15.03.2012

Kony 2012: Dislike!

Kommentar von Luke Samuel

Bei der Kony-2012-Kampagne geht es weniger darum, notleidenden Afrikanern zu helfen, als wohlhabenden Westlern per Mausklick ihre moralische Überlegenheit zur Schau stellen zu lassen. Über einen bigotten Internet-Hype, der dem westlichen Interventionismus in die Hände spielt

Letzte Woche ging das Kony-2012-Video viral. Das ist Internetdeutsch und bedeutet in etwa: Massenhaft Leute sind in sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook oder YouTube auf das Video aufmerksam geworden und haben es sich dann – zumindest zum Teil – auch angeschaut. Aktuell sind es mehr als 78 Millionen.

Das Video markiert den Beginn einer neuen Kampagne der US-amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation „Invisible Children“. Die Kampagne wirbt dafür, den ugandischen Warlord Joseph Kony, Führer der skrupellosen Lord Resistance Army (LRA), gefangenzunehmen und dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag zuzuführen. Ende letzten Jahres wurden rund 100 US-Soldaten nach Uganda entsandt, um die ugandische Regierung bei der Jagd auf Kony und dessen verbliebene Kämpfer zu unterstützen. Die Kony-2012-Kampagne möchte internationalen Druck erzeugen, um sicherzustellen, dass die US-Army im Land bleiben kann, bis Kony gefasst ist und ihm der Prozess gemacht wird.

Seit Jahrzehnten verübte die LRA unter Konys Führung extreme Gewalt gegen ugandische Bürger. Durch ihre Geschichte zieht sich eine erschreckende Blutspur aus Verstümmelung, Vergewaltigung und Mord. Kony selbst ist ein skrupelloser Mensch, der glaubt, dass Geister ihn zum Sturz der ugandischen Regierung aufgefordert hätten. Und im Kampf gegen die ugandische Armee setzt er im großen Stil auf Kindersoldaten. Ohne jede Frage: Er ist ein Dreckskerl.

Trotz Konys Grausamkeit verbreitete sich die Kritik am Film so schnell, wie der Film selbst. Dem Erzähler des Films, Jason Russell, wurde vorgeworfen, in absurdem Ausmaß die ugandische Politik zu vereinfachen. Seine Kritiker machen einen richtigen Punkt. An einer Stelle des Films erklärt Russell seinem fünfjährigen Sohn unter Hinweis auf ein Foto von Kony seine Sicht auf die Dinge: „Das ist der Bösewicht“. Kony ist ein fieser Kerl, aber er ist bestimmt nicht die Wurzel der Probleme Ugandas.

Darüber hinaus ist der Film voller Ungenauigkeiten. Kony war nicht in Uganda, als die LRA 2006 aus dem Land geworfen wurde. Der Film überzeichnet die Stärke der LRA. Sie ist heute erheblich schwächer als früher und zählt aktuell nur noch einige hundert Mann. Sie sind über die Demokratische Republik Kongo, die Zentralafrikanische Republik und den Süd-Sudan verteilt. Die im Film erwähnte Zahl von 30.000 Kindersoldaten bezieht sich auf die Gesamtzahl der Kinder, die von der LRA im Laufe von 30 Jahren entführt wurden, und nicht etwa auf deren Anzahl zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Die Diskussion rund um das Kony-Video dreht sich kaum darum, ob es überhaupt richtig ist, zu einer Intervention in Uganda aufzurufen. Für die meisten Kommentatoren steht diese edle Motivation außer Frage. Folgerichtig dreht sich die Debatte vor allem darum, welche Art von Intervention angemessen wäre. Das trendige Mode-Magazin Vice publizierte in Anspielung auf das Video den Leitartikel: „Soll ich Kony Geld geben, oder nicht?“. In diesem Artikel klangen auch einige Bedenken an, die vom Guardian aber auch von anderen Medien thematisiert wurden: „Invisible Children“ habe ein zweifelhaftes Finanzierungsmodell, sei wenig transparent und äußere offene Unterstützung für die ugandische Regierung, die wohl kaum als ein Leuchtfeuer des Pazifismus bezeichnet werden kann.

Dass die Bedenken linksliberaler Medien über die Manöver rund um Kony 2012 ausgerechnet in einer Modezeitschrift erschienen, war bezeichnend. Etwa 48 Stunden später wurden Unterstützer und Gegner der Kampagne mit moralisierenden Fragen konfrontiert: „Wie kann ich wissen, wo mein Geld hingeht?“ und „Wie kann ich wissen, dass es nicht fragwürdig verwendet wird?“ Das Ganze klang für mich ebenso unheimlich, wie ein Gespräch zwischen zwei ethisch korrekten Shopperinnen, das ich kürzlich in einem Textildiscounter belauschte. Es ging um den Kauf einer dieser unglaublich günstigen Designerhandtaschen und wie die beiden versuchten, ihn vor sich selbst zu rechtfertigen.

Für Kony 2012, ebenso wie für einige Kony 2012-Kritiker, ist das Eintreten für die Belange Afrikas in etwa das Gleiche wie dieses Shooping-Erlebnis. Durch die öffentliche Unterstützung einer Sache kann man seine eigene moralische Überlegenheit zeigen – auch wenn man nicht wirklich versteht, worum es eigentlich geht.

Dies erklärt, warum Kony in seinen Protestvideos meterweise Filmaufnahmen von Westlern zeigt, die z.B. Plakate kleben oder in Megaphone brüllen, statt irgendetwas Erhellendes über Uganda zu erzählen. Wenn es bei einer Kampagne mehr darum geht, Menschen ein gutes Gefühl über sich selbst zu vermitteln und dabei gesehen zu werden, wie sie „etwas tun“, ist es kein Wunder, dass die aufkeimende Diskussion ein bisschen wie aus einer Fashion-und-Celebrity-Show anmutet.

Dieser Verbraucherkolonialismus ignoriert, wie katastrophal das jüngste US-amerikanische Engagement in Uganda war. Im März 2009 stellte, die USA Waffen, Geld und Beratung für eine militärische Operation gegen die LRA im Süd-Sudan zur Verfügung. Eine Reihe von logistischen Fehlern führte dazu, dass die LRA das Zielgebiet zwei Tage vor Ankunft der US-Truppen verlassen hatte. Aus der Wahrnehmung heraus, Ziel eines umfassenden Angriffs Ugandas zu sein, fegte die LRA durch die Demokratische Republik Kongo, tötete dabei fast 1000 Zivilisten und vertrieb 180.000 Menschen. Diese Operation verschlimmerte die Situation, vor allem weil die LRA in den Monaten zuvor vergleichsweise inaktiv gewesen war.

Natürlich ignoriert die Kampagne auch, dass der IStGH gar keine Ermutigung braucht, um sich in die Angelegenheiten eines afrikanischen Landes einzumischen. 2005 wurde Joseph Kony als erste Person vom internationalen Strafgerichtshof angeklagt. Seither war jeder Angeklagte Afrikaner. Erst kürzlich, im Rahmen einer Anhörung im Vorfeld des Prozesses gegen Uhuru Kenyatta und Willliam Ruto wegen Verbrechen in Verbindung mit den Unruhen nach den Wahlen in Kenia, bezichtigte der IStGH die kenianische Regierung, dass ihre Untersuchungen nicht ausreichend gewesen seien, und verweigerte deren Wunsch, die Angeklagten vor ein nationales Gericht zu stellen. Der IStGH braucht keine Ermutigung von Kony-2012-Unterstützern, um demokratisch gewählte Regierungen in Afrika zu übergehen – das gehört längst zum Standardrepertoire des Gerichtshofs.

Das Problem mit der Kony-Kampagne ist einfach: Die Intervention des internationalen Strafgerichtshof und anderer westlicher Institutionen wird niemals gut für die Menschen in Uganda sein. Hinter dieser und ähnlichen Kampagnen steckt die anmaßende Unterstellung, dass die Ugander nicht in der Lage seien, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Das Ergebnis einer solchen Intervention ist, dass politische Konflikte von den daran beteiligten Menschen gelöst und an niemandem Rechenschaft schuldende Mächte im Ausland delegiert werden. Unterstützer von Kony 2012 werden sagen, dass die ugandische Regierung selbst seit mehr als zwei Jahrzehnten US-amerikanische Unterstützung im Kampf gegen die LRA wünscht. Aber die Ergebnisse der bisherigen amerikanischen Bemühungen zeigen, dass eine solche Intervention den Konflikt nicht lösen, sondern nur dazu beitragen wird, die Lage weiter zu destabilisieren.

Weder kann der Internationale Strafgerichtshof Joseph Kony einer gerechten Strafe zuführen, noch können dies die Millionen von Menschen, die das Video Kony 2012 in ihren sozialen Netzwerken geteilt haben. Die einzigen, die das können, sind die Menschen in Uganda. Die Kony-Kampagne ist grundsätzlich problematisch, weil sie das Recht auf Selbstbestimmung des ugandischen Volkes leugnet. Deshalb, um es im Facebook-Jargon zu sagen: „Dislike!“.