01.05.2003

Krieg der Impressionen

Kommentar von Sabine Reul

Der Irakkrieg ist zu Ende. Doch seine Bedeutung und möglichen Folgen liegen im Nebel. Woran das wohl liegen mag, fragt Sabine Reul.

Seit dem mehr oder weniger kampflosen Zusammenbruch des Regimes Saddam Husseins, der manche tatsächlich überrascht zu haben scheint, haben sich die Fronten in der Debatte über den Irakkrieg abrupt verschoben. Die westlichen Kriegsgegner sind kleinlaut. Von amerikanischem Hegemonialstreben, Völkerrechtsbruch, dem „Kampf um das Öl“ oder den gefürchteten destabilisierenden Folgen des Krieges ist kaum mehr die Rede. Stattdessen sind plötzlich die vormals stummen Kriegsbefürworter im Aufwind und bekunden „triumphale Freude“ (so H.M. Enzensberger) über den Sturz Saddam Husseins.

Selbstverständlich weint niemand dem Diktator eine Träne nach, und es wäre schön, wenn jene, die nun schon eine neue Ära der Demokratie im Nahen Osten heraufdämmern sehen, Recht behielten. Ob solchen Einschätzungen aber mehr zugrunde liegt als die momentane Erleichterung über den glimpflichen Kriegsausgang und die relativ geringe Zahl seiner Opfer, ist fraglich.

Selten war die Beurteilung eines Krieges so stark von kurzfristigen Impressionen geprägt. Während die Kriegsgegner ihre Transparente schon mit Beginn des Krieges brav wieder einrollten, reichen eine Woche nach Kriegsende Bilder von Massendemonstrationen der soeben befreiten Schiiten aus, um die Freude der Kriegsbefürworter über den erfolgreichen Ausgang des US- Feldzugs ebenfalls wieder stark zu dämpfen.

Unsere politische Kultur scheint keine deutlichen Überzeugungen, ja nicht einmal die halbwegs stabile Einordnung aktueller Ereignisse mehr zuzulassen. Die westliche Welt lebt in einem Wechselbad der Empfindungen, das sich im Rhythmus der Nachrichten erhitzt und wieder abkühlt – ohne mehr zu hinterlassen als flüchtige Impressionen, die sich zu einem Bild der Dinge nicht recht fügen wollen. Dieser Trend ist zwar als solcher nicht neu, trat aber in diesem Krieg deutlicher als zuvor in Erscheinung.

„Unsere politische Kultur scheint keine deutlichen Überzeugungen, ja nicht einmal die halbwegs stabile Einordnung aktueller Ereignisse mehr zuzulassen.“

Dass der Öffentlichkeit Informationen vorenthalten werden, ist dabei kaum das entscheidende Problem. Wir wurden in den Kriegswochen mit Informationen geradewegs zugeschüttet und durften den Feldzug der USA als Reality-TV von Minute zu Minute hautnah mitverfolgen. Auch die Skepsis gegenüber den offiziellen Verlautbarungen aller beteiligten Mächte war wohl in kaum einem Krieg der letzten 50 Jahre größer als in diesem. Zwar wurde in den letzten Monaten ausgiebiger denn je Aischylos zitiert, der meinte, die Wahrheit sei stets das „erste Opfer“ des Krieges, doch das traf zumindest im konventionell gemeinten Sinn nicht wirklich zu. Wenn die Wahrheit über diesen Krieg flüchtig bleibt, sind dabei andere Ursachen im Spiel als klassische Desinformation und Propaganda.

Die erste ist wohl der seltsam opportunistische Charakter dieses Krieges selbst. Obgleich seine Gegner dies immer wieder behaupteten, lag diesem Krieg keine lang angelegte Strategie der Vereinigten Staaten zur Durchsetzung hegemonialer oder sonstiger Bestrebungen zugrunde. Er war vielmehr das eher zufällige Ergebnis der Unfähigkeit der US-Regierung, auf die Angriffe von New York und Washington vom 11. September 2001 eine innen- wie außenpolitisch überzeugende Antwort zu finden (s. Jennie Bristows Artikel „Vom 11. September bis zum Irakkrieg: Was ist geschehen?“ auf den nächsten Seiten dieser Novo-Ausgabe). Der ursprüngliche Kriegsgrund – der Kampf gegen den Terror – war schon zu Beginn des Feldzugs längst in Vergessenheit geraten; an seine Stelle traten in kürzester Zeit zuerst die Entwaffnung des Irak, dann die Ergreifung und Entmachtung Saddam Husseins und schließlich die Demokratisierung der gesamten Region.

Jedes dieser rasch wechselnden Argumente war jedoch nicht wirklich ein Kriegsgrund, sondern ein eilig fabriziertes PR-Konzept, dazu gedacht, der US-Regierung die Umsetzung einer für das heimische Publikum wie für den Rest der Welt halbwegs plausiblen Antwort auf den 11. September zu gestatten. Der arbiträre, opportunistische Charakter des Irakkrieges ist sicher ein Grund, warum auch die Reaktionen auf ihn – einschließlich der tiefen Zerwürfnisse im westlichen Bündnis – so schwankend und unstet ausfallen.

Doch ein zweiter Grund ist ebenfalls unschwer zu erkennen. Seit Beginn der 90er-Jahre mangelt es an ernsthaftem Bemühen um sozialtheoretische Ansätze für das Verständnis unserer neuen Zeit. Außer abstrakter Beschwörung ihrer Neuartigkeit ist auf diesem Gebiet nicht viel geschehen. Und diese geistige Erstarrung wirkt sich immer deutlicher zum Nachteil aller gesellschaftlichen Debatten aus.

So auch im Fall des Irakkriegs: Dampft man die Differenzen zwischen seinen Gegnern und Befürwortern auf das Wesentliche ein, bleibt wenig an Substanz übrig. Erstere nutzen schon immer jeden halbwegs passenden Anlass, um die Welt in die gleichen alten linken Schubladen zu stecken. Da kam der Krieg gerade mal wieder recht. Letztere geben sich vordergründig zwar moderner und aufgeschlossener, was ihrer grundsätzlich pro-marktwirtschaftlichen Einstellung auch besser entspricht, widmen sich aber trotzdem mit Vorliebe dem Eintreten auf die schon lange verstorbene Linke, und auch dazu bot die Lage reichlich Anlass.

Hier werden auf beiden Seiten die Schlachten des Kalten Krieges immer wieder neu inszeniert, und zwar mit einem Pathos, das mit der Distanz noch zu wachsen scheint. Wenn beispielsweise Leon de Winter in Die Welt dem durchaus sinnvollen Hinweis, Kriegsverurteilung sei heute schon fast ein „obligatorisches Ritual“, die Bemerkung folgen lässt, er sei Amerika dankbar, „die faschistische Gewalt im Zweiten Weltkrieg mit noch größerer Gewalt beantwortet und bei diesem Kampf sogar einen ungeheuerlichen Pakt mit dem Tyrannen Stalin geschlossen zu haben“ (8.3.03), fragt sich, in welchem Zusammenhang diese Aussage wohl mit der aktuellen Weltlage stehen will.

Positionen wie diese versperren den Zugang zur Wirklichkeit. Etwas mehr politische und soziologische Neugier ist schon vonnöten, um Begriffe zu bilden, mit denen sich die wirklichen Triebkräfte der nationalen und internationalen Politik greifbar machen lassen. Sonst stochert eben alles weiter im Nebel herum.