01.05.1999

Leukämie durch Kernkraftwerke

Kommentar von Karl Aurand

Sabine Beppler sprach mit dem Strahlenschutzexperten Prof. Dr. Karl Aurand über die Häufung von Leukämiefällen in der Nähe des Kernkraftwerkes Krümmel.

Der “Fall Krümmel” beschäftigt seit sieben Jahren die Öffentlichkeit. Für die Gemeinde der Kernkraftgegner liefert das gehäufte Auftreten von Leukämie eines der wichtigsten und beliebtesten Argumente. So schreibt zum Beispiel die IPPNW: “Diese extreme kindliche Leukämiehäufung ist nicht irgendwo, sondern in der nächsten Umgebung eines großen Atomkraftwerkes aufgetreten. Ein Zufall ist für diese Leukämieserie praktisch ausgeschlossen” (IPPNW – Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.).

Prof. Aurand ist der Meinung, es lohne sich eigentlich gar nicht mehr, darüber zu sprechen. Er und viele seiner Kollegen haben schon so häufig dargestellt, daß diese Häufung nicht in Zusammenhang mit dem KKW Krümmel gebracht werden kann. Nichtsdestotrotz taucht Krümmel wieder und wieder in den Medien als Beleg für eine zwar noch immer nicht erklärte, aber scheinbar offensichtliche Gefährdung der Bevölkerung durch Kernkraftwerke auf.

Seit 1992 sucht eine von Schleswig-Holstein und Niedersachsen eingesetzte Expertenkommission erfolglos nach der Ursache dieser Häufung von Blutkrebserkrankungen.
Zuletzt ging die Bremer Physikerin Inge Schmitz-Feuerhake im November 1998 erneut an die Öffentlichkeit und verkündete, die Gemeinde Elbmarsch sei eindeutig mit Plutonium kontaminiert. Auch diese Behauptung wurde, wie alle bisherigen Thesen der Bremer Professorin, schnell widerlegt. Die von ihr im Staub auf einigen Dachböden der Gemeinde gemessenen Kontaminationen mit Americium, einem Zerfallsprodukt von Plutonium, können in gleicher Weise an beliebigen anderen Orten in der Bundesrepublik nachgewiesen werden. Plutonium-241 ist ein Bestandteil des Atomwaffenfallouts und hat eine Halbwertszeit von etwa 14 Jahren. Sein Zerfallsprodukt, das Americium (Am-241), ist daher in Folge von Atomwaffentests überall zu finden. Zudem wird es in Feuermeldern zur Rauchmessung eingesetzt und kann auch durch das Verglühen von Satelliten in der Atmosphäre in unsere Umwelt gelangen. Schon 1982 zeigte eine Studie der GSF (Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit Neuherberg), daß Am-241 in der Leber von Menschen gespeichert ist.

Daß sich Frau Schmitz-Feuerhake mit so offensichtlich unhaltbaren Behauptungen direkt an die Medien wendet, zeigt, daß es ihr vor allem darum geht, Meinung zu machen. Gehen solche Behauptungen von “Plutoniumverseuchung” erst einmal durch die Presse, reichen sachliche Richtigstellungen im Wissenschaftsteil nicht mehr aus, um den Verunsicherungseffekt in der Bevölkerung wieder wettzumachen. Was in der allgemeinen Öffentlichkeit hängen bleibt, ist die alte, oft wiederholte Botschaft “Doch Krebs durch Kernkraftwerke!”

Die Leukämiekommission konnte, obwohl bereits mehr als acht Millionen Mark für zehn Gutachten ausgegeben wurden, bis heute nichts nachweisen.

Die Leukämiekommission konnte, obwohl bereits mehr als acht Millionen Mark für zehn Gutachten ausgegeben wurden, bis heute nichts nachweisen. Die Kernthese von dem durch einen angeblich vertuschten Störfall Mitte der 80er Jahre verursachten Leukämieanstieg ist nicht plausibel. Erstens wurde vom Darmstädter Öko-Institut, das nicht den Ruf hat, zur “Atomlobby” zu zählen, in einer Studie nachgewiesen, daß keine erhöhte Strahlung aufgetreten ist. Prof. Aurand ist unklar, was es nach diesem Ergebnis überhaupt noch zu forschen gibt: “Wo es keine radioaktiven Emissionen gab, kann auch keine strahlenbedingte Krankheit auftreten.”

Zweitens zählt die Fallstudie, die von insgesamt elf Fällen von Leukämie in der Zeit von 1990 bis 1998 ausgeht, die genetisch bedingte aplastische Anämie mit, die weder eine Krebserkrankung ist, noch durch Strahlung verursacht werden kann. Zudem überwiegen in der Studie Fälle lymphatischer Leukämie, die weder nach den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki noch nach dem Unfall in Tschernobyl beobachtet wurde. Die Indikator-Leukämie für radioaktive Strahlung, die akute myeloische Leukämie (AML), ist im 5-km-Bereich um das KKW Krümmel dagegen nicht vermehrt aufgetreten.

Die eigentlich wichtige Frage, wie es zu Häufungen kindlicher Leukämie kommt, kann mit den Studien ohnehin nicht beantwortet werden. Um dies herauszufinden, muß man möglichst viele Orte betrachten, wo solche Häufungen auftauchen, und nach Gemeinsamkeiten suchen. Dies geschah in einer internationalen Studie, bei der 13.551 kindliche Leukämien aus 17 Ländern erfaßt wurden. Dabei wurden Leukämie-Cluster (Häufungen) untersucht und mit Kontrollgebieten gleicher Bevölkerungsdichte auf Umweltfaktoren und demographische Fakten verglichen. Es zeigte sich, daß unter 240 Leukämie-Clustern nur vier in der Umgebung von Nuklearanlagen waren. Typisch für Cluster waren Wohngebiete, in denen zu isoliert lebenden Bewohnern neue Mitbewohner aus anderen Wohngebieten hinzugezogen waren. Dies weist darauf hin, daß bei der Leukämie im Kindesalters Infektionen als auslösende Risikofaktoren denkbar sind. Als Ursache wird eine abnormale Immunantwort auf eine Virusinfektion angenommen. Auf eine Verursachung durch Strahlung oder Umweltgifte weist in der internationalen Studie nichts hin.

“Ziel der Studien zu Krümmel war von Anfang an, das Kernkraftwerk für die Leukämie verantwortlich zu machen.”

Ziel der Studien zu Krümmel war von Anfang an, das Kernkraftwerk für die Leukämie verantwortlich zu machen. Es ist bezeichnend, daß die schleswig-holsteinische Landesregierung ihre Kommission mit der bemerkenswerten Formulierung berief, sie solle die Verursachung der Leukämien durch ionisierende Strahlung nachweisen.
Nachdem dies trotz immer neuer Anläufe nicht gelang, wurde es nach der Plutonium-Behauptung selbst den Auftraggebern zuviel. Die Arbeit von Schmitz-Feuerhake entspreche nicht den Anforderungen, die eine Aufsichtsbehörde an gutachterliche Stellungnahmen haben müsse, sagte Energieminister Claus Möller (SPD), und kündigte im Februar diesen Jahres die Zusammenarbeit mit der Professorin auf.