01.03.2007

Meinungsfreiheit? LOL!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Kommentar von Jürgen Wimmer

Jürgen Wimmer über (sinn-)freie Rede im Cyberspace

Ganz früher, in grauer Prä-Internet-Steinzeit, war es für den Normalbürger gar nicht so leicht, seine Meinung kundzutun. Wer sich von einem Zeitungsartikel die Frühstückslaune vergällt sah, hatte schwer zu arbeiten, um den Autor das wissen zu lassen: Er musste ein Blatt Papier in die Schreibmaschine spannen, seinen Wutschwall halbwegs leserlich tippen, ein passendes Couvert mit Briefmarke dazu heraus kramen, die Adresse aus dem Impressum auf Seite 76 unten suchen und schließlich zum Briefkasten marschieren. Ziemlich lästig.


Mit dem Internet jedoch ist für jeden Berufspöbler das goldene Zeitalter der missverstandenen Meinungsfreiheit angebrochen. Es bedarf nur weniger Mausklicks, schon ist die passende Botschaft auf dem Weg. Und die sieht dann ungefähr so aus: „du vollspasst hast doch garkeine anung wenn die seite bis morgen nich weg is werd ich das hacken muahahaha lol rofl!!!!!“


Jeder, der einmal ein halbwegs gut besuchtes Internetforum geleitet hat, kann eine ganze Oper davon singen. Beinahe rund um die Uhr, vor allem aber, sobald die Schule aus ist, blüht dort Meinungsäußerung im Stil des 21. Jahrhunderts: Es wird beleidigt und gegeifert, bis die Tastatur qualmt. Der Moderator hat darob zwei Möglichkeiten: Entweder, er erklärt die Betreuung des Forums zum Vollzeitjob und kümmert sich minütlich um die Löschung der üblichen Hass-, Spam-, Porno- und Nazi-Beiträge; oder er macht den Laden weitgehend dicht und lässt nur noch angemeldete Kundschaft herein. Haufenweise finden sich im Netz Hinweise wie dieser (auf einer Seite für Amateur-Literaten): „Aufgrund des extremen Missbrauchs der Kommentarfunktion sind wir leider gezwungen, die Kommentare ab sofort redaktionell zu überprüfen.“


Für ganze Armeen von Kindsköpfen ist virtueller Vandalismus inzwischen zu einer Art Hobby geworden. Jeder Spaßvogel kann zum Beispiel binnen Sekunden einen Artikel des Online-Lexikons Wikipedia verwüsten. Recht beliebt ist es, irgendwelchen Prominenten ein frei erfundenes, vorzugsweise abweichendes Sexualverhalten anzudichten. Auch die endlosen Wortgefechte auf den Diskussionsseiten können ziemlich anstrengend sein, wenn dogmatische Eiferer meinen, zu komplexen Sachverhalten ihr unqualifiziertes Gefasel ablaichen zu müssen.


Denn mit dem Internet ist für Weltverbesserer, Sendungsbewusste, Apostel, Paranoide und Fanatiker jeglicher Couleur der feuchteste aller Träume in Erfüllung gegangen. Typen, denen im wahren Leben schon lange niemand mehr zuhört, die in jeder Kneipe Hausverbot haben, wegen denen man sich eine geheime Telefonnummer zulegt – sie alle können nun einen Mr. Smith aus Anchorage, Alaska, unmissverständlich wissen lassen, dass er ein Spacko ist. Wenn der Forumsmoderator solche Beiträge löscht, beginnt das übliche Gegreine über Zensur und Nazi-Methoden.


Aber egal. Man kann zum Beispiel immer noch bei Amazon reinschauen und schnell ein paar Bücher oder DVDs bewerten, oder, besser noch: Bewertungen bewerten. Dabei gibt es nur einen Maßstab: Was der eigenen Meinung entspricht, ist „hilfreich“, alles andere nicht, unabhängig vom Informationsgehalt. Als Benotung kommen sowieso nur die Extreme in Betracht. Zwischen den Polen „genial“ und „grottig“ existiert wenig, und da wird auch gleich noch mit Superlativen geklotzt, als gäbe es kein morgen mehr. Ein Film ist nicht einfach nur „gut“ oder „schlecht“: Allein die zusammenhängende Zeichenfolge „best movie ever“ erbrachte im Januar 2007 bei Google schlappe 650.000 Treffer, ganz so, als sei mit einem fein abgestuften Lob oder Tadel keine Aufmerksamkeit zu erringen. Doch der Superlativ ist ein Instrument des Niederbrüllens, nicht des Überzeugens, und ironischerweise schwächt er eher ab, als dass er verstärkt.

Wäre das Internet identisch mit dem wahren Leben, so hätten sich Gebrüll und Gekeife längst als normaler Umgangston durchgesetzt.


Nun ist diese Beobachtung nicht neu. Victor Klemperer nennt in seiner 1946 verfassten Sprachanalyse LTI (Lingua Tertii Imperii) ein Kapitel „Der Fluch des Superlativs“. Darin schreibt er: „Denn überall führt anhaltendes Übertreiben zwangsläufig zu immer weiterem Verstärken des Übertreibens, und die Abstumpfung und Skepsis und die schließliche Ungläubigkeit können nicht ausbleiben.“[1]


Wäre das Internet identisch mit dem wahren Leben, so hätten sich Gebrüll und Gekeife längst als normaler Umgangston durchgesetzt. Enthält aber das Recht auf freie Meinung nicht automatisch die Pflicht, diese Meinung anständig und höflich zu sagen? Für die meisten offenbar nicht. Die amerikanische Seite rottentomatoes.com bietet seit vielen Jahren einen sehr informativen Kino-Pressespiegel. Seit kurzem können die dort verlinkten Rezensionen und ihre Autoren kommentiert werden. Davon wird auch reichlich, aber fast ausschließlich sinnlos Gebrauch gemacht: „Get yourself a job“ oder schlicht „idiot!“ oder, in letzter Konsequenz „this person needs to die!“ Wer es gewagt hat, irgendeinen Film gegen den Publikumsgeschmack zu bewerten, wird mit E-Mails bombardiert, und in ihnen wird die Anzahl der Rechtschreibfehler nur noch von jener der Beleidigungen übertroffen. Darüber ließe sich schmunzeln, doch manch ein Chefredakteur lässt sich davon langfristig beeinflussen und trimmt seine Autoren auf Schmusekurs. Schließlich ist auch der unverschämteste Pöbler ein treuer Leser, der nicht verunsichert werden darf. Spätestens da friert die Meinungsfreiheit zum Meinungsterror aus.


Andererseits, das Web hat auch seine Vorteile: Damals, in grauer Prä-Internet-Steinzeit, hätte man solche Hassbriefe erst öffnen, auseinanderfalten, in den Papierkorb werfen und zum Altpapiercontainer tragen müssen. Heute reichen auch da zwei Mausklicks: 1) „Alles löschen“ und 2) „Ja, ich bin sicher!“