paris hat so den bei uns stattfindenden Terror in Maiduguri überschattet.


Ist die Pressefreiheit ein wichtiges Thema in Nigeria?


Die Freiheit der Presse wird durch die Verfassung geschützt. Ich würde sagen, dass Nigeria eine aktive und lebhafte Presselandschaft hat. Viele Leute haben sich darüber gefreut, als das Gesetz über die Informationsfreiheit (FoI), das allen Menschen Zugang zu öffentlichen Informationen garantiert, im Jahr 2011 unterzeichnet wurde.

„Solidaritätsmärsche, wie nach Charlie Hebdo, gibt es nicht für Nigeria“


Die Terrororganisation Boko Haram hat in Nigeria großes Leid verursacht und viele Menschen getötet. Kann es vor dem Hintergrund Solidarität mit Europa geben?


Ich finde, die Frage muss anders formuliert werden: Wo ist denn die Solidarität mit Nigeria inmitten des Terrors? Ich glaube, es gibt immer globale Solidarität mit Europa angesichts der Bedrohungen und Übergriffe durch Terroristen. Natürlich wird in den Medien auch genügend über den Terror von Boko Haram berichtet. Ich kann mir aber nur schwer vorstellen, dass es Solidaritätsmärsche, wie es sie nach Charlie Hebdo gegeben hat, auch für die Menschen in Nigeria geben würde.


Was genau passiert im Norden Nigerias und wie konnte Boko Haram so stark werden? Ist dies ein rein muslimisches Phänomen?


Boko Haram ist ein politisches Problem. Das ist ein klarer Fall von Terrorismus. Die Organisation tötet sowohl Christen als auch Muslime. Sie zündet Kirchen und Moscheen an. Ihr Ziel sind die nördlichen Staaten des Landes, wo vor allem Muslime leben. Es ist bekannt, dass manche Politiker diese Organisation ursprünglich unterstützt haben, um für sich selbst Vorteile daraus zu ziehen. Unterdessen ist die Gruppe aber zu einem vielköpfigen Monster, einer Hydra, geworden, das außer Kontrolle geraten ist. Unterstützt wird die Organisation von Al Kaida Maghreb und der Al-Shabaab-Miliz in Ostafrika.

„Der Terrorismus kann die Menschen in Nigeria nicht einschüchtern und unseren Weg in die Zukunft nicht stoppen“


Was tut die Regierung in Nigeria, um das Volk zu schützen?


Die Regierung tut zu wenig, um die Menschen zu schützen. In den meisten Fällen unterliegt die Regierung einer Art Selbsttäuschung. Der Fall der „Chibok-Mädchen“ ist ein gutes Beispiel dafür. Die Regierung hat viel zu langsam auf diese Tragödie reagiert. Sie begann erst einen Monat, nachdem die Mädchen aus ihrem Internat entführt worden waren, zu handeln. Dies gab den Terroristen viel zu viel Zeit und führte zu einer Schwächung der Armee.


Werden die Terroristen die kommenden Wahlen beeinflussen können?


Die Terroristen werden keinen direkten Einfluss auf die Wahlen haben. Möglicherweise aber einen indirekten. Wir können dies daran erkennen, dass die Wahlen verschoben wurden. Der jetzige Präsident wird vielleicht Stimmen verlieren, da viele den Eindruck haben, dass ihm die Kapazitäten fehlen, um mit den Terroristen fertig zu werden. Ich glaube aber, dass der Terror nicht alles ist und unser Land nicht in die Knie zwingen kann. Alles in allem werden wir uns, auch nach den Wahlen, weiter auf einen progressiven Weg in die Zukunft begeben. Der Terrorismus kann die Menschen in Nigeria nicht einschüchtern und unseren Weg in die Zukunft nicht stoppen. Dessen bin ich sicher.