12.06.2014

Nahrungsmittelspekulation: Der Finanzsektor soll Hunger bekämpfen

Von Ingo Pies

Von einer angeblichen geheimen Konferenz der Deutschen Bank zum Thema Welthunger und Nahrungsmittelspekulation berichtet der Wirtschaftsethiker Ingo Pies. Es fehlen Belege für eine behauptete schädliche Wirkung von Indexfonds. Entscheidend sind mehr Investitionen

Am 16. April dieses Jahres fand in Frankfurt am Main ein denkwürdiges Treffen statt. Die Deutsche Bank hatte zum Dialog eingeladen. Erschienen waren Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen, Repräsentanten des Finanzsektors und der Politik sowie mehrere Wissenschaftler. Die rund 40 Teilnehmer waren zusammengekommen, um die Rolle des Finanzsektors bei der Bekämpfung des globalen Hungers zu erörtern. Zwei Fragen standen im Vordergrund: Tragen bestimmte Finanzprodukte – vor allem Indexfonds – zur Verursachung oder Verschärfung weltweiter Hungerkrisen bei, wie manche Kritiker behaupten? Und: Kann der Finanzsektor einen konstruktiven – und zukünftig größeren – Beitrag leisten, um die globale Ernährungssicherheit nachhaltig zu verbessern?

In ihrer Einladung hatte die Deutsche Bank drei Punkte hervorgehoben. Erstens wollte sie einen offenen Dialog mit ihren Kritikern führen. Zweitens versprach sie, das Treffen nicht für Marketingzwecke zu missbrauchen. Drittens sollte das fachliche Gespräch – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – im vertraulichen Rahmen stattfinden. Im Unterschied zur Deutschen Bank nutzten die von ihr eingeladenen Kritiker den Anlass des Treffens sehr ausgiebig für die eigene Öffentlichkeitsarbeit. Vor dem Treffen wurden Berichte über eine angebliche „Geheim“-Konferenz gestreut, verbunden mit der Kritik, die vom gastgebenden Unternehmen angestrebte Vertraulichkeit verstoße gegen das demokratische Prinzip der Transparenz. Unmittelbar nach dem Treffen war in den Medien zu lesen, die Kritiker seien von der Deutschen Bank bitter enttäuscht. Das gastgebende Unternehmen sei mit leeren Händen erschienen und habe die wesentlichen Kritikpunkte nicht nur nicht ausräumen können, sondern offenbar immer noch nicht begriffen, dass es gemäß des Vorsorgeprinzips moralisch verpflichtet sei, die kritisierten Finanzprodukte vom Markt zu nehmen.

„Als Wirtschaftsethiker habe ich Form und Inhalt des Treffens offenbar ganz anders wahrgenommen, als die bisherigen Medienberichte glauben machen (sollen).“

Vor diesem Hintergrund erscheint es mir angebracht, eine andere Sicht der Dinge zu präsentieren, damit die interessierte Öffentlichkeit etwas mehr Material erhält, um sich ein eigenes Bild zu machen: Ich war als Sachverständiger geladen und hätte gewiss nicht teilgenommen, wenn ich die Rahmenbedingungen als unfair oder undemokratisch empfunden hätte. Als Wirtschaftsethiker habe ich Form und Inhalt des Treffens offenbar ganz anders wahrgenommen, als die bisherigen Medienberichte glauben machen (sollen). Deshalb ist es vielleicht von öffentlichem Interesse, wenn ich hier einige Punkte klarstelle.

Zuviel Transparenz kann schädlich sein

In ihrem Einladungsschreiben hatte die Deutsche Bank angekündigt, für das Treffen solle die sog. „Chatham-Haus-Regel“ gelten. Diese erstmals 1927 aufgestellte Regel hat sich in den letzten Jahrzehnten außerordentlich gut bewährt, wenn es darum geht, strittige Sachverhalte in einem offenen Gedankenaustausch zu erörtern. Sie besagt, dass die im Gespräch gewonnenen Informationen genutzt werden dürfen, aber die Quelle der Informationen anonym bleiben soll.

Man kann den Sinn dieser Vorkehrung am besten verstehen, wenn man sich vorstellt, wie solche Treffen ohne diese Regel ablaufen würden. Insbesondere jene Diskussionsteilnehmer, die nicht als Privatperson teilnehmen, sondern als Repräsentant einer Organisation, sähen sich mit der Notwendigkeit konfrontiert, jedes einzelne Wort auf die Goldwaage legen zu müssen, um nicht später durch eine allzu offenherzige Aussage kompromittiert werden zu können. Ein spontaner Gedankenaustausch käme nicht zustande. Die Teilnehmer würden sich vielmehr darauf beschränken, zu Hause sorgsam vorbereitete (und von Juristen bereits abgeklopfte) Statements zu verlesen.

Man sieht: Die Chatham-House-Regel dient nicht wirklich der Geheimhaltung, wie in der medialen Berichterstattung gemutmaßt wurde. Es ist geradewegs umgekehrt: Erst durch die personale Anonymität werden die Gesprächsteilnehmer in die Lage versetzt, offen und ehrlich miteinander zu kommunizieren, anstatt durch strategische Rücksichten auf die eigene Organisation und deren Interessen in der inhaltlichen Auseinandersetzung und beim argumentativen aufeinander Zugehen gehemmt zu sein. Hier würde mehr Transparenz also nicht nützen, sondern schaden. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, sondern weltweit üblich, Gespräche über brisante Streitthemen unter dieser Regel stattfinden zu lassen.
Man sieht: Für die demokratische Streitkultur ist die Anwendung der Chatham-House-Regel kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt!

Die Fakten sind strittig, nicht die Moral

Der runde Tisch, zu dem die Deutsche Bank zivilgesellschaftliche Kritiker und wissenschaftliche Experten geladen hatte, war keineswegs ergebnislos, was all jene Bürger verblüffen dürfte, die in der Debatte über Agrarspekulation nicht über Informationen aus erster Hand verfügen, sondern für ihre Urteilsbildung auf Medienberichte angewiesen sind. Ich will hier nur auf vier Punkte hinweisen.

(1) Auf der Tagung wurde von Seiten des Finanzsektors die überaus wichtige Selbstverpflichtung bekräftigt, dass die strittigen Finanzprodukte sofort vom Markt genommen werden, sobald eine überzeugende – d.h. faktenbasierte und wissenschaftlich validierte – Evidenz auf den Tisch gelegt wird, dass die kritisierten Finanzprodukte gemeinwohlschädliche Auswirkungen haben. Das heißt im Klartext: Zwischen der Deutschen Bank und ihren zivilgesellschaftlichen Kritikern gibt es nicht Dissens, sondern Konsens über den eminent wichtigen Punkt, dass im Konfliktfall nicht dem unternehmerischen Gewinninteresse der Vorrang zukommt, sondern dem Existenzinteresse der Ärmsten der Armen, die von Hunger bedroht sind. Dieses Werturteil ist unstrittig. Dass es von allen Beteiligten geteilt wird, ist eine wichtige Gemeinsamkeit, die unserer demokratischen Streitkultur eine konstruktive Grundlage liefert.

„Argumentiert wird mittlerweile mit der bloßen Denkmöglichkeit, dass so etwas in extremen Situationen passieren könnte.“

(2) Strittig ist allein die Faktenfrage. Und hier mag überraschen, dass die Kritiker seit nunmehr drei Jahren zwar heftige Vorwürfe erheben, bislang aber den Nachweis dafür schuldig geblieben sind, dass die von ihnen an den Pranger gestellten Indexfonds tatsächlich eine hungermachende Wirkung ausgelöst haben. Für mich als Wirtschaftsethiker ist besonders interessant, wie sich die Debattenlage mittlerweile verschoben hat: Waren die zivilgesellschaftlichen Organisationen 2011 noch mit der vollmundigen Erklärung gestartet, es gebe „erdrückende Belege“ für die hungermachende Wirkung von Indexfonds, verlegen sie sich nun auf die Argumentation, wichtiger als der wissenschaftliche Forschungsstand seien vereinzelte Stellungnahmen von Praktikern, die den Verdacht aufkommen lassen, es bestehe die Möglichkeit, dass in bestimmten Situationen der Fall auftreten könne, dass die Terminmarktgeschäfte von Indexfonds zur Blasenbildung auf dem Terminmarkt beitragen und dass künstlich überhöhte Terminmarktpreise auf den Kassamarkt für Agrarrohstoffe überschwappen und dann schließlich den Lebensmittelpreis in Entwicklungsländern aufblähen. Wohlgemerkt: Argumentiert wird mittlerweile mit der bloßen Denkmöglichkeit, dass so etwas in extremen Situationen passieren könnte. Von dem Nachweis, dass dies in den letzten Jahren tatsächlich passiert ist, hat man sich mittlerweile verabschiedet. In der Öffentlichkeit ist diese argumentative Rückzugsbewegung freilich bislang kaum wahrgenommen worden.

(3) Unmittelbar im Anschluss an die vermeintliche „Geheim“-Konferenz wurde in den Medien berichtet, die zivilgesellschaftlichen Kritiker hätten der Deutschen Bank vorgeworfen, nicht verantwortlich mit der Forderung umzugehen, dass das Vorsorgeprinzip von ihnen verlange, die umstrittenen Finanzprodukte unverzüglich vom Markt zu nehmen. Nicht berichtet wurde, dass mehrere Wissenschaftler gegen diese Forderung vehement Einspruch eingelegt haben. Deshalb will ich das Gegenargument hier kurz skizzieren, zumal es ganz wesentlich zur Versachlichung der Debatte beitragen kann: Das Vorsorgeprinzip muss einem gewissen Symmetrie-Kriterium genügen können. Das testet man, indem man überprüft, ob es auf sich selbst anwendbar ist. Und genau hier liegt im vorliegenden Fall das Problem: Während die eine Seite fordert, auf den bloßen Verdacht hin Indexfonds vom Markt zu nehmen, kann die andere Seite entgegnen, dass genau diese Vorsichts-Maßnahme unvorsichtig wäre und ihrerseits dem Vorsorgeprinzip widersprechen würde. Warum? Weil Indexfonds mittlerweile wichtige Aufgaben auf dem Terminmarkt erfüllen, so dass ohne sie die Agrarwirtschaft nicht besser, sondern schlechter funktionieren würde.

„Alle Experten waren sich einig, dass die Bekämpfung des globalen Hungers in den nächsten Jahren nur dann erfolgreich sein kann, wenn es gelingt, massive Investitionen in den landwirtschaftlichen Sektor zu lenken.“

(4) Auf der Konferenz war man sich einig, dass derzeit keine Einigkeit darüber besteht, ob Indexfonds freiwillig vom Markt genommen bzw. per Regulierung verboten werden sollten. Im Hinblick auf das erste Hauptthema bestand also Dissens. Im Hinblick auf das zweite Hauptthema aber gab es breiten Konsens. Darüber wurde in den Medien bislang nicht berichtet. Deshalb will ich diesen Punkt gesondert betonen: Alle Experten waren sich einig, dass die Bekämpfung des globalen Hungers in den nächsten Jahren nur dann erfolgreich sein kann, wenn es gelingt, massive Investitionen in den landwirtschaftlichen Sektor zu lenken. Hierbei kommt der Finanzwirtschaft eine wichtige Rolle zu. Zum einen wird im großen Stil privates Kapital benötigt, weil viele Staaten überfordert wären, die nötigen Infrastrukturinvestitionen selbst zu finanzieren. Und zum anderen benötigen gerade die Agrarproduzenten in Entwicklungsländern umfangreiche Hilfen für ein professionelles Liquiditäts- und Risiko-Management, z.B. in Form von Mikro-Krediten oder Mikro-Versicherungen. Hier gibt es ein großes Feld für gemeinsame Projekte von Finanzwirtschaft und Zivilgesellschaft.

Deshalb empfinde ich es als ein ermutigendes Signal, dass die Deutsche Bank den mit diesem Treffen begonnenen Dialog zukünftig fortsetzen will: Wenn wir das moralische Anliegen wirklich ernst nehmen wollen, den weltweiten Hunger wirksam zu bekämpfen, dann müssen wir die verfügbaren Kräfte bündeln und gemeinsame Initiativen entwickeln. Mir scheint, hierfür wurde in Frankfurt ein Schritt in die richtige Richtung unternommen.