01.01.1999

Neue Ethik als Maulkorb?

Von Christine Horn

Christine Horn über den anhaltenden Streit über das täuschende ITN-Bild.

Im Frühjahr 1997 veröffentlichte der Journalist und Novo-Redakteur Thomas Deichmann in sechs verschiedenen Ländern eine Untersuchung der Entstehungsgeschichte der bekanntesten Fernsehbilder des Bosnienkrieges. Die Aufnahmen zeigen ausgemergelte bosnische Muslime hinter einem Stacheldrahtzaun im Lager Trnopolje im Norden Bosniens. Sie stammten von einem Team des britischen Nachrichtensenders Independent Television News (ITN) und wurden erstmals am 6. August 1992 ausgestrahlt. Deichmann zeigte, dass diese Bilder eine Täuschung waren, weil nicht das Lager und die bosnischen Muslime von Stacheldrahtzaum umgeben waren, sondern das ITN-Kamerateam, das auf einem benachbarten, umzäunten Gelände stand und von dort heraus filmte.

Eine Enthüllung über eine Manipulation, die eigentlich, wie in der Vergangenheit üblich, gerade von liberalen Kritikern von Meinungsmanipulation mit klaren Worten hätte verurteilt werden müssen – dennoch aber schien man sich in manchen Kreisen damit schwer zu tun. Zunächst begründeten die betreffenden Journalisten ihre Skepsis vordergründig damit, Deichmanns Recherche sei unglaubwürdig. Schließlich, als es offensichtlich wurde, dass eine Täuschung vorlag, wurde argumentiert, das ITN-Bild sei gar nicht so wichtig gewesen oder es sei nicht richtig, an diesem Thema eine Medienkritik zu formulieren. Immer deutlicher wurde, dass die Reaktion mancher Journalisten auf die Enthüllungen Deichmanns mindestens genauso viel Anlass zur Sorge geben muss wie die Täuschung selbst. Denn hier offenbart sich ein neues Selbstverständnis von Journalisten, von dem die Meinungs- und Pressefreiheit heute ironischerweise stärker bedroht ist als von staatlicher Zensur.

Als Deichmann die Ergebnisse seiner Untersuchungen am 10. März 1997 auf einer Pressekonferenz in Bonn präsentierte, herrschte bei einigen der anwesenden Journalisten eine sehr voreingenommene Haltung vor. In den Artikeln, die anschließend in Tageszeitungen erschienen, wurde dies deutlich: Obwohl die Videoaufnahmen Deichmanns Thesen untermauerten, beharrten einige Journalisten auf ihren Zweifeln. ITN selbst hat nie geleugnet, dass es sich bei den Aufnahmen um Originalmaterial handelte, aber in der Berichterstattung wurde dies dennoch bezweifelt. Und obwohl Deichmann anbot, man könne sich verabreden, um das gesamte mehrstündige Material anzuschauen, sprach man über das notwendigerweise gekürzte Material eher abfällig von in "Eigenregie bearbeiteten TV-Schnipseln". Kurzum, man musste bei Teilen der Berichterstattung über die Pressekonferenz den Eindruck bekommen, dass hier ein Hobby-Filmemacher am Werke war. Außerdem wurde in Artikeln suggeriert, Deichmann sei ohnehin nicht vertrauenswürdig. Die Bemerkungen reichten von "nicht abgeschlossenem Studium" über "Profilneurose" bis hin zu Unterstellungen, Deichmann sei mit einer Serbin verheiratet, er wolle Kriegsverbrechen leugnen, und ihm sei ein Stacheldraht wichtiger als die Opfer in serbischen Lagern.

Dass Zweifel an der Recherche nicht der eigentliche Grund für die mitunter garstige Reaktion waren, zeigte sich, als endgültig klar wurde, dass Deichmann im Recht war. ITN hat unterdessen selbst zugegeben, dass es um das Lager Trnopolje keinen Stacheldraht gab. Außerdem hat der Guardian-Journalist Ed Vulliamy, einer der "Augenzeugen" von damals, unterdessen mehrere Mal seine Version dessen verändert, was er im Lager Trnopolje im August 1992 gesehen haben wollte. Für die Kritikerfraktion war all dies aber immer noch kein Anlass, sich der Kritik zu stellen. Stattdessen wurden nun andere Argumente ins Zentrum gestellt: Man dürfe keine Medienkritik an einem solch kontroversen Thema formulieren, und es gäbe wirklich Wichtigeres, wenn man über Sorgfaltspflicht und Pressefreiheit diskutieren wolle. Es handele sich doch ohnehin nur um ein journalistisches Detail – ein Vorwurf, der angesichts der Tatsache, dass Penny Marshall und Ian Williams für ihre Reportage die hoch dotierte BAFTA-Auszeichnung erhalten haben, absurd ist. Das "Detail mit dem Stacheldraht" galt zudem vier Jahre lang als ein bedeutendes Symbol für die Horror des Bosnienkrieges. Auch die Vorstellung, das Bild habe keinen großen Einfluss auf die gesellschaftliche Meinung und die Politik gehabt, ist realitätsfern. Am 13. August 1992, kurz nachdem es um die Welt gegangen war, autorisierte der UN-Sicherheitsrat erstmals die eigenen Truppen zur Gewaltanwendung und stellte die Bestrafung von Kriegsverbrechern in Aussicht. Am 18. August kündigte die britische Regierung an, eine mehrere Tausend Mann starke Armee nach Bosnien zu schicken, und die Aufnahme war ein wichtiges Beweismaterial der Anklage im ersten Prozess am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Mit allen Mitteln der Kunst wurde versucht, eine Diskussion um Medienkritik zu umgehen. Während in England die repressiven Verleumdungsgesetze ermöglichten, dass ITN Deichmanns Geschichte quasi zensierte, wirkt hierzulande die berühmte "Schere im Kopf" einiger Redakteure.

Im Verlauf der Diskussion wurde also immer deutlicher, dass es den Kritikern Deichmanns in erster Linie darum ging zu verhindern, dass durch die ins Gerede gekommenen Bilder die Geschichte des Krieges neu geschrieben werden könnte. Ebenso befürchtete man, es könnten Zweifel an der einseitigen Schuldzuweisung an die Serben entstehen. Vielmehr hatte man sich eine Meinung über den Krieg in Bosnien und die Frage der Schuld gebildet, und dieser Version sollte nicht widersprochen werden. Diese Haltung wirft einige Fragen auf: Darf es sein, dass nicht mehr die journalistische Sorgfaltspflicht darüber entscheidet, was und wie berichtet wird, sondern wie man über eine Sache urteilt? Welche Implikationen hat eine solche Haltung?

Problematisch ist vor allem, dass die ablehnende Haltung gegenüber Deichmanns Enthüllungen kein Einzelfall ist. In den letzten Jahren ist insbesondere unter liberalen und sozialkritischen Journalisten ein bedenklicher Sinneswandel zu beobachten. In Großbritannien und den USA gibt es bereits eine offene Diskussion darüber, dass Journalisten nicht nur die Aufgabe hätten, Fakten zu berichten, sondern auch Verantwortung trügen, Partei für die Opfer zu ergreifen und Regierungen und Institutionen zum Handeln zu bringen. Martin Bell, der in Großbritannien zum Protagonist dieses neuen Ansatzes wurde, ist der Ansicht, Journalisten seien Akteure und dürften nicht nur als "bystanders" danebenstehen, sondern sollten "attached" sein, d. h. im Sinne der guten Sache intervenieren.

Mit dem Hinweis, es gehe um die Rettung der Opfer, wird so die traditionelle Trennung zwischen Berichterstattung und Meinung aufgelöst. Journalisten sollen und wollen heute mit dieser Art Journalismus eine neue Rolle in Politik und Gesellschaft übernehmen.

Hierdurch wird die Aufgabe von Journalisten neu definiert. Sie sollen nicht mehr primär sicherstellen, dass die Öffentlichkeit allseitig informiert wird und ein freier Meinungsbildungsprozess gewährleistet ist. Vielmehr wird ihnen nahe gelegt, die "richtige" Botschaft, d. h. Moral und Werte zu vermitteln. Die möglichen Folgen sind gefährlich: Wenn Journalisten Partei ergreifen sollen, führt das fast zwangsläufig dazu, dass nur noch das gesehen wird, was in ein bestimmtes Meinungsbild paßt. Unliebsame Fakten und Meldungen werden leicht unter den Teppich gekehrt.

Dies ist vor allem bedenklich, weil in den letzten Monaten eine immer größere Emotionalisierung zu unterschiedlichen Themen festzustellen ist, mit der Tendenz, Meinungen, die gegen eine vorherrschenden Konsens verstoßen, mit dem moralischen Zeigefinger zu begegnen. So wird demjenigen, der vor einseitiger Emotionalisierung zu Themen wie Kindesmissbrauch, Umweltzerstörung oder auch Ausländerfeindlichkeit warnt, schnell unterstellt, er wolle Täter schützen, sei ein notorischer Umweltverschmutzer oder gar ein heimlicher Nazi. Die Moralisierung gesellschaftlicher Themen führt schon jetzt dazu, dass bestimmte Meinungen nicht mehr geäußert werden dürfen. Wenn der Journalist Akteur in Krisengebieten sein soll, läuft er zudem Gefahr, die Denk- und Sichtweise einer Konfliktpartei zu übernehmen. Er verliert die für ausgewogene Reportagen notwendige Distanz, und nicht selten übernimmt er blind Kriegspropaganda. Folgen Journalisten diesem Ansatz, dann besteht die Gefahr, dass die Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflicht nicht mehr zwingend geboten ist. Es war in diesem Zusammenhang schockierend zu erfahren, dass selbst von Journalisten geäußert wurde, es sei doch – unabhängig vom Wahrheitsgehalt des ITN-Bildes – gut gewesen, dass es die Öffentlichkeit wachgerüttelt habe.

Die Moralisierung des Journalismus, die heute zu beobachten ist, führt dazu, dass unliebsame Äußerungen mit unsachlicher Kritik überzogen und die betreffenden Personen nicht selten denunziert werden. Im Grunde laufen diese Entwicklungen darauf hinaus, dass der Meinungs- und Pressefreiheit auch ohne staatliche Verbote ein Riegel vorgeschoben wird. Und es ist vor allem bedenklich, dass es heute nicht vorwiegend konservative Kräfte sind, die kritische Meinungen unter den Tisch fallen lassen wollen, sondern liberale, ehemals gesellschaftskritische Journalisten.

 

aus: Novo, Nr.32, Januar/Februar 1998, S.32; s.a. agenda,Nr.30, September/Oktober 1997