01.07.2004

Mit „Hexentipps“ das ohnmächtige Ich aufpeppen

Interview mit Novo-Redaktion

Matthias Pöhlmann über Esoterik, Hexen und Sehnsuchtsreligiosität.

NovoArgumente: Die esoterische Spiritualität hat in den letzten Jahren Zulauf. Können Sie diesen Trend anhand konkreter Zahlen belegen?

Matthias Pöhlmann: In der Tat scheint das Interesse an den diversen Angeboten aus der Esoterik-Szene ungebrochen zu sein. Nach aktuellen Schätzungen beläuft sich der Gesamtumsatz im Bereich der Esoterik auf neun bis zehn Milliarden Euro allein in Deutschland. Für Großbritannien dürften die Zahlen noch wesentlich höher ausfallen. Insgesamt erweist sich die Esoterik-Szene als sehr marktförmig: Für scheinbar jedes Bedürfnis gibt es entsprechende Mittel und Wege. Meist geht es um angeblich „höhere Erkenntnisse“, um Heilungsangebote sowie um magische Methoden und Techniken, um innere Ressourcen des Menschen zu erschließen. Dabei werden angeblich verschüttete Quellen neu entdeckt: die Welt der Schamanen, der Hexen und der Kelten. Teilweise sind esoterische Themen so selbstverständlich geworden, dass sich mancher gar nicht mehr darüber aufregt.

Worauf führen Sie diesen Trend zurück?

Ich betrachte die moderne Esoterik als Sehnsuchtsreligiosität. Gefragt sind in der Esoterik stark individualisierte Formen von Religiosität, die fernab von den Kirchen gesucht und gepflegt werden. Als Protest gegen eine rein rationalistische Weltsicht kommt es jetzt zur Renaissance okkulter und magischer Praktiken. Mit magischen „Hexentipps“ wird das verwundete und ohnmächtige Ich aufgepeppt. Leider gibt es innerhalb der Esoterik-Szene eine ausgeprägte Leichtgläubigkeit: So ist mancher schnell bereit, nahezu alles zu glauben. Und einige sind darüber hinaus sogar bereit, viel Zeit, Kraft und finanzielles Engagement aufzuwenden.

Im Zusammenhang mit Esoterik und Okkultismus werden auch „freie Schulen“ genannt, die sich als Alternative zum herkömmlichen Schulbetrieb darstellen. Betrachten Sie diese Abwendung vom klassischen Bildungsweg als Problem?

Wichtig erscheint mir, den so genannten Esoterik-Markt von älteren systemesoterischen Entwürfen wie Theosophie und Anthroposophie zu unterscheiden, die sich bewusst von diesem „Markt“ abgrenzen. Die Waldorfschulen sind weltanschaulich gebundene Schulen und ihr pädagogisches Konzept ist von anthroposophischem Geist durchdrungen. Aus Sicht mancher Eltern sind diese oft die einzige Alternative zum herkömmlichen Schulsystem. Durch unsere Verfassung ist die Religions- und Weltanschauungsfreiheit garantiert, ebenso die Möglichkeit weltanschauliche Schulen mit bestimmten Auflagen zu gründen.

Auf einer Tagung zum Thema Okkultismus in Hamburg sind kürzlich die Waldorf-Schulen ins Gerede gekommen. Ein Religionswissenschaftler sprach von einem „ideologisch gefütterten Unterricht“ und davon, dass sich Schulen, die dem 1925 verstorbenen Anthroposophen Rudolf Steiner nahe stehen, nicht genügend von dessen „rassistischen Aufsätzen“ distanzierten. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass – anders als in den Niederlanden – eine kritische Auseinandersetzung mit Steiners Ansätzen in Deutschland nicht stattfand?

Die 1996 von anthroposophischer Seite eingesetzte Kommission zur Untersuchung des Verhältnisses von Anthroposophie und Rassenfrage hat ja rund 150 Steiner-Aussagen untersucht, die sich mit Menschen-„Rassen“, „Negern“, „Indianern“ usw. befassen. Dabei wurden 50 Zitate als erklärungsbedürftig und 12 weitere nach heutigen gesetzlichen Maßstäben als diskriminierend eingestuft. Für den deutschen Sprachraum kann man beobachten, dass sich im Blick auf die Edition von Steiner-Werken ein vorsichtiger, eher stiller Wandlungsprozess vollzieht. Dabei wird Steiner als „Offenbarer“ auch zeitgeschichtlich eingebunden und indirekt „relativiert“. Kritiker bemängeln jedoch, dass die anthroposophischen Editoren die übrige Forschung nicht berücksichtigen, geschweige denn zur Kommentierung einbeziehen würden.

„Eltern sollten sich auch kritisch mit dem anthroposophischen Menschen- und Weltbild befassen, um anschließend bewusster eine Entscheidung treffen zu können, ob sie ihr Kind auf die Waldorf-Schule schicken wollen oder nicht.“

Ein Sprecher der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft der Rudolf-Steiner-Schulen wurde zitiert, die „Rassismus-Vorwürfe“ gegen Steiner würden unter Berücksichtigung seines Gesamtwerks nicht tragen. Wie sehen Sie das?

Rudolf Steiner hatte angeblich Zugang zu einer übersinnlichen Welt. Aber er war ein Kind seiner Zeit – mehr, als das seine Anhänger wahrhaben wollen. Er übernahm in seinen Vorträgen und Veröffentlichungen gängige antijudaistische Überzeugungen seiner Zeit. Trotz der ihm von anthroposophischer Seite zugeschriebenen übersinnlichen Erkenntnis höherer Welten muss sein Werk historisch-kritisch betrachtet werden, um es auch einordnen und bewerten zu können. Das ist meiner Einschätzung nach bislang nicht bzw. zu wenig geschehen.

Die Anthroposophie ist verbreiteter, als man denkt. In Natur- und Umweltgruppen und selbst im Umfeld von grün geführten Bundesministerien und in der Medienbranche trifft man nicht selten auf Anhänger Steiners. Meinen Sie, der Informationsstand der Bevölkerung über dessen „Weltbild“ ist ausreichend?

Die Anthroposophie begegnet den Menschen vor allem über ihre Medizin, die Waldorf-Pädagogik, ihre Architektur und über einschlägige Produkte (z.B. Demeter). Dieses vielfältige Angebot, der „ganzheitliche Ansatz“ macht sie in der Öffentlichkeit sympathisch. Die weltanschaulichen Hintergründe sind den wenigsten bekannt. Ich denke, gerade Eltern sollten sich auch kritisch mit dem Ansatz und dem anthroposophischen Menschen- und Weltbild befassen, um anschließend bewusster eine Entscheidung treffen zu können, ob sie ihr Kind auf die Waldorf-Schule schicken wollen oder nicht.

Vielen Dank für das Gespräch.