01.03.2008

Klimaschutz: eine Frage der Motivation

Von Sven Titz

Der Eifer, mit dem einige Klimaforscher die Vermeidung von CO²-Emissionen fordern, erklärt sich auch aus ihrer Weltanschauung. Spekulativ-biologische Vorstellungen und esoterische Denkmodelle dienen als Bezugspunkte für eine Vision weltweiter soziopolitischer Organisation, die sich als neu und modern gebärdet.

Wohl nie zuvor ist die globale Erwärmung als eine akute Gefahr so stark wahrgenommen worden wie im Jahr 2007. Durch den UN-Weltklimareport und die internationalen Verhandlungen auf Bali rückte das Thema ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Viele Umweltaktivisten und Wissenschaftler versicherten, die Forschungsresultate seien nun eindeutig. Darum halten sie es für absolut gerechtfertigt, vor einem Klimadesaster zu warnen und den unverzüglichen Umbau der Energiewirtschaft zu fordern.

Allerdings bleiben, was die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel angeht, bei genauer Prüfung Zweifel bestehen. Fachleute geben zu: Die komplizierten Vorgänge in den Ozeanen und in der Atmosphäre sind analytisch nur schwer in den Griff zu bekommen. Ob die Computerprognosen eintreffen werden, ist darum ungewiss. Doch der Wunsch vieler Experten nach mehr Klimaschutz hat möglicherweise gar nicht so viel mit ihren Prognosen zu tun, wie gemeinhin angenommen wird. Im Hintergrund könnten auch andere Motive eine Rolle spielen – vor allem gewisse Ideenkonstrukte: Für diese Vermutung spricht, dass in den Äußerungen von Fachleuten, die besonders eifrig als klimapolitische Berater tätig sind, immer wieder Versatzstücke auftauchen, die eine gemeinsame Weltanschauung nahelegen.

Von diesen aktivistischen wissenschaftlichen Beratern spielt hierzulande niemand eine so herausragende Rolle wie Hans Joachim Schellnhuber, der Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). An seinem Beispiel soll im Folgenden der Gesinnungsvermutung auf den Grund gegangen werden.

Schellnhuber berät die Bundeskanzlerin und den Präsidenten der Europäischen Kommission in Fragen der globalen Erwärmung. Der theoretische Physiker übt in diesen und zahlreichen weiteren Ämtern einen enormen Einfluss auf die Klimaforschung und -politik in Europa aus. Er begnügt sich in seinen Publikationen und öffentlichen Äußerungen keineswegs damit, den Wissensstand der Fachwelt zu vermitteln und auf die Gefahren der globalen Erwärmung aufmerksam zu machen. Schellnhuber ist ganz konkret politisch aktiv. Das bekannteste Beispiel dafür ist wahrscheinlich das „Zwei-Grad-Ziel“. Nach Ansicht des Wissenschaftlichen Beirates Globale Umweltveränderungen (WBGU) der Bundesregierung, dem Schellnhuber seit 16 Jahren angehört, könnte eine globale Temperaturerhöhung um mehr als zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu Klimaveränderungen mit katastrophalen Folgen führen. Nur die drastische Verringerung von CO2-Emissionen würde das verhindern, urteilt der Physiker. Seine Forderung nach einer entsprechenden politischen Zielvereinbarung hat längst Gehör gefunden. Selbst die EU-Kommission hat sich das Zwei-Grad-Ziel auf die Fahnen geschrieben.

Ein weiteres Beispiel für sein Engagement lieferte Schellnhuber, als er im Oktober vergangenen Jahres 15 Nobelpreisträger und weitere bekannte Experten in Potsdam zusammentrommelte, um eine öffentliche Erklärung auszuarbeiten. Mit dem „Potsdam Memorandum“ forderten die Unterzeichner die Teilnehmer der UN-Klimakonferenz auf Bali zu einer „Großen Transformation“ der Zivilisation auf, um den Gefahren des Klimawandels und der Energiekrise zu begegnen. Der Begriff der „Großen Transformation“ stammt ursprünglich von dem Ökonomen Karl Polanyi. Schellnhuber gebraucht ihn hier aber vermutlich im Sinne von Alain Liepitz – der französische grüne Theoretiker bezeichnete damit ein sozialökologisches Konzept für politische Reformen im 21. Jahrhundert.

Ein ambitioniertes Programm

Betrachten wir die Forderung des Potsdamer Forschers nach einer Großen Transformation vor der Folie seines geopolitischen Konzepts: Dies lässt sich gut an einem Artikel veranschaulichen, den Schellnhuber vor acht Jahren im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht hat. In „Earth System Analysis and the second Copernican revolution“ skizzierte er, wie sich die Informationsgesellschaft auf den Weg zu einem globalen Umweltmanagement macht. Der moderne Geowissenschaftler ist für ihn ein Arzt, der die Krankheit des Planeten diagnostizieren und ihm eine Therapie verschreiben soll. Zu der medizinischen Metaphernwelt passt folgender Witz, den Schellnhuber gerne bei Vorträgen erzählt, um die Stimmung aufzulockern. „Treffen sich zwei Planeten im Weltraum. Fragt der eine: ‚Du siehst gar nicht gut aus, bist du krank?‘ ‚Ja‘, antwortet der andere, ‚ich hab’ den Homo sapiens.‘ ‚Keine Sorge‘, erwidert der erste Planet, ‚den hatte ich auch schon. Das geht bald vorbei.‘“

Um den Patienten Erde zu heilen, benötigt man laut Schellnhuber die Erdsystemanalyse – eine Methode, die an seinem Institut in Potsdam mitentwickelt wurde. Das System Erde setzt sich demzufolge aus der Ökosphäre und dem „menschlichen Faktor“ zusammen; letzterer lasse sich wiederum zergliedern in einen physiologischen Anteil sowie ein „globales Subjekt“, das aus den denkenden, technologisch vernetzten Individuen besteht. Das globale Subjekt ist zu einer Steuerungskraft mit Selbstbewusstsein herangereift, so Schellnhuber. Mithilfe eines weltweiten Beobachtungssystems überwacht es den eigenen „ökologischen Fußabdruck“. Seine Entscheidungen trifft es anhand von Simulationen des Erdgeschehens. Außerdem helfen dem globalen Subjekt dabei die weltweiten Institutionen und Aktivistennetzwerke. Resultate sind zum Beispiel die internationalen Umweltresolutionen.

Das ganze Unterfangen zielt auf eine „nachhaltige Entwicklung“ des Planeten ab. Schellnhuber hadert allerdings mit dem diffusen Begriff. Am liebsten würde er ihn durch eine mathematisch begründete Ethik ersetzen. Anhand von Modellen des Erdsystems lassen sich viele Optionen der weiteren zivilisatorischen Entwicklung durchspielen. Schellnhuber betrachtet diese Optionen als ein „Menü“, aus dem die Menschheit ihr „master principle“ zur Steuerung des Erdsystems auswählen solle. Eine Möglichkeit bestünde zum Beispiel darin, die Arbeit auf der Welt „organischer“ zu verteilen. Dieser Variante zufolge würden die gemäßigten Breiten Nahrung produzieren, die Subtropen erneuerbare Energiequellen und Hochtechnologie betreiben und die Tropen für Erholung und die Erhaltung der Artenvielfalt zuständig sein. Das globale Subjekt könnte sich aber auch dafür entscheiden, durch Geo-Engineering planvoll das Klima der Erde zu verändern oder – etwas bescheidener – durch vorbeugende Maßnahmen klimabedingte Katastrophen zu vermeiden.

Einschränkend muss gesagt werden, dass die allermeisten Disziplinen, die für ein echtes Erdmanagement relevant wären, noch überhaupt keine zuverlässigen Vorhersagemodelle besitzen. Doch diese Tatsache wird in dem Nature-Artikel bloß am Rande erwähnt. Auch die Frage der demokratischen Kontrolle kommt in dem Essay irritierenderweise kaum zur Sprache.

Schellnhubers Argumentation zielt aber in der Tat auf ein „planetares Management“ ab. Letzten Endes, schreibt er, hätten wir es mit einem Steuerungsproblem zu tun, einer geokybernetischen Aufgabe. Sie lasse sich in drei fundamentalen Fragen zusammenfassen. „Erstens: Was für eine Welt haben wir? Zweitens: Welche Art von Welt wollen wir haben? Drittens: Was müssen wir tun, um dorthin zu gelangen?“ Auf alle drei Fragen hat Schellnhuber Antworten parat.

Die Wissenschaft von der Nachhaltigkeit

Um bei dem globalen Umweltmanagement nicht von sicheren Entwicklungspfaden abzukommen, sollen nach Schellnhubers Ansicht Grenz-Richtlinien erarbeitet werden. Das ist der sogenannte „Leitplankenansatz“. Er stammt – ebenso wie das Zwei-Grad-Ziel – vom WBGU und passt hervorragend zu einem neuen Konzept von Wissenschaft, das Schellnhuber mit vielen anderen Umweltforschern zu etablieren versucht. Auf einem Workshop im schwedischen Friibergh im Jahr 2000 gab eine Gruppe von Wissenschaftlern, der auch der Potsdamer angehörte, eine Stellungnahme zu der neuen Disziplin ab. Demnach soll sich die Nachhaltigkeitswissenschaft (sustainability science) fundamental von herkömmlicher Forschung unterscheiden.

Das Erdsystem ist kompliziert und nichtlinear. Außerdem lässt sich oft erst nach langer Zeit erkennen, welche Folgen die menschlichen Aktivitäten haben. Darum betrachten die Anhänger der neuen Lehre die bisherige wissenschaftliche Praxis, Hypothesen zu entwickeln und anschließend zu testen, als unangemessen. Stattdessen soll Wissenschaft als sozialer Lernprozess begriffen werden. Das Ziel besteht darin, unerwünschte Folgen menschlicher Aktivitäten zu vermeiden. Damit die Forschung Erkenntnisse und Urteile hervorbringt, die nicht bloß wissenschaftlich korrekt sind, sondern auch auf „sozialem Verständnis“ basieren, soll sie eng mit der Öffentlichkeit zusammenarbeiten. Der Ansatz hat einiges für sich, denn viele Umweltprobleme sind in der Tat eng mit sozialem Verhalten verwoben. Allerdings wird durch die neue Methodik die Unterscheidung erschwert, wann ein Nachhaltigkeitswissenschaftler deskriptive Aussagen macht und wann er sich in normativem Sinne äußert – insofern zeichnet sich hier eine Entwicklung ab, die zumindest diskussionswürdig ist.

Philosophie der „Allverbundenheit“

Schellnhubers Vision von der Nachhaltigkeitswissenschaft und vom Erdmanagement basiert auf einem spezifischen philosophischen Konzept. Dessen Grundzüge lassen sich schemenhaft im „Potsdamer Manifest“ erkennen. Diese öffentliche Erklärung – nicht zu verwechseln mit dem bereits beschriebenen Nobelpreisträger-Memorandum – hat er vor drei Jahren unterzeichnet.

Das Potsdamer Manifest ist außerhalb von Umweltschützerkreisen kaum bekannt, dabei erregte es bei seiner Präsentation im Jahr 2005 immerhin so viel Aufsehen, dass Rezensionen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung erschienen. Geschrieben haben den esoterisch-schillernden Text der Physiker Hans-Peter Dürr, der Geograph Daniel Dahm und der Philosoph Rudolf zur Lippe. Mit dem Motto „We have to learn to think in a new way“ knüpft das Dokument vorgeblich an ein Manifest von Bertrand Russell und Albert Einstein aus dem Jahr 1955 an, in dem sich das berühmte Autorenduo kurz und bündig gegen den Einsatz von Nuklearwaffen aussprach. Der skurrile neue Text hat mit dem alten aber in Wahrheit nicht viel zu tun, wie man sehen wird.

Worum geht es im Potsdamer Manifest? Zunächst einmal richtet sich das Dokument gegen die „Expansion globalisierter Marktwirtschaft“. Die Autoren beklagen die „Zerstörung der bioökologischen Diversität“ und diagnostizieren eine geistige Krise „im Verhältnis zu unserer lebendigen Welt“. Verursacht worden sei diese Krise durch unser materialistisch-mechanistisches Weltbild, das abgelöst werden sollte. Dürr, Dahm und zur Lippe fordern, das künftige Weltbild auf Erkenntnissen der Quantenphysik aufzubauen – eine Idee, bei der sie sich vermutlich von Gedanken des Physikers Fritjof Capra haben inspirieren lassen. An dieser Stelle wird die Argumentation des Manifests ziemlich wolkig: Die Autoren charakterisieren die „eigentliche Wirklichkeit“ als „nicht-auftrennbares, immaterielles und genuin kreatives Beziehungsgefüge“. Ferner wird sie als „offene, kreative, immaterielle Allverbundenheit“ beschrieben.

In der nun folgenden Argumentation löst sich der Widerstreit zwischen Individuum und Gesellschaft, der für alles politische Denken entscheidend ist, in Wohlgefallen auf. Dem neuen Denken zufolge gehört es praktischerweise zum ureigensten Wesen des Menschen, sein Handeln an den Bedürfnissen der Gemeinschaft auszurichten. Die neue Gesinnung enthält nicht nur „die Basis für unser Streben nach Freiheit und Entfaltung von Individualität“, sondern erlaubt gleichzeitig auch, „anders sein zu können, ohne dabei die zugrunde liegende Allverbundenheit zu verlieren“. Die Autoren vertrauen auf eine „eingeprägte Neigung, unsere Fähigkeiten kooperativ zu einem höheren Ganzen ‚organismisch‘ einzubringen“. Hier wird also suggeriert, Solidarität wäre bloß eine Frage der naturnahen Seelenlage. Das skizzierte Menschenbild erinnert ein wenig an das Jean-Jacques Rousseaus.

Nach dem existenzphilosophischen Exkurs machen die Verfasser einen kühnen Sprung zur Weltpolitik. Die „westlich-nordamerikanisch-europäische Wissensgesellschaft“ befindet sich, den Autoren zufolge, kurz vor dem „kulturell-evolutiven Stillstand“. Der Mechanismus der Märkte vernichte andere Werte wie „Entfaltung und Gerechtigkeit“. Lapidar heißt es, das marktwirtschaftliche Zerstörungswerk werde mit dem Aufkommen des neuen Denkens seine „liberale Legitimation“ verlieren. Nunmehr zeichne sich eine „neue evolutionäre Ebene“ ab. Dort angekommen werde das Fundament des Denkens, Fühlens und Handelns durch eine „nicht fragmentierte Wirklichkeitswahrnehmung“ gebildet, – „so etwas wie Ahnung“.

Die Autoren verkünden eine holistische Vision. Sie schreiben, man müsse ein „organismisches Zusammenwirken lebendiger Gesamtheit auf der Erde organisieren“, um jene höhere evolutionäre Ebene zu erreichen. Dazu gehöre beispielsweise ein Netz „polyzentrischer Wirtschaftsstrukturen“. Die ordnungspolitische Strategie soll am „Paradigma des Lebendigen“ ausgerichtet werden.

Am Schluss ihres Manifests kommen die Autoren auf die Anthropologie zurück. „Der Boden, auf dem eine neue, verträgliche organismische Kulturenvielfalt aufwächst, ist gut vorbereitet“, raunen sie. „Ein neues, doch uns wohl vertrautes Menschenbild“ werde nun sichtbar. Die menschliche Gattung sei das „erfolgreiche Ergebnis“ einer Milliarden Jahre langen Entwicklung. Darum sei in den Menschen und in allem anderen „die Allverbundenheit, die wir Liebe nennen können und aus der Lebendigkeit sprießt“, von Grund auf angelegt. Mit diesen pathetischen Worten endet der Text.

Der geschraubten Ausdrucksweise zum Trotz ist zu erkennen: Das Manifest schließt an Denkfiguren an, die vor 100 Jahren schon einmal en vogue waren – nämlich unter den Vertretern der Lebensphilosophie. Das „Paradigma des Lebendigen“ hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem „élan vital“ Henri Bergsons. Hier steht der élan vital allerdings nicht über den physikalischen Gesetzen, sondern wird pseudowissenschaftlich aus der Quantenphysik abgeleitet. Das lebensphilosophische Prinzip tritt eingebettet in eine ganzheitliche Naturphilosophie auf, die für den fundamentalistischen Teil der Umweltbewegung sehr typisch ist, man denke nur an die populäre Gaia-Hypothese des britischen Wissenschaftlers James Lovelock.

Mit dem Potsdamer Dokument wollen die Autoren offenbar eine konsistente ökologische Weltanschauung schaffen, die sie in einem raunend-missionarischen Ton vortragen. Zum ganzheitlichen Lebensprinzip füge man einen Schuss Rousseau, ein Gran Kybernetik sowie eine Messerspitze Quantenphysik hinzu, und das Ganze wirkt wie neu, haben sie sich wohl gedacht. Die kuriosen Zutaten ändern allerdings wenig daran, dass die Grundzüge der Lebensphilosophie latent gegen die moderne Wissenschaft gerichtet sind. Wer sich nämlich axiomatisch auf das „Paradigma des Lebendigen“ oder eine andere Grundannahme stützt, steht im Widerspruch zur wissenschaftlichen Methode, die eben keine Axiome kennt, sondern auf der Bereitschaft basiert, sich durch Falsifikation immer wieder aufs Neue von der Unzulänglichkeit der bisherigen Hypothesen und Theorien überzeugen zu lassen.

Dass Schellnhuber zu den Mitunterzeichnern des Manifests gehört, ist nicht etwa auf das Versehen eines viel beschäftigten Wissenschaftsmanagers zurückzuführen – er selbst hat der biologistischen Denkweise, die im Manifest zutage tritt, durch einen Artikel im Magazin Nature akademischen Adel verliehen. In einem Essay von 2004 interpretiert er gemeinsam mit zwei weiteren Autoren die Naturgeschichte als „ko-evolutionäre Sprossenleiter verschränkter Übergänge von Information und Umwelt“. Die Verfasser bauen – ohne mit der Wimper zu zucken – die Geschichte der Menschheit in ihr spekulativ-biologisches Konzept von der Evolution ein. Die Autoren mutmaßen, dass die ökologischen Folgen des Industriezeitalters – ganz im Sinne ihres Evolutionskonzepts – einen Übergang in eine höhere Form weltweiter soziopolitischer Organisation hervorrufen könnten. Am Ende des Essays deuten sie sogar an, dass sie sich von ihrem Konzept eine Vorhersage der künftigen zivilisatorischen Entwicklung versprechen. Die Parallele zur „neuen evolutionären Ebene“ des Manifests sticht ins Auge. Bemerkenswert ist überdies, dass die Verfasser eine teleologische Auffassung von der Natur- und Menschheitsgeschichte zu haben scheinen.

Weltanschauliche Prägung

Das Potsdamer Manifest wurde von mehr als 130 Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland unterzeichnet. Darunter ist so mancher als Berater in Sachen Klimapolitik aktiv, beispielsweise der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg, Hartmut Graßl, Schellnhubers Institutskollege Carlo Jäger sowie Hermann Ott und Wolfgang Sachs vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie. Die Weltanschauung Schellnhubers, die sich besonders detailliert nachweisen lässt, scheint von den anderen Wissenschaftlern weitgehend geteilt zu werden. Dafür sprechen neben der Unterzeichnung des Manifests mehrere Indizien. Graßl zum Beispiel ist ein Mitglied im Beirat des Fördervereins Ökologische Steuerreform. Sachs und Ott waren als Herausgeber und Koautor an dem Report „Fair Future“ beteiligt, der 2005 von ihrem Institut publiziert wurde. Viele Auffassungen aus dem Manifest finden sich darin wieder. Der Gleichklang mit der Natur wird beschworen und über den angloamerikanischen Wirtschaftsliberalismus die Nase gerümpft. Zum Schluss erklären die Autoren, die ökosoziale Marktwirtschaft sei der Grundkonsens für die europäische Einigung.

Angesichts der geschilderten Gesinnung wäre es ziemlich überraschend, wenn sich die ihr verschriebenen Wissenschaftler als Klimaberater aus der Politik heraushalten würden. Und das tun sie ja auch nicht, sie mischen sich kräftig ein. Vor allen Dingen fordern sie eine drastische Verringerung der Treibhausgasemissionen. Diesem Ziel soll neben der staatlichen Förderung erneuerbarer Energiequellen ein umfassendes Programm dienen, das vorschreibt, wie die Lebensweise der Menschen nachhaltiger zu gestalten wäre.

Wissenschaftler haben die Wahl, in welcher Art und Weise sie Entscheidungsträger beraten wollen. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Roger Pielke jr. untersucht die entsprechenden Rollenmuster seit Jahren. Ihm zufolge mangelt es in politischen Streitfällen, bei denen Fachkenntnisse wichtig sind, häufig an neutralen Wissensmaklern. Im Idealfall sollten diese Experten die Sachlage darlegen und Folgen eventueller Maßnahmen abschätzen, ohne in irgendeiner Weise Entscheidungen der Politik vorwegzunehmen.

Von der Gruppe um Schellnhuber jedoch werden bei der Politikberatung die möglichen Maßnahmen weltanschauungsgemäß gefiltert. Man kann diese Fachleute daher beim besten Willen nicht als unparteiische Wissensmakler bezeichnen. Ihr Ansinnen besteht zum Gutteil darin, eine sozialökologische Weltreform aus dem Geiste der Lebensphilosophie vorzubereiten. Es wäre sicherlich ganz hilfreich für die politische Diskussion, wenn dieser Hintergrund etwas bekannter wäre.