09.04.2010

Ölmarktspekulanten: Ist das Thermometer schuld am schlechten Wetter?

Von Steffen Hentrich

Eine dieser Tage von der Grünen Bundestagsfraktion in Auftrag gegebene Studie macht Spekulanten als Ursache der steigenden Ölpreise und damit steigender Spritpreise aus.

Wie zu erwarten wird dieses Thema von der Presse dankbar aufgegriffen. Weniger die realen Faktoren von Angebot und Nachfrage bestimmten den Ölpreis, als vielmehr bloße Spekulation. Für die Grüne Bundestagsfraktion ist klar, dass den Spekulanten das Handwerk zu legen ist, wozu neben dem Wunsch nach mehr Transparenz und staatlichen Eingriffen auf den Terminmärkten auch eine Finanztransaktionssteuer aus der Mottenkiste der Regulierung gezogen wird.
Tatsächlich spielt die Erwartungsbildung eine große Rolle auf den Ölmärkten. Nachdem der Weltmarktpreis für Rohöl im Zuge der Wirtschaftskrise bis Ende 2008 auf unter 40 US$/Barrel gefallen war steht er inzwischen wieder bei 80 US$/Barrel, einem Wert, auf den er vor dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft zuletzt im Oktober 2007 gestiegen war. Damals war die die globale Wirtschaft noch vom wirtschaftlichen Aufschwung geprägt, heute sind die Wachstumserwartungen wieder optimistisch. Inzwischen rechnet der Internationale Währungsfond für das laufende Jahr mit einem Wachstum der globalen Güterproduktion von rund 3 Prozent. Ein Anstieg der Preise für Erdöl, der nach wie vor wichtigsten Primärenergiequelle des globalen Wirtschaftswachstums, ist daher nicht weiter verwunderlich. Zweifelsohne bilden die Ölmärkte für Spekulanten in dieser Situation ein interessantes Geschäftsfeld. Doch wie so oft ist diese Antwort zu einfach für die schwierige Frage nach den Ursachen für das Auf und Ab der Ölpreise.
Ein kurzer Blick in die jüngere Vergangenheit offenbart ein deutliches Wachstum der Ölnachfrage in den vergangenen Jahren. Zwischen 2003 und 2009 wuchs die Rohölnachfrage um acht Prozent. Dabei wurde die Zurückhaltung der Industrieländer beim Ölverbrauch von China, den ehemaligen Ostblockstaaten und dem Rest der sich mit großen Schritten entwickelnden Welt spürbar überkompensiert. Dem stehen zwar nach wie vor noch nicht endgültig zu quantifizierende Ölreserven für den Rest des Jahrhunderts gegenüber. Auch die Förderkapazitäten der Ölproduzenten stießen trotz umfangreicher Investitionen in die Suche nach neuen Quellen an ihre Grenzen. Die neu aufgekommene Goldgräberstimmung unter den Ölproduzenten und die weltweite, vom Wachstum getriebene Nachfrage nach Maschinen und Ausrüstungsgütern hatte während des vergangenen Wirtschaftsaufschwungs auch die Ölproduktion zu einem teuren Unterfangen gemacht. Weltweit klagten Erdölproduzenten über steigende Förder- und Explorationskosten sowie einen um sich greifenden Fachkräftemangel.  Zwar hat sich im Zuge der Wirtschaftskrise die Situation für die Ölproduzenten etwas entspannt, doch der sich abzeichnende Wirtschaftsaufschwung signalisiert, dass der globale Öldurst in Relation zu den kostengünstig verfügbaren Ölreserven nicht abnehmen dürfte. So konstatiert auch die von den Grünen in Auftrag gegebene Studie, dass neue Ölprojekte erst bei deutlich höheren Preisen als in früheren Jahren rentabel werden. Unter diesen Bedingungen führen auch kleine Veränderungen von Angebot und Nachfrage zu großen Preisausschlägen, auch dann wenn sie nur in den Prognosen der Marktteilnehmer stattfinden. Schließlich muss sich ein Ölanbieter genau überlegen, ob er sein Öl zum heutigen Preis auf den Markt wirft und die Zinsen für den Gewinn einstreicht oder ob er in Erwartung auf eine höhere Nachfrage auf eine Verzinsung in Form höherer Preise und Erlöse in der Zukunft hofft. So wird es nicht weiter verwundern, wenn angesichts rosiger Wachstumsaussichten in Fernost so manches Barrel Öl im Boden auch bei den derzeitigen Preisen mehr wert ist als an der Rohstoffbörse. Und solange die Kosten für die Erschließung neuer Ölquellen nicht sinken wird sich daran auch nicht viel ändern.
Wenn neben dem aktuellen Marktgeschehen Erwartungen so wichtig für die Ölpreise sind, ist es dann nicht einleuchtend den Spekulanten die Schuld für die Ölpreismisere in die Schuhe zu schieben? Ja und Nein, lautet die Antwort:
Nein, wenn man behauptet, Spekulanten trieben mit ihrer Nachfrage einen Keil zwischen das aktuelle Angebot und die aktuelle Nachfrage, so dass der wahre Ölpreis viel niedriger liegen müsste. Reine Terminspekulationen beeinflussen die laufenden Preise in aller Regel nicht direkt, weil die von den Händlern vereinbarten Öllieferungen erst zum vereinbarten Liefertermin in der Zukunft gekauft werden. Für dieses Geschäft wird ein Teil der zukünftigen Ölförderung abgezweigt und dem Markt wieder zurück gegeben. Terminspekulanten beeinflussen zwar den Terminkurs, jedoch nicht den aktuellen Marktpreis (Kassakurs), der für physische Lieferungen bezahlt wird. Vom bloßen Handelsvolumen auf den Terminmärkten lässt sich daher keineswegs auf den Einfluss der Spekulanten auf den aktuellen Ölpreis schließen.
Ja, lautet die Antwort, wenn man etwas vorsichtiger argumentiert, dass Erwartungen über die zukünftige Marktentwicklung auch die Nachfrage und das Angebot in der Gegenwart bestimmen und Spekulanten hierauf Einfluss nehmen können. Ob damit jedoch ein Problem verbunden ist, kann man jedoch nur beurteilen, wenn man die Funktion von Terminmärkten allgemein und das Agieren von Spekulanten auf diesem Markt im Besonderen etwas näher betrachtet.
Ölnachfrager und –anbieter sichern sich mit Termingeschäften gegen Preisschwankungen ab. Nicht so sehr das Preisniveau, sondern unerwartete Preisbewegungen, an die man sich kurzfristig nur sehr schwer anpassen kann, sind ein Problem für die Rentabilität eines Unternehmens. Befürchtet etwa eine Fluggesellschaft im Frühjahr für den kommenden Sommer einen Preisanstieg, deckt sie sich mit Futures für eine Augustlieferung zu einem erwarteten Preis ein, um der befürchteten Kostensteigerung zu entgehen. Steigen die Preise tatsächlich, erhöhen sich die Kosten der Kraftstoffbeschaffung für die Fluggesellschaft, da sie jetzt teureres Kerosin auf dem Markt kaufen muss. Aber sie kann diese Verluste mit den Verkaufserlösen aus den ebenfalls teurer gewordenen August-Futures ausgleichen. Im Prinzip wirkt dieses Geschäft, als würde der Verkäufer das Kerosin zu dem verhandelten günstigeren Preis an die Fluggesellschaft liefern, die wiederum diese Menge zum aktuellen Marktpreis wieder verkauft. Für diese Absicherung gibt die Fluggesellschaft den Gewinn aus wider erwarten niedrigeren Beschaffungspreise auf, da mit billigerem Kraftstoff im Sommer auch die Futures ihren Wert verlieren. Dagegen kann eine Ölgesellschaft versuchen sich gegen einen Ölpreissturz zu versichern, indem sie Lieferkontrakte zum erwarteten Preis verkauft. Liegt der tatsächliche Preis dann doch höher als erwartet, profitiert die Ölgesellschaft zwar von diesem Preisanstieg, muss aber entweder ihr Öl zum verbrieften Preis an den Käufer des Futures liefern oder den Kontrakt wieder zu seinem inzwischen gestiegenen Preis zurück kaufen. Damit hat sie sich zwar gegen den gefürchteten Preissturz abgesichert, weil sie für das Öl jetzt auf jeden Fall den vereinbarten Preis bekommt. Allerdings bedeutet das den Verzicht auf den zusätzlichen Erlös, sollte der Ölpreis doch steigen.
Doch was ist mit den Heerscharen von institutionellen Spekulanten, die nicht im Geringsten an tatsächlichen Öllieferungen interessiert sind, sondern lediglich von Preisänderungen zwischen An- und Verkäufen profitieren? Sie erhöhen ganz einfach die Anzahl der Marktakteure und stellen damit sicher, dass so viele Nachfrager wie möglich einen geeigneten Anbieter für das gewünschte Absicherungsgeschäft finden. Mit anderen Worten, sie versorgen den Markt mit Liquidität. Und sie übernehmen Risiken. Da keineswegs eine Garantie besteht, dass jeder Ölnachfrager einen Anbieter für sein Sicherungsgeschäft findet, würde ein Nachfrageüberhang zu einer Verteuerung der Future-Kontrakte führen. Hier springen die professionellen Spekulanten ein und beliefern die Nachfrager, so dass der Preis für die Futures wieder sinkt. Andere wollen gekaufte Futures wieder verkaufen, um beispielsweise eine vorab vereinbarte, aber nicht mehr benötigte oder lohnenswerte physische Lieferung zu vermeiden. Institutionelle Anleger können diese Kontrakte auf eigenes Risiko übernehmen, um sie wiederum weiter zu verkaufen. Sie fungieren auf diese Weise gewissermaßen als Handelsmittler. Weil sie aufgrund ihrer Expertise im Termingeschäft überzeugt sind, den Markt besser als die jeweils andere Marktseite zu kennen, scheuen sie sich nicht vor der Übernahme der damit verbundenen Risiken. Gehen Spekulanten beispielsweise von einer Erhöhung der zukünftigen Nachfrage oder Reduzierung des Angebots aus, antizipieren sie also steigende Preise, fragen sie mehr Futures nach, was deren Preis erhöht.
Dementsprechend passen auch die anderen Marktteilnehmer ihr Verhalten an, so dass diese Informationen reale Wirkungen für Preise und Mengen auf den Rohölmärkten entfalten. So beeinflusst der Handel an den Terminmärkten die Ölproduzenten, wenn diese ihre aktuelle Fördermenge zugunsten des zukünftigen Absatzes reduzieren. Oder sogenannte Lager- Spekulanten kaufen Öl für zukünftige Lieferungen bereits heute und nehmen für dessen Lagerung physische Lagerkapazitäten in Anspruch. Tatsächlich wurden in vergangenen Jahr die gewerblichen Öllager deutlich aufgestockt und voll beladene Öltanker warten auf den Ozeanen, um ihre Ladung bei steigenden Preisen loszuwerden. Diese nützlichen Spekulanten glätten die Preise, weil sie billig kaufen und teuer verkaufen. Ist der Preis niedrig wird gekauft, steigen die Preise wird das Lager gewinnbringend auf den Markt geworfen. Mit der Gewinnspanne der Spekulanten steigt die Stabilisierungswirkung ihrer Geschäfte. Auf diesem Weg schlagen sich Preiserwartungen unzähliger Marktakteure in den aktuellen Preisen nieder, was auch weniger informierten Käufern und Verkäufern eine rechtzeitige Anpassung an die erwartete Ölknappheit erlaubt. Ohne diese zusätzlichen Informationen würden überraschende Veränderungen der Marktsituation zu wesentlich höheren Preisschwankungen mit ihren unangenehmen Konsequenzen für die Marktteilnehmer führen. Spekulanten versorgen das Marktgeschehen in erster Linie mit Informationen, die dann die eigentlichen Rohstoffnachfrager und -anbieter zur Veränderung ihres Marktverhaltens bewegen.
Doch was ist, wenn alle Spekulanten falsch liegen? Was, wenn sie eine Verknappung des Öls aufgrund höherer Nachfrage oder eines sinkenden Angebots befürchten, am Markt aktiv werden und damit Angebots- und Nachfragesituationen herbeiführen, die so nicht nötig gewesen wären? Schließlich können sich die Preisschwankungen sogar noch vergrößern, wenn Spekulanten systematisch von falschen Erwartungen ausgehen. Doch Spekulanten müssen häufiger richtig als falsch mit ihren Prognosen liegen, sonst könnten sie sich aufgrund der hohen Verluste nicht dauerhaft am Markt halten. In sofern ist es extrem unwahrscheinlich, dass sie wie immer wieder behauptet langfristig und systematisch aufs falsche Pferd setzen. Anders als die argwöhnische Öffentlichkeit und die bereitwillig in deren Klagelied einstimmenden Politiker muss der Spekulant seine Fehler in barer Münze bezahlen und ist gezwungen sein Geschäft aufzugeben, wenn er nur oft genug daneben gelegen hat. Wer hartnäckig behauptet, eine Konspiration von Spekulanten würde die Preise andauernd in astronomischen Höhen halten, bleibt letztlich die Antwort auf die Frage schuldig, aus welchem Grund die zu jedem Spekulationsgeschäft gehörenden Käufer sich dauerhaft an der Nase herumführen lassen sollten. Wenn jedoch alle Marktteilnehmer vermeintlich naive Zukunftsvorstellungen haben, dann gibt es keinen Grund allein den Spekulanten die Schuld an unrealistisch hohen Preisen zuzuschieben.
Steigende Ölpreise können zweifellos wehtun. Wer sieht sich schon gern mit höheren Beschaffungskosten konfrontiert oder gibt lieb gewonnene Konsumgewohnheiten auf? Für weniger wohlhabende Menschen wird es bei steigenden Kosten für Heizung und Warmwasser gar schwierig den ohnehin schon bescheidenen Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Doch sollten diese Probleme uns nicht den Blick auf eine andere Perspektive hoher Energiepreise versperren. Sie sind ein Zeichen für Wohlstand, für die Tatsache, das weltweit viele Menschen in der Lage sind Öl für die Befriedigung ihrer und letztlich auch unserer Bedürfnisse zu verwenden und deshalb auch bereit sind hohe Preise zu zahlen. Wer denkt schon daran, dass Öl in so ziemlich jedem Produkt steckt, das wir dankbar aus China importieren. Insofern tragen auch deutsche Konsumenten zum Ölhunger in Fernost bei. Wenn Spekulanten dafür sorgen, dass die Informationen über diese Zusammenhänge in Form steigender Ölpreise bei uns rechtzeitig ankommen und uns Zeit zur Vorsorge lassen, dann macht es wenig Sinn sie als Überbringer schlechter Nachrichten zu richten. Schließlich ärgern wir uns ja auch nicht über das Thermometer, wenn das Wetter draußen zu kalt ist. Nein, wir ziehen uns wärmer an. Statt also mit Staatseingriffen gegen die Marktsignale vorgehen zu wollen, sollten sich die Grünen über die Konsequenzen steigender Spritpreise. Weniger Autoverkehr bedeutet weniger Kohlendioxidemissionen. Oder ist Klimaschutz immer nur gut, wenn er vom Staat verordnet wird. Im übrigen entsprechen die in der Studie mit zweifelhafter Methodik berechneten Mehrkosten von 139 Euro pro Auto etwa dem, was jeder Bundesbürger dem von den Grünen so hochgelobten EEG als Mehrkosten für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energieträgern zu verdanken hat. Anders als hohe Spritpreise nutzt das EEG dem Klima jedoch nicht.