27.05.2013

Natur macht Angst

Essay von Christian Dürnberger

Kaum ein Gefühl ist in aktuellen Debatten um die Natur prägender als jenes der Angst. Woher kommt die von Naturschützern oft ins Feld geführte Sprache der Apokalyptik?

Man kann sich utopischen Romanen und Werken der Science-Fiction zweifach widmen: Aus Gründen der Unterhaltung. Und um die Visionen und Ängste zu verstehen, die eine Gesellschaft umtreiben. Durch die Methode des Erzählens versuchen diese Geschichten – meist anhand von Extremszenarien – zu schildern, wo denn all die Dynamik gegenwärtiger Innovationen einst enden wird. Aus dieser Perspektive erscheinen sie wie ein Seismograph von Zukunftshoffnungen und -befürchtungen.

Beliebtestes Thema dieses Genres ist dabei die Technologie: Inwieweit wird Technik für die Gesellschaft der Zukunft eine Rolle spielen? Hierbei zeigt sich im Lauf der Jahrhunderte ein perspektivischer Wandel: Ist Technik bei Francis Bacon noch der Heilsbringer, der den Menschen aus den Fesseln des Leids befreit und ihm Wohlstand und Glück bereitet, wendet sich der Blickwinkel im 20. Jahrhundert in den uns vertrauten. Bei Huxley, Samjatin, Orwell und Atwood ist Technologie nicht mehr das heiße Eisen in der Schmiede der Utopie, sondern charakteristisch für ein Schreckensszenario. Neurowissenschaft, Fortpflanzungsmedizin und Kommunikationstechnologie zeigen in diesen Erzählungen ihr zerstörerisches Potential. In der Literatur spricht man bei derartigen Schattenbildern von einer unmenschlichen Zukunft – als Gegenbegriff zu „Utopie“ – auch von so genannten Dystopien.

„Die Angst vor der Krise, dem Ende und um die Zerbrechlichkeit der Natur scheint ein wesentliches Merkmal unserer Zeit zu sein“

Die gegenwärtigen Erzählungen über eine wunderbare wie auch furchtbare Zukunft weisen dabei ein spezifisches Motiv auf, das den klassischen Utopien noch fremd war: die zerbrechliche, verletzbare Natur. Bei den großen utopischen Entwürfen der Neuzeit – man nennt hier oftmals die drei Autoren Morus, Campanella und Bacon – spielt Natur nur insofern eine Rolle, als sie gezähmt, beackert und abgeerntet werden muss. Natur ist weniger etwas, um das man Angst hat, sondern – wenn überhaupt – vor dem man Angst hat. In der Konsequenz gilt es, die natürlichen Kräfte zu bändigen und zu bekämpfen. Eindrücklich zeigt sich dieser Gedanke auch noch in der sowjetischen Utopieliteratur, etwa bei Alexander Alexandrowitsch Bogdanow, der in seinem utopischen Roman Der rote Planet (1908) über seine ideale Gesellschaft berichten lässt: „Bei uns herrscht Frieden unter den Menschen, das ist wahr, aber kein Frieden mit der elementaren Natur. Den kann es nicht geben. Die Natur ist unser Feind, der immer wieder von neuem besiegt werden muß.“ [1] Der Zungenschlag einer solchen Rede wirkt auf gegenwärtige Ohren unheimlich fremd, sind wir doch daran gewohnt, Natur als etwas Bedrohtes wahrzunehmen.

In den Zukunftsentwürfen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt sich denn auch eine zunehmende Sorge um die verletzbare Natur. In den Utopien dieser Jahrzehnte steht die Idee einer ökologischen Aussöhnung im Zentrum. Erzählt wird – etwa im Roman Ökotopia (1975) von Ernest Callenbach – von der vollkommen nachhaltigen Gesellschaftsordnung. In den Dystopien äußert sich die Angst um die Natur in anderen dramaturgischen Farben: Der Mensch wird in Zukunft die gute, ursprüngliche Natur vernichtet haben. In Cormac McCarthys The Road (2006) ist sie zerstörte, unwirtliche, menschenfeindliche Kulisse. In John Wyndhams Klassiker The Day of the Triffids (1951) schlägt die vom Menschen ausgebeutete und manipulierte Natur schließlich zurück. In Form von Killer-Pflanzen nimmt die Natur am Menschen Rache.

Die Auswirkungen der gegenwärtigen Mensch-Natur-Beziehung in dystopischen Zügen zu erzählen, ist dabei nicht nur ein Kennzeichen gegenwärtiger Science-Fiction-Literatur. Auch die Umweltbewegung ist tief gezeichnet von einem „Bilderwechsel hin zur Apokalypse“ [2]. Als anschauliches Beispiel kann die Visualisierung eines gentechnisch veränderten Mais als Monster genannt werden.

„Braucht die Öko-Bewegung wirklich die Angst vor dem Weltuntergang?“

Die Angst vor der Krise, dem Ende und um die Zerbrechlichkeit der Natur scheint ein wesentliches Merkmal unserer Zeit zu sein. Zwar kennen auch frühere Kulturen Umweltverschmutzungen, so beschreibt bereits Platon in seinem Dialog Kritias die Abholzung des Mittelmeerraums und dessen negative Konsequenzen für die Bodenqualität. Sein Blick bleibt dabei jedoch nicht nur strikt anthropozentrisch (Natur kommt nur in den Blick, insofern sie für den Menschen relevant ist), auch fokussieren diese Klagen auf lokale Belastungen. Für den Menschen der Antike mag Natur demnach bereits etwas Verletzbares gewesen sein, letztlich aber, so zeigt der Umwelthistoriker Radkau, erschien sie ihm als etwas Unbesiegbares. [3] Oder im Werbesprech unserer Zeit formuliert: Natur war für die Menschen im Grunde unkaputtbar.

Gerade diese Sicht ändert sich nicht zuletzt im 20. Jahrhundert: Plötzlich scheint das Ganze der Natur auf dem Spiel zu stehen. Im Sog der Debatte um die Atombombe und andere technologische Innovationen notiert Hans Jonas in seinem Urwerk zur Naturethik, dass der gegenwärtige Mensch eine Verletzlichkeit der Natur bemerkt, die so nicht zu vermuten war. [4] Ähnlich skizziert Bruno Latour, dass die Erde für uns nicht mehr primär jene Nährmutter oder auch Rabenmutter ist, die sie Jahrhunderte lang für unsere Vorfahren gewesen ist, sondern uns als eine zu schützende alte und gebrechliche Mutter entgegentritt. [5] Der deutsche Philosoph Lothar Schäfer erkennt der Vorstellung der Schonungsbedürftigkeit der Natur schließlich sogar jene Stelle zu, die früher die baconsche Maxime der Naturbeherrschung innehatte: Der Idee der Schonung der Natur hat sich gegenwärtig alles unterzuordnen. [6]
Popkulturelles Symbol dieser neuen Deutung wurde das Bild „Blue Marble“;jene erste Fotografie der Erde in ihrer Totalität, das 1972 von der Besatzung der Apollo 17 aus dem Weltall geschossen wurde. Der Einfluss dieses Bildes auf die Umweltschutzdebatte ist enorm: Das Foto wurde zum Sinnbild einer Erde, die es zu retten gilt. Selbst der für den Leitgedanken der Nachhaltigkeit maßgebliche Brundlandt-Bericht beginnt mit einem Verweis auf dieses Bild.

Nun lässt sich behaupten, dass die dargelegte neue Perspektive auf Natur den empirischen Tatsachen der ökologischen Krise geschuldet ist. Angesichts der Erschöpfung der Ressourcen, der Luftverschmutzung, dem Ozonloch, dem Artensterben, der Abholzung tropischer Regenwälder, der Versteppung von Landstrichen, des drohenden Kollaps der Ökosysteme und des Klimawandels als Folge des Industriezeitalters lässt sich nicht mehr in einem Duktus über die Natur schreiben, denken und reden, wie Bogdanow es noch getan hat. Der Problemdruck der ökologischen Krise soll denn auch nicht klein geredet werden.
Und doch ist zu fragen, inwieweit unsere Debatten über Natur mit apokalyptischen Zeichnungen einherzugehen haben. Mit Radkau gefragt: „Braucht die Öko-Bewegung wirklich die Angst vor dem Weltuntergang?“ Er gibt denn auch gleich selbst eine Antwort, wenn er schreibt: „Die historische Erfahrung scheint zu zeigen, daß eine praktische Ethik den Glauben an die Hölle nicht nötig hat.“ [7]

Eine ausufernde Thematisierung der Verletzlichkeit der Natur scheint eine Tendenz aufzuweisen, deren Konsequenzen auch vom klassischen Naturschutz nicht gewollt sein können. Als Beispiel kann man auf die Ergebnisse des Jugendreport Natur verweisen, eine regelmäßig durchgeführte Umfrage zu Wissensstand und Vorstellungen von deutschen Kindern und Jugendlichen über Natur. [8] Nimmt man dessen Resultate der letzten rund zwei Jahrzehnten ernst, so zeigt sich, dass Kinder und Jugendliche Natur zunehmend als etwas erfahren, das ob ihrer Verletzlichkeit im Idealfall hermetisch abgeriegelt werden sollte, um vom Menschen verschont zu bleiben.

Eine solche Sicht auf Natur scheint demnach nicht zuletzt dazu zu führen, dass Kinder Natur als einen Ort erleben, an dem sie vor allem eines tun: stören. Sie mögen keine Angst mehr vor der Natur als feindlicher Gewalt haben. Angst könnte jedoch wieder ein bestimmendes Grundgefühl der Naturbegegnung werden, nämlich als Angst davor, etwas kaputt zu machen. Insofern jüngste Forschungsergebnisse anzeigen, welche enorme Bedeutung die unmittelbare Naturerfahrung gerade von Kindern für deren psychische Entwicklung wie auch für deren Sensibilisierung für einen ethisch reflektierten Umgang mit Natur hat, muss eine solche, durch Angst geförderte Entfremdung alles andere als wünschenswert genannt werden.


Drei Denkbewegungen sollen für eine mögliche Debatte über Natur und Naturschutzanliegen jenseits der Apokalypserhetorik skizziert werden:

  • Es bietet sich an, die sich unter anderem in der Existenzphilosophie Kierkegaards wiederfindende Unterscheidung zwischen Angst und Furcht aufzunehmen: Während Furcht ein konkretes Objekt benennen kann, bleibt Angst diffus. Dieser Differenz folgend wäre zu fragen, inwieweit Naturschutzdebatten sich nicht eher aus (konkreter, diskutierbarer) Furcht denn aus (nebulös bleibender) Angst speisen sollten.
  • Kontroversen rund um die Mensch-Natur-Beziehung lassen sich vor dem Hintergrund historischer Kontextualisierung besser verstehen. So zeigt sich gerade mit Blick auf die befürchteten Folgen des Klimawandels, dass sich ähnliche Sorgen und Probleme bereits in der Antike finden lassen: Cyprian (wahrscheinlich 200–258 n. Chr.), Bischof von Karthago, klagt in seinen Schriften beispielsweise über die zunehmend schlechteren klimatischen Bedingungen, die der Landwirtschaft das Leben schwer machen: „Nicht mehr reicht im Winter des Regens Fülle aus, um die Samen zu nähren, nicht mehr stellt sich im Sommer die gewohnte Hitze ein, um das Getreide zur Reife zu bringen, nicht mehr kann sich der Frühling seiner früheren Milde rühmen, und auch der Herbst spendet uns die Früchte der Bäume nicht mehr in so reicher Menge.“ [9]
    Eine derartige historische Kontextualisierung soll die Probleme der Gegenwart nicht vom Tisch wischen. Aus ihr soll nicht in Anlehnung an das Kölsche Grundgesetz Et hät noch immer jot jejange abgeleitet werden, dass was gestern geklappt hat, auch morgen klappen wird. Jedoch vermag die historische Einbettung die gegenwärtigen Debatten in eine Tradition zu stellen, in deren Rahmen sie nicht nur adäquater verstanden werden können, sondern in deren Kontext auch eine gewisse Distanz zu gewinnen ist, die einer blinden Angst ihre Kraft nimmt.
  • Schließlich ist zu fragen, inwieweit neben der Artikulation von möglichen Dystopien nicht auch positiv gewandte Vorstellungen notwendig sind. Eine Naturdebatte auf Höhe der Zeit mobilisiert denn nicht nur durch Angst, sondern auch durch wohl formulierte Utopien. (Gemeint sind damit keine realitätsfremden Wünsche, sondern vielmehr Zielaussagen darüber, wie die Welt, in der wir leben wollen, aussehen soll.) Naturvorstellungen, die eine kulturell stark überformte Natur mit Wildnis und Ursprünglichkeit gleichsetzen, scheinen hier nur bedingt als Ausgangspunkt zu taugen. Wo Natur das Unberührte ist, ist ihr Schutz eine Hands-off-Strategie und jeglicher Eingriff an der Grenze zur Dystopie.

Ein adäquateres Naturideal für gegenwärtige Debatten mag eventuell in jenem des Gartens liegen. Der Philosoph Gernot Böhme erkennt in diesem Sinne in der Vorstellung des Gartens nicht nur das älteste Naturideal der Menschheit, sondern gleichzeitig – bei genauerem Hinsehen – auch das modernste. [10] Es bestimmt Natur als einen Ort, an dem Kultur und Natur versöhnt sind. Das adäquate Tätigwerden im Garten bedeutet kein Konservieren des Status quo, sondern ein sorgfältiger, pflegender Umgang, der Natur in ihrer Eigenständigkeit anerkennt und sie doch zugleich nach eigenen Zielvorstellungen gestaltet.

Böhme im Wortlaut: „Die Natur als Garten mag ein zukunftsträchtiges Ideal sein, hält es doch den Gedanken fern, daß die Natur, wie sie ohne den Menschen ist, wünschenswerte Natur sein könnte, und trägt es doch auf der anderen Seite der Einsicht Rechnung, daß die Natur nicht auf den Menschen gewartet hat, und damit der Erfahrung, daß ihre Nutzung nicht eo ipso ihrer Vollendung dient.“ [11] Ein solches Naturkonzept scheint ratsam, will man Eingriffe und Umgestaltungen nicht per definitionem und ausschließlich im Modus der Angst verhandeln.