01.03.2003

“Lasst sie das später beim Bierchen regeln”

Interview mit Christoph Bausenwein

Für Christoph Bausenwein gibt es keinen Grund den Fußball zu verregeln, denn: Dier Brutalität auf dem Platz nimmt seit Jahrzehnten ab.

Stefan Chatrath: Rudelbildung, Ellbogenchecks und überhartes Spiel. Haben Aggression und Brutalität im Fußball zugenommen?

Christoph Bausenwein: Die heutige Gewaltdiskussion ist vollkommen überdramatisiert. Im 19. Jahrhundert stürzte sich in England die halbe Mannschaft auf den gegnerischen Torwart, sobald dieser den Ball unter sich begrub, und versuchte, den Ball zu erobern. Die Brutalität im Spiel war zu dieser Zeit Teil dieser Angriffstaktik. Man kann also nicht behaupten, dass die Brutalität im Fußball zugenommen hat. Im Gegenteil: Sie hat im Laufe der Zeit Stück für Stück abgenommen.

Nein. Wenn man alte Spielberichte liest – nicht nur aus dem 19.Jahrhundert, sondern auch aus der Oberliga- oder der Anfangszeit der Bundesliga –, dann kommt man zu einer gegenteiligen Auffassung. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Ellbogenchecks: Dass Spieler auf dem Platz den Ellbogen ausfahren, ist nichts Neues. Schiedsrichter haben früher solche Situationen weiterlaufen lassen, und in der Rückrunde hat man dann eben seinem Gegenspieler dessen unsportliches Verhalten zurückgezahlt.

Von einer Verrohung der Sitten kann man also nicht sprechen?

Kürzlich suchten DFB-Schiedsrichter sogar psychologischen Beistand. Eine Spezialistin der rheinland-pfälzischen Polizei leitete bei der DFB-Halbjahrestagung ein Kleingruppen-Training zum Thema Konflikt- und Stressmanagement in extremen Spielsituationen. Was ist davon zu halten?

Christoph Bausenwein: Das mag in dem einen oder anderen Fall vielleicht ganz hilfreich sein, aber das eigentliche Problem – die Verregelung des Fußballs – wird dadurch nicht gelöst.

Was verstehen Sie unter der „Verregelung des Fußballs“?

Die Schiedsrichter auf der einen und Spieler und Trainer auf der anderen Seite bekommen kaum mehr die Gelegenheit, miteinander von Mann zu Mann zu reden. Ein Unparteiischer kann nicht mehr einfach an den Spielfeldrand gehen und dem Trainer sagen: „Jetzt beruhige dich mal. Das regeln wir alles später beim gemeinsamen Bierchen.“ Er muss stattdessen gleich reagieren und den Trainer auf die Tribüne schicken. Diese Verregelung des Fußballs macht die Kommunikation auf dem Platz schwieriger, weil sie in bestimmte Bahnen gezwungen wird. Wenn man mit weniger Regeln und mit mehr gesundem Menschenverstand agieren würde, dann wäre vieles weitaus unproblematischer, als es sich gegenwärtig darstellt.

Wie beurteilen Sie die Einführung des vierten Schiedsrichters?

Ich sehe nicht, was der bringen soll. Dadurch wird das Spiel noch weiter verregelt, denn die Aufgabe des vierten Unparteiischen ist es ja, insbesondere auf Trainer und Ersatzspieler beruhigend einzuwirken, um auf diese Weise die Emotionen am Rande unter Kontrolle zu bekommen. Das kann es aber doch nicht sein: Meiner Meinung nach ist Fußball ein Spiel, das von den Emotionen geprägt wird, und da muss man dann einfach mit den Emotionen – auch auf den Ersatzbänken – leben. Der Fußball ist zum Glück nicht komplett kontrollierbar. Selbst ein Wust an Regeln – wie er heutzutage existiert – wird das nicht ändern.

Vielen Dank für das Gespräch.