01.09.2000

Mediengeilheit, Selbstvermarktung und Betroffenheitskitsch

Heribert Seifert über das medial inszenierte “antifaschistische” Flagge-Zeigen.

Nach dem “Deutschen Herbst” des Jahres 1977 jetzt also der “Deutsche Sommer” 2000: Auf die martialische Mobilisierung der Volksfahnder gegen die Terroristen der “Roten Armee Fraktion” folgt jetzt die gesamtgesellschaftliche Einübung in die große Konfession: Auch ich bin ein “Antifaschist”! Beherrschte damals der Typus des Bürgerkriegsstrategen das “Schlachtfeld” der öffentlichen Meinung, so liefern heute die Exhibitionisten der Gutmenschen-Moral die volkspädagogisch wertvollen Leitbilder. Ein unaufhaltsamer Fortschritt der “zivilen Gesellschaft” hat Helmut Schmidt und GSG-9-Chef Wegener durch Ulrich Wickert, Michel Friedmann und Heinz Rudolf Kunze ersetzt, um nur die allerpeinlichsten zu nennen.
Die Prominenz aus dem politisierenden Showgeschäft der Medien und der Künste tritt ohne Berührungsangst an die Seite durchtriebener Politprofis. Soignierte Salonschwätzer wie Peter Schneider drücken einer ganzen ZEIT-Seite ihre Sorgenfalte auf (“Das Überleben der Demokratie steht auf dem Spiel”), um mit solch ultimativen Krisenszenarien sich die vorderen Plätze in den einschlägigen Talkshows zu sichern. Sabine Christiansen möchte gern zur Streetfighterin mutieren und fordert in der Berliner Morgenpost jeden U-Bahnfahrer auf: “Wir müssen eingreifen. Machen Sie mit, mischen Sie sich ein!” Den “Rockmusiker Heinz Rudolf Kunze” treibt der Ausdrucksdrang in einen erheblichen Sprachunfall, als er das Marketing für seinen Politsong “Messerschnitt” so einleitet: “Ich will kein hohles Bekenntnis übers Knie brechen.” Und Claus Peymann, ganz depressiver Verwalter vergangenen Ruhmes, beugt sich beklommen über die “deutsche Seele, aus der das Unglück kommt”.

Mit einer Mischung aus Mediengeilheit, Selbstvermarktung, Betroffenheitskitsch und politischer Pietisterei steigert sich dieses Milieu in einen Erregungszustand hinein, der ihm jedes Gespür für den Gleichklang der eigenen Tiraden mit den wüsten Haudrauf-Parolen des politischen Exekutivpersonals nimmt. Plötzlich haben habituelle Weicheier keine Mühe mehr, mit den Ekstatikern der “Härte” und des “Kurzen Prozesses” gemeinsame Sache zu machen. Und die nutzen alle Chancen, sich in die Abendnachrichten zu bringen: Schnellgerichte müssen her, Straf- und Versammlungsrecht sollen verschärft werden, hart und ohne Verständnis für die Täter sollen die Richter urteilen. Das “Berufsverbot”, einst gegen Kommunisten gerichtet, wird jetzt im “Antifa”-Furor aus den Arsenalen der “wehrhaften Demokratie” gekramt.


”Pardon wird nicht gegeben!” schnarrt der Mainzer Ministerpräsident Kurt Beck und feiert so auf seine Weise das hundertjährige Jubiläum der berüchtigten “Hunnenrede” von Wilhelm II. Briefe mit rechtsextremen Inhalten möchte man von der Postbeförderung ausschließen. Das Internet, gerade noch als Hort einer neuen staatsfernen Bürgerfreiheit gelobt, wird von der BILD-Zeitung zum Abenteuerspielplatz elektronischer Blockwarte gemacht: “Mitmachen bei der großen Aktion von BILD und Telekom – hier zeigen Sie die Täter an!” dröhnt das Blatt, das so, ohne sich zu ändern, eine bemerkenswerte Karriere vom Hassblatt des linkshedonistischen Juste Milieu zum Zentralorgan der neuen zivilen Gesellschaft hinter sich brachte. Wo BILD die Standards setzt, da verdampfen auch in anderen Medien so altmodische Unterscheidungen wie die zwischen Verdächtigen, Angeklagten und Schuldigen bei der Identifikation der “richtigen” Urheber des Düsseldorfer Bombenanschlags.

Deutschland im Ruck-Zuck-Fieber der Ächtung, die eine feinsinnige FAZ-Feder zur notwendigen symbolpolitischen Vorbereitung härteren Handelns von Lehrern, Polizisten und Richtern erklärte, ist wahrhaftig kreativ: Nach Ansicht des BDI sollen Rechtsextremisten ihre Jobs verlieren. Warum nicht gleich auch ihren Ausschluss aus der Krankenversicherung fordern, ihnen den Kino- und Diskobesuch verbieten und zur dafür nötigen Kontrolle eine “Wesensprüfung” einführen, die bisher nur für Kampfhunde vorgesehen ist?
Schon hört man aus Thüringen, dass nicht nur eigenes Fehlverhalten sanktioniert wird, sondern auch das Unterlassen “antifaschistischen” Flagge-Zeigens: Das Radio meldet, ein Lehrer sei suspendiert worden, weil er auf einer Klassenfahrt nicht energisch genug gegen “rechtsextremistische Schüleräußerungen”, was immer das auch gewesen sein mag, eingegriffen habe.


Diese medial inszenierte Raserei stellt in ihrer Form mühelos die “Hetze gegen RAF-Sympathisanten” in den Schatten, die die mit dem Allwettertaft unbegrenzter Wendefähigkeit imprägnierten Politikdarsteller des rot-grünen Milieus vor 20 Jahren gegeißelt haben. Unerträglich ist sie aber nicht bloß wegen solcher Volten der leitenden Chargen. Schlimmer ist der Versuch, die viel zu oft beschworene “zivile Gesellschaft” mit der Rhetorik ihrer Gegner zu verteidigen. Die Empörung ohne Maß und Ziel verfehlt aber vor allem ihren Gegenstand. Von Enzensbergers Überlegungen zum kommenden “molekularen Bürgerkrieg”, für deren Richtigkeit Inka Bach in ihrem “Rheinsberger Tagebuch” gerade erschreckende Belege aufgezeichnet hat, ist sie Lichtjahre entfernt. Die Idee, der “Faschismus” sei vielleicht nur “Maskerade” für eine gnadenlose, ideologisch gleichwohl “leere Aggression”, die ihren Ursprung in untergründig wirkenden gesellschaftlichen Bewegungen hat, gilt als defätistisch.


Freilich: Wer denkt heute noch an die Kampfhund-Hysterie mit ihren Schnellschuss-Gesetzen, die der aktuellen Erregung vorausging? So kurz ist die Halbwertwertzeit der einschlägigen Empörungspolitik. Den Opfern der autistischen Jugendgewalt nutzt solcher Zynismus freilich ebenso wenig wie der morgen schon wieder vergessene faule Abwehrzauber des “antifaschistischen” Radaus.