25.04.2014

Erziehung: Nein, meine Erbsen ess ich nicht

Kurzkommentar von Dennis Hayes

Die Neigung, den Begriff des Kindesmissbrauchs immer weiter zu fassen, treibt merkwürdige Blüten. Für den Pädagogikprofessor Dennis Hayes stellen sich aktuelle Vorschläge für eine gesetzliche Regulierung in Großbritannien als neuerlicher Angriff auf die elterliche Autorität dar

Der achtjährige Sohn eines Freundes mag kein Gemüse. Als er vor kurzem vor einem Teller mit Fisch, Pommes und Erbsen saß, forderte ihn sein Vater auf, alles aufzuessen, worauf der Junge entgegnete: „Ich fühl mich sehr unwohl, wenn ich diese Erbsen essen muss.“ Es war ein bezeichnender Moment. Es schien, als hätte er den Jargon des Kinderschutzes verinnerlicht und ihn dann dazu verwendet, seinen Willen durchzusetzen. Eines der Mantras, die Kindern heutzutage in Schulen beigebracht werden, lautet: „Fühlt euch nie gezwungen, etwas zu tun, bei dem euch unwohl ist.“

Dies mag ein lustiges Beispiel sein, aber es zeigt, wie die Sprache des Kinderschutzes benutzt wird, um die Autorität Erwachsener zu untergraben. Ich war neulich an einer Bushaltestelle in London, wo lärmende Mädchen im Teenageralter Süßigkeiten herumwarfen. Ein älterer Herr hat ihnen sachte Vorhaltungen gemacht, woraufhin sie ihm „Pädo!“ entgegen schrien.

„Ängstlichkeit unter Erwachsenen: Darf ich ihn zwingen, seine Erbsen zu essen?“

Kinder sind nicht dumm. Sie nehmen die – aus der gesellschaftlichen Obsession des Kinderschutzes entstandene – allgemeine Kultur der Angst und des Misstrauens bei den Erwachsenen wahr. Vor ein paar Jahren schaltete das britische Kinderhilfswerk Barnardo’s eine berüchtigte Werbung, die Erwachsene beim Jagen „wilder“ Kinder zeigte. Die Botschaft war, dass Kinder nicht „wild“ seien und sich nicht „wie Tiere aufführen“. Ja, das stimmt schon, aber viel besorgniserregender ist, was diese Werbung über Erwachsene behauptete: Laut Barnardo’s gehört es wohl zum Erwachsensein dazu, Kindern nachzustellen. Solche Botschaften lassen nicht nur Kinder misstrauisch und verärgert gegenüber erwachsener Autorität werden, sie fördern auch Unbehagen und Ängstlichkeit unter Erwachsenen: Darf ich ihn zwingen, seine Erbsen zu essen?

Die britische Regierung veröffentlichte kürzlich ihren Plan, die bereits bestehenden Gesetze zur Vernachlässigung von Kindern um einen neuen Straftatbestand der „emotionalen Grausamkeit“ zu ergänzen. Dieser als Cinderella Law (Aschenputtel-Gesetz) bekannt gewordene Vorschlag erfolgte als Reaktion auf eine vom Kinderhilfswerk Action for Children gestartete Kampagne. Diese Rechtsänderung bedeute „für Tausende von Kindern einen monumentalen Schritt nach vorne“, so zumindest der konservative Parlamentarier Robert Buckland. Nach dem Gesetzesvorschlag kann das „Isolieren“, das „Herabsetzen“ und das „Verstoßen“ von Kindern potentiell strafbar sein.

Was nach diesem Gesetz genau als echter Missbrauch gelten würde, ist schwer auszumachen, aber es wird wahrscheinlich desaströse Folgen für die schon jetzt angespannte Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern zeitigen und die von Hannah Arendt so bezeichnete „prä-politische“ Autorität der Eltern über das Kind weiter aushöhlen. Wann sind wir soweit, dass Kinder sich nach wiederholten einfachen Anweisungen wie „Schalte den Computer aus!“ oder „Geh jetzt ins Bett!“ über „emotionalen Missbrauch“ beklagen werden?