01.05.2013

Neurodebatte: Lebenswelt und Freiheitsintuition

Von Andreas Eisenrauch

Die Frage danach, was menschlicher Wille ist, beschäftigt die Philosophie schon lange. Entscheiden wir frei und unbeeinflusst oder trifft unser Gehirn unbemerkt die Entscheidungen? Der Biochemiker Andreas Eisenrauch nimmt den Gehirn-Geist-Antagonismus genauer unter die Lupe.

Seit circa zwanzig Jahren wird in deutschen Gelehrtenkreisen eine kontroverse Debatte über die Gegebenheit menschlicher Willensfreiheit geführt. [1] Einige Hirnforscher interpretieren die Ergebnisse der neurobiologischen Forschung dahingehend, dass alles, was ein Mensch denkt und wie er handelt, durch physische Vorgänge im Gehirn vorbereitet und entschieden wird, bevor es dem Menschen bewusst wird und er danach handeln oder darüber sprechen kann. Die physischen Vorgänge seien durch Naturgesetze festgelegt, davon betroffen wären demnach auch die Vorgänge in jedem Menschen, die zur Ausbildung seines Willens führen.

Demgegenüber beharren viele Gelehrte auf dem Primat der Person. Das ist – kurz gesagt – die geistige Entität, die „Ich“ sagen kann, und die letztendlich nicht durch körperliche Gegebenheiten eingeschränkt ist. Sie sei der freie Urheber ihres Willens, über deren Inhalt sie – nach autonomer und kontrollierter Abwägung von Gründen – entscheidet [2]. Das Gehirn wird als ein lediglich den Körper antreibendes, ausführendes Organ betrachtet.

Primat des Gehirns

Es werden von den Verfechtern freiheitlicher Positionen gemeinhin dualistische Thesen vertreten, die in einem Gehirn-Geist-Antagonismus kulminieren. Ein Gehirn, mit Wirkmacht über den gesamten Menschen, wird als Bedrohung für dessen Freiheit, Autonomie und Urheberschaft für seine Taten betrachtet: Wenn ein Gehirn über die Handlungen eines Menschen entscheidet, dann könne der Mensch nicht mehr dafür verantwortlich gemacht werden.

Neben zahlreichen philosophischen Argumenten gegen den Primat des Gehirns wird sehr oft eingewandt, dass es schon unsere lebensweltliche, intuitive Erfahrung sei, dass wir über unseren Willen, nach rationaler Abwägung von Gründen für und wider einer Mehrzahl von Entscheidungsoptionen, frei und aktiv entscheiden. [3] Eine solche Freiheit setzte voraus, dass wir Menschen ebenso frei über unsere Gründe verfügen könnten. Wenn eine lebensweltliche Herausforderung eine Entscheidung von uns fordert, dürfte uns nichts daran hindern, uns all unser Wissen und alle unsere aus Erfahrung bekannten Handlungsoptionen bewusst zu machen und die hierfür relevanten Gründe aufzurufen. Hier nährt die unvoreingenommene Beobachtung unseres täglichen Handelns, wie ich meine, recht schnell erhebliche Zweifel.

Vergessen

Immer wenn wir etwas vergessen, das wir eigentlich wissen (das somit unser „geistiges Eigentum“ ist), zeigt sich, dass wir – als bewusste Personen – nicht die Herrschaft über unsere behaltenen Informationen ausüben. Ein entscheidungsrelevanter Sachverhalt, ein Termin beispielsweise, an den wir uns nicht erinnern, wenn wir danach gefragt werden, ist unserer aktiven Verfügung entzogen. Diese Information ist dann sogar faktisch inexistent für uns, da keine Spur einer Erinnerung daran verblieben ist. Andernfalls könnte man die benötigten Daten leicht durch einen Aufruf für eine willensbildende Abwägung verfügbar machen. Stattdessen müssen wir Menschen darauf warten, dass uns diese Information einfällt. Das geht sogar so weit, dass wir ein Bewusstsein davon haben können, dass wir etwas wissen, der ersehnte Einfall „liegt uns auf der Zunge“, aber wir haben keine Möglichkeit, uns das Datum aktiv bewusst zu machen, sonst würden wir es sicher sofort tun. [4] Ohne sich damals auf Willensfreiheit zu beziehen, hat auch schon Wittgenstein die Problematik des Aufrufens von Gedanken erkannt:

„Wie macht das Einer, wenn er sich das Gesicht des Anderen in die Erinnerung ruft?
Ich meine, wie ruft er sich IHN ins Gedächtnis? Wie ruft er ihn?“ [5]
Die Frage musste ohne Antwort bleiben, da das Rufen nicht der Weg ist, auf dem die Erinnerung an das Gesicht erfolgt.

Es gibt darüber hinaus kaum einen Menschen, der nicht schon erlebt hat, dass er in einen anderen Raum gehen wollte, um sich etwas zu holen und, dort angekommen, vergessen hat, was er hier vorhatte. In solchen Fällen hat sich der Mensch nicht bewusst anders entschieden. Er musste erleiden, dass ihm sein Wille entfiel, noch während er daran war, ihn in die Tat umzusetzen, und er hatte keine Macht, den entfallenden Willen festzuhalten.

Gedankenstrom

Diese alltäglichen Beobachtungen des Einfallens, Ausbleibens oder Verlöschens von Gedanken sind augenfällige Indizien für die noch viel umfassendere Passivität der bewussten Personen hinsichtlich der Gestaltung des Gedankenstroms eines jeden Menschen. Unsere Gedanken fließen aus einer unbewusst wirkenden Quelle in das Bewusstsein, ohne dass deren Inhalte und Reihenfolge beeinflusst werden könnten. Sehr anschaulich wird dies an den Gedanken von Molly Bloom im letzten Kapitel des „Ulysses“ von James Joyce sichtbar:

„…und eine Flasche Spülicht, die er uns als Rotwein andrehen wollte wo er keinen gefunden hatte der das Zeug säuft o mein Gott der geht sogar mit seiner Spucke noch sparsam um aus Angst er könnte sonst mal verdursten oder ich müßte mal wieder paar Atemübungen machen möchte wissen ob dieser Schlankmacher wohl was taugt man kanns natürlich auch übertreiben Dünne sind gar nicht so sehr in Mode jetzt aber Strumpfbänder derart wie ich habe das violette Paar zum Beispiel…“ [6]

Auch diese poetische Sicht spiegelt die unaufhaltsame, kontinuierliche Abfolge realer, menschlicher Gedankengänge wider. Und besonders die Unwillkürlichkeit dieser Abfolge wird hieran sofort deutlich. Kein Gedanke wägt über seinen Nachfolger ab oder ruft ihn auf oder nimmt ihn irgendwie vorweg. Welche bewusste Aktivität hätte den abrupten Wechsel von der „Angst vor dem Verdursten“ zu der Idee, Atemübungen zu machen, herbeigeführt und insbesondere die unzähligen, ebenso möglichen Fortführungen verworfen? Wie und wann wurde bewusst und aktiv festgelegt, dass gerade „o mein Gott“ gedacht wird, und nicht ein anderer Stoßseufzer. Es kann hier natürlich nichts mehr überlegt und entschieden werden, denn dieser unwillkürliche Gedankenstrom ist genau das, was wir als Abwägung bezeichnen, wenn wir uns als abwägend erleben. „Dahinter“ gibt es keine weitere bewusste Instanz, die denken könnte.

Passiver Sprachgebrauch

Den Befund der Unfreiheit spiegelt intuitiv auch unser gewohnter Sprachgebrauch wider: wenn wir davon reden, dass „uns etwas eingefallen (oder entfallen) ist“, dann sprechen wir von uns im Dativ und im Passiv. Aktiv ist das „Etwas“ das uns einfällt oder nicht, dessen Einfallen oder Ausbleiben wir erleiden müssen. Man kann zwar in der Aktivform sagen, dass man sich an etwas erinnert. Erinnern kann man sich aber nur, wenn dieses „Etwas“ schon bewusst ist, wenn es zuvor schon eingefallen war. Vorher weiß man nichts davon. Auch das Tätigkeitswort „vergessen“ rettet nicht vor der fundamentalen Passivität der bewussten Person: wäre „vergessen“ eine Aktivität, dann wüsste man wohl, was man vergessen hat, so wie man beim „Verstecken“ weiß, wo man etwas versteckt hat. Wenn man etwas vergessen hat, dann ist es unerreichbar – bis es „von selbst“ wieder einfällt.

Wenn wir uns genau beobachten, gibt es also einen unbewusst wirkenden „Agenten“ der die Macht hat, den Strom unserer Gedanken zu gestalten, der Einfälle generiert und Gedankenfolgen unterbricht und die Inhalte dem Vergessen ausliefert. Er versorgt uns meist zur rechten Zeit mit passenden Gründen und Fakten für anstehende Entscheidungen, er lässt uns gute Ideen und schlagfertige Antworten ersinnen und macht sie bewusst. Wenn dieser Agent aber einmal nicht das Richtige tut, dann haben wir keine Chance, es zu erzwingen. Wir bemerken oft erst später, dass nicht die richtigen Antworten generiert wurden.

Eine bewusste Person, die nur hoffen kann, dass ihr – wenn nötig – alle eigenen Gründe für oder gegen eine Entscheidung einfallen, die zugleich fürchten muss, dass sie einmal gefasste Entscheidungen wieder vergisst, und die all das im Zweifel nicht durch aktive Interventionen beeinflussen kann, ist nicht frei.

Das Gehirn als Agent

Die Befunde sind insofern von Bedeutung, als diese deutlichen Zeichen dafür, dass wir unser Denken nicht bewusst steuern können, nicht aus konstruierten, naturwissenschaftlichen Experimenten (die „Dritte-Person-Perspektive“) gewonnenen wurden und uns sozusagen „am Leben vorbei“ aufgedrängt werden, sondern unmittelbar und unverfälscht aus unserem eigenen Erleben (aus der „Ersten-Person-Perspektive“) stammen.

Es gibt gute Gründe, die dafür sprechen, dass dieser Agent das Gehirn eines jeden Menschen ist. Eine nicht-materielle, geistige Entität kommt dafür aus mindestens zwei Gründen nicht in Frage. Alles Geistige wird gemeinhin dadurch charakterisiert, dass es ohne festen Ort, einheitlich und ungegliedert in sich selbst ist. [7] Um etwas vergessen zu können und um Einfälle zu haben, müsste ein solcher Geist aber „parzelliert“ sein, in unbewusste und bewusste Segmente, die sich gegenseitig Informationen vorenthalten könnten. Wohin, in einer einheitlichen geistigen Sphäre sollte etwas entfallen, von woher könnte es wieder einfallen? Zweitens: alle Lebenserfahrungen eines Menschen, seine persönlichen Daten, anstehende Termine, oder die Erinnerungen an erlebte Ereignisse müssen als abgegrenzte Entitäten persistieren, um für die Entscheidungen über sein Handeln nutzbar bleiben zu können. Es ist meines Erachtens nicht vorstellbar, wie solche Einzelheiten in einer nicht segmentierten, ganzheitlichen Sphäre bestehen bleiben sollen. Sie müssten dort bis zur Unkenntlichkeit vereinheitlicht sein.

Segmentierung und Begrenzung, aber auch permanenter Wandel sind definitionsgemäß die Eigenschaften der physischen Natur. Damit haben wir den ersten Hinweis darauf, dass der besagte Agent in uns das Gehirn sein könnte. Ein weiteres Indiz aus vielen, die hier nicht alle erörtert werden können, erhalten wir aus der Beobachtung, dass alle Erfahrungen, die wir im Leben sammeln und die in Entscheidungen für lebensweltliche Handlungen einfließen können, unweigerlich durch eine physische „Inbesitznahme“ an den Sinnesorganen erworben werden müssen. Ein Sinnesreiz wird in ein Netz von Sinnes-, Nerven- und Muskelzellen aufgenommen, das keinen Ausgang mehr in eine irgendwie nicht-physische Welt hat, in der über die erhaltenen Informationen unabhängig von deren physischen Manifestationen verfügt werden könnte. Ein „Geist“, der etwas über seine Außenwelt erfahren wollte, müsste irgendwie Hirnstrom messen können. Dafür gibt es weder eine Theorie noch irgendein lebensweltliches oder experimentelles Anzeichen. Dementsprechend müssen alle Folgen, welche etwa ein Vortrag in einem Hörer auslöst, ob er erheitert ist, ob er ins Grübeln fällt oder ob er die Bedeutung der Worte als guten Grund für künftige Entscheidungen akzeptiert, Ergebnisse der neuronalen Prozesse sein, die sich aus der Aktivierung der Sinneszellen ergeben. Wir wissen wohl, wo im Gehirn sich die „Zentren“ für viele kognitive Leistungen im Prinzip befinden, aber wir können sie nicht kontrollieren. So haben wir im eigenen Erleben des Stroms unserer Gedanken keinen Hinweis auf Art und Ort seiner Erzeugung, er ist die Begleiterscheinung unbekannter Vorgänge. Daher erleben wir immer wieder unerwartete Gedankensprünge, kreative Ideen und peinliche Blackouts.

Die wahre Dimension der Unfreiheit ersehen wir daran, dass wir die Prozesse, die unser Denken und Entscheiden bestimmen, tatsächlich nicht beeinflussen können (nochmal: sonst müssten wir Gedanken nach Belieben aufrufen und ihr Entfallen unterbinden können, es dürfte kein Vergessen und keine Einfälle geben). Da wir diesen Strom so erleben müssen, wie er generiert wird, ist es gleich ob die materiellen Prozesse vollständig determiniert sind oder nicht. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass wir nicht naturgesetzlich determiniert und trotzdem nicht frei sind.

Untrennbarkeit von Gehirn und Person

Das Fazit dieser Überlegungen ist also, dass es keinen Widerspruch zwischen intuitiven, lebensweltlichen Überzeugungen und den Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Forschungen am Menschen gibt. Die Befürworter menschlicher Willensfreiheit können sich nicht darauf berufen, dass unser alltägliches Agieren eine Freiheitsintuition stützen würde. Wer es bisher doch versuchte, hat übersehen oder ausgeblendet, dass die elementarsten Ereignisse unseres Denkens in der Form eines unbeeinflussbaren Einfallens und Entfallens von Gedanken stattfinden. Wenn man bereit ist hinzusehen, ist es lebensweltlich unübersehbar, dass damit auch keine bewusste und aktive Kontrolle über Gründe vor Entscheidungen und über die Entscheidungen selbst ausgeübt wird. Die Beobachtung der Lebenswelt selbst erweist die Bedingtheit des menschlichen Denkens und Handelns durch unbewusst und unbeeinflussbar ablaufende Vorgänge in uns, die eine materielle Basis haben müssen.

Gleichsam als Anhang möchte ich noch eine mir wichtige Konsequenz aus den oben geschilderten Befunden ansprechen. [8] Es ist unser Gehirn in dem unsere Erfahrungen, welche die zugehörige Person prägten, behalten und verwaltet werden und das uns fühlen, denken und entscheiden lässt. Es kann nicht sinnvoll von der Person getrennt gedacht werden, die sich in diesen Regungen äußert. Das Gehirn und seine Person stehen zueinander in einem eigenartigen Verhältnis von Einheit, untrennbar, aber nicht aufeinander reduzierbar; ein Zustand von nicht-identischer Identität.

Unsere faszinierenden „geistigen“ Leistungen, die Fähigkeit, unzählige Lebenserfahrungen zu behalten, zu rekombinieren und für die Gestaltung immer neuer Gedanken und Handlungen zu nutzen, bleiben uns ohne Abstriche erhalten, wenn wir zu der Erkenntnis gelangen, dass es kein immaterieller „Geist“ sein kann, der dies alles bewirkt. Nur die Erklärung ändert sich, nicht das zu Erklärende. Daher bleibt auch die Urheberschaft und Verantwortung für unsere Handlungen uneingeschränkt bestehen. Verantwortlichkeit, als Teil eines gewachsenen gesellschaftlichen Regelwerks, entsteht meines Erachtens zwangsläufig, wenn Individuen partnerschaftlich-solidarisch zusammen leben wollen. Es ist hierzu völlig ausreichend, wenn die einzelnen Akteure allein aus physisch manifestierten Erfahrungen heraus handeln, die unbewusst-automatisch gewichtet werden: darin wird sich ausschließlich das erlernte Spektrum gesellschaftlicher Handlungsmöglichkeiten wiederfinden (im Guten, wie im Schlechten). Ein „freier Geist“ wäre demgegenüber nur dadurch frei, dass ihn keine persönlichen Erfahrungen mehr festlegten. Aber genau dadurch wäre persönliche Urheberschaft ausgehebelt.