02.12.2008

Neues aus der Expertenanstalt

Von Thomas Deichmann

Trotz millionenschwerer Steuerprivilegien fällt es der deutschen Angstindustrie immer schwerer, für den Nonsens, den sie verbreitet, Gehör und Anerkennung zu finden. Offenbar gehen ihr nun langsam auch die Themen aus. Tatsächlich ist viel Fantasie gefragt, um sich alle paar Monate einen neuen Weltuntergang auszudenken – zumal, wenn selbst jahrelang gepredigte Horrorszenarien einfach nicht eintreten wollen.

Es ist wirklich ärgerlich: Milliarden von Menschen und Tieren haben in den letzten zwölf Jahren gentechnisch verbesserte (GV-) Lebens- und Futtermittel verdrückt. 2007 waren es sage und schreibe 55 Millionen Landwirte in 23 Ländern, die auf knapp 115 Millionen Hektar Ackerfläche GV-Pflanzen kultivierten – das ist mehr als die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche der EU, Tendenz steigend. Und trotzdem ist immer noch ist keine einzige Kuh wegen „Gen-Mais“ tot umgefallen, kein Mensch hat wegen eines gentechnisch versursachten Allergieschocks das Zeitliche gesegnet und nicht einmal ein einziges Bienchen, das sich an süßem GV-Nektar labte, ist deshalb vom Stängel gefallen.

Was tun? Ob der Fehlinterpretationen ab sofort peinlichst berührt den Rand halten und die Kampagnenbudgets für die Markteinführung des „Goldenen Reises“ investieren, der aufgrund einer gentechnischen Modifikation das Zeug dazu hat, den lebensbedrohlichen Vitamin-A-Mangel in Asien zu bekämpfen? Pustekuchen! Im sogenannten „Weltsalon Tollwood“ auf der Münchener Theresienwiese treffen sich vom 26. November bis 23. Dezember eine Korona selbst ernannter Apokalypsenexperten, um sich an alten Kamellen noch einmal richtig zu ergötzen. Mit von der Partie ist u.a. der kanadische Landwirt Percy Schmeiser, eine der Gallionsfiguren der europäischen Gentechnikfeinde, der 2004 vom Obersten Gerichtshof Kanadas dafür schuldig gesprochen wurde, eine patengeschützte Gentechnologie ohne Lizenz genutzt zu haben.

Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) gibt sich die Ehre, und Greenpeace ist mit einem seiner Obergentechnikexperten, Christoph Then, vertreten. Der Hamburger Verein hatte zuvor mehrfach versucht, mit aufgewärmten Pseudoskandalen in die Schlagzeilen zu kommen. Zunächst musste mal wieder eine Fütterungsstudie mit Ratten herhalten – diesmal aus Österreich. Obwohl kein Forscher das so herausgefunden oder behauptet hatte, wurde durch Meldungen von Greenpeace und Glocalist suggeriert, der Verzehr von „Gen-Mais“ könne zu Impotenz führen. Wenig später wurde Ende November die Mitmachaktion für Fortschrittsmuffel „Der Cent macht’s – Milch ohne Gentechnik“ lanciert, obwohl hinlänglich bekannt und reich dokumentiert ist, dass das Verfüttern von GV-Futter völlig unproblematisch, in vielerlei Hinsicht vorteilhaft und deshalb längst normaler Standard auf den globalen Agrarmärkten ist.

Das Motto des Münchener Tollhauses klang mit „Wo bitte geht’s zur Zukunft?“ wie das späte aber ehrliche Eingeständnis, eigentlich gar nichts zu peilen. Aber gemeint war das ganz sicher ganz anders.