01.03.2007

Mitgehangen, mitgefangen: der Westen nach Saddam

Analyse von Mick Hume

Die Handyfotos der Hinrichtung Saddam Husseins sind unscharf und verwischt; der Eindruck, den sie uns von der Situation im Irak sowie von der geistigen Malaise des Westens liefern, ist hingegen glasklar.

Als US-amerikanische Truppen mit ihren Verbündeten vor vier Jahren in den Irak einmarschierten, galt es, einen den Weltfrieden gefährdenden Diktator aus dem Weg zu räumen. Als dieser schließlich Ende 2006 zum Galgen geführt wurde, geschah Sonderbares: Der einstige Diktator starb als Opfer und Märtyrer. Dies ist umso erstaunlicher, als dass sich westliche Politiker samt ihren Kritikern schon lange nicht mehr für die tatsächliche Situation im Irak, sondern nur noch dafür interessieren, selbst möglichst ungeschoren aus der vertrackten Lage herauszukommen. Aber nicht einmal mehr die Hinrichtung eines der größten Buhmänner der letzten Jahrzehnte mochte so recht gelingen.


Das politische Desaster um Saddam Hussein hatte jedoch schon begonnen, lange bevor er die Treppen zum Galgen hinaufstieg. Eigentlich hätte der Prozess gegen ihn zur Geburtsstunde des neuen demokratischen Nachkriegsirak werden sollen. Stattdessen geriet er zur Farce. Nichts wollte man sehnlicher, als Saddam so schnell wie möglich loszuwerden. Die erstbeste Gelegenheit, ihn zum Tode zu verurteilen – der Prozess wegen eines angesichts des Lebenswerks Saddam Husseins eher unbedeutenden Massakers – wurde genutzt, um Vollzug zu melden. Weitere Enthüllungen über die westliche Unterstützung, die ihm jahrelang zur Durchführung weitaus größerer Verbrechen – wie etwa den Einsatz von Giftgas gegen die Kurden in Halajaba im Jahr 1988 – zuteil wurde, konnten so verhindert werden. Nur wenige Tage nach Verkündung des Todesurteils hätte ein weiterer Prozess wegen weitaus größerer Verbrechen beginnen sollen. Doch die westlichen Besatzer hatten genug gesehen und gehört, das Urteil wurde vollstreckt, bevor der weitere Prozess überhaupt angelaufen war. [1]


Das schnelle Ende dieses offensichtlichen Schauprozesses stellte die westliche Koalition, die einst auszog, um u. a. die Geltung der Menschenrechte im Irak wieder herzustellen, jedoch vor einige Schwierigkeiten. Sowohl die irakische als auch die US-amerikanische und britische Regierung wurden von Menschenrechtlern beschuldigt, Siegerjustiz mit irakischem Personal betrieben zu haben. In den Hauptstädten des Westens reagierte man auf die Exekution überaus defensiv. Sogar der Todesstrafe-Verfechter George W. Bush, dessen Regierung den irakischen Diktator einstmals mit Hitler und Stalin verglich, enthielt sich jeden Kommentars, weil er, so hieß es, zum Zeitpunkt der Hinrichtung geschlafen habe. Man fühlt sich an Fußballtrainer erinnert, die eine umstrittene Spielsituation nicht kommentieren mit dem Hinweis, sie hätten sie „nicht genau sehen können“. Auch Vertreter der Bundesregierung sowie der britischen Regierung zeigten sich „not amused“ angesichts des Vollzugs der Todesstrafe.

„Es ist bezeichnend für unsere bilderversessene Kultur, dass sich Kritiker sehr viel weniger über die Hinrichtung als über die Verbreitung von Hinrichtungsfotos echauffierten.“


Kurz darauf erschienen im Internet die ersten Fotos und Filmsequenzen von Saddams Hinrichtung, auf denen Scharfrichter den Todgeweihten demütigten und Loblieder auf den radikalen schiitischen Prediger Muktada al-Sadr sangen. Ein internationaler Proteststurm brach los. Dabei ist es doch eigentlich alles andere als ungewöhnlich, dass gestürzte Führer im Moment ihrer Hinrichtung mit Spott, Häme und Hasstiraden überschüttet werden. Ich erinnere mich an historische Filmaufnahmen eines Staatsstreichs, in dem vor fast 50 Jahren ein afrikanischer Präsident mit Unterstützung der CIA zunächst abgesetzt und öffentlich gedemütigt wurde, bevor er verschleppt und ohne Prozess erschossen wurde. Dass die Fotos der Hinrichtung von Saddam Hussein nunmehr eine solche öffentliche Erregung erzeugten, sagt einiges aus über die aktuelle Situation im Irak sowie über das angeschlagene Nervenkostüm westlicher Politiker.


Die Kritik von Menschenrechtlern, die die Hinrichtung Saddams als Ausdruck westlicher Kolonialherrschaft deuteten, geht jedoch fehl. Die alten Kolonialmächte waren wesentlich besser organisiert, wenn es darum ging, sich missliebiger politischer Führer zu entledigen und die Lage unter Kontrolle zu halten. Die Fotos vom 30. Dezember offenbaren hingegen, wie sehr die Entwicklungen im Irak bereits der Kontrolle der westlichen Invasoren entglitten sind. Der Irak ist ein Phantomstaat ohne jede zentrale Autorität, dessen handverlesene Henker sich während der Hinrichtung Saddams als sektiererische Radikale entpuppten und dabei von Regierungsoffiziellen fotografiert und gefilmt wurden. Diese peinlichen Ereignisse bestätigen, dass die westliche Koalition offenbar nicht über die „grüne Zone“ in Bagdad, in der sich das US-amerikanische Militär verschanzt hat, hinausreicht. Auch Bushs Ankündigung, das Zweistromland nunmehr mit Tausenden Soldaten „befrieden zu wollen“, wird an dieser Situation nichts ändern. Bush wird den irakischen Bürgerkrieg nicht gewinnen können. Auch der irakische Premierminister Nuri al-Maliki scheint den Glauben daran, etwas ausrichten zu können, verloren zu haben; lieber heute als morgen würde er sein Amt aufgeben. [2] Mehr als 100 Jahre lang war es Briten und Amerikanern gelungen, große Teile der Welt über lokale Herrscher – gemäß dem amerikanischen Sprichwort: „Zwar ist er ein Bastard, doch er ist unser Bastard“ – zu kontrollieren. Heute fällt es ihnen zunehmend schwer, verlässliche „Bastarde“ zu finden.


Es ist bezeichnend für unsere bilderversessene Kultur, dass sich Kritiker sehr viel weniger über die Hinrichtung selbst als vielmehr darüber echauffierten, dass die Ereignisse gefilmt und die Bilder in Umlauf kamen. Diese Obsession mit der öffentlichen Wahrnehmung und Darstellung der Geschehnisse hat den gesamten Irakkrieg geprägt. Von Beginn an war man darum bemüht, das Fehlen eindeutiger Kriegsgründe und -ziele durch gezielte PR-Strategien zu kompensieren und in einen medialen Sieg umzumünzen. Offensichtlich sorgt man sich nun darum, dass diese Strategien durch verwackelte Fotos der Exekution Saddams beeinträchtigt werden. Die Fotos zeigen, dass der Irakkrieg keineswegs die geplant-effiziente militärische Operation war, als welche er immer dargestellt werden sollte. Anders als Reality-TV spiegeln sie die Wirklichkeit eines Landes wider, dass durch die Intervention des Westens ins Chaos gestürzt wurde. Anders als die Folterfotos aus Abu Ghraib waren diese Aufnahmen nicht gestellt. Die ihren Hass auslebenden Henker Saddams waren sich der Tatsache nicht bewusst, dass sie gefilmt wurden: Ihr Hass war echt und demonstriert, wie weit die Kriegsrealität von der gesäuberten, geschönten und mit positiven Missionen behängten westlichen Politikdarstellung entfernt ist. Das Nicht-hinsehen-Wollen westlicher Führer und die Empörung über die Hinrichtungsfotos legen die Vermutung nahe, dass unsere Entscheidungsträger mittlerweile so weltfremdsind, dass ihnen derartige Schnappschüsse aus der Wirklichkeit Angst einjagen.